Kategorien
Tagesmail

Tanz des Aufruhrs LXXII

Tanz des Aufruhrs LXXII,

der Untergang der Menschheit ist abgesagt. Es geht weiter.

Sollte sich die Erde als unfähig erweisen, dem Menschen ein unendliches, seiner Exzellenz angemessenes Ausbreitungsrevier zur Verfügung zu stellen, wird er eine Sintflut aus Abfall und Verwesung über den Planeten verbreiten – und sich mit seiner Noah-Arche Falcon Heavy aufmachen in die Tiefen des Universums.

Dann wird es heißen: die Erde war des menschlichen Genies nicht würdig. Schließen wir die Akte der irdischen Geschichte. Beginnen wir ein neues Kapitel des ewig voranpreschenden Abenteurers. Abenteurer sind Menschen, die nichts kennen als die Suche nach dem Advent des Heils.

Elon Musk heißt der neue Moses, der Auserwählten den Weg durch die Wüste des Alls zum neuen gelobten Land auf dem Mars (auf dem es bereits eine Noachis Terra gibt) weisen wird.

Auf dem Mars wird Elon den beiden Testamenten das Dritte Testament hinzufügen, das mit den Worten beginnen wird:

Am dritten Anfang stand Elons Traum. Der Traum ward Realität. Und die Realität hieß Mars. Die Menschheit schien am Ende. Doch Elon erkannte: das Scheitern des Menschen war seine Chance. Die Chance … … des dritten Neubeginns. Aller vollkommenen Dinge sind drei.

Und Elon sprach vom Berge herab: Höret, Marsianer, ihr seid das neue Geschlecht. Alles Alte haben wir hinter uns gelassen. Schaut nicht zurück auf Sodom und Gomorrha, die Pestbeulen der Erde, die ihr entsetzliches Geschick verdient haben.

Schauen wir nach vorn. Vergangenheit haben wir überwunden. Gegenwart trägt uns sicher in die Zukunft – wenn wir an unsere Mission glauben. Das Erste und das Zweite waren Versuche. Das Dritte wird die Epoche der Fülle sein – und wir sind Erben der Erfüllung. Für uns gilt der Satz: „Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.“

Im ersten Stadium herrschten Mühe und Arbeit, im zweiten Fortschritt und Verfall, im dritten werden Freude und Vollendung sein. Und wir, Marsianer, werden das dritte Geschlecht sein.

Ich bin nicht euer Heiland. Ich bin ein Mensch, dessen Leiden und Fehler den Großen Traum erst möglich machten.

Hört die Stimme eines Weisen aus Deutschland, der mich erkannt hat:

„Lieber Elon Musk,
Längst müsste man Ihnen den Nobelpreis für Träume geben. Sie wären ein Kandidat. Ich würde es so begründen. Kind geschiedener Eltern, Computer-­Nerd, Sonderling, in der Schule gemobbt, verprügelt, die Treppe heruntergeworfen, im Krankenhaus. Wovon kann so ein Junge träumen? ­Entweder er träumt nichts und dann ist er ­eine Null. Oder er träumt wie Elon Musk. Elon Musk träumt von einer ­besseren Welt. Er ist ein kleiner Junge, der glaubt, dass bei den Sternen, hoch oben, das Glück ist. Elon Musk ist der Kolumbus unserer Zeit, ein Visionär. Er will auf dem Mars begraben werden. Er will, dass der Mars und der Mond unsere neuen Heimaten werden, wenn unsere Erde unbewohnbar wird.“ (BILD.de)

Gott wirkt in jenen, die sich den Sieg durch Leiden verdient haben. Wenn ihr eure Kinder nicht in Schmerzen erzieht, werden sie nichts Großes vollbringen. Das ist meine Botschaft an Euch. Ich bin sicher, hier, auf dem Boden der dritten Verheißung, werdet ihr sie nicht zurückweisen. Schlagen wir ein neues Kapitel der Krone der Schöpfung auf.

Habt keine Angst: einen Sündenfall wird es nicht geben. Einen Baum der Erkenntnis werdet ihr vergeblich suchen: Bäume, die uns in ihr Schattenreich einladen, gibt es hier – noch – nicht. Alles, was uns das Leben erleichtert, werden wir selber erfinden und herstellen müssen.

Wir werden sein, was wir tun werden. Wir werden erkennen, was wir erfunden – und werden beherrschen, was wir erkannt haben. Erkennen, erfinden, beherrschen: das ist die Trinität unseres Tuns.

Und nun sage ich euch: fangt an! Seid fruchtbar, mehret euch und macht euch den Mars untertan. Wir müssen ein großes und starkes Volk werden. Jeder Tag, den wir hier leben, soll eine gloriole Geschichte unseres Tagebuchs werden, das wir in ein Drittes Testament verzaubern wollen.

Und dann geschah es, das Unerklärliche. Versteckt in den letzten Sätzen Musks, schlupfte der dämonische Virus, mit dessen Hartnäckigkeit niemand gerechnet hatte, in das sündenreine neue Terrain. Waren die Marsianer doch felsenfest überzeugt, sie hätten die Vergangenheit hinter sich gelassen.  

Das war der Beginn des dritten und letzten Untergangs: ein herrschsüchtiges Wesen kann nicht in Eintracht leben mit der Natur, die es ausbeuten und unterdrücken will.

Und Elon wurde zum Verführer, der die Menschheit endgültig ins Verderben riss.

Zudem war ihm entgangen, dass seine deutschen Anbeter ihn aufgegeben hatten:

„Lieber Elon Musk, ich will nicht auf dem Mars leben. Ich will nicht in einer Rakete dahin fliegen. Ich mag meine Erde. Die Flüsse, die Täler, die Berge.“

So waren sie, die Deutschen, die vor Zeiten selbst Messiasse der Welt werden wollten. Sie wollten nicht wahrhaben, dass Erlösen ein anderes Wort ist für – Zerstören. Nur, was nicht vorhanden ist, ruhet in Frieden.

Auf hohe Kuppeln pflanzten sie Kreuze – und distanzierten sich von ihnen. Geniale bewunderten sie als Retter und Erlöser – und gingen auf Distanz. Sie nannten sich Christen – und belächelten die, die an den Untergang der Menschheit glaubten.

Gegen Ungläubige fühlten sie sich gläubig, gegen Gläubige aufgeklärt. Was sie waren, waren sie nicht; was sie nicht waren, darauf legten sie Wert. Ein merkwürdiges Volk, das nicht wusste, was es war und sein wollte. Und nicht mal wusste, dass es dies nicht wusste.

Dabei war BILD-Wagner ein Bewunderer der Amerikaner – gewesen.

„Amerika, du brichst mir mein Herz. Das Amerika, das ich liebte, gibt es nicht mehr. Mein Amerika begann mit Glenn Miller, meine Eltern tanzten mit diesem schönen Swing. Danach kam Frank Sinatra. Alle verfielen seiner Stimme. Janis Joplin, Jimi Hendrix. Ich liebe das Amerika der Künstler. Das Amerika heute ist mir so fremd wie die Hölle“. (BILD.de)

Vom Himmel zur Hölle: das ist der gewöhnliche Bildungsgang eines Deutschen, der etwas auf sich hält. Auf ihn trifft zu, wovor Hayek und Popper warnten: Wer den Himmel auf Erden errichten will, erhält eine Hölle.

BILD-Wagner und Ex-Kanzler Schröder sind vom gleichen Holz, beide bewundern Sinatra. Weshalb Schröder nur die Glotze und BILD brauchte, um die Deutschen um den Finger zu wickeln. Was amerikanisch war, war unübertrefflich.

Man kann verstehen, wenn Befreite ihre Befreier vergöttern. Doch den Deutschen ging‘s nicht um Freiheit. Es ging ihnen um Macht und Glamour. Kaum hatte sich ihr Führer aus dem Staub gemacht, hatten sie ihn aus ihrem Gemüt entfernt: Leichen kann man nicht bewundern. Ja, wenn er am dritten Tage auferstanden wäre.

Als Klaus Mann nach Kriegsende in amerikanischer Uniform in seine Heimatstadt München zurückkehrte, wunderte er sich, dass die Deutschen, mit denen er aufgewachsen war, keine Vergangenheit mehr kannten. Über Nacht hatten sie sich neu erfunden.

Ab jetzt war Amerika Leitstern am Horizont. Amerikaner genossen es, die Vorbilder der Deutschen zu sein. Doch irgendwann nützt sich alles ab, wenn es nicht erneuert wird. Als die Neue Welt die Last des Vorbildseins nicht mehr ertrug und ihr Image: Vater ist der Beste und Mutter die Allerbeste, abwarf, als aus Kriegssozialisten wieder Friedenskapitalisten wurden: was taten die Deutschen, die sozialen Marktwirtschaftler? Warfen über Nacht ihr altmodisches Gutmenschentum weg und übernahmen die Parolen der zukünftigen Milliardäre und technischen Weltbeglücker.

Wie apart, dass es Sozialdemokraten und Grüne waren, die ihren Arbeitsplatzverlierern, pardon, ihren Faulenzern, das Malochen wieder beibringen wollten, um das Vaterland auf Vordermann zu bringen. Auch hier dasselbe Spiel wie bei Kuppelkreuzen und Weltraumerlösern: sie übernahmen – aus keinem anderen Grund als dem des Erfolgs – Hayeks und Milton Friedmans Parolen, ohne sie allerdings zu verstehen.

Denn in Deutschland erklang nur die Parole: Leistung muss sich wieder lohnen. Da hätte Hayek sich auf die Schenkel geklopft: der Markt soll gerecht sein, weil ein deutscher Spießer sich das vorstellt?
Lieber Otto Graf Lambsdorff: der Markt übersteigt deutsches Fassungsvermögen wie Gott dein sterbliches Gehirn. Schon was von Tertullian gehört: an den Markt sollst du glauben, nicht obgleich, sondern weil er absurd ist?

Das wäre ökonomisierte Gegenaufklärung. Sagen wir so: Aufklärung herrscht, wenn der Mensch eingebildet genug ist, mit Hilfe seiner Vernunft die im Argen liegende Welt zu verstehen und zu lenken. Gegenaufklärung ist, wenn der Mensch sich zu schwach fühlt, um sein Geschick in die eigenen Hände zu nehmen. Was auf ihn zukommt, über ihn hinweg rollt, ihn unter sich begräbt: das alles übersteigt sein theoretisches Auffassungsvermögen wie seine praktische Vernunft.

Zuerst wollten die Amerikaner den Garten Eden auf Erden. Diesem Traum kamen sie am nächsten, als sie die deutschen Völkerverbrecher besiegten und den Befreiten wohlwollende Pädagogen wurden. Als ihre Weltmacht zu bröckeln begann, andere Staaten zu gefährlichen Konkurrenten heranwuchsen, suchten sie den Garten Eden im Weltraum. Sollte das misslingen (es wird todsicher misslingen), werden sie es mit Unsterblichkeit versuchen. Ein Eskapismusversuch nach dem anderen, um sich ja nicht einzugestehen, dass menschliche Probleme nur menschlich gelöst werden können.

Was unterscheidet Musks Träumereien von Verschwörungstheorien? Nichts. Sie sind so ungeheuerlich und irrational, dass normale Verschwörungstheorien vergleichsweise Ammenmärchen sind. Zugleich gehören sie zum eisernen Bestandteil des modernen Credo: Ich glaube, dass der Fortschritt die Menschheit in eine phantastische Zukunft führen wird.

Musks Pläne bedeuten: Menschen, hört auf mit euren Versuchen, das Überleben der Menschheit auf Erden sichern zu wollen. Das bringt nichts, wir müssen die Erde sich selbst überlassen. Unsere Zukunft ist im All – nicht für alle, sondern nur für eine Handvoll Menschen, die reich oder technisch genial sind. Nichts für 99, 9% der Menschheit. Das ist religiöse Selektion oder Triage in technischer Perfektion.

Und wie reagierte die Menschheit auf Musk? Sie applaudierte. Fast alle deutschen Medien jubelten. Widerstand gilt als Technik-Feindschaft. Keine Verschwörungstheorie über Bill Gates kann wahnwitziger sein.

Die Menschheit ist gespalten in jene, die das Klima retten wollen durch Umstellen ihres Lebensstils – und jenen, die alles beim Alten belassen wollen, weil es ohnehin nicht zu retten ist.

Musks Flucht ins All gehört zum Repertoire der modernen Selbstverherrlichung, die seit Francis Bacon aus zwei Prinzipien besteht:

a) „aus dem Prinzip: der Mensch soll nicht nur versuchen, alles zu erkennen, was er erkennen kann, sondern auch alles zu machen und herzustellen, was er herstellen kann, und:
b) dem Prinzip des „Fortschritts“, das im Laufe der Zeit eine solche Geltung erhielt, dass es in fast allen Teilen der Welt zum alleinigen Kriterium wurde, ganz gleich, in welche Richtung der Fortschritt geht, sodass es ausreicht, jede Kritik am Fortschritt als rückständig zu bezeichnen, ohne dass andere Kriterien zugelassen werden.“ (Kurt von Fritz: Grundprobleme der Geschichte der antiken Wissenschaft)

Sollte der Althistoriker Recht haben, wäre die Menschheit mit ihrem Fortschritts-Wahn, der alle Probleme ganz nebenbei lösen wird, auf der Bahn des Verderbens. Musk will der Menschheit suggerieren: hört auf mit euren lächerlichen Klimarettungsplänen. Hört auf mich: die Menschheit besitzt nur eine Chance: durch Flucht.
Die Menschheit? Ganz sicher nicht, nur wenige Auserwählte. Der gigantische Rest wird untergehen.

Dieser Vorschlag wird von den Eliten beklatscht. Wissen sie doch, dass sie zu jenen gehören, die die höchste Rettungschance besitzen.

Diese Idee ist an menschenfeindlichem Sarkasmus durch keine bisherige Ideologie zu überbieten. Sie beweist, dass Wissenschaft vor nichts zurückschreckt, was Erfolg verspricht, auch wenn der Erfolg auf Kosten vieler Menschen geschieht. Würde man die vielen Gelder und die wissenschaftliche Kompetenz, die dort für Nonsens eingesetzt werden, der Klimarettung zur Verfügung stellen, wären wir viele Schritte weiter.

Wenn Musk verspricht, sein Mars-Projekt werde den Untergang der Menschheit beenden, wird er die Apokalypse irreversibel festschreiben. Alle, die ihm applaudieren, gehören zur suizidalen Weltelite, die es mit der ökologischen Frage nicht ernst meint.

 (Von höheren Mächten unterbrochen – wird fortgesetzt)