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Tanz des Aufruhrs LXXIX

Tanz des Aufruhrs LXXIX,

„Alexander von Humboldt erkennt, mit Blick auf die miserable politische Gegenwart: die Zerschlagung der Bauernerhebung im Jahre 1525 ist das schicksalhafte Datum für das neuere Deutschland. Der Sieg der Fürsten bedeutet das Ende der deutschen Revolution“ – schreibt ein moderner Historiker.

Es ist nicht nur ein Sieg der Fürsten, sondern ein Sieg der Fürsten und Pfaffen. Luther, heute noch der Nationalheilige der Deutschen, hatte die Adligen aufgehetzt, die Bauern zu jagen und totzuschlagen:

„Drum soll hier zuschmeißen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und gedenken, dass nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann, denn ein aufrührerischer Mensch. Gleich als wenn man einen tollen Hund totschlagen muss; schlägst du nicht, so schlägt er dich.“ (Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern)

Seit 500 Jahren ist es in Deutschland etwas Giftiges, ein aufrührerischer Mensch zu sein – gleichgültig, ob mit Waffen oder mit Worten. Noch heute ist der Begriff demokratisch gleichbedeutend mit rebellisch, anarchisch. Weshalb „Verantwortungsträger“ kaum von Demokratie sprechen, sondern von Staat.

Wir haben ein Staatsrecht, kein demokratisches Recht. Erkennbar daran, dass Rechtsfragen öffentlich nicht debattiert werden. Mit einer Ausnahme: wenn … … schändliche Verbrechen geschehen, schallt es von allen Seiten: Kopf ab, Schwanz ab, Strafen erhöhen.

In der immer noch existenten lutherischen Obrigkeit gibt es nur ein Therapeutikum gegen Übeltäter: Strafen, Wegsperren, das Leben ruinieren – in Gefängnisanstalten, in denen die Sünder vollends zu Verbrechern oder lebenden Leichen verunstaltet werden.

Die bekanntesten Kriminalpsychiater sind jene, die penibel den bewussten, vorsätzlichen, heimtückischen Beweggrund der Totraser, Kinderschänder, Amokläufer und Terroristen nachweisen können.

Heimtücke bedeutet in der deutschen Sprache eine hinterlistige Bösartigkeit. Ähnliche Begriffe sind Tücke, List, Arglist, Hinterlist, Hinterhalt, Täuschung und Überlistung.“

Was aber ist Arglist? Hinterlist. Hinterlist wiederum ist Tücke, Tücke – Bösartigkeit. Womit sich der Zirkel der vorsätzlichen Dummheit geschlossen hat.

„Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Missgunst, Lästerung, Hochmut, Unvernunft. All dies Böse kommt von innen heraus und macht den Menschen unrein.“

Bösartigkeit ist nichts als das religiöse Böse, klingt aber klinischer und unverfänglicher. Halten wir fest: das deutsche Recht beruht auf Religion. Auf der religiösen Überzeugung: der Mensch ist von Natur aus böse, das Böse unterliegt nicht seinem Willen. Dennoch wird der Bösewicht behandelt, als hätte er einen freien und bewussten Willen.

„Das Böse, das ich nicht will, das tue ich“.

Das Urböse ereignete sich, als der erste Mensch – die erste Frau – wissen wollte, was gut und böse ist.

„Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass es eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte.“

Es macht Lust, es macht klug, zu wissen, was gut und böse ist. Lust, Klugheit und Wissen um Gut und Böse sind für Gott das Schlimmste, das man Ihm antun kann. Gott erträgt nur lustlose, bornierte, moralisch Unwissende, weshalb er sich den Allwissenden, Allpräsenten und Allmächtigen nennen lässt. Seine Omnipotenz wäre gefährdet, wenn der Mensch klug und weise wäre und sich seines Lebens freute.

„Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist. So tue ich das nicht mehr selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. So finde ich nun das Gesetz: Mir, der ich das Gute tun will, hängt das Böse an. Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes.“

Der religiöse Mensch weiß nicht, was er tut. Doch das hilft ihm nicht. Unwissenheit schützt nicht vor Strafe.

Das ist der Widerspruch des modernen Rechts, das vom biblischen Bösen ausgeht und den erbsündigen Menschen für strafwürdig hält – aber das Bewusstsein des Menschen voraussetzt, um Heimtücke oder Arglist zu unterstellen.

Die Arglist festzustellen anhand der Berichte des Angeklagten, ist Aufgabe des Psychiaters. Nichts leichter als das. Denn welcher Mörder käme auf die Idee, sein Opfer vor der Tat darauf hinzuweisen, was auf es zukommen wird – um dadurch seine Mordtat  zu erschweren oder gar zu verhindern? Jede Mordtat, die auf heim-licher Planung beruhte, wäre heim-tückisch.

Doch der gravierendste Denkfehler liegt in der Bewertung der Planung. Die Planung mag technisch noch so raffiniert und hinterlistig gewesen sein: was nicht bedeutet, dass dem Bösewicht seine seelischen Beweggründe bewusst gewesen sein müssen. Der psychoanalytische Begriff des Unbewussten kommt in diesem Zusammenhang gar nicht vor. Technische Ausführung bewusst, psychische Motive unbewusst.

Just das entspricht dem Status der modernen Naturwissenschaft und Technik: was sie erfinden und produzieren, können sie bewusst beschreiben, damit die Herstellung nach Belieben reproduzierbar ist. Warum sie aber all dies tun, das bleibt im Dunkeln.

Hier legen die Techniker eine doppelte Rechnung vor. Insofern ihr Tun der Welt zu nützen scheint, fühlen sie sich als bewusste Wohltäter der Menschheit. Sie wollten das Gute, sie taten das Gute: alles bestens, alles paletti. Insofern ihr Tun aber zum Unheil der Menschheit führte, waschen sie ihre Hände in Unschuld: wollten sie nicht das Beste? Wenn sie das Beste, das sie wollten, nicht erreichten, kann die Folgerung nur sein: Ignoramus et ignorabimus, wir wissen nicht und werden nie wissen. Warum? Zu komplex. Die Rede von der übermäßigen Komplexität dient nicht nur der Abschreckung des Pöbels, sondern auch der Selbstberuhigung des elitären Gewissens.

Ein KI-Spezialist will nur forschen, sonst nichts. Was aus seiner Forschung wird, geht ihn nichts mehr an. Das ist Sache der Gesellschaft:

„Jede Technologie kann für gute und schlechte Zwecke eingesetzt werden. Über den Einsatz der Technologie muss die Gesellschaft als Ganzes entscheiden. Ich muss darauf vertrauen. Als Wissenschaftler habe ich nicht das Recht, der Öffentlichkeit grundlegende Erkenntnisse vorzuenthalten, nur weil ich Angst vor negativen Folgen habe.“ (SPIEGEL.de)

Die Wissenschaft stellt sich einen Freifahrtschein aus. Aus ihrem Glaspalast kann sie der Gesellschaft nur verkündigen, was ihrem Ingenium eingefallen ist. Die schnöde Praxis geht sie nichts mehr an. Weiß sie doch genau, dass all ihr Forschen und Erfinden Macht wird.

Genau dies ist auch die Meinung von Wolf Lepenies, der sich wiederum auf Max Weber beruft. Wissenschaftler sind für Weber geniale Fachidioten, die nur für ihre Erkenntnisse zuständig sind:

„Es droht die Gefahr, dass Wissenschaftler die Kompetenz beanspruchen, Probleme des sozialen Zusammenlebens zu regeln und Politiker in Versuchung geraten, medizinische Kontroversen zu entscheiden und Prioritäten für die Forschung zu setzen. Dann kommt es zu der von Max Weber so genannten Vermischung von Erkenntnis- und Wertungssphäre, der er sich zeitlebens widersetzte. Für ihn hatte der Wissenschaftler sich damit zu bescheiden, ein „Impresario der Sache“ zu sein: „Persönlichkeit auf wissenschaftlichem Gebiet hat nur der, der rein der Sache dient.“ Gurus, Propheten und Möchte-Gern-Politiker hatten in der Wissenschaft nichts zu suchen. Wissenschaftler durften nicht den Anspruch erheben, „Führer in Angelegenheiten der Lebensführung zu sein“. In der Corona-Krise aber wurden manches Mal Virologen und Epidemiologen zu Experten der „Lebensführung“.“ (WELT.de)

Für Weber sind Demokratie und Wissenschaft inkompatibel. Das übersieht Lepenies. Wissenschaftler, so Weber, trügen nur Verantwortung für ihre Laborwerte. Was Politiker aus ihren Zahlen politisch ableiteten, dafür wären sie nicht mehr zuständig. In diesem Sinne war Weber ein undemokratischer Aristokrat.

Heutige Virologen hingegen sind – vermuten wir mal – bewusste Demokraten. Sie haben die Pflicht, nicht nur ihre wissenschaftlichen Ergebnisse zu erklären, sondern auch praktische Ratschläge zu geben.

Wenn sie aber politisch agieren, handeln sie nicht mehr als überlegene Szientisten. Auf dem Gebiet der Politik sind sie nicht klüger als andere. Weber wollte keine Gurus und prophetischen Selbstdarsteller. Genau die aber werden von der Wissenschaft produziert, wenn sie das reine Reich der Theorie für sich reklamieren und den schmutzigen Rest der Menge überlassen. Max Webers Idolisierung der Theorie hat dazu beigetragen, dass die Wissenschaft bis heute nicht in den Niederungen der Volksherrschaft angekommen ist. Sein aristokratischer Ratschlag lautet:

„Die Forderung des Tages ist schlicht und einfach, wenn jeder den Dämon findet und ihm gehorcht, der seines Lebens Fäden hält.“

Dieser Dämon ist nicht der Daimon des Sokrates, der ihn bei seiner Aufklärungsarbeit auf dem Marktplatz unterstützte, sondern der deutsche Dämon: irrational, unberechenbar, gefährlich und zu allen Risiken bereit. Vor allem zu Risiken der Destruktion und Weltbeschädigung.

Lepenies und Weber huldigen dem Genie des spezialistischen Fragments, des Minimalen, das maximale Wirkung haben soll. Ein bewusster Demokrat hingegen muss das Ganze überschauen und beurteilen lernen. Politik und Wissenschaft müssen komplementär sein. Politisch sind Wissenschaftler dem zoon politicon nicht überlegen, obgleich sie aus ihrer speziellen Überlegenheit eine generelle Überlegenheit ableiten wollen. In dieser Hinsicht sind sie in der Demokratie noch nicht angekommen. Wissen sie doch: jeder Despot leckt sich die Finger nach ihren Erkenntnissen. Wissen ist Macht. Nach Macht lechzen die Gewaltigen.

Offensichtlich hat es das moderne deutsche Recht nicht nötig, Erkenntnisse anderer Disziplinen wahrzunehmen und für sich zu nutzen. Ein Bösewicht kann seine Untat aufs präziseste und heimtückischste geplant haben, weshalb er noch lange nicht wissen muss, welch unbewusste Triebregungen seine mörderischen Pläne verursachten. Um unbewusste Motivationen zu erforschen, müsste der Psychiater den Täter lange Zeit auf die Couch legen und dessen Erinnerungen ausfindig machen, die zur bösen Tat führten. Dazu wäre gar keine Zeit, denn die Gerichtsverhandlung ruft.

Zudem wäre das Ergebnis stets dasselbe – und müsste lauten: Der Täter war nicht Subjekt seiner Taten, sondern Objekt seiner Umgebung und Erziehung. Er selbst ist Opfer, das seine Beschädigungen nicht anders bewältigen kann, als andere Menschen zu Opfern zu machen. Das ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend Böses muss gebären. Uralte Weisheiten der Menschheit hat das deutsche Recht in den Keller gesperrt.

Tut ein Mensch Böses, weiß er nicht, warum er es tat: das war die fundamentale Erkenntnis der griechischen Philosophie. Niemand „fehlt“ freiwillig, niemand tut Böses um des Bösen willen. Das Böse ist die Frucht mangelnder Erkenntnis und schlimmer Erfahrungen. Um die Herkunft dieser Erfahrungen ausfindig zu machen, um sie zu bearbeiten und zu humanisieren, muss der Mensch sich seinen Erinnerungen hingeben. Er muss anamnestisch werden.

Freuds Vorläufer in anamnestischer Selbstbesinnung war der mäeutische Dialog des Sokrates, der die Herkunft des eigenen Denkens durch Rückbesinnung auf seine Genesis erkunden wollte. Ich verstehe mich, wenn ich verstanden habe, wie ich geworden bin.

Die Moderne blendet die Vergangenheit aus. Was nur bedeuten kann, dass sie nicht wissen will, wie sie ist oder geworden ist. Jede Eliminierung der Vergangenheit ist Auslöschung der Selbsterkenntnis.

Wie lange geht das schon in der Neuzeit? Seit Francis Bacon ist Europa versessen darauf, das Alte zu verbannen (vor allem die verdammten Griechen) und verzückt in die weltbeherrschende Zukunft zu starren.

Der mäeutische Dialog war nicht nur ein Florettfechten der besseren Argumente. Er war der Versuch, sich zu verständigen, indem beide Dialogpartner durch anamnestischen Rekurs herauszufinden trachteten, an welcher Stelle ihre Biographien voneinander abwichen. Grundlage dieser synchronen Erinnerung war der Glaube, dass Menschen ab ihrer Geburt derselben Vernunft teilhaftig wären.

Nicht Natur treibt die Menschen auseinander, sondern die Unterschiede der Kulturen. Also muss man sich durch Entfremdungen der verschiedenen Umgebungen zum gemeinsamen Ursprung durcharbeiten. Natur ist die gemeinsame Mutter aller Menschen. An ihrer Quelle können die Menschen sich als Brüder und Schwestern entdecken.

Das deutsche Recht wird vom Rechtspositivismus beherrscht. Der verachtet alle Erkenntnisse anderer Disziplinen. Er will ein Rechtssystem, das wie ein Uhrwerk agiert oder wie ein KI-Roboter, den man algorithmisch programmiert hat. Belanglos, nach welchen Rechtsgrundsätzen. Hauptsache Recht, woher auch immer.

Hermann Heller warf Kelsen – dem Apologeten des Rechtspositivismus – vor, er erschöpfe sich „in Macht, Macht und nochmal Macht“. Alle anderen Wissenschaften würde er kaltblütig ignorieren. Das sei eine „Rechtslehre ohne Recht“. Mit Kelsens Lehre sei jeder Staat zu rechtfertigen, der nach beliebigen Gesetzen agiere.

Kelsens Gegner akzeptierten nicht jedes Recht. Ohne über Recht und Gerechtigkeit nachzudenken, könne niemand ein verantwortungsvoller Jurist sein. (siehe Kurt Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik)

Wenn Recht ein maschineller Vorgang, wenn Gerichtsurteile ohne Wahrheitsgewinn sein sollen, dann ist deutsches Recht auf dem Tiefpunkt angekommen.

Wie demokratisch ist die deutsche Demokratie? Hält sie stand, wenn Krisen kommen? Wir müssen einen Rundgang machen durch alle Winkel des Gebäudes, alles abklopfen und reparieren, was baufällig geworden ist – oder schon immer war, wir merkten es nur nicht.

Deutschland hat nie seine Führungsklassen abserviert. Was früher Adel und Klerus waren, sind heute Wirtschaftsmächte und einflussreiche Meinungsträger. Die Vorgänge in Technik und Wissenschaft sind dem Pöbel zu hoch, die Ereignisse der Wirtschaft zu komplex. Mit der Regierung hat man sich symbiotisch verbunden, sodass man alles hinnimmt, was nicht den obligaten Wohlstand beeinträchtigt.

In Familiensprache: solange die dampfende Suppe auf dem Tisch steht, wenn man müde nach Hause kommt, solange Muttern niemanden anschnauzt, der in den Bart grummelt, solange ist das Heimchen in der Kanzlerecke sakrosankt.

In der Wirtschaft sieht es schlimmer aus als im rechtlosen Recht. Der Begriff Demokratie kommt hier kaum noch vor. In Notzeiten lässt sich die Wirtschaft endlose Subventionen gefallen, doch im Normalbetrieb soll sich der „Staat“ raushalten. Staat, Synonym für Obrigkeit. Staat und Obrigkeit sind der gemeinsame Nenner aller Regimes, die Deutschland erlebt hat. Vom Absolutismus über Bismarck, Wilhelminismus, Weimarer Republik bis zum Dritten Reich. Unterschiede zwischen den Systemen sind zu vernachlässigen.

„Die „Renaissance der Marktwirtschaft“, von der Altmaier so gern spricht, ist in Wahrheit eine Neuauflage des starken Staats. Mit der traditionellen deutschen Auffassung von den Aufgaben der Regierung hat das nicht viel zu tun. Danach ist der Staat Schiedsrichter im Wettbewerb und Garant der sozialen Sicherung. Aus unternehmerischen Entscheidungen dagegen hat er sich tunlichst herauszuhalten.“ (SPIEGEL.de)

… hat er sich tunlichst herauszuhalten. Das klingt herrisch, wie ein Befehl an den Staat. Da es keinen Staat gibt, an die gewählte Regierung. Und damit gegen den demokratischen Souverän, das Volk, von dem alle Gewalt ausgeht, pardon, ausgehen sollte. Demokratie ist entstanden, um alle Starken zu bändigen und alle Schwachen zu stärken, auf dass Gleichgewichte und Freiheitsräume entstehen, in denen jeder ebenbürtig seine Meinung sagen, sein Schicksal selbst bestimmen kann.

Übermäßige Freiheiten der Starken, die sich der Kontrolle des demos entziehen, sind abzuschaffen. Wer hat die Klimagefahren am meisten zu verantworten? Wer muss am schärfsten unter die Lupe genommen werden, damit die Menschheit eine Überlebenschance hat? Die Moloche der naturverschlingenden Ökonomie.

Im ganzen SPIEGEL-Artikel kommt der Begriff Demokratie nicht vor. Die lutherische Obrigkeit ist zum Staat geworden, in dem die technischen und wirtschaftlichen Nachfolger des Adels und Klerus schalten und walten nach Belieben.

Demokratie ist ein Spiel nach Regeln. Wer sie nicht einhält, muss vom Platz.

„Ebenso wie beim Fußballspiel der Schiedsrichter nicht mitspielen darf, hat auch der Staat nicht mitzuspielen.“

Mit diesem Satz hat Wirtschaftswunder-Erhard sich ins eigene Knie geschossen. Schiedsrichter sorgen für die Einhaltung der Regeln. Das ist das Volk mit seiner gewählten Regierung. Schiedsrichter stehen nicht abseits und schauen hilflos zu, wie auf dem Feld das Chaos ausbricht.

Nach der Corona-Krise werden vor allem die gigantischen Monopole unter die Lupe genommen werden müssen. Dinosaurier aus der kapitalistischen Steinzeit haben in naturfreundlichen Zeiten nichts mehr zu suchen. Ihre Zeit ist vorbei.

Welch ein Wahn. Jeden Monat wird rituell berichtet: erneut sind die Reichen reicher, die Armen ärmer geworden. Von keinem Politiker hört man ein einziges Wörtchen.

Wir brauchen eine Wirtschaft, die Menschen ernährt und die Natur erhält, keine Wirtschaft, die die Natur zersetzt und die Menschheit drangsaliert – und demnächst rund um die Uhr überwacht. Mit einer vitalen Demokratie hat dieser Irrentanz des Leviathans nichts zu tun.

Zwei Begriffe des Bösen stehen sich gegenüber.

a) Das Böse der Religion, das den Menschen von Priestern verordnet wurde. Der Mensch weiß nicht, was ihn zum Bösen treibt. Gegen die Mächte im Dunkeln ist er machtlos. Er kann nur auf Gnade und Erlösung hoffen.

Das deutsche Recht hat dieses Böse übernommen – aber auf Gnade und Erlösung verzichtet. Im Gegenteil, die Strafen, die Gefängnisse werden immer inhumaner. Verstehen des „Bösen“ als unfreiwillige Rache von Opfern an neuen Opfern: ausgeschlossen.

b) Das „Böse“ der Vernunft, das Ursachen und Wirkungen hat, die durch biographische Erinnerungen verstehbar werden. Der Mensch tut Böses, weil er das Gute nicht erfuhr. Weder im Denken noch im Handeln. Hier darf Strafe nichts anderes sein als die Chance zur Selbsterkenntnis und zur Rückkehr in die Gesellschaft.

Jesus und Sokrates. Beide stehen sich diametral gegenüber. Wieder einmal stehen die Deutschen mitten inne. Einerseits das unkorrigierbare Böse, das sich allem Verständnis entzieht, andererseits das Böse als Fehlleistung des Guten, das klare Ursachen hat, die erkannt und korrigiert werden können.

Und doch gab es ein Fenster zwischen beiden, das sich unvermutet auftat:

„Denn sie wissen nicht, was sie tun“.

Das war sokratischer Geist bei Jesus. Wer Böses tut, macht es nicht aus böser Absicht. Er weiß nicht, was ihm geschieht. Er müsste dem Wort folgen: Erkenne dich selbst.

Wäre Jesu Wort politisch geworden, wäre der sokratische Glaube an die menschliche Vernunft angenommen worden, hätte es in Deutschland ein anderes Recht gegeben. Wer hat es verhindert? Luther und sein Lehrmeister Augustin:

„Augustin lehrte: der Mensch kann nur für sich selber sorgen, für seine eigene, private Seele“. Politik in der civitas diaboli, um diese zu verändern, ist aussichtslos. Kaltblütig marschiert die deutsche Kanzlerin durch die civitas diaboli, gelegentlich empfängt sie private Erleuchtungen aus der civitas dei. Den Deutschen ist der Widerspruch in seiner falschen Versöhnung seit Jahrhunderten vertraut. Dafür lieben sie ihre Kanzlerin, dass sie ihnen die vertraute Melodie unermüdlich vorspielt.

Hatte Jesus eine gelegentliche Ahnung vom sokratischen Guten (ohne sie realisieren zu können), war umgekehrt das Böse schon bei Platon zu erkennen. Ausgerechnet der Schüler des Sokrates verkehrte die Botschaft seines Lehrers ins Gegenteil. Das Böse wurde zu einem Kernelement der platonischen Lehre, Platon zu einem Vorläufer der Neuen Testaments:

„Die Lehre vom Tugendwissen, welche die sittliche Besserung durch Belehrung herbeiführt, wurde im Dialog Gorgias stillschweigend aufgegeben und durch die Auffassung des Bösen als einer Krankheit ersetzt, die nur durch unerbittliche Strafe geheilt werden kann, sei es in dieser Welt oder in einem jenseitigen Leben.“ (Nestle, „Griechentum und Platonismus“)

Ja schlimmer: gar nicht geheilt werden kann durch Verfluchung in die Hölle.

Platon erfand den philosophischen Urfaschismus, das Christentum die totalitäre Theokratie. Das Christentum ist die offizielle Religion Deutschlands, Platon der Lieblingsphilosoph der deutschen Intelligenz. Ein Leckerbissen für Dialektiker.

Fortsetzung folgt.