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Tanz des Aufruhrs LXVIII

Tanz des Aufruhrs LXVIII,

weit und breit kein klarer Gegenbegriff zu Verschwörung. Wir müssen über die Felder gehen und stoppeln.

„Verschwörungstheorie muss im Gegensatz zu einer offiziellen Version der Wahrheit stehen.“ (planet-wissen.de)

Was ist eine offizielle Version der Wahrheit? Im Katholizismus sind päpstliche Verlautbarungen offizielle Versionen der Wahrheit. Für Luther ist der Urtext der Bibel die offizielle Version der Wahrheit – mit Ausnahme des Jakobus-Briefes und der Johannes-Apokalypse.

Jakobus widersprach der paulinischen Rechtfertigungslehre: allein durch Glauben ohne Werke des Gesetzes:

„Aber es möchte jemand sagen: Du hast den Glauben, und ich habe die Werke; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken.“ (2, 18)

„Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ (Röm. 3, 27 f)

Für Jakobus wäre Paulus, für Paulus Jakobus ein Verschwörer gewesen. Verschwörung und Gegen-Verschwörung haben ein gemeinsames und ein konträres Element in ihrer Wahrheitstheorie. Gemeinsam ist … … die Frage: kann ich selig werden? Konträr sind die Mittel: wie kann ich selig werden?

Jakobus: der Glaube zeigt sich in den Werken. Paulus: der Glaube zeigt sich sola fide ohne Werke. Bei Paulus kann sich niemand seiner Werke rühmen, vor Gott sind alle Sünder. Nur derjenige, der sich der Gnade beugt, kann ohne Rühmen selig werden.Jakobus denkt noch „jüdisch“: er ist stolz auf seine Werke und verlangt, selig zu werden, weil er moralisch tüchtig war.

Für Paulus ist Seligwerden ein unverdienter Gnadenakt, bei Jakobus ist es ein „gleichberechtigter Deal“ zwischen Gott und Mensch: Ich bringe gute Werke, dafür gibst DU mir Seligkeit.

In einer lutherischen Kirche hätte Jakobus nicht mal Kirchendiener werden können. Man hätte ihn exkommuniziert.

Was sagt uns das über Verschwörungstheorie? Dass ihre Definition als Gegensatz zur offiziellen Version der Wahrheit löchrig sein muss, denn die offizielle Version – auch in unfehlbaren Ideologien – ist löchrig.

Hypothese: Verschwörungstheorien entstehen, weil sie ahnen, spüren, argwöhnen, dass offizielle Wahrheiten lange nicht so unfehlbar sind, wie sie scheinen mögen. Sie kritisieren die herrschende Wahrheit mit Hilfe einer anderen, konkurrierenden Wahrheit. Was nicht bedeutet, dass sie deshalb richtig sein müssen.

Folgerung 1): Wahrheiten müssen miteinander streiten. Streiten wäre ein gemeinsamer Weg auf der Suche nach der Wahrheit. So entstand Demokratie – die Freiheit des Denkens –, in der jede Meinung sich der Prüfung auf dem Marktplatz stellen muss.

Folgerung 2): Eine Gesellschaft, in der konkurrierende Wahrheiten stante pede als Verschwörungstheorien angegriffen und verleumdet werden – ohne dass die eigenen Theorien ihren Wahrheitsbeweis führen müssten –, wäre keine Demokratie, sondern ein theokratisches oder totalitäres Regime.

Folgerung 3): Genau dies geschieht in der gegenwärtigen Verschwörungstheorie-Kampagne. Konkurrierende Wahrheiten werden als Verschwörungstheorien angegriffen, ohne die eigenen Thesen auf den Tisch zu legen und deren Wahrheitsgehalt zu begründen.

Was bedeutet: wir entfernen uns vom ursprünglichen Sinn der Demokratie. Gefördert durch akkumulierte Krisen, Seuchen und globale Gefahren, verbreitet sich unauffällig der Ungeist totalitärer Religionen – die bei anwachsenden Gefahren sich darauf vorbereiten, die „staatsgefährdende Freiheit“ zu beschränken, um Gefahren entschlossen entgegenzutreten.

Wäre dieser Verdacht identisch mit der Behauptung, Verschwörungstheorien seien erfunden worden, um die Demokratien zu zerstören: wäre er dann selbst eine Verschwörungstheorie? Das wäre nur der Fall (vorausgesetzt, man folgt gängigen Definitionen), wenn es anonyme Gruppen gäbe, die sich das Ziel gesetzt hätten, mit Hilfe von Verschwörungstheorien die Demokratien zu unterminieren.

Sind solche Gruppen denkbar? Nicht wenige Menschen machen kein Hehl aus ihrer demokratiefeindlichen Haltung. In der globalisierten Welt wären sie mächtig genug, um ihr Vorhaben mit Propagandamethoden auf der ordinären, und mit Think Tanks auf der intellektuellen Ebene, erfolgreich durchzuführen.

Beispiele: Nach der ersten Öko-Kampagne vor etwa 50 Jahren schlugen die Besitzer der naturverschmutzenden Ölkonzerne zurück, indem sie Think Tanks einrichteten, denen es gelang, die Warnungen der Naturwissenschaftler als pseudowissenschaftlichen Alarmismus zu diskriminieren. Es musste ein halbes Jahrhundert vergehen, bis die Klimagefahr ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit dringen konnte.

Die Zunft der Klimaskeptiker entstand. Ein süffiger, aber falscher Begriff. Denn jene verbreiteten keine Skepsis (= ich enthalte mich der Stimme, weil ich nicht weiß, was ich denken soll), sondern die Gewissheit, dass es hier um Lug und Trug derer geht, die etwas gegen Kapitalismus und Milliardäre haben.

Zuvor war die Urform der Denkfabriken entstanden. Hayek, von Mises, Milton Friedman, Popper, hatten die MPS – die Mont Pèlerin Society, die erste Versammlung bedeutender Ökonomen in der Schweiz kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs – in Form vieler ähnlicher Denkschulen über die Welt verbreitet, um die damals herrschende soziale Marktwirtschaft oder den New Deal Roosevelts zu Fall zu bringen. Dank der kräftigen Unterstützung von Maggie Thatcher, Ronald Reagan, später von „Sozialdemokraten“ wie Blair, Schröder, den Grünen und deutschen Medien, war der Erfolg überwältigend. Niemand will das heute wissen, gemäß dem Motto: ein Gestern gibt es nicht. Wir erfinden uns ständig neu.

Nicht zuletzt: im Gefolge des Neoliberalismus entstand in Amerika eine Kampagne christlich-jüdischer Fundamentalisten, die die Schnauze voll hatten vom humanen Sirenengesang der UN-Charta, einer friedlichen Weltgemeinschaft und ergo zurückkehren wollten zum alten Gut-Böse-Spiel der Nationen.

Amerikaner waren die Guten, Russen die Bösen. China war noch unentschieden, heute wird es von Trump zum bösen Hauptgegner ernannt. Europäer waren zuerst Partner der USA, heute wird Deutschland immer mehr zum unzuverlässigen Freund. Zwischen China und Amerika hat Europa seine neue Rolle noch nicht gefunden. Die mächtigste Frau der Welt ist unfähig, sich von beiden Blöcken in klaren Worten zu distanzieren und ein eigenes, wehrhaft-demokratisches Profil zu entwickeln. Deutschland zeigt sich profillos, Europa beginnt sich zu spalten.

Diese weltprägenden Kampagnen gelten heute nicht als Verschwörungstheorien, obgleich nur wenige sie wahrgenommen haben. Man könnte sagen, die effizientesten Verschwörungstheorien sind die öffentlichen. Denn man denkt: wären sie wirklich so schädlich, wie sie scheinen, würden sie die Dunkelheit bevorzugen. Da man aber über sie nachlesen kann, können sie nicht subversiv sein. Echte  Verschwörungstheorien müssten, laut Definition, geheime und zielgerichtete Aktionen von Dunkelmännern sein.

Eine andere Variante wäre, nicht Personen zu verdächtigen, sondern ideologische Strömungen wie Kapitalismus, Neoliberalismus. Strömungen haben viele Mitläufer, Anhänger und Gläubige, sodass Einzelgruppen gar nicht notwendig wären. Ist es statthaft, solchen kollektiven Motiven Verschwörungs-Charakter zu unterstellen? Haben geistige Beweggründe – oder Ideen – ein konkretes Ziel? Ein Ziel, das sie durch dick und dünn verfolgen?

Ideen schwirren nicht wie stachlige Viren im Raum umher, sie sind in den Gehirnen vieler Ideologen fixiert und haben sich zu mächtigen Motivatoren ihrer Besitzer hochgearbeitet. Jede Idee ist utopisch und will alles realisieren, was in ihr steckt. Konkurrierende Ideen, die ihr das Leben schwer machen, räumt sie beiseite.

Utopisches Ziel des Neoliberalismus ist der vollständige Sieg der wirtschaftlich Starken über die Schwachen. Der Staat soll sich aus allem raushalten – solange der Siegeszug der Starken nicht blockiert wird. Wird er blockiert, soll der Staat die Starken bedenkenlos unterstützen (wie jetzt in der Coronakrise), bis die alte Stärke der Evolutionsgewinner wieder hergestellt ist. Die Schwachen muss der Staat – nach Hayek – nicht gerade verhungern lassen. Doch mehr als Wasser und Brot zum Vegetieren soll es für Versager nicht geben.

Ist der Neoliberalismus bereits am Ziel angekommen? Da sei Gott vor. Solange es noch so viele Loser auf Erden gibt, solange muss er noch viele Gegner beiseite räumen, um das triumphale Finale des Kapitals zu feiern, das merkwürdigerweise mit dem heilsgeschichtlichen Finale der Frommen zusammenfällt. Das würde die These bestätigen: der Calvinismus ist zwar nicht der Vater des Kapitalismus, aber der enorme Verstärker, der ihm sein heutiges Gepräge eingebläut hat.

Über Religion spricht man unter anständigen Deutschen nicht, weshalb die verschwörungstheoretische Urtheorie der Religion, die die Geschichte des Westens prägte, ignoriert wird:

„Er antwortete und sprach zu ihnen: Des Menschen Sohn ist’s, der da Guten Samen sät. Der Acker ist die Welt. Der gute Same sind die Kinder des Reiches. Das Unkraut sind die Kinder der Bosheit. Der Feind, der sie sät, ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Welt. Die Schnitter sind die Engel. Gleichwie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird’s auch am Ende dieser Welt gehen: des Menschen Sohn wird seine Engel senden; und sie werden sammeln aus seinem Reich alle Ärgernisse und die da unrecht tun und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird sein Heulen und Zähneklappen. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich.“

Das Böse stammt vom Teufel und den Kindern der Bosheit, das Gute von Gott und seinen Engeln. Dieser Dualismus, den Erlösertheologen gern als gnostisch oder manichäisch abfertigen, bestimmt die gegenwärtige Weltpolitik.

Ein Verschwörungs-Experte verweist in einem Interview kurz auf die religiöse Ur-Verschwörungstheorie, doch der Interviewer is not amused und denkt nicht daran, nachzufragen:

„Den Gedanken an Weltverschwörungen gab es schon in religiös aufgeladenen Konflikten ab dem 16. Jahrhundert. Letztlich ging es damals um den weltweiten Kampf zwischen Gott und dem Antichristen.“ (SPIEGEL.de

Alle Verschwörungstheorien wiederholen die religiöse Urtheorie in vielen Varianten. Wer wissen will, wie es in der Welt wirklich zugeht, muss das religiöse Urmodell studieren. Wobei es keine Rolle spielt, ob sie von kleinen Cliquen mit klarem Bewusstsein vorangetrieben wird oder vom dumpfen Unbewussten ihrer Gläubigen.

Über Religion und ihre Machenschaften soll in Deutschland nicht gesprochen werden, damit ihr Nimbus nicht ramponiert werden kann. In Amerika hat sich Trump mit christlich-jüdischen Fundamentalisten verbrüdert, dass er sich antinomisch (oder lutherisch) alles erlauben und dennoch als Mann Gottes und Bekämpfer des Antichrist gelten kann.

Trump wäre nicht denkbar ohne Unterstützung durch den christlich-jüdischen Dualismus. Für Fromme ist der Antichrist die gesamte UN-Welt mit ihren Humanisierungsbestrebungen. Weshalb sich Trump aus allen internationalen Gremien zurückzieht. Die UN, Streit-und Verständigungsbühne der Völker, soll bedeutungslos werden.

Niemand weiß, ob Amerika unter einem anderen Präsidenten vernünftig werden wird. Wird es nicht, könnte der gut-böse Konflikt sich zum Weltkrieg verschärfen. Um diese Katastrophe zu verhindern, muss die religiöse Ur-Verschwörungstheorie zur Bedeutungslosigkeit reduziert werden.

Unter amerikanischen Politologen herrscht eine konträre Verschwörungstheorie:

„Mit der Auflösung aller eindeutigen Sinngebungen mit klarem Wahrheitsanspruch durch die Wissenschaft, mit der zunehmenden Differenzierung und wachsenden Komplexität aller gesellschaftlichen Beziehungen, mit der fortschreitenden existenziellen Verunsicherung des modernen Individuums, dem kein Gottesbezug mehr die Kontingenz seiner Welt erklärt, wachse auch die Neigung zu simplen, narrativen und gemeinschaftsstiftenden Deutungsmodellen. Wenn man nicht mehr alles mit dem Wirken eines allmächtigen Gottes erklären könne, wachse die Neigung, unerfreuliche Phänomene den Machenschaften einer Verschwörergruppe zuzuschreiben, da irgendjemand ja dafür verantwortlich sein muss. Laut dem amerikanischen Historiker Gordon S. Wood wurden Verschwörungstheorien im Zeitalter der Aufklärung eben deswegen so populär, weil man im Zuge der um sich greifenden Säkularisierung nicht mehr an Gott als den Verursacher allen Geschehens glaubte und stattdessen nun alle sozialen Wirkungen mechanistisch auf die entsprechenden Absichten von Menschen zurückführte.“ (Wiki)

Seit Nachlassen des Glaubens an den göttlichen Weltenlenker habe sich die Neigung verstärkt, an die Stelle des Allmächtigen dubiose Verschwörergruppen zu setzen. Die Kontingenz – Zufälligkeit – der Weltereignisse müsse auf Biegen und Brechen ersetzt werden durch Absichten mächtiger Personen. Da Gott nicht mehr in Frage kam, blieben nur noch  Satansgestalten – oder mechanistische Absichten der Menschen. Was bedeutet: Menschen wollen etwas und versuchen, ihr Ziel durch politisches Tun (= Mechanismen) zu erreichen. Doch da sie böse sind, kann ihr Tun nur ins Verhängnisvolle führen.

Kurz: alles rächt sich auf Erden, was nicht göttlichem Willen entspricht. Religiöser Dualismus ist nicht die Quelle der Verschwörungstheorien. Es ist umgekehrt: das Nachlassen des Glaubens an den Allmächtigen führe den Ungläubigen in Versuchung, nach bösen Geschichtsmächten Ausschau zu halten. Geschieht euch recht, ihr Gottlosen, wenn ihr euch bösen Kräften ausgeliefert fühlt: hättet ihr euren Kinderglauben an den gütigen Gott nicht aufgegeben.

Aufklärung als Absage an den Herrn der Geschichte wird – vor allem in Amerika – als Sündenfall angesehen, der sich bitterlich rächen wird. In Amerika war Aufklärung nur eine Sache der Eliten. Die riesigen Wellen gläubiger Einwanderer hatten keine Ahnung von gottloser Vernunft. Der Streit zwischen Vernunft und Glauben, in Europa vor drei Jahrhunderten ausgetragen, wird in der amerikanischen Öffentlichkeit erst heute – vor allem unter Intellektuellen – ausgetragen.

Deutschland, in seiner verhängnisvollen Kompromissbildung aus Denken und Glauben, fühlt sich erhaben über diesen Streit, der hier kaum zur Kenntnis genommen wird. Was nicht bedeutet, dieser Konflikt wäre hierzulande wirklich durchdacht und gelöst. Würde die Kontroverse aus Amerika herüber schwappen, könnten sich die anlehnungsbedürftigen Deutschen noch immer dem amerikanischen Vorbild nähern. Der jetzige Verschwörungstheorie-Disput könnte die Ouvertüre sein zur vollständigen Absage an die Aufklärung. Behauptet jemand, das kantische Selberdenken sei zur zweiten Natur der Deutschen geworden?

Fast in allen Anklagen gegen die Verschwörungstheorien werden unersetzbare Elemente der Vernunft mit einem Schwung vom Tisch gewischt.

„Wirkungsvoll ist es, die Wissenschaft in Frage zu stellen und zu attackieren.“

Wissenschaft lebt davon, sich selbst in Frage zu stellen. Das ist ihr Stolz und ihr Selbstbewusstsein. Popper fordert ausdrücklich zum Falsifizieren auf. Dahinter steckt der Glaube an die Unüberwindbarkeit der Wahrheit, die sich bewährt hat und sich durchsetzen wird gegen alle Scheinargumente. Anstatt Verschwörungstheoretiker zum öffentlichen Streit aufzufordern, werden sie einseitig dämonisiert. Wo bleiben die Talkshows mit dem Thema: Verschwörungstheorien – eine Suche nach der Wahrheit oder eine Verhöhnung der Wahrheit?

Es ist, als hätten die Kritiker der Verschwörungstheorien vor der Überlegenheit ihrer „dämonischen“ Gegner Angst, dass sie sich hinter aggressiven Monologen verstecken müssten. Es gibt Verschwörungstheorien, die lächerlich und kindisch sind. Dass man sich über diese Infantilitäten erregt, zeigt, dass man sich an Petitessen abregen muss, um sich nicht mit dem Kern der Sache auseinanderzusetzen.

Es gibt die großen, bis heute nicht gelösten Fälle, die als Verschwörungstheorien auftreten: der Mord an Kennedy. Wie ist der Stand der Dinge?

„Täterschaft und Hintergründe des Kennedy-Attentats sind bis heute umstritten. Nach jährlichen Gallup-Umfragen seit 1963 glaubten jeweils nur zwischen 10 und 36 % der befragten US-Bürger (2013: 30 %) an einen Einzeltäter. 50 bis 81 % (2013: 61 %) glaubten an mehrere Täter, wobei die meisten davon die Mafia als Auftraggeber vermuteten. Die Prozentanteile für die Einzeltäterthese sind seit 2001 stetig gestiegen, die für die Mehrtäterthese stetig gesunken.“ (Wiki)

Diese Darstellung ist eine Zumutung. Angeblich soll es noch immer Amerikaner geben, die Hitler für den Kanzler der Deutschen halten. Ein wissenschaftlicher Streit wird nicht durch prozentualen Glauben entschieden. Bei Kennedy wäre zu fragen: wenn ein solch wichtiges Ereignis, untersucht von vielen Fachleuten und der gesamten Presse, dennoch kein klares Bild ergibt: welche Deutungsmöglichkeiten gibt es für dieses erstaunliche Phänomen? Und da wundert man sich in gelehrten Kreisen, dass Verschwörungstheorien über dieses Ereignis ins Unendliche gehen?

Achtung Verschwörungstheorie: Könnte es sein, dass man diese Unübersichtlichkeit wollte, um den Fall als unlösbar ad acta legen zu können?

Dasselbe mit dem 9/11-Attentat. Zwei unfassbare Attentate und keine Lösung?

Achtung Verschwörungstheorie: Ist es wirklich möglich, dass diese ungelösten Doppelereignisse Zufall sind?

Womit wir beim Zufall angekommen wären. Den Verschwörungstheorien wird vorgeworfen, sie ließen keinen Zufall zu. Sie suchten penetrant nach Ursachen.

Was die Kritiker vollständig übersehen: nihil sine causa, nichts ohne Ursache: Leukipps Absage an Götter und den Zufall war die Grundlegung der abendländischen Wissenschaft.

„Das ganze Weltgeschehen wird zu einem lückenlosen, nach unausweichlicher Gesetzmäßigkeit verlaufenden Mechanismus nach dem Satz: „Nichts geschieht zufällig, sondern alles aus einem Grunde (logos) und mit Notwendigkeit.“

Die lückenlose Notwendigkeit führte zu keinem Fatalismus. Der Mensch war frei, dem Sein ein moralisches Sollen hinzuzufügen.

„Am Schlimmen im Leben sind die Menschen im wesentlichen selbst schuld. Es kommt immer drauf an, was man aus den Dingen zu machen versteht. Natur und Erziehung sind verwandt; die Erziehung formt den Menschen um: indem sie ihn umformt, wirkt sie in der Art der Natur.“ (Demokrit)

Da es heute weder Verantwortung noch Schuld geben darf, müssen Verschwörungstheorien falsch sein, denn sie suchen nach Ursachen und Schuld. Was würde der Experte tun, um eine künstliche Verhaltenstheorie zu kreieren?

„Ich würde mir einen Schuldigen suchen. Einen Profiteur. So argumentieren Verschwörungstheoretiker immer: Cui bono? Wem nützt es? Dann würde ich mir eine Reihe von Ereignissen auswählen und zu beweisen versuchen, dass sie alle im Geheimen zusammenhängen. Und dass dahinter diese eine Gruppe an Schuldigen einen sehr finsteren Plan verfolgt. Damit hätte man zumindest die üblichen drei Mechanismen zusammen: Alles ist geplant. Nichts ist, wie es scheint. Und alles ist miteinander verbunden.“ (SPIEGEL.de)

„Nichts ist, wie es scheint“: das war die Grundlage der platonischen Ideenlehre: der Mensch dufte dem Trug seiner Sinne nicht trauen und musste das Wesentliche im Unsinnlichen suchen: im jenseitigen Reich der Ideen. Das war die präparatio evangelii, die Vorbereitung des christlichen Jenseitsglaubens. Das eigentliche, wahre Geschehen liegt nicht vor Augen, sondern muss in einer verborgenen Überwelt gesucht werden. Ist das nicht Verschwörungstheorie als Philosophie?

„Alles ist geplant“. Geht’s um Natur oder um den Menschen? In der Natur gibt’s keine Zufälle; auch in der Welt des Menschen kann es keine geben. Alles Menschengeschichte hat menschliche Ursachen. Was er tat, kann er kausal untersuchen. Der Verschwörungs-Experte scheint die Grundlagen der abendländischen Wissenschaft nicht mehr zu kennen.

„Die Suche nach einem Schuldigen lässt sich gut zurückführen auf die mechanistische Logik der Aufklärung im 18. Jahrhundert, die Ursache mit Wirkung verbindet. Man ging stark davon aus, dass die moralische Qualität einer Handlung auch ihrer moralischen Intention entspricht. Also: Wenn ich ständig etwas mache, das jemandem schadet, muss es Absicht sein.“

Alles falsch. Die moderne Aufklärung ist eine Wiederaufnahme der antiken Aufklärung. Jeder Kriminalist sucht den Schuldigen nach dem Prinzip: es gibt keinen Zufall.

 Der „Schuldige“ als Urheber einer Ursachenkette muss nicht immer ein Bösewicht sein. Es kann auch ein Gutmensch sein, der seine Wohltaten anonym vollbringt, um keine eitlen Lorbeeren zu ernten.

Dass Tat und Absicht zusammenhängen, ist auf den ersten Blick trivial. Im Christentum entscheidet die gläubige Gesinnung über die Qualität der Tat. Das führt zur Rechtfertigung auch böser Taten durch fromme Gesinnung.

Bei Sokrates hätte die gute Absicht nicht genügt. Moral beruhte für ihn auf Erkenntnis. Ich muss erforschen und im Dialog überprüfen, ob meine Taten tatsächlich moralisch sind. Gesinnung und Werke müssen übereinstimmen.

„Wenn ich ständig etwas mache, das jemandem schadet, muss es Absicht sein.“ Es muss sich nicht um eine bewusste Absicht handeln. Bestimmt aber um eine unbewusste. Alles andere wäre – Zufall. Verschwörungstheoretiker sind Gläubige des Zufalls. Alles soll planlos, alles wirr sein: man glaubt, im Kern der deutschen Politik gestrandet zu sein.

Immer müssen die armen unschuldigen Eliten dran glauben. Nirgendwo werden Eliten eifriger ent-schuldigt als bei Kritikern der Verschwörungstheorien.

Verantwortlich können nur die sein, die Macht besitzen. Eliten sind Führungsklassen. Wie könnten sie keine Schuld haben, wenn sie alle Ereignisse in der Gesellschaft einfädeln?

„Michael Hartmann belegt ausführlich mit Daten aus wirtschaftlichen Untersuchungen, dass die Elite mit Hilfe der jeweiligen Politik von Regierungen die soziale Ungleichheit vorantreibe. Die Mittel- und Unterschicht verarme zusehends, während sich die Elite immer größere Stücke aus dem Bruttosozialprodukt herausschneide. Die Reichen wurden reicher, die Armen ärmer – die Regierungen waren verantwortlich. Das sei gleichzeitig der Nachweis für die Destabilisierung demokratischer Strukturen durch die Elite.“

Allerdings wäre einzuwenden: in einer Demokratie sind alle verantwortlich für das Gesamtgeschehen der Nation. In der Tat: nehmt alles in allem, so geht es nicht um eine Kanzlerin allein. Betet man sie als Ikone an, darf man sich nicht wundern, dass sie tut, was sie will. Denn für nichts wird sie zur Rechenschaft gezogen.

Deshalb muss es zwei Stoßrichtungen einer kritischen Haltung geben: das Volk muss man aufklären, dass es sich einmischen soll. Eliten muss man angreifen, um ihre Machenschaften zu entlarven. Beides gehört zusammen.

„Alte, weiße Männer bieten sich für Feindbilder an, weil sie immer noch für die Konzentration von Macht stehen.“ 

Sie bieten sich an, weil sie Macht haben. Ohnmächtige Schlucker verantwortlich zu machen für die Finanzkrise, für Fehler der Corona-Maßnahmen, wäre plemplem.

Es gibt auch „gute“ Verschwörungstheorien. Die Kanzlerin kann tun und lassen, was sie will: stets ist sie unschuldig. Das wäre eine Verschwörungstheorie der heiligen Art, nicht anders als der unerschütterliche Glauben an Gott, dem man nichts Böses unterstellen darf. Das Böse muss dem teuflischen Gegner untergeschoben werden.

Die vertrackteste Form der Verschwörungstheorie ist die mephistophelische. Mephisto ist Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Selbst, wenn man glaubt, das Böse oder den Bösen erwischt zu haben, muss man erstaunt erkennen: das Böse ist die Ursache des Guten. Diese Botschaft ist die Rechtfertigung der Eliten, die sich alles erlauben können, auch das Böse. Denn das Böse gilt als Ursache alles Guten.

Das ist die Verschwörungs-Zauberformel der Eliten, identisch mit der lutherischen Antinomie: sündiget tapfer, ihr genialen Eliten, wenn ihr nur die rechte Gesinnung hegt. Das kann eine religiöse, nationalistische, rassistische, fortschrittliche, profitorientierte oder sieg-versprechende Gesinnung sein. Alles ist erlaubt, was erfolgreich ist. Das wäre das Ende aller kausalen Ursachenforschung, zugleich das Ende aller Verschwörungstheorien.

Dass die oft bizarren Kausalketten der Verschwörungstheoretiker noch nicht verschwunden sind, liegt daran, dass das Volk die antinomische Unfehlbarkeit der Eliten noch nicht wahrgenommen hat. Normale Menschen können nicht verstehen, dass sie an ihrem Unglück immer selbst schuld sein sollen, die Eliten hingegen bereits im Stand der Unschuld angekommen sind. Die Eliten trauen sich selbst nicht, sich ihre Zauberformel bewusst zu machen. Nein, so verdorben und korrupt können weder Autohersteller noch Börsenschwindler sein.

Wir entdecken eine asymmetrische Einschätzung: Eliten pflegen das Volk als hasserfüllten Pöbel einzuschätzen; das Volk traut den Eliten zwar alles Üble zu – aber nur theoretisch. Je näher sie den Eliten kommen, desto weicher werden sie: nein, auch Ausbeuter sind irgendwo nur Menschen.

Ein Psychotherapeut hat keine Hemmungen, das verschwörungsfähige Volk als hasserfüllte Bestien zu schildern:

„Ähnlich bei allen Varianten ist die Hassbereitschaft. Das Konzept der Verschwörung ist immer verbunden mit einer Beschimpfung, einer Enttarnung finsterer Kräfte, die dann davongejagt werden müssen. Dazu gehört etwas Rechthaberisches. Man ist nicht widerlegbar, der Hinweis auf Fakten bleibt folgenlos. Man ist wie ein Oberlehrer. Und das möchte jeder Deutsche vielleicht ein bisschen sein. Soweit ich mich erinnere, waren wir in der Studentenbewegung auch zumindest am Rande der Verschwörungstheorie. Man hat überall kapitalistische Machenschaften vermutet, einen großen Plan, dass die Menschen ausgebeutet und an der Nase herumgeführt werden sollen. Es ist erst mal ein super Gefühl, zu den Durchblickern zu gehören. Und damit ist man dann auch Teil einer Jagdgemeinschaft. Das ist aufregend, die Gegner zu verängstigen und abzuservieren.“ (TAZ.de)

Das ist  keine empathische Analyse von Menschen, das ist eine Dämonisierung der dummen, verächtlichen und verabscheuenswerten Unterklasse. Kapitalismuskritik muss eine Verschwörungstheorie sein, wie jede Absicht, etwas besser wissen zu wollen. Durchblicker – also Selbstdenker – müssen die schlimmsten sein. Sie schalten ihren eigenen Kopf ein, auch wenn sie irren sollten. Der Therapeut hätte Sokrates nicht zum Tode verurteilt, aber als Möchtegern-Oberlehrer von Athen zur lächerlichsten Figur aller Therapeuten erklärt. Auch Sokrates wollte ein Therapeut sein.

Oh ja, unter den Verschwörungstheoretikern gibt es Verhärtete und Unfehlbare. Gibt es die bei Eliten nicht? Da gibt es Rechthaber, die auf keine kritischen Einwände hören. Gibt es die bei denen da Oben nicht?

Der elite-relevante Therapeut gibt sich als bedenkenloser Rechtfertiger der Mächtigen.

Achtung Verschwörungstheorie: durfte der Seelenkenner für seine Rechtfertigung der Eliten etwa bei der IHK eine aufsehenerregende Rede halten? Mit dem Tenor:

Kritikfähiges Volk? Das scheint nur so. Studien haben ergeben: Es gibt nur hasserfüllte, denkunfähige, rechthaberische Durchblicker-Massen. Volksherrschaft ist Herrschaft der Hämischen und Geduckten – die sich für Demokraten halten.

Fortsetzung folgt.