Kategorien
Tagesmail

Tanz des Aufruhrs LXXIV

Tanz des Aufruhrs LXXIV,

Die Deutschen wollen geführt werden, sagt Michael Stürmer.

Sie können sich nicht selbst führen. In 70 Jahren gelang es ihnen nicht, autonom zu werden. Nun fürchten sie, dass sie herrenlos in der Welt umherirren. Amerika will nicht mehr. China, das Land der Mitte, würde liebend gern einspringen und die desorientierten Deutschen einsammeln, damit sie erleichtert stammeln könnten:

Land der Mitte, du kennest und erforschest uns. Du verstehst unsere Gedanken von ferne. Kein Wort auf unserer Zunge, das du nicht hören würdest. Was immer wir tun, du ermissest es, mit all unseren Wegen bist du vertraut. Du hältst uns hinten und vorne umschlossen. Wohin sollen wir gehen vor deiner allwissenden Überwachung?

Amerika will aber nicht, dass seine Schüler abtrünnig werden – auch wenn es selbst nicht führen will.

Kann ein nicht-autonomes Volk eine autonome Politik betreiben?

„Die Führungsmacht Amerika ist innerlich tief zerrissen und ihrer selbst ungewiss, sie will nicht mehr führen. Das Ringen mit dem Reich der Mitte läuft, und zwar – anders als noch vor ein, zwei Jahrzehnten erwartet und wie selbstverständlich angenommen – nicht nach amerikanischen Regeln. Von den europäischen Verbündeten ist … … für die neuen Kraft- und Konfliktzentren östlich von Suez nicht viel zu erwarten. Nicht einmal von der Bundesrepublik, die mit der Pax Americana am meisten zu gewinnen hatte – und durch deren Niedergang am meisten zu verlieren hat.“ (WELT.de)

Am Gängelband der Weltmacht konnten sie ihren Reibach machen, nun beginnt der Niedergang. Sie verachten ihre europäischen Nachbarn: alles Loser und Wichtigtuer, die nur an ihre Geldbörse wollen.

Zudem droht eine interne Führungslücke. Die Kanzlerin verlässt das sinkende Schiff. Wer soll sie ersetzen? Noch nie gab es in Deutschland eine innigere Herzensbindung zwischen Obrigkeit und Volk. Bald aber wird es heißen: außen führungslos, innen trostlos.

Luthers Hetze gegen die aufrührerischen Bauern hatte gewirkt. Die Deutschen folgten nicht nur ihrer Obrigkeit, weil sie mussten, sie folgten ihr, weil sie nichts Besseres sahen – und die Lutheranerin ihnen gab, was sie benötigten: Trost und Sicherheit. Keine Aufregung. Keine komplexen Worte. Es gab keine Alternative zur auserwählten Pastorentochter. Ihre schlichten Worte gingen in die Geschichte ein: es ist ernst, wir schaffen das. Von dieser zukünftigen Geschichte leben sie.

Obrigkeit und Volk verstanden sich wortlos. Die Kanzlerin konnte sich drehen und wenden, wie sie wollte, stets standen ihr schreibende Muttikohorten zur Seite, die sie besser durchschauten als sie sich selbst.

Die Medien folgen zwei konträren Deutungen. Bei Gegnern und Feinden gilt die Vermutung: Was steckt dahinter? Immer was Schlechtes und Verruchtes.

Bei der Kanzlerin hingegen immer was Gutes oder Gutgemeintes. Korrigierte sie über Nacht – wie immer wortlos – einen langjährigen Fehler, hieß es: Sie emanzipiert sich von der Autoindustrie. Was bedeuten musste: die ganze Zeit muss sie der Autoindustrie hörig gewesen sein. Die Hörigkeit wurde nie erwähnt, deren Ende aber belobigt.

Flüchtlinge aus anderen Ländern behandelt sie nicht anders als der rabiate Präsident in Washington. Gnadenlos werden sie an den Grenzen abgewiesen und versinken in den Fluten des Mittelmeers. Einmal aber ließ sie die Grenzen öffnen: ab jetzt galt die einmalige Samariter-Tat, die ihr Ruhm einbrachte. Ihre generelle Abweisungspolitik hingegen wird mit unterschwelliger Erleichterung quittiert.

Es ist das Gesetz der Einmaligkeit: Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, du bist mein. 99 Schafe gehen verloren, ein Schaf wird gerettet. Das ist Religion der Auserwählung. Die Wurzel des westlichen Rassismus ist Religion, der Prozess der Erwählung wird biologisch erzählt.

Mit demokratischer Politik hat das nichts zu tun. Politik meint immer Gleichwertigkeit aller Menschen. Gesetze müssen für alle gelten. Gleichwertigkeit und Individualität schließen sich nicht aus. Individualität aber darf sich nicht profilieren mit materiellen Unterschieden, die die Einmaligkeit der Einen auf Kosten Anderer erzwingt.

Der Adel, den die athenische Polis zähmte, verstand sich als Elite der Starken, Reichen, Schönen und Gebildeten – auf Kosten der Schwachen und Ungebildeten, die jene ernähren mussten. Einmaligkeit darf kein Privileg sein und die Bedeutung Anderer einschränken.

„Es ist eine verdammte, verfluchte Sache mit dem tollen Pöbel. Niemand kann ihn so gut regieren wie die Tyrannen. Die sind der Knüppel, der dem Hund an den Hals gebunden wird. Könnten sie auf bessere Art zu regieren, würde Gott auch eine andere Ordnung über sie gesetzt haben als das Schwert und die Tyrannen. Das Schwert zeigt deutlich an, was für Kinder es unter sich hat, nämlich nichts als verdammte Schurken, wenn sie es zu tun wagten.“ (Luther)

500 Jahre benötigten die Deutschen, um sich aus Schurken zu folgsamen Untertanen zu entwickeln, die keine Knüppel brauchten, um dem Kurs der Obrigkeit zu folgen. Der Pöbel wurde sittsam, heute lässt er auf seine Kanzlerin nichts kommen. Wann gab es das je in der Geschichte der Menschheit?

Die aufgeklärt-frommen Deutschen hatten verstanden: es gibt keine Obrigkeit, die nicht von Gott wäre. Also begannen sie ihre Obrigkeit, nachdem sie sie anfänglich gefürchtet hatten, nacheinander zu achten, zu respektieren, zu bewundern, schließlich, sie für unentbehrlich zu halten.

Der Staat der Aufklärung galt ihnen als seelenlose Maschine. In der Romantik begannen ihre Gefühle für die eigene Nation.

„Der Staat ist kein Begriff, sondern eine Idee, sagte Baader. Der Staat ist ein Naturgewächs, ein Kunstwerk Gottes. Ein Romantiker konnte gegen Wahlrecht und Volksvertretung stimmen und doch ein warmes Herz für das Volk haben. Gegnern der Romantiker war besonders zuwider, dass sie Politik nicht von der Religion trennen wollten. Zu ihren wesentlichen Ideen gehörte, dass Religion die Grundlage – oder Spitze – der Wissenschaft, der Kunst und des staatlichen Lebens sei. Auch in dieser Beziehung musste ihnen das Mittelalter mit seiner Verknüpfung von Staat und Kirche, die sich wie zwei Brennpunkte der Menschheit verhielten, ein Ideal sein. (Ricarda Huch, Die Romantik)

Die Deutschen sind Romantiker. Ein kaltblütig auf Eigennutz bedachter Verstandesstaat wie der französische oder englische war den besiegten Deutschen zuwider. Ein Staat musste ihre Heimatgefühle befriedigen:

„Es versteht sich, dass Romantiker dem Prinzip des Eigennutzes, nach welchem der bisherige preußische Staat „als Fabrik verwaltet worden“, gründlich abhol ist. Uneigennützige Liebe im Herzen und ihre Maxime im Kopf, das ist nach ihm die ewige Basis wie der ehelichen´, so der Staatsverbindung, die in Wahrheit nichts anderes als eine Ehe ist. Der Königin wie dem König hat er schöne Aufgaben zugedacht. So waren die Phantasien, mit denen Novalis Wilhelm und Luise romantisierte – gleich, als ob er das Glück, das er noch vor kurzem im eigenen Hause zu gründen gehofft hatte, nun doch wieder auf die Erde versetzt, als ob er es auf diese fürstliche Familie und den um diese Familie sich neugestaltenden Staat übertragen hätte. Die repräsentative Demokratie erzeuge nur Mittelmäßigkeit, Weltklugheit, die Volkschmeichelei werde zur Herrschaft erhoben und das Resultat sei nichts als ein großer Mechanismus und ein Schlendrian, den nur die Intrige zuweilen durchbreche. Die Idee des ewigen Friedens stellt sich ihm unter dem Bild einer allumfassenden Familie dar: Ein Herr und eine Familie.“ (Rudolf Haym, Die Romantische Schule)

Es ist, als ob die Deutschen im Verlauf ihrer Staatswerdung die Phase ruhiger Konsolidierung nie erfahren durften. Verknüpft mit der Sehnsucht: zurück ins mittelalterliche römische Reich deutscher Nation, bildete sich eine tiefes Begehren nach Ruhe und Heimat. Die kalten westlichen Staaten konnten kein Vorbild sein.

Weder die Französische Revolution mit ihrem blutigen Finale noch die Englische Demokratie mit ihren frühkapitalistischen Barbareien konnten die Deutschen beeindrucken.

Heute, als Schüler Amerikas, haben sie viele Amoralitäten der Demokratie geschluckt – innerlich aber nie für richtig gehalten. Sie lehnen sich ab, wenn sie andere ausbeuten oder eine unmenschliche Politik gegen fremde Staaten führen müssen. Doch als musterhafte Zöglinge ihrer Befreier lehnen sie ab, dass sie sich ablehnen. In Machiavellismus wollen sie unerreichbar sein.

Die zwölfjährige Tyrannei unter einem Führer: nein, das war kein Machiavellismus. Das war eine Weltbeglückungstat, zu der nur sie fähig waren, weil nur sie das göttliche Gesetz verinnerlicht hatten: wer die Welt beglücken will, muss alles für richtig halten, um sie von lebensgefährlichen Feinden zu befreien. Er muss über Stock und Stein gehen, denn er tut es für die Ewigkeit. Wahre Gottähnlichkeit kann man daran erkennen, dass man durch Blut waten – und dennoch anständig bleiben kann. Wort und Tat sind hier eine Einheit, weil Gott und Teufel eine Einheit sind.

Im Gegensatz zur Demokratie, in der Brutalitäten dem humanen Geist der Menschen- und Völkerrechte widersprechen. Hier muss man schon seine Gehirnzellen strapazieren, um mit listigen Theorien die Vereinbarkeit von Menschlichkeit und Unmenschlichkeit nachzuweisen.

Inzwischen haben wir lange genug bewiesen, dass wir Kapitalismus können, scheinen die Deutschen zu denken: wann hört diese Theaterprobe endlich auf – und wann kehren wir zurück in die göttliche Familie mit Luise und Angela?

Man merkt es an der explosionsartigen Zustimmung zur Flüchtlingspolitik, als Tausende sich am Bahnhof versammelten und die Fremden willkommen hießen. Als ob der Himmel plötzlich aufreißen und die wahre philanthropische Stimmung der Einheimischen zeigen würde. Nicht anders als die riesigen Demonstrationen gegen Rassismus.

Nach kurzer Zeit aber schwindet der Enthusiasmus, wird von der schrecklichen Realität attackiert und verliert sich blitzartig im kollektiven Unbewussten.

Dann erscheint die misanthropische Seite und heizt den Verantwortlichen mit Shitstorms und Todesdrohungen ein. Die AfD entsteht aus den Blähungen der feindseligen Reaktion gegen Humanität, und BILD, anfänglich selbst auf fremdenfreundlichem Kurs, reißt das Ruder herum, um mit Hassberichten die verlorene Quote zurückzuholen.

Dann hört man die Stimmen der Kalten und Herzlosen: die Deutschen sollten ihre sentimentalen Moralanwandlungen endlich lassen. Wie sagte Systemtheoretiker Luhmann: Pflicht der Ethik ist es, vor der Moral zu warnen. Im Wettbewerb mit der Welt könne man nicht mithalten, wenn man sich moralischen Räuschlein ergebe.

Die deutsche Seele ist symmetrisch gespalten. Wenn sie gut ist, hat sie ein schlechtes Gewissen, dass sie zu gut war und nicht auf Sieg und Profit setzte; wenn sie befreundete Nationen wie Rivalen traktiert, hat sie ein schlechtes Gewissen, dass sie sich zu sehr dem Ausbeuterspiel hingegeben habe.

Man kann sie von links nach rechts und wieder zurückdrehen: stets schlägt ihr das schlechte Gewissen. Noch immer sind sie Romantiker, die vom westlichen Macht- und Beutestaat angewidert sind – und sich ärgern, dass sie davon angewidert sind. Warum sind sie nicht stolz auf ihre Hartherzigkeit? Der Patient ist auf allen Seiten wund, weshalb Deutschland eine „ruhige, sachliche“ Dauerpflegerin benötigt. Zwar fühlt man sich ihr geistig überlegen (was man dezent verdrängt), doch deren Verlässlichkeit kurz vor der Intensivstation braucht man lebensnotwendig.

Deshalb der Refrain der Mutterbewunderer an die Rüpel der hinteren Bänke: glaubt ja nicht, dass ihr Neunmalklugen die Kanzlerin intelligenzmäßig übertrefft: Angela ist Physikerin, sie war die beste Schülerin. Macht das erst mal nach, ihr Flegel.

Sie wissen, warum sie Angela wie auf Adelers Flügeln tragen. Loben sie die Kanzlerin, loben sie sich selbst. Es war ihre paradiesische Epoche, die von Muttern nur gemanagt wurde.

Mit anderen Vorzeichen gilt diese Diagnose auch für andere Staaten, ja für die ganze Welt. Das halbe Jahrhundert UN-Menschenrechte, Friedenspolitik und Vernetzung des Globus hat Wirkungen hinterlassen. Die Benachteiligten werden mutiger, die Entrechteten wagen sich auf die Straßen, die Klimaprobleme zeigen allen, dass niemand allein davonkommen wird. Wenn wir nicht zusammenhalten, wird das Buch des homo sapiens von der Evolution zugeschlagen werden.

Einerseits wollen Staaten sich in Wohlstand und Fortschritt übertreffen, andererseits widert sie ihr Eigennutz an. Occupy, FFF, Antirassismus: immer kürzer werden die Abstände globaler Veränderungswellen.

Nach wenigen Tagen beginnen die Mächtigen zu jubeln: seht, wie die Schwärmereien wieder verschwinden. Eines Tages aber werden sie erstaunt zugeben müssen: das hätten wir nicht für möglich gehalten. Die Tagträumer waren Realisten, wir Realisten waren blind und taub.

Was die ganze Zeit fast unmöglich schien: nun kommen Debatten auf über Gesinnung und Verantwortung.

Dirk Kurbjuweit will mit Begriffen von Max Weber den Charakter des Ministers Scholz entlarven: darf Wissenschaft Werturteile abgeben? Was ist Gesinnung, was Verantwortung?

Scholz beschreibt sich weber-konform:

„In seinem Büro sagte Scholz dann, er habe nicht „gestisch“ auftreten wollen. Keine Selbstdarstellung, keine Schauspielerei. Er sei ja nicht in einem Film. Sachlichkeit. Auch Max Weber mochte die Schauspielerei nicht, wollte echte Gefühle sehen.“ (SPIEGEL.de)

Deutsche Politik steckt im selben Dilemma wie die Öffentlichkeit. Auf der „Grundlage abendländischer Werte“ will sie moralisch sein, so moralisch aber nun doch wieder nicht – sonst fürchtet sie, übers Ohr gehauen zu werden. Sie will beweisen, dass sie es mit Spitzbuben aufnehmen kann. Sie will weltförmig sein. Nicht hinterwäldlerisch wie so oft in ihrer Geschichte, als sie das Nachsehen hatte.

Amoral hält sie für eine höhere Art Intelligenz. Moralisch kann jedes Kirchenmütterchen sein. Weshalb sie Wert drauf legen, dass ihr Mütterchen einer anderen Kategorie angehört: demütig – aber clever, anständig – aber bedenkenlos. Gewiss, nur wenn‘s sein muss.

Das innerste Geheimnis der Kanzlerin-Volk-Symbiose: beide Seiten vergeben sich ihre Untugenden und ihr schlechtes Gewissen. Wir sind nicht nur tüchtig, sondern auch ethisch. Ethik ist ein höherer Begriff für Moral, den sie nicht mehr hören können.

War Weber sachlich?

„Max Weber war besessen vom Charisma und sah darin „die Autorität der außeralltäglichen persönlichen Gnadengabe“. Sie könne Herrschaft legitimieren über die „persönliche Hingabe“ an einen Führer, der vor allem durch leidenschaftliche Reden begeistert, bis zur Ekstase.“

Charisma ist nicht nur Ekstase, sondern eine Gnadengabe von Oben. Und das soll Sachlichkeit sein? Den rationalsten unter den Wissenschaftlern, den Mathematikern, schreibt er – sofern sie genial sind – „Rausch“ zu: „im Sinne von Platons „mania“ und Eingebung.“ (Wissenschaft als Beruf)

Rausch: zu welchem Zweck?

„… dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt.“

Im Rausch zur Herrschaft. Den Zauber der Welt vernichten. Was beherrscht wird, kann nicht zauberhaft sein. Carl Friedrich von Weizsäcker hielt das Christentum für die große Entzauberin der Welt. Es habe die heidnischen Götter zur Strecke gebracht. Eine götterlose Welt war eine entzauberte, die man bedenkenlos rasieren konnte. Dass der christliche Schöpfer höchstselbst den Befehl zur Ramponierung der Welt gegeben hat, scheint der fromme Atomphysiker ein wenig verdrängt zu haben.

Mit Charisma begann Weber in christlichem Geist. Warum legt er so viel Wert auf Verantwortung und nicht auf Gesinnung?

„Es ist ein abgrundtiefer Gegensatz, ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt –  religiös geredet: „Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim“ –, oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat.“ Die Verantwortung rechnet insbesondere mit den „durchschnittlichen Defekten des Menschen“; es gebe kein Recht, „Güte und Vollkommenheit“ bei Menschen vorauszusetzen.“

Weber befand sich offenbar nicht nur in erotischer, sondern auch in geistiger Konfusion. Kein Christ dürfte so vermessen sein, dass er sein Schicksal selbst bestimmen könne. Gott regiert in allen Dingen. Wenn Weber auf Verantwortung setzt, hat er sich entweder gegen den Glauben entschieden, oder er vertritt die Blasphemie, der Mensch könne Gottes Tun beeinflussen. Das klänge irgendwie nach Autonomie. Doch im nächsten Satz wird die autonome Verantwortung – das Gegenteil zur Gesinnung – wieder mit der letzeren versöhnt:

„Gesinnungsethik und Verantwortungsethik sind vielmehr Ergänzungen. Der strenge Gegensatz zwischen beiden Ethiken ist nicht aufrechtzuerhalten.“

Soll das ein Scherz sein? Ständig berufen sich die Deutschen auf Weber, um vor Gesinnung zu warnen und zur Verantwortung aufzurufen. Und jetzt dies: beide Begriffe schließen sich gar nicht aus, sondern ergänzen sich. Die deutsche Liebe zu Widersprüchen hat wieder zugeschlagen. Erst die Wirklichkeit konträr spalten, dann mit Charisma verkleben – et voila: wir haben das Problem gelöst.

Die griechische Definition der Gesinnung hat mit der christlichen nichts zu tun.

Der christliche Gott sieht das Herz an und beurteilt alles danach, wie es aus dem innersten Herzen dringt. Eine Kausalität zwischen Herzensregung und Handlung aber gibt es nicht. Glaube – und tu, was du willst. Wer in rechtem Glauben handelt, kann sich alles erlauben: das Gute wie das Böse. Das Böse wird von Gott gut geheißen, weil es aus Glauben geschah. Ein Frommer kann ein Inquisitor oder SS-Mann sein: wenn er wirklich glaubt, bewertet Gott sein gesamtes Tun als heilig.

Die Griechen legten auf Gesinnungserforschung weniger Wert. Da moralische Taten auf Erkenntnis des Guten beruhten, schlussfolgerten sie umgekehrt wie die Christen: von außen nach innen. War die Tat moralisch, muss die Gesinnung auch gut gewesen sein. Schlechte Gesinnungen bringen nämlich keine guten Früchte. Sag mir, wie du handelst, und ich nenne dir deine Motive.

Gute Taten ablehnen, weil die Welt nicht vollkommen ist? Weber muss von rationaler Moral nichts verstanden haben. Moral braucht man, weil die Welt nicht vollkommen ist und man sie verbessern will. Das sokratische Motto: besser Unrecht erleiden als Unrecht tun, kann jeder Kraftprotz für Unsinn erklären. Wenn aber die Summa der Unmoral in der Welt nicht reduziert wird, kann es keine Verbesserung geben.

Gesinnung war für Griechen genauso uninteressant wie der Begriff Willen. Erst Aristoteles begann, den Willen zu betonen, weil er der moralischen Erkenntnisfähigkeit des Menschen nicht mehr recht traute. Erkennen: gut und schön, doch seinen „sündigen Adam“ müsse man erst überwinden, um ein guter Mensch zu werden. Sokrates hingegen war ein unverbesserlicher Vernünftler: hat der Mensch das Gute erkannt, wird er es auch tun. Tut er es nicht, hat er es nicht erkannt. Der Wille ist kein Erkenntnisinstrument.

Erst in der Scholastik kam der Wille zur modernen Bedeutung, weil Gott an seine eigenen Gebote nicht gebunden war. Einmal konnte er Gutes tun, ein andermal Böses. Warum? Aus irrationalem Willen. Der Wille wurde zum chaotischen Motivator der Moderne und mündete in Nietzsches Willen zur Macht.

Wie kann man Max Weber als Vorbild eines Demokraten nehmen?

„Die Demokratie da, wo sie hingehört. Wissenschaftliche Schulung aber, wie wir sie nach der Tradition deutscher Universitäten treiben sollen, ist eine geistesaristokratische Angelegenheit, das sollten wir uns nicht verhehlen.“

Politiker wollen auch rational vorgehen – sonst könnten sie keine Virologen beurteilen. Sollten Drosten & Co etwa Max Weber gelesen haben, weil sie auftraten wie Geistesaristokraten, denen Laien nicht das Wasser reichen können? Selbst unter Halbgöttern scheint es gewaltige Rangunterschiede zu geben. Drosten wies Kekules Kritik mit dem „Argument“ zurück, jener solle schweigen, er habe keine wissenschaftliche Bedeutung und könne keine eigenen Studien vorweisen.

Wie kann man Weber als Vorbild eines Demokraten nehmen, der das cäsaristische Prinzip vertrat? Die Weimarer Verfassung, die Weber entwarf, stutzte die Macht der Parteien, von denen er nicht viel hielt. Stattdessen gab er dem Reichspräsidenten ein gerüttelt Maß an Macht. Was Reichspräsident Hindenburg mit dieser Macht anstellte, hat die deutsche Geschichte beeinflusst – ins Schreckliche.

Wie kann man Weber als Demokraten preisen, wenn Demokraten ihr Programm mit Argumenten unters Volk bringen sollen? Bei Weber undenkbar: etwas könne wahr sein, obgleich es weder schön, noch heilig oder gut sein muss.

„Wie man es machen will, „wissenschaftlich“ zu entscheiden, zwischen dem Wert der französischen und deutschen Kultur, weiß ich nicht. Hier streiten eben auch verschiedene Götter miteinander, und zwar für alle Zeit. Und über diesen Göttern und in ihrem Kampf waltet das Schicksal, aber ganz bestimmt keine Wissenschaft.“

Weber zerfetzt die Voraussetzung aller Demokratie: die gemeinsame Sprache, mit der gestritten werden kann. Er nimmt bereits die Postmoderne vorweg: jeder hat seine subjektive Wahrheit, objektive Wahrheiten sind Illusionen.

Und wo bleibt die Entzauberung der Welt?

„Die alten vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf.“

Die Dämonen sind wieder auferstanden und treiben ihr Unwesen in Form von Technik und Naturverwüstung. Wir aber glauben immer noch, völlig rational zu handeln, wenn wir mit Mathematik die Welt zerstören.

Gibt es heute einen einzigen Politiker, der Verantwortung übernimmt für sein Tun? Von Verantwortung schwatzen sie gern – kleben aber hartnäckig an ihrer Macht. Die oberste Verantwortliche der deutschen Politik scheint überhaupt keine Fehlleistungen zu kennen. Im Gegenteil: die Woge der Zustimmung tilgt alles Versagen. Komplexe Vorgänge kennen keine Schuldigen. Weder vor Gericht, noch in der Politik.

Welche Konsequenzen müssten die Politiker ziehen, welche Strafe auf sich nehmen, wenn sie endlich erkennen würden, dass ihre bodenlose Fahrlässigkeit das Überleben der Gattung ruiniert?

Die deutsche Symbiose ist eine Schuldvergebungs-Symbiose. Deutschland hat Verantwortung und Schuld abgeschafft. Nun muss es sich neu erfinden. Amerika geht – die Kanzlerin verabschiedet sich.

Der Versuch Kurbjuweits, mit Hilfe Max Webers den Charakter des Finanzministers, mit Hilfe des Finanzministers die Weber‘schen Begriffe zu erhellen, muss als gescheitert betrachtet werden. Begriffe, die nirgendwo erklärt werden, können nichts erklären.

Deutschland ist führungslos: eine Chance für autonome Demokraten.

Fortsetzung folgt.