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Tanz des Aufruhrs LXXIII

Tanz des Aufruhrs LXXIII,

acht Minuten und 46 Sekunden. Solange wurde ein Mensch zu Tode gequält.

Acht Minuten und 46 Sekunden. Solange schwiegen die Trauernden am Sarg des Opfers.

Acht Minuten und 46 Sekunden: im Schweigen begann die Umkehr Amerikas.

America first? Vorbei. Überall auf der Welt lärmten die Straßen von Mitfühlenden und Zornigen, die dem aufwachenden Amerika die Hände reichten. Ex-Präsidenten und Generäle eilten herbei, dem Rasenden die rote Karte zu zeigen, der sich von Soldaten den Weg räumen ließ zur ecclesia triumphans, um der Welt das Zeichen des SIEGS entgegenzustrecken: die biblia apocalypsis.

Im Zeichen des Kreuzes begannen die mittelalterlichen Glaubenskriege gegen die Heiden. Im Zeichen des Kreuzes signalisiert ein Besessener, dass er seinen Kampf gegen die Welt des Antichrists blindwütig fortsetzen will. Antichrist ist alles, was vom Himmel verworfen ist – aber so tut, als sei es der wahre Gott.

Trump muss den Seinen beweisen: nicht er ist der Antichrist, sondern derjenige, der sich jenem entgegenstellen wird. Sind … … Christ und Antichrist so verwechselbar?

„Lasset euch niemand verführen in keinerlei Weise; denn er kommt nicht, es sei denn, daß zuvor der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde, das Kind des Verderbens, der da ist der Widersacher und sich überhebt über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, also daß er sich setzt in den Tempel Gottes als ein Gott und gibt sich aus, er sei Gott.“

„Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt. Kinder, ihr seid von Gott und habt jene überwunden; denn der in euch ist, ist größer als der, der in der Welt ist. Sie sind von der Welt; darum reden sie, wie die Welt redet, und die Welt hört sie. Wir sind von Gott, und wer Gott erkennt, der hört uns; wer nicht von Gott ist, der hört uns nicht. Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und den Geist des Irrtums.“

Drum prüfet die Geister. Die größten Widersacher ähneln sich. Nicht leicht, den Betrüger vom Original zu unterscheiden. Der Betrüger ist Imitator des Originals. Heiden und Gottlose sind nicht das Problem; an ihrem schamlosen Geplärr sind sie leicht zu erkennen. Problematisch sind jene, die sich heiliger geben als der Heilige, christlicher als Christus.

Eine Verständigung zwischen Frommen und Ungläubigen gibt es nicht. Sie sprechen völlig unterschiedliche Sprachen. Einen gemeinsamen Logos gib es so wenig wie eine Übersetzung der einen Sprache in die andere. Die von Gott sind, haben ihre Widersacher jetzt schon im Griff. Wahrheit und Irrtum sind keine Erkenntnisangelegenheiten, sondern Parteinahmen. In welche Kohorte du hineingeboren bist, deren Sprache sprichst du, deren Wahrheit vertrittst du. Die Geschichte ist längst entschieden. Die Wahrheit aber bleibt unter der Decke, bis das Letzte Gericht alles enthüllen wird.

„Dass in dem Auftreten antichristlicher Gestalten die Strukturen des Christus-Geschehens in eigentümlicher Verzerrung wiederkehren, macht ihre verwirrende und selbst für die Christenheit versucherische Bedeutung aus. Der Antichrist ist nur das äffische Gegenbild Jesu Christi und besteht nur durch die Geduld des Herrn. Er ist schon gerichtet, auch wenn er zu siegen scheint. Die Leiden aber, die antichristliche Gewalt über die Glaubenden bringt, sind Auszeichnungen, durch die Gott die Seinen gleichförmig macht dem leidenden Christus. Darum sind diese Leiden Anlass zu Freude und Zeichen des Auferstehungssieges.“ (RGG 3)

„Wenn dann jemand zu euch sagt: Seht, hier ist der Messias!, oder: Seht, dort ist er!, so glaubt es nicht! Denn es wird mancher falsche Messias und mancher falsche Prophet auftreten und sie werden Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, die Auserwählten irrezuführen. Ihr aber, seht euch vor! Ich habe euch alles vorausgesagt.“

Die Auserwählten dürfen sich nicht in Sicherheit wiegen. Sie müssen wachsam sein wie Schießhunde und ständig prüfen, ob Gott hinter einer Sache steckt oder sein Imitator. Der unvergleichliche Gott besitzt Konkurrenten, die ihm mühelos die Show stehlen können.

Hier stehen wir an der Urquelle des endzeitlichen Sensationismus. So viel Unerhörtes geschieht in der Welt, dass immer geprüft werden muss: ist es echt – oder kann es weg? Gottes Finger – oder Boulevard? Heilsgeschehen – oder teuflisches Allotria? Deus revelatus – oder Deus absconditus (der offenbare oder der verborgene Gott)?

Wenn die ganze Geschichte eine Offenbarung Gottes ist, wie Hegel behauptet, Gott aber ohne seine teuflische Antithese nichts zustande bringt, dann muss unablässig untersucht werden, ob Göttliches oder Teuflisches, Gutes oder Böses vorliegt – oder beides zusammen in einer unauflösbar-verknoteten Synthese?

Bleibt dennoch der Verdacht: ist die Synthese nur ein fauler Kompromiss aus Heil und Unheil oder eine Versöhnung, in der alle Widersprüche aufgelöst sind?

„Infolge der Informationsgesellschaft und der damit verbundenen Informationsflut ist die Schwelle, an der ein Ereignis zur Sensation wird, sehr hoch geworden. Teilweise können allerdings durch aufdringliche Berichte, die in anderen Medien wieder aufgegriffen werden, Dinge zu einer Sensation gemacht werden, auch wenn ihre Bedeutung dies nicht rechtfertigt, wie sich zum Beispiel in der Boulevardpresse zeigt.“ (Wiki)

Sensationen sind  Ereignisse, die mit Sinnesorganen wahrgenommen werden müssen. Sinnliche Ereignisse können trügen, da Sinne trügen können. Um dem Trug zu entgehen, muss der Mensch dem sinnlichen Schein entgehen – durch Flucht ins Übersinnliche. Jenseits, Überwelt, Himmel oder die Transzendenz werden geboren.

Der Mensch, der sich hienieden unsicher fühlt, da er leicht hinters Licht geführt werden kann, richtet sein Begehren gen Himmel. Jenseits der Sinne, im Übersinnlichen, hofft er wieder zu Hause zu sein.

Der Mensch fühlt sich in der männlichen Hochkultur nicht sicher. Die Erde wird ihm zur Fremde: er fühlt sich entfremdet. Die Erde ist nicht mehr sein Zuhause: er fühlt sich enthaust. Es beginnt die Epoche des entfremdeten, enthausten, des heimatlosen Menschen.

Das war vor zwei- bis dreitausend Jahren. Die Macht des Mannes begann, der sich unvergängliche Gräber und Pyramiden errichten und seinen Leichnam in eine ewige Mumie verwandeln ließ. Die Erde wurde zur Transitstrecke, die man so schnell wie möglich hinter sich lassen musste, um wieder Boden unter den Füßen zu spüren.

In Indien sollte der Mensch so oft wiedergeboren werden, bis er die befreiende Erlösung fand. Das einfache Leben auf Erden zwischen Geburt und Tod wurde hinfällig und minderwertig. Der Blick begann, sich in die Zukunft zu richten.

Gegenwart wurde unerträglich, Vergangenheit zur quälenden Erinnerung. An die Stelle des Schauens nach hinten trat die Hoffnung, der sehnsüchtige Blick in die Zukunft. Endliches und Unendliches trennten sich. Zukunft und Jenseits, Vertreter des Unendlichen, verschmolzen miteinander. Die Beschränkung der Präsenz auf das Diesseits wurde unerträglich und von den Futuristen gelöscht.

Die orientalisch-okzidentale Welt stand vor einer Weggabelung, die bis heute das Schicksal der Moderne bestimmt. Eine Gabelung nicht in zwei, sondern in drei auseinanderstrebende Richtungen.

Die grundlegende Gabelung öffnete sich zwischen Hellas und Judäa. Die Kinder Israels, ursprünglich eine diesseitige Bauernkultur, orientierten sich immer mehr an Ägypten, Babylon und Persien. Ihr nationaler Gott (Henotheismus: der eigene Gott neben anderen Göttern) erweiterte sich zum Monotheismus, zum einzigartigen Gott über die ganze Welt – ohne Konkurrenten neben sich. Die Unsicherheit des Irdischen fand seine Sicherheit (oder Erlösung) im Jenseits. Geschichte wurde zur Heilsgeschichte des eigenen Volkes, Heilsgeschichte dehnte sich bis zum letzten Kapitel der linearen Zeit.

Die Unsicherheit sinnlicher Erkenntnis wurde ersetzt durch den unsinnlichen Glauben an eine Zukunft, auf die man nur hoffen konnte. Glauben und Hoffen wurden Instrumente vorwegnehmenden Vertrauens auf die jenseitige Welt. Das Christentum hatte dem nichts mehr hinzuzufügen – außer dem Messias, der seinem Volk die Gewissheit der alleinigen Auserwähltheit nahm und sie der Welt übermitteln ließ.

Religiöse Globalisierung war eine der ersten Globalisierungen der Geschichte. Sie wandte sich an alle, meinte aber nicht alle, sondern transformierte nationale Erwählung in Erwählung Einzelner aus aller Welt.

Paulus, ein zum Christusglauben bekehrter Saulus, gab dennoch nicht die Hoffnung auf, dass sein Volk gerettet werden könnte:

„Jene aber, sofern sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott vermag sie wieder einzupfropfen. Denn wenn du aus dem Ölbaum, der von Natur aus wild war, abgehauen und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, um wie viel mehr werden die natürlichen Zweige wieder eingepfropft werden in ihren eigenen Ölbaum.“

Juda ist der edle Ölbaum, dem natürliche Zweige abgehauen wurden, damit „wilde“ Zweige (zum Glauben bekehrte Nichtjuden) eingepfropft werden können. Wenn solches möglich ist, wie viel einfacher müsste es dann sein, die abgebrochenen natürlichen Zweige in ihren Ursprungsplatz zurückzupfropfen. Christen sollten nicht hochmütig werden gegenüber Juden, die eine Weile bestraft, dann aber von Gott wieder rehabilitiert werden.

Die Hoffnung auf eine Bekehrung der Juden spielt eine wichtige Rolle in der amerikanischen Politik der Gegenwart. Immer ungeduldiger warten Biblizisten auf den Übertritt der Juden zum Christusglauben – damit der Herr kommen und dem Elend auf Erden ein Ende bereiten könnte.

Wenn sich die Juden aber hartnäckig weigern? Dann könnte das Bündnis aus Bible Belt und Jerusalem in eine Katastrophe münden. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern der verborgene Sprengstoff in der amerikanisch-israelischen Entente.

Ohnehin steuern wir einem möglichen Debakel entgegen. Sollte Joe Biden die Wahl für sich entscheiden, wird er nicht umhin können, den völkerrechtswidrigen „Friedensvertrag“ der Großen Koalition in Jerusalem zu widerrufen. Sollten die Wähler Netanjahus keine Vernunft annehmen, wird ihr Land entweder von Amerika brüskiert – oder Amerika wird selbst gedemütigt, weil Israel sich dem neuen amerikanischen Kurs verweigert.

Der Kurs der Hellenen war ein gespaltener.

a) Die Majorität der Griechen blieb der Erde treu. Den wachsenden Schwierigkeiten sollte begegnet werden durch irdisches Denken und Handeln. Denken war Philosophie, die Selbsterkenntnis des Menschen, der seine Probleme selbst lösen wollte. Gibt es eine Moral, die irdische Unsicherheit in „Meeresstille der Seele“ verwandeln kann? Wie sähe die aus? Darüber stritten die philosophischen Schulen.

b) In einem Punkt war sich die Mehrheit der Griechen einig. Ihre politischen Probleme wollten sie lösen durch Demokratie. Alle waren aufgerufen, ihre subjektiven Standpunkte in öffentlichen Debatten – in der Volksversammlung, auf dem Marktplatz, in den Volksgerichten – einzubringen. Gab es keine Verständigung, musste abgestimmt werden. Streit war am besten geeignet, sich jener objektiven Wahrheit zu nähern, die, im idealen Fall, alle Menschen versöhnen könnte.

Diese griechische Weisheit ist heute fast völlig verloren gegangen. Besonders jene „harten und objektiven“ Tatsachenwissenschaften – auch positivistische genannt –, verleugnen die Fähigkeit des Menschen, sich eine „beweisbare“ Moral auszudenken.

Betrachten wir Popper, der im „Positivismusstreit“ von seinen Frankfurter Gegnern als Positivist attackiert wurde. Das fand Popper so abwegig, dass ihm fast alle Lust auf Streiten verging. Mit oberflächlichen Thesen zog er sich schnell aus dem Spiel. Seine Erklärung:

„Das Schlimmste – die Sünde gegen den heiligen Geist – ist, wenn die Intellektuellen versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als große Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann. […] Was ich oben (Punkt 1) die Sünde gegen den heiligen Geist genannt habe – die Anmaßung des dreiviertel Gebildeten –, das ist das Phrasendreschen, das Vorgeben einer Weisheit, die wir nicht besitzen. Das Kochrezept ist: Tautologien und Trivialitäten gewürzt mit paradoxem Unsinn. Ein anderes Kochrezept ist: Schreibe schwer verständlichen Schwulst und füge von Zeit zu Zeit Trivialitäten hinzu. Das schmeckt dem Leser, der geschmeichelt ist, in einem so ‚tiefen‘ Buch Gedanken zu finden, die er selbst schon mal gedacht hat.“

Das war eine Attacke gegen Adorno und Habermas. Adorno dachte nicht daran, sich klar und deutlich auszudrücken: das war für ihn ein „pöbelnder Jargon der Eigentlichkeit“. Bei Habermas hatte man den Eindruck, dass er gern klarer formuliert hätte, doch ach, seine komplexe Gelehrtenbildung ließ es nicht zu. Geistiger Adel verpflichtet. Wer solchen nicht besitzt, halte sich an Religion. Das ist der Stand der deutschen Aufklärung.

Popper war ein großer Verehrer des Sokrates. Besaß der keine Moral? Der hatte eine der humansten Moralen, die je auf europäischem Boden wuchsen:

„Überzeugt, dass Gutes tun und sich gut befinden, Schlechtes tun und sich schlecht befinden jeweils zusammenfalle, dass niemand, der eine wirkliche Einsicht in das Gute gewonnen habe, absichtlich Böses tue und dass das einzige wirkliche Unglück das Unrechttun sei, schloss er daraus, dass kein schlechter Mensch einem guten einen wirklichen Schaden zufügen könne.
Sein Schüler Platon verwandelte diese Gedanken in das Bild des leidenden Gerechten, der Martern und selbst den Tod am Kreuz auf sich nehmen wird, als absichtlich Unrecht zu begehen. Im Gegensatz zum Recht des Stärkeren, des nach Genuss und Macht strebenden Herrenmenschen.“

Dämmert es, welches Vorbild Jesus hatte? In der übersinnlichen Welt der Religion verwandelte sich der Gemarterte in einen Sohn Gottes, der den Tod auf sich nahm, um durch ein Wunder zum Herrscher des Universums aufzusteigen. Kann ein unsterblicher Sohn Gottes  sterben?

„Der Doketismus (griechisch δοκεῖν dokein „scheinen“) ist eine Lehre, der die Auffassung zugrunde liegt, dass die Materie niedrig und böse sei, und Christus nur einen Scheinleib zuerkennt. So sei Jesus aus doketischer Sicht Gott geblieben, weil seine physische Existenz sein Wesen nicht berührt habe, er also nur zum Schein gelitten habe und gestorben sei.“

Popper beschrieb seine Moral, die er für sokratisch hielt:

„Es ist das Bestreben ungezählter Menschen, sich und ihre Seelen von der Herrschaft der Autorität und des Vorurteils zu befreien, alte und neue Traditionen zu erhalten und fortzuentwickeln, welche ihren Forderungen von Freiheit, Menschlichkeit und vernünftiger Kritik entsprechen, ihre Weigerung, alle Verantwortung für die Lenkung der Welt menschlichen oder übermenschlichen Autoritäten zuzuschieben; ihre Bereitwilligkeit, die Verantwortung für vermeidbares Leid mitzutragen und es nach Möglichkeit zu lindern.“ (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Vorwort)

Eine zweite Beschreibung seiner „sokratischen Moral“ klingt anders:

„Sokrates betone, dass er sich seiner intellektuellen Grenzen bewusst sei. Er sei selbstkritisch und ein Kritiker jedes Jargons. Popper geht deshalb davon aus, dass Sokrates wie er selbst ein Falsifikationist gewesen sei. Nach dem Falsifikationismus unterliegt jede Theorie der möglichen Fehlerhaftigkeit. Es sei unmöglich, auf dem Gebiet der empirischen Wissenschaften die Wahrheit einer Theorie zu beweisen. Die Fehlbarkeit allen Wissens sei anzuerkennen. Wenn man den Beruf des Philosophen ergreife, solle man so sein wie Sokrates. Während Sokrates die Weisheit des Staatsmanns gerade darin erkannt habe, dass er in seinen Ansprüchen äußerst bescheiden sei, habe Platon diese Auffassung auf den Kopf gestellt: Dass der Staatsmann weise sein müsse, bedeute für Platon einen Herrschaftsanspruch. Damit werde Platon zu einem geistigen Wegbereiter des politischen Totalitarismus. Folge man Sokrates, so müsse man Politik nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum betreiben. Es handele sich dann um eine Stückwerk-Technik.“

Kann es sein, dass Popper theoretische Vernunft mit praktischer Vernunft verwechselte? In moralischer Hinsicht war Sokrates nicht im Geringsten demütig oder ignorant. Im Gegenteil: vor Gericht trumpfte er mit Argumenten auf, die von den Richtern nicht widerlegt werden konnten. Er verteidigte sich nicht nur, er griff die Athener frontal an. Sie würden die Demokratie verraten, wenn sie keiner humanen Moral folgten.

Kann das jemanden verwundern, der die mäeutische Kunst des Dialogs studiert hat? Ein Dialog war ein Streit als Wettbewerb um die Wahrheit. Was hätte Demut (Popper verwechselt Bescheidenheit mit Demut) in einem solchen Streit für einen Sinn gehabt? Wenn Mäeutik Hebammenkunst ist, die die Gedanken des Anderen ans Licht bringen soll, wäre „Falsifikation“ nichts als Perversität, den Säugling abzutreiben, anstatt ihn frisch ins Leben zu führen.

Gewiss, kritisch muss man allweil sein. Kritik aber bedeutet nicht nur überführen und entlarven, sondern das Bewährte so lange verteidigen, solange sich keine besseren Argumente einstellen. Wer im Dialog die besseren Argumente hat, könnte Recht haben. Er muss aber nicht. Eines Tages könnte jemand kommen und mit noch exzellenteren Ideen seine Festung einreißen. Damit muss jeder leben. In dieser Hinsicht gilt: nobody is perfect.

Dennoch bleibt es beim Satz: ein überzeugter Demokrat, ein leidenschaftlicher Humanist hat stets die Pflicht, seine Überzeugungen in Wort und Tat zu verteidigen. Hätten die Geschwister Scholl in ihre Flugblätter schreiben sollen: Hitler ist ein Schwerverbrecher – jedem aber, der uns das Gegenteil beweist, sind wir von Herzen dankbar?

Dies heißt keineswegs, dass es keine moralische Selbstüberprüfung gäbe. Es kann lange dauern, bis ein Mensch sich seiner moralischen Grundsätze in Wort und Tat sicher ist. Hier lernt niemand aus. Ein Gesellschaftskritiker wird sich fragen: ist es möglich, dass du als Einzelner recht hast gegen die große Mehrheit?

Aus einem unendlichen Für und Wider wird sich erfahrungsgemäß eine Haltung herausmendeln, die man rational und emotional für richtig hält. Solange Vernunft und Gefühle gegeneinander wüten, kann man mit sich nicht im Reinen sein. Stimmen alle Instanzen überein, ist der Mensch zu sich gekommen. Äußere Beweise der Moral: quantitative, logische oder wissenschaftliche, gibt es nicht. Kann es nicht geben. Was nicht bedeutet, Moral sei willkürliches Herumstochern oder sentimentales Gewäsch.

Popper ist der Moral des Sokrates nicht gerecht geworden. Moral ist ein wesentlich Anderes als eine Hypothese, die man experimentell und mathematisch überprüfen kann. Der Sieg der Naturwissenschaften als Triumph über die Natur hat die Europäer derart in den Bann geschlagen, dass sie alles, was nicht Zahlen und Figuren sind, dem Abfall übergeben.

Poppers demokratische Moral widerspricht zudem seiner Stückwerktechnologie, die jede Utopie als Versuch verdammt, den Himmel auf die Erde zu holen, um die Hölle zu errichten. Menschliches Leid verringern, das kein Almosenverhalten ist wie bei einer deutschen Kanzlerin ist, muss eine gesamtpolitische Vision entwickeln, um systematisches Leid systematisch einzudämmen.

Mit einem Donnerschlag geht das nicht, schon gar nicht mit Gewalt. Solches wäre der verzweifelte Faschismus Platons. Wenn Stückwerktechnologie bedeutet: besinnungslos einmal nach rechts, einmal nach links, einmal in den Himmel, dann wäre Technologie ein Irrentanz.

Popper ließ sich vom paulinischen Stückwerk inspirieren:

„Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.“

Popper tut just das, was er verbietet: er geht beim „Himmel“ in die Lehre und folgt dessen Weisung: keine Utopie, keine Werkgerechtigkeit, keine irdische Autonomie!!! Der Mensch ist ein Versager und bleibt für immer unfähig, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Genau dies hatte Popper von seiner demokratischen Moral gefordert (s. o.). Wie kann man Verantwortung übernehmen, wenn man Verantwortung übernehmen für eine faschismusverdächtige Moral hält?

Im Übrigen ist jede Moral faschismusfähig, gleichgültig, welche Forderungen sie stellt. Denn Faschismus ist Beglückung durch Gewalt. Glück kann alles sein, alles kann durch Gewalt erzwungen werden. Was wäre Zwangsbeglückung am Ballermann? Eine Zwangsbeglückung. Selbst wenn der Zwang nur darin bestünde, die Menschen zum Saufen und Huren zu nötigen.

Dass Poppers Fehlleistungen sich tatsächlich dem Positivismus näherten, kann man an seinem deutschen Schüler Hans Albert studieren, der über Moral schrieb:

„Alle Sicherheiten in der Erkenntnis sind selbstfabriziert und damit für die Erfassung der Wirklichkeit wertlos.“

Mündiges Erkennen ist immer selbst-fabriziert oder mit dem griechischen Fremdwort: autonom. Auch Moral ist Erkennen, wenn auch kein naturwissenschaftliches.

Kein Zufall, dass Positivisten jegliche Moral zur Strecke bringen, aber auf die Frage: ja, was denn nu? gefährlich verstummen. Gefährlich, weil keine Antwort immer eine Antwort ist. Wer die herrschenden Verhältnisse nicht in Frage stellt, hat sie abgesegnet. Selbiges gilt auch für jene vornehmen „Skeptiker“, die lieber den Henker walten lassen als sich ihm entgegenzustellen.

Auch Medien sind Positivisten, die jedes Gut oder Böse ablehnen, weil es ihrem moralischen Niveau widerspricht. Dem Niveau, sich aus allem herauszuhalten. Schreiben, was ist – ist eine Selbsttäuschung. Denn kein Ist ist stabil und unveränderlich, es verändert sich permanent zum Guten oder Schlechten. Natur, wie sie heute ist, hat sich morgen verändert. Der Mensch selbst verändert die Natur permanent ins Schlechtere.

Einer der wichtigsten Denker des Positivismus ist Wittgenstein:

„Wissenschaft kann in keiner Weise dem menschlichen Leben eine gesicherte Grundlage geben. Ethik lässt sich nicht aussprechen; die Dinge, die für das menschliche Leben am wichtigsten sind, sind inkommunikabel. „Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen.“ (zit. bei Kurt von Fritz, Grundprobleme der Geschichte der antiken Wissenschaft)

Auch Max Webers Eintreten für Wertfreiheit, gegen moralisches Engagement in der Wissenschaft, war ein positivistischer Akt. Weber sprach zwar nur gegen moralische Bevormundung der Studenten in der akademischen Vorlesung, doch seine Worte wurden generalisiert:

„Es könne „niemals Aufgabe einer Erfahrungswissenschaft sein […], bindende Normen und Ideale zu ermitteln, um daraus für die Praxis Rezepte ableiten zu können.“ „Die Schaffung eines praktischen Generalnenners für unsere [gesellschaftlichen bzw. politischen] Probleme in Gestalt allgemein gültiger letzter Ideale […] wäre als solche nicht nur etwa praktisch unlösbar, sondern in sich widersinnig.“

In jedem Menschen stecke ein Dämon, der mit dem Dämon seines Nächsten unvereinbar wäre. Max Weber wurde in der Nachkriegszeit zum Vorbild der jungen Demokratie erhoben.

Wenn es keine moralischen Argumente gibt: könnten wir dann unbenommen und willkürlich Anhänger Gandhis und Hitlers werden? Kein Wunder, dass der Rechtspositivist Kelsen – privat ein Demokrat – keine Probleme hatte, seine „Reine Lehre“ als nationalsozialistisch-kompatibel zu beschreiben:

Noch im Jahre 1963 bekannte Kelsen: „Vom Standpunkt der Rechtswissenschaft ist das Recht unter der Nazi-Herrschaft ein Recht. Wir können es bedauern, aber wir können nicht leugnen, dass das Recht war. … Wir können es verabscheuen, so wie wir eine Giftschlange verabscheuen, wir können aber nicht leugnen, dass es existiert. Das heißt, dass es gilt.“ (zit. in Schlüter, Gustav Radbruchs Rechtsphilosophie und Hans Kelsens Reine Rechtslehre. Ein Vergleich)

Gustav Radbruch, scharfer Kritiker Kelsens, erwiderte:

„Diese Auffassung vom Gesetz und seiner Geltung (wir nennen sie positivistische Lehre) hat die Juristen wie das Volk wehrlos gemacht gegen noch so willkürliche, noch so grausame, noch so verbrecherische Gesetze. Sie setzt letzten Endes das Recht der Macht gleich, nur wo Macht ist, ist das Recht.“ (zit. in Hayek, Die Verfassung der Freiheit)

Positivisten sprechen vom naturalistischen Fehlschluss. Der Natur, wie sie ist, lässt sich kein moralisches Sollen entlocken. Das ist eine Absage an das Naturrecht der Stoiker, die Natur und Vernunft für identisch hielten.

Jetzt müssten wir klären, was Natur ist. Wenn ich einen Kieselstein befrage, ob ich meinem Nachbarn helfen oder ihm den Schädel einschlagen soll, wird er so unhöflich sein und mir jede Antwort verweigern. Da steh ich nun, ich armer Tor. Dasselbe bei allen Tieren und Pflanzen. Wenn ich aber – auweia – bei Menschen nachfragen würde …? Sind denn Menschen Naturwesen – oder haben sie Geist, der sie über die Natur erhebt?

Auch der Mensch ist Natur. Wenn er seinen Geist befragt, befragt er die Natur. Die Stimme der Natur ist Vernunft. Natur ist nicht blindwütiger Darwinismus. Jedes Lebewesen hat das Recht, seine eigene geistige Natur zu entwickeln und zum Sprechen zu bringen.

c) Bei den Griechen führte das zu zweierlei Naturrechten: dem Naturrecht der Starken (Kelsens Reiner Lehre vergleichbar) und dem Naturrecht der Schwachen, der Position Radbruchs vergleichbar.

Der Kampf zwischen den beiden Naturrechten war heftig und erschütterte die Grundlagen der athenischen Polis. Dass die Starken und Schwachen es nicht schafften, sich zu verständigen, war ein Hauptgrund für den Zerfall der Demokratie. Der andere Grund war die militärische Überlegenheit beutegieriger Großmächte.

Die Starken wurden, willentlich oder nicht, unterstützt von Platons sinnenfeindlicher Flucht ins Jenseitige. An diesem Punkt war Platon kein typischer Grieche mehr. Sein Jenseitsdrang stammte aus orphischen und pythagoreischen Religionsgruppen, die den Dualismus aus anderen Ländern importiert hatten.

Nach seinem Syrakus-Abenteuer enthielt sich Platon aller politischen Betätigung und floh ins Jenseits-Vollkommene. Diese Flucht war ein Verrat an der Polis. Sein demokratie-feindliches Motto war: entweder vollkommene – oder keine Moral. Er entschied sich für die vollkommene, die nur durch Zwangsbeglückung möglich war. Hier ist Poppers Urteil unanfechtbar: das war europäischer Urfaschismus auf philosophischem Grund.

Platons Flucht ins Jenseits wurde vom Christentum übernommen und ausgeweitet zur religiösen Theokratie, der es gelang, Europa und die Welt zu überfluten. Trump ist dabei, die amerikanische Demokratie in eine Theokratie zurückzuverwandeln.

Acht Minuten und 46 Sekunden: dass ein Mensch der Gegenwart durch einen Vertreter des Rechts kaltblütig in aller Öffentlichkeit hingerichtet werden kann, ist das Ergebnis einer mehr als tausend-jährigen Geschichte, die es, trotz vieler Fortschritte, nicht schaffte, Recht und Humanität unlösbar miteinander zu verbinden.

Und dennoch: es tut sich was.

Fortsetzung folgt.