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Tanz des Aufruhrs LXXVI

Tanz des Aufruhrs LXXVI,

steinerne Heroen werden vom Sockel gestürzt, die unsichtbaren müssen folgen.

Unsichtbare Heroen sind Ideen, Beweggründe, Weltentwürfe, amerikanische Träume, deutsche Erlösungen, Religionen.

Die  Bücher werden geöffnet?  Wir müssen unsere Bücher öffnen, um unsere Erdentauglichkeit zu prüfen.

Unendlich viele Menschen dürsten nach Frieden. Wissen sie, wie Frieden aussähe, wenn er da wäre und sie aus dem Fenster schauten? Wenn sie um sich blickten?

Ertragen sie noch ihre Wohnhöhlen? Ihre grauen Dörfer und Städte? Die baumlosen Felder? Die heißer und immer trockener werdende Natur?

Das endlose Geplapper, das nichts ändert? Die Begriffe, die nicht mehr stimmen? Die unbeantworteten Fragen: Wohin? Wozu?

Wann kommen wir an? Wann darf jeder sagen: so wollte ich es? Was hindert uns, zu tun, was wir für richtig halten? Welche Mächte erkühnen sich, uns Befehle zu erteilen? Uns kaltlächelnd mitzuteilen: das wird unausweichlich auf euch zukommen? Uns höhnisch zu fragen: seid ihr überhaupt geeignet für das Kommende? Habt ihr eure Hausaufgaben gemacht? Seid ihr zukunftstauglich? Seid ihr … … Sieger – oder sollen wir euch aussortieren?

Nicht mal im Corona-Stillstand blickten wir zurück. Nicht mal in der Abgeschiedenheit besannen wir uns. Um der Gesundheit willen legten wir alles lahm, doch was ist gesundes Leben, das kein Leben mehr ist?

Schauten wir in den Spiegel, um unsere Ratlosigkeit zu erblicken? Schauten wir in die Vergangenheit, um unser Werden zu verstehen? Erinnerten wir uns des Gewesenen, um das Jetzt zu begreifen?

Gab es philosophische Zirkel, die uralte Fragen stellten? Politische Gruppen, die Zukunft entwarfen?

Wollen wir überhaupt Antworten? Wollen wir tatsächlich wissen, wie es um uns steht? Wären das nicht vermessene Antworten, die uns gar nicht zustünden? Die allwissend und endgültig klängen?  

Wären solche Antworten nicht das Privileg des Jenseitigen und Überweltlichen? Warum müssen wir ständig unterwegs sein? Uns zufrieden geben mit Zweifeln und Ungewissheiten? Warum ist der Weg alles, das Ziel nichts?

Je skeptischer wir uns geben, je fanatischer glauben wir an die Zukunft. Je mehr wir uns dem Abgrund nähern, desto mehr bewundern wir unseren Aufstieg.

Stellen wir Fragen, wissen wir bereits, dass uns keine Antworten zustehen. Wenn wir zweifeln, wissen wir, dass die Zweifel nie enden dürfen. Zweifel müssen absolut sein, Skepsis muss zum Credo werden.

Wissen dürfen wir nur, wie wir Natur beherrschen. Wissen dürfen wir nicht, wie wir unser Leben beherrschen. Müssen wir unser Leben beherrschen, wie wir Natur beherrschen? Ist Herrschen nicht das Gegenteil von Leben? Sollten wir uns Herrschen nicht abgewöhnen, damit wir leben lernen?

Lernen? Von anderen Zeitaltern lernen haben wir uns verboten. Früher war nicht alles besser, also war früher alles schlechter. Das Beste ist immer, was wir nicht haben und sich für immer entzieht: die Zukunft.

Ob Vergangenheit besser war, könnten wir überprüfen. Also ist Überprüfen verboten, damit wir keine falschen Schlussfolgerungen ziehen. Aus dem Alten dürfen wir nicht lernen. Alles, was wir lernen, müssen wir selbst produzieren. Die Ehre gönnen wir keinem, dass wir von ihm gelernt hätten.

Von der Natur lernen wir nur, wie wir sie übertölpeln können. Ihr nähern wir uns wie verschlagene Knechte, beobachten sie mit hinterlistigen Gedanken – und schlagen sie mit ihren eigenen Waffen. Wir gehorchen ihr, um sie in die Knie zu zwingen.

Wir sprechen von Grundlagenforschung. Womit wir behaupten, es ginge uns nur ums Erkennen. Eine der dreistesten Lügen des Westens – mit denen wir uns und die Natur betrügen.

Fast von Anfang an, als das Mittelalter – über den Umweg der arabischen Aufklärung – mit der griechischen Wissenschaft bekannt wurde, nutzten sie das heidnische Erkennen, um Aussagen ihres Glaubens zu rechtfertigen – gegen die sündigen Erkenntnisse der Gottlosen. Von der Weltentstehung bis zur linearen Zeit, an deren Ende alles untergehen werde, gab es nichts, das zwischen Glauben und Vernunft vereinbar gewesen wäre.

Alles war kontrovers. Nur eine Seite aber konnte recht haben. Oder? Die Weisheit vor Gott war Torheit für die Heiden – und umgekehrt. Fasziniert von der neuen Logik und den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen eines Aristoteles mussten sie die biblischen Aussagen über die Weltentstehung entweder dementieren und den Heiden recht geben – oder an den Büchern Mose festhalten und jene verfluchen.

Ein mühsames Sowohl als Auch entwickelte sich, das schließlich in die Lehre von der doppelten Wahrheit oder der doppelten Moral mündete. In akademischen Disputationen durften sie – als advocatus diaboli – blasphemische Dinge vertreten, die sie dem Volk gegenüber verfluchten.

Spätestens hier begann die europäische List der Eliten, den unterkomplexen Pöbel für dumm zu verkaufen und sich als Inbegriff höherer Intelligenz zu preisen. Da beide Denkweisen nicht zu vereinbaren waren, entstand das Bedürfnis, die Widersprüche per ordre de mufti zu versöhnen. Wir stehen am Ursprung der modernen Dialektik, in der ein Schwabe Weltmeister wurde.

Dialektik wurde zu einem Grundelement Deutschlands. Widersprüche und Denkschwierigkeiten, die unversöhnbar schienen, wurden im dialektischen Prokrustesbett zwangsverkuppelt. Die Deutschen wurden zu Meistern einer Zauberei, in deren Widersprüche sie noch heute vernarrt sind.

Was sich nicht widerspricht, kann für uns nicht wahr sein. Weshalb es in deutschen Landen keine Dialoge nach scharfen Maßstäben gibt. Die Maßstäbe wären noch immer die Denkgesetze der Alten, die wir weder verwerfen noch anerkennen können.

Diese Unfähigkeit, eins und eins zusammenzuzählen und logisch nachzuweisen, dass das Ergebnis nicht drei sein kann, ist lebensgefährlich. Kommen lebensbedrohliche Gefahren auf uns zu, kann man nicht sagen: Vorsicht, Lebensgefahr – doch Entwarnung: so lebensgefährlich ist es auch wieder nicht.

Die dialektische Inkompetenz, klar und folgerichtig zu denken, ist ein Hauptgrund der Deutschen, die brandgefährliche Klimasituation nicht ernst zu nehmen. Gewiss doch, sieht alles irgendwie gefährlich aus, aber so gefährlich kann‘s gar nicht sein. Wie oft drohte schon der Weltuntergang und siehe, uns gibt’s noch immer. Die Dinge sind nicht, wie sie scheinen. Und selbst, wenn sie schienen, wie sie sind, weiß man, dass Sein und Nichtsein sich nicht ausschließen.

„Sein und Nichts stehen am Anfang der Logik“ – als Widersprüche. Am Ende steht „die Einheit des Seins und Nichts“. (Hegel)

In der Aufklärung wurden dialektische Spielchen weiträumig entfernt. Damals galt „platte“ Logik mehr als bei unplatten deutschen Tiefendenkern. Weshalb es kein Zufall war, dass die Devise deutscher Medien: sagen, was ist, von englischen und amerikanischen Gazetten übernommen werden musste.

Nach Hegel gibt es kein plattes Ist. Jedes Ist ist eine Mischung aus Sein und Nichts – oder aus Unverträglichkeiten. Das führt zum Janusgesicht deutscher Zeitungen. Fakten sollen eindeutig und objektiv sein, in den Feuilletons hingegen herrscht die dialektische Klausel: Alles ist möglich.

Strenge Debatten sind deshalb hierzulande unmöglich. Zur Dialektik gehört nicht nur die falsche Versöhnung des Unversöhnlichen (in der Politik Kompromisse genannt), sondern auch die strikte Trennung des Zusammengehörigen. Wo kein Widerspruch herrscht, da muss ein solcher hineingelesen werden. In deutschen Landen stehen dialektische Nebel über den Fluren. Kein Wunder, dass manche Tiefendenker in den Sumpfauen spurlos verschwunden sind.

In Europa wurde die natürliche Logik der Griechen gezwungen, die übernatürlichen Wunder der Religion zu rechtfertigen. Weshalb noch vor kurzem ein deutscher Papst die Offenbarung als Inbegriff der Vernunft bezeichnen konnte. Wenn es aber um Menschenvernunft geht, weshalb muss ein Gott sie als Offenbarung den Menschen zum Gnadengeschenk machen?

Im Gegensatz zum Papismus wollte Luther keinen Pakt mit heidnischer Vernunft schließen. Alles, was weltlich war, war für ihn teuflisch. Luther hasste die Vernunft der Griechen. Weshalb lutherische Disputationen nicht aus logischen Argumenten bestanden. Sondern aus der Kunst, dem Gegner biblische Zitate um die Ohren zu hauen.

Es gewann der bessere Bibelkenner, pardon, er sollte gewinnen. Denn schon standen, der Besserwisser überdrüssig, die Pietisten vor der Tür (die frommen Vorläufer der Romantik), die auf äußere Wörter keinen Wert mehr legten, sondern auf die innere Stimme ihrer Erleuchtung. Die „objektive“ Überlegenheit der besseren Bibelkenner verwandelte sich in „subjektive“ Gewissheit jedes Einzelnen.

Auch diese Art des Immunisierens durch subjektive Unfehlbarkeit ist heute noch zu beobachten. Fühlt sich einer von fremden Argumenten umzingelt, kommt unvermeidlich der Schritt: dies oder das ließe sich noch ganz anders „lesen.“ Hier könne jeder seine eigene Geschichte, sein eigenes Narrativ, erzählen. Womit wir in der Unendlichkeit der Postmoderne angekommen wären, in deren nebligen Tiefen jede Katze grau ist.

Gottlob beginnt im SPIEGEL eine überfällige Debatte um die Neutralität des Journalismus.

Philipp Oehmke plädiert – indem er sich vom angelsächsischen Vorbild löst und der New York Times widerspricht – für die Beendigung des Raushaltens:

„Neutralität galt jahrzehntelang als Qualitätsmerkmal, als noble Erhabenheitsgeste der seriösen Presse. Die Einsicht, dass hinter jedem Text mit noch so großem Neutralitätsanspruch ein Autor mit eigener Biografie steckt, die sich in der komplizierten Welt von heute mit all ihren vielfältigen und verschränkten Identitäten kaum mehr missachten lässt, hat sich erst in den vergangenen Jahren im Journalismus niedergeschlagen. Der Neutralitätsjournalismus, der scheinbar von einer „Position aus dem Niemandsland“ kommt, wie es der New Yorker Medienforscher Jay Rosen bezeichnete, wirkt heute nicht nur uninteressant und unaufrichtig. Er versagt vor allem in seinem Auftrag als „vierte Gewalt“.“ (SPIEGEL.de)

Sein Kollege Florian Gathmann widerspricht ihm vehement:

„Niemand, der in diesem Land seine journalistische Arbeit ernst nimmt, ist moralisch indifferent. Das hat übrigens selbst der berühmte Hajo Friedrichs nicht so gesehen, von dem häufig folgender Satz zitiert wird: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.“ Allerdings wollte der langjährige „Tagesthemen“-Moderator damit ausdrücken, dass man in dieser Funktion so distanziert wie möglich klingen soll – nicht aber, dass Journalistinnen und Journalisten keine Haltung haben dürfen.“ (SPIEGEL.de)

Das war schon eine große Nachlässigkeit Rudolf Augsteins gewesen. Vierte Gewalt und neutrales „sagen, was ist“ schließen sich aus. Fakten werden ausgewählt, um der Regierung auf die Finger zu schauen. Tatsachen-Selektion ist alles andere als neutral. Wozu auch die blutleere Demonstration der Überparteilichkeit? In einer Demokratie darf es niemanden geben, der keinen Standpunkt hätte. Das Schicksal jedes Einzelnen ist mit dem Schicksal aller anderen unauflösbar verknüpft.

Die Probe aufs Exempel ist immer das Dritte Reich. Wie hätte eine Zeitung demokratisch sein können, wenn sie ihre Kritik an Hitler neutralisiert und verschwiegen hätte?

Gathmann leugnet gar nicht, dass Medien nicht neutral sein können. Aber:

„Dennoch ist es der richtige Leitspruch für den Journalismus, auch wenn das Ziel unerreichbar bleibt. Journalisten sollen versuchen zu sagen und zu beschreiben, was geschieht. Jeden Tag aufs Neue. Medien sollen die Welt in all ihrer Komplexität abbilden, so gut es eben geht. Sind wir dabei neutral? Selbstverständlich nicht. Jeder Journalist, jede Journalistin hat seinen und ihren eigenen Blick, eigene Prägungen und Überzeugungen. Umso mehr müssen wir uns anstrengen, in unserer Arbeit so neutral wie möglich zu sein. Echte Neutralität gab es im Journalismus nie. Aber der Versuch, als Journalist der Welt so unvoreingenommen wie möglich gegenüberzutreten, ist wichtiger denn je. Je mehr Gesellschaften in totaler Polarisierung zerfallen zu drohen, wie es aktuell in den USA unter Präsident Donald Trump zu beobachten ist, umso mehr sind Journalisten gefragt, die dem Zerfall, der Feindschaft entgegenwirken. Ob es hilft? Keine Ahnung.“

Das Motiv zur Versöhnung einer gespaltenen Gesellschaft kann man öfter in den Zeitungen verfolgen. Immer dann, wenn die Schreiber bestimmten Politikern den Vorwurf machen, mit scharfen Thesen die Menschen auseinanderzubringen anstatt sie zu versöhnen.

Schon wer versöhnen will, ist nicht neutral. Die Verträglichkeit der Schichten, trotz aller Klassenunterschiede, liegt ihm am Herzen. Ein löbliches Ziel. Ist Neutralität aber ein geeignetes Mittel zur Versöhnung? Auf keinen Fall. Gegensätze, die nicht klar herausgearbeitet werden, sind faule Kompromisse – oder deutsche Dialektik. Anstatt die Wunden scharf zu benennen, damit sie mit dem besten Mittel kuriert werden können, würde falsche Neutralität dafür sorgen, dass sie im Untergrund eitern und den ganzen Organismus vergiften.

Für Popper bestand der Vorzug der Demokratie darin, Politiker, die versagen, per Abwahl in die Wüste zu schicken. Warum ist die deutsche Politik der Gegenwart bis zum Hals sklerotisiert? Warum scheint die Groko schier unabwählbar? Warum beten die Deutschen ihre Kanzlerin an? Weil faule Kompromisse den Status quo zementieren. Niemand tritt zurück, niemand wird abgewählt. Das liegt auch daran, dass die deutsche Presse seit Jahrzehnten nur alibimäßige Kritik äußert. Es ging ihr gut in all diesen Zeiten, warum sollte der Garten Eden zerpflügt werden? Immer mehr richten Politiker sich nach der Meinung der Wählenden, anstatt klipp und klar ihre Meinung zu präsentieren und es den Wählern zu überlassen, wem sie vertrauen wollen.

Falsche Versöhnung bedeutet Streitunfähigkeit. Gathmann befürchtet den Zerfall der Demokratie, wenn die Geister heftig aufeinander rasseln. Solche Gefahren bestehen – aber nur bei schwachen unbewährten Demokratien. Vitale Volksherrschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie die schärfsten Debatten nicht nur wegstecken, sondern sie als Kraftquellen nutzen. Sinnvolle Debatten schwemmen gefährliche Viren aus dem Leib und erneuern die Widerstandskraft der Freien und Gleichen. Methodisches Streiten ist ein demokratisches Kathartikum.

Gathmann verweist auf die Pflicht der Presse, Fakten so objektiv wie möglich zu berichten. Auch wenn Subjektives nie eliminiert werden könne: man müsse es unermüdlich probieren.

Fakten muss man nicht neutral, sondern wahrheitsgemäß übermitteln. In Wahrheitsdingen gibt es keine Neutralität. Fakten liegen im Bereich des Quantitativen und empirisch Überprüfbaren. Wer lügt, ist nicht subjektiv, sondern ein Lügner, der entlarvt werden muss.

Die Tradition der New York Times, Fakten von Meinungen zu trennen, ist löblich. Tatsachen gehören zur wissenschaftlich überprüfbaren Welt, Meinungen hingegen zur politisch-philosophischen Autonomie – oder zum Geist. Im Bereich des Geistes gibt es nur qualitative Argumente. Mit nachrechenbaren Fakten lassen sich prinzipielle Weltdeutungen weder bestätigen noch widerlegen.

Gathmanns Verteidigung des fatalen Mottos von H. J. Friedrichs: man solle sich weder mit der schlechten noch der guten Sache gemein machen, geht in die Irre. Was Friedrichs meinte, ist irrelevant. Was jemand meint, muss er in präzise Worte fassen. Es gilt nur das gesprochene und geschriebene Wort. Sonst kommt es zur Spaltung zwischen Meinung und Rede. Jeder könnte nach Belieben mit widersprüchlichen Standpunkten hausieren gehen. Das wäre doppelte Rede, doppelte Wahrheit, doppelte Moral – oder Heuchelei.

Solche Finten, mit konträren Redensarten das Publikum hinters Licht zu führen, war die Erfindung griechischer Sophisten. Das Lebenswerk des Sokrates bestand darin, den destruktiven Faktor der sophistischen Umgarnungs- und Beliebigkeitsreden im Dienst diverser Machtinteressen zu bekämpfen.

Würde Gathmann auf die Idee kommen, seinen Artikel mit dem Argument zu verteidigen, er habe eigentlich was ganz anderes gemeint? Die theologische Hermeneutik, beliebige Standpunkte mit selektierten Bibelzitaten zu untermauern, sollte in aufgeklärten Medien für immer passé sein.

Sophistische Redekunst gehört zu den verhängnisvollsten Feinden der Demokratie. Denn wer mit Worten verführerischer umgehen kann als seine Gegner, zeigt seine intellektuelle Überlegenheit. Mit bedenkenloser Stärke will er die Schwächeren überrumpeln. Das Naturrecht der Starken unterhöhlt den Geist fairen Austauschs von Argumenten in der Volksversammlung, im Volksgericht. Mit Hilfe ihrer sophistischen Handlanger – heutigen Thinktanks der Milliardäre vergleichbar – werden die Mächtigen immer mächtiger. Das Gleichgewicht zerfällt, die Kluftbildung zwischen den Schichten zerreißt die notwendige Gemeinsamkeit.

Eine Demokratie ohne Vertrauen in die heilsame Wirkung der Wahrheitsfindung ist verloren. Auch die kritischste Vernunft appelliert – an die Vernunft. An die Vernunft aller anderen. Nur ein bedingungsloser Wille zur Aufklärung schlägt eine Brücke von Demokrat zu Demokrat. Gesellschaften, die Angst haben vor der Wahrheit, sind verloren.

Philosophie begann ab Thales als Erkenntnis des Kosmos, ab Sokrates als Erkenntnis der Menschenwelt – um Demokratie als Ort humanen Zusammenlebens zu stärken. Sophistik missbrauchte die philosophischen Erkenntnisse, um das Verständigungsmittel der Gleichen in ein Machtmittel der Starken zu verwandeln.

Moderne Demokratien ignorieren die Lebensfragen einer wehrhaften Polis. Sie kennen nur Wirtschaftswachstum, Lieferketten und Wettbewerbsvorteile. Dass sie auf Dauer die Menschenwelt zerrütten und die Natur korrumpieren, ist ihnen gleichgültig.

Wir werden unsere Demokratie nicht retten durch immer effizientere Maschinen und ingeniösere Erfindungen, sondern allein durch Klärung der Grundfragen: Quo vadis, Germania?

Die Anwendung der Naturgesetze zur Beherrschung der Natur lehnten die Griechen kategorisch ab.

„Wenn sie also philosophierten, um der Unwissenheit ledig zu werden, so haben sie offenbar Wissenschaft um des Wissens getrieben und nicht zu einem praktischen Zweck.“ (Aristoteles)

Der Wissenschaftstheoretiker S. Sambursky bestätigt:

„Der antike Grieche wollte die Welt verstehen, er fühlte sich aber nicht getrieben, sie zu ändern. Im Mittelalter änderte sich alles. Die frühere Haltung der Natur gegenüber und der damit kontemplative Charakter der Wissenschaft wurde von einer aktiven, aggressiven Einstellung, vom Drang zum Wissen als Mittel zur Eroberung und Beherrschung der Natur abgelöst.“ (Das physikalische Weltbild der Antike)

Platon verwirft sogar das Experiment als „einen überheblichen Eingriff des Menschen in die göttliche Schöpfertätigkeit.“

Nur eine Sünde begingen die Griechen. Die Sophisten deklassierten die Philosophie zu Mitteln der Menschenfängerei und Machterhaltung. Das blieb nicht ohne Folgen.

Wollen wir unsere Demokratie retten, müssen wir nicht nur lernen, den Tatsachen ins Auge zu schauen, sondern den Streit um angemessene Bewertung der Tatsachen zu führen. Dies alles im Interesse der gesamten Polis. Reichtum und Wissenschaft im Dienst der Macht destruieren jede Volksherrschaft.

Wollen wir eine Zukunft auf Erden, müssen wir philosophieren. Nur Erkennen um des Erkennens willen ist Erkennen um des Lebens willen.

Fortsetzung folgt.