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Tanz des Aufruhrs LXX

Tanz des Aufruhrs LXX,

Wird Corona die Welt ändern?

„Die Geschenke für die Gescheiterten schwächen die Erfolgreichen.“ (WELT.de)

Herr Professor dachte an Firmen, die vor Corona pleite waren und jetzt, im allgemeinen Trubel des Geldsegens, sich noch schnell ans Ufer retten wollen. Auf Kosten aller anderen.

Vermutlich hätte er nichts dagegen, wenn man seinen Satz verallgemeinerte: die Schwachen müssen weichen, die Starken zu Herrn der Erde werden. Sie sorgen für Arbeitsplätze und Wohlstand. Schwache sind Parasiten, die die Starken melken. In Krisenzeiten müssen sie schauen, wo sie bleiben. Hier beginnt das Hauen und Stechen von jedem gegen jeden.

Straubhaars Vordenker Hayek hatte weniger Hemmungen, das Notwendige zu sagen. Im Kampf des Überlebens hilft kein Mitleid, keine Fürsorge.

„Es gibt sogenannte angeborene Moralvorstellungen unserer Instinkte (Solidarität, Altruismus, Gruppenentscheidungen), deren Niederschlag im praktischen Leben nicht ausreicht, um unsere erweiterte Ordnung und deren Bevölkerung zu erhalten.“ (Die verhängnisvolle Anmaßung)

Wir müssen uns den Gesetzen des Marktprozesses ergeben, wenn wir überleben wollen. Das wäre ein … … eindeutiger Beleg für ihre Überlegenheit. Sind Solidarität und Für-einander-eintreten instinktive Moralvorstellungen? Dann hätten die Denker umsonst gestritten, wie man angeborene Eigensucht überwinden kann, um Menschen solidarisch zu erziehen.

Wer eine überlebenstüchtige Welt will, muss Moral als angeborene Schwäche ablehnen und mit erlernter Amoral seine Konkurrenten überflügeln. Sentimentale Natur ist schwach; harte, gnadenlose Vernunft muss sie abschütteln.

Die Überlegenheit des Marktes hat mit Geheimnissen zu tun – die man heute als Verschwörungstheorie bezeichnen würde:

„Die Ausgrenzung des Händlers wird noch verständlicher, wenn man bedenkt, dass die Tätigkeit des Kaufmanns ja wirklich oft geheimnisumwittert ist. „Geschäftsgeheimnisse“ bedeuten, dass manche aus Wissen, über das andere nicht verfügten, Gewinn schlugen – ein Wissen, das umso geheimnisvoller war, als es oft mit fremdländischen, vielleicht sogar abstoßenden Gebräuchen zu tun hatte. Ex nihilo nihil fit, mag kein Teil des Wissenschaftskanons mehr sein (siehe Popper). Tätigkeiten, die dem vorhandenen Reichtum „aus nichts“ etwas hinzuzufügen scheinen, ohne ersichtliche Neuschöpfung, sondern durch bloße Neuordnung von Vorhandenem, kommen in den Geruch der Zauberei.“ (Hayek, ebenda).

Nähern wir uns den Urquellen der Verschwörungstheorien. Nihil sine causa, nichts ohne Ursache, war die Grundlage der abendländischen Vernunft als Vorbedingung berechenbarer Natur, die keine Geheimnisse um ihrer selber willen kennt.

Diese Grundlage wird vom Neoliberalismus gekapert – zugunsten des christlichen Prinzips: creatio ex nihilo, aus Nichts kann der Mensch alles nach Belieben schaffen. Auch Wirtschaft und Geld.

In ihrem Buch „Der Sieg des Kapitals“ schreibt Ulrike Herrmann über das Geld:

„Doch so alt und so alltäglich Geld ist – es bleibt rätselhaft. Das zeigt sich schon daran, dass keine klare Definition existiert. Stattdessen werden Geldmengen kreiert, die jede Zentralbank festlegt. Geld ist ein soziales Konstrukt. Geld ist, was als Geld akzeptiert wird. Die ersten Kaufleute stellten Wechsel aus, ohne dass es ein Grundgeschäft gab. Statt mit Waren zu handeln, schöpften sie gleich Kredit – und damit Geld. Aus dem Nichts war Papiergeld geschöpft worden, das nur auf dem fiktiven Versprechen des Königs beruhte. Die Geldmenge begann zu expandieren, denn mit jedem neuen Kredit wird Geld aus dem Nichts geschöpft. Geld hat keinen Wert an sich, es entsteht durch soziale Übereinkunft. Geld gibt es, weil es gebraucht wird.“

Das klingt fast wie eine Bestätigung von Hayek-Popper: aus Nichts wird etwas. Das alte Prinzip der Kausalität gilt nicht mehr. Geld ist ein Placebo oder Glaube. Wer an Geld glaubt, dem gelingt alles.

„Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt. Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben. Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht. Dir geschehe, wie du geglaubt hast.“

Hier wird der Glaube auf die Spitze getrieben. Nur wer glaubt, kann sein Leben retten. Kern des Lebens oder der Kultur ist der Glauben. Aus Nichts wird, wie durch Zauberei die Welt der Menschheit. Ja, darüber hinaus die ewige Seligkeit. Wer nicht glaubt, der wird verdammt.

Herrmann war mutig genug, die geheimnisvollen Fundamente unserer Ökonomie anzusprechen. Wenn sie im Presseclub diese Thesen vertritt – ist kein Mucks zu hören. Über Grundsätzliches spricht man nicht in den Medien. Prinzipielle Gedanken sind philosophisch, ein ander Wort für peinlich.

Sollte es stimmen, dass die Fundamente unserer Kultur Zauberkunststücke sind, an die man glauben muss, wäre Kultur eine Art babylonischer Turm, der mittlerweilen bis in den Himmel ragt – und bald einstürzen wird. Warum? Weil ihre Erbauer daran glauben.

Wenn Mediziner von Placebos sprechen, schütteln sie sich vor Grauen. Obgleich sie zugeben müssen, dass ohne Glauben an die Medizin die stärksten Pillen nichts bringen. Wer lebensmüde ist, den kann kein Beatmungsgerät retten.

Wie die Deutschen ihren Glauben hüten, ohne ihn zu erwähnen, so sollen die Kranken ihren Glauben an die Medizin im Dunkeln lassen.

Eliten sind der Meinung, dass unsere Kultur eine Glaubenssache ist, die man nicht verstehen kann. Der Pöbel schon gar nicht, die Cleveren aber auch nicht. Sie vermeiden die Wörter Geheimnis oder Verschwörungstheorie, sie sprechen von Komplexität oder Überkomplexität.

Wäre Kultur etwas, was der Mensch, ihr Erfinder, nicht verstünde, wäre sie die Verschwörungstheorie geheimer Mächte. Wen würde es wundern, dass Menschen sich seltsame Kausalitäten ausdächten, um den Schein des Komplexen und Unverständlichen zu durchdringen?

„Reduktion kognitiver Dissonanz“ nennt Leon Festinger das Phänomen des Verstehenwollens des Unverständlichen. Ein neuer Begriff für Uraltes: für das Erkennen der Welt. Schlicht könnte man von Wissenschaft und Philosophie reden.

Dissonanz und Konsonanz bleiben bei Festinger subjektive Einschätzungen. Das genügt nicht. Wer sich der Wahrheit nähern will, muss sich in Einklang setzen mit der Realität, die er objektiv humanisieren will. Wer selbstbewusst seine Meinung vertritt, wird bei seinen Zeitgenossen nicht immer nur Zustimmung ernten. Subjektive Dissonanz in humaner Konsonanz zu ertragen: das wäre Reduktion menschenfeindlicher Dissonanz.

Warum müssen ständig neue Wörter erfunden werden, um bekannte Phänomene zu kennzeichnen? Weil man nicht vom Gestern lernen will. Das ziemt sich nicht für feurige Futuristen. Lernen vom Alten ist Imitieren, Abkupfern.

Moderne Genies lernen, indem sie das Gelernte aus Nichts erfinden. Der menschliche Kopf ist – seit John Locke – eine tabula rasa, eine leere Tafel, auf der nicht das kleinste Wörtchen zu finden ist. Lernen ist Erfinden dessen, was man lernen wollte. Das Ich erkennt nur, was es selbst erfindet und der Natur vorschreibt.

Hätte der Mensch eingeborene Begriffe, so Locke, müssten auch Kinder und behinderte Menschen sie kennen. Tun sie aber nicht. Also ist das der Beweis, dass die leere Schiefertafel des Menschen von außen beschrieben werden muss.

Das war die Erfindung des Computers – anhand des Menschen. Der Mensch ist, wie er von außen geprägt wird. Er wird zur Maschine seiner Umgebung, die ihn nach Belieben programmiert. Der bloße Mensch ist ein Nichts. Ohne Prägung durch Kultur bliebe er ein Nichts. Kinder und geistig Kranke sind Nichtse. Sie haben nichts Menschliches an sich. Sie sind Maschinen, die von der Gesellschaft gelenkt werden.

Eigenartig, dass Locke, Begründer der modernen Demokratie, ein Menschenbild erschafft, das mit Autonomie nichts zu tun hat. Der außengeleitete Mensch wird zur Marionette der Gesellschaft.

Schaut man genauer, kann die Außenlenkung niemanden verwundern. In kleinen Dingen kann der moderne Demokrat mitbestimmen, im Grundsätzlichen bleibt er ein Mietling der rasanten Heilsgeschichte mit Fortschritt, endlosem Wachstum des Wohlstands und unkorrigierbarer Naturzerstörung.

Moderne Kultur ist eine vernunft-übersteigende Zaubergeschichte, die der Mensch nicht beherrscht. Hinter der Maske des Alleskönners verbirgt sich ein ängstliches Wesen, das seine Angst verdrängt und sich vorgaukelt, alles im Griff zu haben. Es fühlt sich als Herr seines Schicksals, dem es sich täglich unterwerfen muss. Das ist das verschwörungstheoretische Unbewusste des Menschen, das in normalen Zeiten ruht, in aufgedrehten Unbewusstseins-Zeiten hingegen entfesselt wird.

Bei Hayek ist der Mensch ein Wesen, das den Markt nicht versteht, dessen Gesetzen er sich aber unterwerfen muss. Seine Moral, auf die er stolz ist, bringt nichts. Würde er sich auf sie verlassen, wäre er morgen tot. Denn ihre – angebliche – Instinktliebe ist ohne kreativen Pfiff und hätte die Menschheit längst verelenden lassen.

Auch Hayek braucht eine rücksichtslose Moral, um die Dinge in Bewegung zu halten. Zudem muss sie vernunftlos sein, denn die Geheimnisse des Marktes übersteigen menschliches Fassungsvermögen. Und erneut sage ich euch: glaubet:

„Der Aberglaube hat der Menschheit einen großen Dienst erwiesen. Er lieferte den Massen ein Motiv – freilich ein verkehrtes – für richtiges Handeln. Es ist sicher besser für die Welt, dass Menschen aus verkehrten Motiven das Richtige tun, als dass sie in bester Absicht das Verkehrte tun. Für die Gesellschaft ist Verhalten wichtig, nicht Meinungen – die zudem verkehrt sind. Nur das Handeln muss gerecht und gut sein, dann kümmert es die anderen keine Deut, ob wir mit unseren Absichten im Irrtum sind.“ (Hayek)

Gut und gerecht sind keine instinktiven Gesinnungseigenschaften, sondern Mechanismen des Marktes. Der Mensch darf nicht seinen „Bauchgefühlen“ folgen, nicht den Regungen der Humanität, sondern nur erbarmungslosen Gesetzen des Marktes.

Christentum pur. Die Schöpfung ist ein Wunder, ihre göttlichen Gesetze sind unbegreiflich: credo, quia absurdum: weil‘s irre ist, glaube ich. Je wirrer die Weltverhältnisse, desto wahrer sind sie. Wir müssen uns keine Sorgen machen, wenn‘s drunter und drüber geht im Weltgetriebe.

Was wir heute erleben, wäre eine Klimax chaotischer Vollendung. Hinter der Fassade des Chaos residiert der Herr der Geschichte und hält alle Fäden des Geschehens in der Hand. Kein Grund zur Beunruhigung. Jetzt verstehen wir, warum die Klimabedrohung uns fast unberührt ließ. Wir trauen unseren Sinnen nicht, hinter dem Schein des Bösen vermuten wir die Welt des Vollkommenen. Wir vermuten nicht nur, wir glauben es.

Metaphysische Verschwörungstheorien: nichts ist, wie es scheint. Das Absurde ist das Geheimnis des Faktischen. Was wir verstehen, ist ein ordinäres Kasperl- und Teufelsspiel. Was unser Verständnis übersteigt, ist das Wahre.

Mit einem Wort: Die zerrissene, marode Welt ist das ens realissimum, das allerwirklichste Sein, das Zentrum göttlicher Schöpfung. Der Gottlose sieht, was vor Augen ist, der Gläubige sieht das Herz des Seins.

Alles riecht nach Tod. Was aber ist das Geheimnis des Todes?

„Wir werden verwandelt werden. Denn das Verwesliche muss anziehen das Unverwesliche, das Sterbliche muss anziehen Unsterblichkeit. Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?“

Der Tod ist für die Ungläubigen nur ein Schein, ihre Sinne sind missraten. Hinter dem Tod erst tut sich das wahre Leben auf. Tod ist die vergiftete Stimme der Natur. Nur, wer im Glauben die trügerische Fassade durchdringt, kommt ins Freie – des neuen Paradieses.

Wahre Gläubige wollen das Ende. Sie geifern danach. Das menschliche Rettungsgetue verabscheuen sie. Die wahre Sünde wäre das Aufhalten des Endes – das für die Erleuchteten der totale Anfang wäre.

Wenn‘s am schlimmsten aussieht, sind die Gläubigen der neuen Natur am nächsten. Äußerlich sieht das Alte teuflisch aus:

„Der Herr hat einen Rechtsstreit mit den Bewohnern des Landes, weil es keine Wahrheit, keine Liebe und keine Gotteserkenntnis im Land gibt. Fluchen und Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen hat überhand genommen, und Blutschuld reiht sich an Blutschuld. Darum trauert das Land, und alle müssen verschmachten, die darin wohnen; die Tiere des Feldes und die Vögel des Himmels; und auch die Fische im Meer werden dahingerafft. Mein Volk geht zugrunde aus Mangel an Erkenntnis; denn du hast die Erkenntnis verworfen, darum will ich auch dich verwerfen. Sie werden essen und nicht satt werden, Hurerei treiben und sich nicht vermehren; denn sie haben davon abgelassen, auf den Herrn zu achten. Hurerei, Wein und Most rauben den Verstand. Denn Israel ist widerspenstig geworden wie eine störrische Kuh.“

Nicht nur Heiden werden von Gott verworfen, auch sein auserwähltes Volk muss mehrheitlich dran glauben. Nur ein heiliger Rest wird übrig bleiben. Ein schmerzliches Glaubensgeheimnis der Kinder Gottes. Wer wird gerettet, wer wird bestraft werden?

Gott erlöst die Seinen mit einem entsetzlichen Verbrechen an seinem Sohn: unschuldig wird er mit den Sünden der Frommen belastet, muss am Kreuz gemartert und getötet werden. Womit hat der Sohn es verdient, die Schuld der Menschen stellvertretend tragen zu müssen?  

Im nächsten Akt wird das Verbrechen zur Himmelsposse, zu einem theatrum mundi. Entspannt euch, alles nur Schein: ER hat sich einen Jux gemacht: der Sohn war nur ein Oberammergauer Schauspieler, der Tod und Höllenfahrt mimte, jetzt aber triumphierend in die Machtzentrale aufsteigt. Soll man bitterlich weinen – oder gen Himmel brüllen: Was erlauben Gott? Macht ER sich lustig über uns?

Die amerikanische Frauenrechtlerin E. C. Stanton beschreibt die illusionäre Fopperei des Höchsten:

„Wie unangemessen, ja ungehörig ist sie Vorstellung eines unendlichen Wesens, das alle Planeten und deren Bewohner erschaffen hat und dann seinen Geschöpfen befehlen sollte, Tiere zu töten, um sie als Brandopfer darbringen zu lassen. Es ist wirklich traurig, wie sich die Menschen aller Zeiten und Länder von Priestern im Namen der Religion haben täuschen lassen.“

Dabei ging es nicht nur um Tiere, sondern um den einzigen Sohn des Höchsten! Wie viele Christen hängen religiösen Täuschungen an? Wie sollten sie gefeit sein gegen rational scheinende Erklärungsmuster kritisch-verwirrter Zeitgenossen?

Schwestern und Brüder: lasst uns energisch werden. Nach Corona muss sich alles ändern. Nicht auf einen Schlag, aber nach einem beharrlichen Entschluss. Bürgerparlamente müssen zusammenkommen, Nachbarschaftsgruppen, internationale Kontakte rund um den Globus. Eine neue Welt in Eintracht mit Mensch und Natur muss entworfen werden. Ungeheure Besitzunterschiede müssen eingeebnet, gigantische Monopole geschleift werden.

Alles, was der Natur entnommen wird, ohne es wesensgleich zurückzuerstatten, muss beendet werden. Unser Lebensstil muss pralles Leben werden, nicht Selbsttötung durch trügerischen Fortschritt. Unsere Städte dürfen keine digitalen Großmaschinen werden, in denen KI alle Probleme kuriert, indem sie Menschen zu Algorithmen erniedrigt. Toronto war gottlob ein Fehlschlag.

Jeder Fortschritt hat sich bislang als Menschheitsbeglückung eingeschlichen. Als die Beglückung ins Gegenteil umschlug, waren Techniker und Wissenschaftler bereits wieder in ihren Elfenbeintürmen und Laboren verschwunden. Bis zur nächsten Beglückung. Wie oft sollen wir uns von solch glitzernden Versuchungen verführen lassen? Haben wir nicht genug und übergenug Maschinen für alle Belange des Lebens?  Wir brauchen nichts mehr. Fortschritt ist kein Automat, dem wir uns zu beugen haben.

 O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!

Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.

Nein, es gibt keinen Meister, wenn wir nicht selbst Meister unseres Geschicks werden: Meister der Selbstbeherrschung, Meister des Maßes, Meister der Selbstgenügsamkeit. Mit welcher Urgestalt begann die Philosophie in Jonien? Mit Thales:

„Man hielt ihm aufgrund seiner Armut vor, dass Philosophie eine nutzlose Beschäftigung sei. Da er nun infolge seiner Sternbeobachtung erkannt hatte, dass es eine reiche Olivenernte geben werde, soll er noch im Winter […] für alle Ölpressen in Milet und Chios Anzahlungen hinterlegt und sie, da niemand dagegenhielt, für einen geringen Betrag gemietet haben. Als aber der rechte Augenblick gekommen war, und gleichzeitig und plötzlich ein hoher Bedarf an Ölpressen entstand, habe er sie zu seinen Bedingungen vermietet und viel Geld dabei gemacht. Er habe damit bewiesen, dass es für Philosophen leicht sei, reich zu werden, wenn sie nur wollten, es jedoch dies nicht sei, wonach sie strebten.“

Das war der Grundakkord, der als Aufklärung durch Europa schallte und trotz klerikaler Hetze und Folter noch immer zu vernehmen ist. Man muss ihn aber hören wollen, ja, man muss selbst im Chor mit einstimmen.

Dem Sirenengesang der KI-Maschinen hingegen müssen wir uns verweigern. Wissenschaft hat nicht das Recht, unter dem Siegel der Grundlagenforschung die Mächtigen und Reichen zu hofieren. Die Utopie der Digitalisten ist die Überwachung der ganzen Menschheit, China ist ihr heimlicher Herold. Hören wir die Stimme eines Warnenden:

„Im Datenbusiness wittern gerade alle Morgenluft. Diverse Programme, die zu kommerziellen, scheinbar harmlosen Zwecken entwickelt wurden, können für staatliche Überwachungszwecke genutzt werden. Man denke nur an Gesichtserkennung, wo das schon begonnen hat. Tracking, also das Nachvollziehen und Auswerten unserer digitalen Spuren, ist bereits so allgegenwärtig, dass wir es kaum noch wahrnehmen. Es erinnert alles sehr an 9/11. Die Anschläge auf die Twin Towers gaben der Bush-Regierung den perfekten Vorwand, um einen völlig unnötigen Krieg zu lancieren. Diese Pandemie ist der perfekte Vorwand, eine Art Big-Data-Gesellschaft zu schaffen, die wir nicht brauchen und die den autoritären Staat begünstigt. Wir haben in unserem Land eine ganze Reihe tiefgreifender Missstände: die Ungleichheit, den Rassismus, ein dysfunktionales politisches System. Es wäre fatal, wenn nun so bequeme Angebote wie Zoom die Leute glauben machen, dass die Digitalisierung für alles eine Lösung hat. Ich habe aber lange genug im Silicon Valley gelebt und geforscht, um zu wissen, dass seine Akteure davon ausgehen, dass wir den Staat eigentlich nicht brauchen. Dass wir mithilfe digitaler Technologien Koalitionen bilden können und Communitys, die sich selbst regulieren. Googles alter Leitspruch „Don’t be evil“ war ebenfalls gegen den Staat gerichtet, weil es seiner Logik nach die Staaten sind, die Böses tun. Jetzt, da die Digitalisierung in immer weiteren Bereichen des Lebens Anwendung findet und da Zoom uns in der Krise hilft, fürchte ich, dass die Menschen den Maschinen mehr vertrauen als der Politik. Sie denken: Die Technologie wird es schon richten. Ein digitalisierter Wahlprozess ist furchtbar einfach zu hacken. In der Theorie ist das ein schöner Gedanke: Jeder kann von zu Hause aus abstimmen. Aber es funktioniert nicht, und ich fürchte, es wird auch nie funktionieren. Stellen Sie sich vor, was bei der Bush-Gore-Wahl von 2000 in Florida los gewesen wäre, wenn man keine physischen Abstimmungszettel zum Nachzählen gehabt hätte. Bush gewann damals nach einer Nachzählung mit wenigen Hundert Stimmen Vorsprung. Wir müssen uns zuerst fragen, in welcher Welt wir leben wollen, und danach entscheiden wir, welche Technologien uns auf diesem Weg helfen können. Nicht umgekehrt.“ (SPIEGEL.de)

Regierungen der Welt haben nicht das Recht, unter dem Siegel des Wettbewerbs die Völker zu ruinieren.

Wirtschaft hat nicht das Recht, im Namen eines Markt-Wahns die Starken zu Besitzern der Erde zu erklären, die Schwachen verderben zu lassen.

Unter dem Corona-Vorwand, jedes Menschenleben zu retten, hat Europa endgültig dicht gemacht. An den Grenzen auf See und an Land gibt es kein Durchkommen mehr. Erbarmungslos lassen sie überladene Flüchtlingsboote ins Verderben fahren. Was sind Hunderte von schwarzen Toten gegen einen Überlebenden der weißen, überlegenen Rasse?

Völker haben nicht das Recht, ihre verbrecherischen Regierungen schalten und walten zu lassen: wie viele Klimatote haben die Despoten der Welt bereits auf dem Gewissen?

Medien haben nicht das Recht, klimarettende Bestrebungen mit zynischem Unterton zu begleiten, als ob alles an ihnen vorüber ginge.

Wir alle haben nicht das Recht, die Erde weiterhin in einen Pesthaufen zu verwandeln.

Ein internationaler Armutsforscher:

„Ein Großteil der Schäden, die durch die Sparpolitik angerichtet wurden, können nie mehr repariert werden. Kommunale Einrichtungen sind im großen Stil zerstört worden. Büchereien, Parks, Jugendklubs und viele andere Dinge, die für den sozialen Zusammenhalt der englischen Gesellschaft notwendig sind, wurden veräußert. Den Menschen wurden bleibende Schäden zugefügt. Und es gibt bislang keine Pläne, wenigstens Teile der zerstörten Infrastruktur wiederaufzurichten. Und zugleich ist der Geist der Solidarität abhanden gekommen. Die Bürger sind, ganz so wie Margaret Thatcher das gewollt hätte, jetzt wirklich auf sich alleine gestellt und müssen selbst sehen, wo sie bleiben. Wenn das alles vorbei sein sollte, gibt es nichts und niemanden, der die Regierungen daran hindern kann, zur alten Gesellschaftsordnung zurückzukehren – mit einer Schicht, der alles zusteht, und einer, die nicht wirklich zählt. Wir müssen davon ausgehen, dass sehr viele Menschen in diesen Ländern ganz einfach an Hunger sterben werden. Denn wenn Sie arm sind, haben Sie keine Vorräte, Sie haben auch nicht die Möglichkeit, große Entfernungen zurückzulegen, um irgendwie an Essen zu kommen. Aber Sie haben oft viele Köpfe zu ernähren. Im Normalfall würde die Familie oder würden Freunde einspringen, wenn jemand hungert. Aber wer arm ist, dessen Familie und Freunde sind in der Regel auch arm. Ein Schuldenerlass könnte das Schlüsselmoment für diese Regionen sein. Aber die bisherigen Signale von den Ländern des Nordens sind erbärmlich und herzlos. Aber ob wir wollen oder nicht, die Folgen des Klimawandels werden als große Probleme schon bald wieder vor unserer Tür stehen. Und wie die Coronakrise werden sie die Armen ungleich härter treffen als die Reichen. Es hat selten bessere Voraussetzungen dafür gegeben, das überkommene Wirtschaftssystem, das so viele im Stich gelassen hat, durch ein gerechteres zu ersetzen. Das alte ist momentan ja praktisch außer Betrieb. Vielleicht ist das der letzte Moment, darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist.“ (SPIEGEL.de)

Solon soll das letzte Wort haben:

„Aber sie selbst, die Bürger, verlockt von der Gier nach dem Golde, wollen in ihrem Wahn das Unheil der mächtigen Stadt. Ruchlos ist die Gesinnung der Führer des Volks, sie wissen ja niemals die Lüste maßvoll zu zügeln. Reichtümer schachern sie alle, achten weder Gesetz noch Recht.

Wohlgesetz aber schafft Wohl und Heil für jegliches Wirken – und den Gesetzlosen legt zügelnde Fesseln an. Auf das Gesetz nur gründet das Gute der Mensch, baut er Beständiges auf.“ (Eunomie)

Mit Solon begann die athenische Polis. Wir müssen die globale Zukunft unserer Kinder retten.

Fortsetzung folgt.