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Tanz des Aufruhrs LXVII

Tanz des Aufruhrs LXVII,

Schau an, die Edelschreiber werden rabiate Zuchtmeister. Sich mit nichts gemein machen, auch nicht mit dem Guten, ihr Motto werfen sie kurzfristig aus dem Fenster und verteilen Verhaltensnoten, dass es nur so kracht.

„Mit Demonstranten, die sich nicht daran stören, neben Rechten und Extremisten zu stehen, kann man nicht verhandeln. Wer gehört werden will, muss zu ihnen Abstand halten. Wer aber will, dass seine Position als ordentlicher demokratischer Protest gehört und gewogen wird, muss die erste demokratische Hygieneregel einhalten: niemals Hand in Hand mit Extremisten.“ (Sueddeutsche.de)

Fehlt nur: vorher die Hände waschen. Sonst kommt ihr Randalierer nicht in die Zeitung.

Um mal höflich anzufragen: wär‘s möglich, dass die Mascolo-Innung nur selten auf Demos zu besichtigen ist? Und wenn, nur mit Schreibblock und Kamera? Die meisten Demonstranten wollen ihr Anliegen in die Welt schreien. Wer neben ihnen läuft, ist ihnen herzlich gleichgültig.

Eben das ist ihr Fehler, zücken die Mascolos den roten Stift. Wehret dem bösen Schein durch anrüchige Kumpanei!!

Upps, schluck: sind es nicht eben diese Zensoren, die ständig davor gewarnt haben, die Welt in gut und böse einzuteilen? Nun spalten sie selbst? Jetzt soll man vorher beim Verfassungsschutz anrufen, um … … die Spreu vom Weizen zu trennen? Sind wir hier bei einer Kirchenprozession? Wozu laufen die vielen Polizisten mit, wenn nicht, um die Rechtsverletzer auszusortieren?

Die Extremisten sind gefährlich! Kapierst du das nicht? Sie bringen es fertig, die ganze Demo in Verruf zu bringen – und wenn sie das honorigste Anliegen hätte.

Gefährlich? Das war doch nur eine Handvoll Kasperln. Wie sollten die eine Riesendemo umfunktionieren können? Das könnten die nur, wenn ihr Schreiber morgen Schrott in der Zeitung druckt. Dabei gebt ihr zu, die Mehrheit hätte respektable Anliegen vertreten. Warum schreibt ihr nicht: die demokratische Majorität hat die Minderheit in den Schatten gestellt?

Würdet ihr sie nicht immer mit grellsten Farben in den Mittelpunkt stellen, wären sie übermorgen vergessen. Nein, ihr seid es, die solche Chaoten braucht, um euer schlechtes Gewissen zu beruhigen. Denn gewöhnlich haltet ihr euch vornehm in den Beobachterlogen auf, anstatt in der Mitte des Volkes. Ihr braucht Ablenkungs-Opfer, um eure desaströse „Mittler-Position“ vergessen zu machen.

Diese Gruppen sind doch nur Phantasten, die Ängste, Vermutungen, Aggressionen und Warnungen zusammenrühren, um ihr Anliegen melodramatisch zu verstärken. Wenn ihr dasselbe tut, sprecht ihr hochtrabend von „Framing oder Kommunikationsdesign“ oder „Relotius-Effekt“. Hassbotschaften kann man hasserfüllt an den Pranger stellen. Besser wäre es, sie zu verstehen. Nur kritisches Verstehen kann Hass reduzieren. Je mehr ihr drauf prügelt, je bedeutsamer macht ihr sie. Lernt man sowas nicht im ersten Henri-Nannen-Semester?

Verschwörungs-Geschichten nennt man Religionen. Oder Sektenbildungen, wenn diese dreist genug sind, sich von herrschenden Popen nicht absegnen zu lassen. Die Geschichten sind nichts als neu zusammengestückelte Bruchstücke uralter Heilsreligionen, die dem Muster folgen: Welt böse, Mensch ohnmächtig, wir müssen erlöst werden von – Oben.

„Der HERR aber sprach: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn und sagt zu diesem Maulbeerbaum: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer! so wird er euch gehorsam sein.“

An solche Phantastereien glaubt ihr doch selbst, weil es eure Religion ist. Wehe, es käme einer, der solche Sprüche für das hielte, was sie sind: absurde Allmachtsphantasien. Da würdet ihr das Hackebeilchen ausgraben.

Ah, beinahe vergessen: was sind Extremisten? Extrem heißt äußerst, unübertrefflich, außerordentlich, übermäßig. Die Gegenbegriffe vergesst ihr immer. Ohne Gegenbegriffe kann man nichts definieren. Die Gegenbegriffe wären: „normal, mäßig, gemäßigt, mittelmäßig, durchschnittlich, mittig“.

Mittig! Ihr haltet euch für die Mitte. Alles, was nicht mittig ist, haltet ihr für falsch. Ihr seid der unfehlbare Nabel der Welt. Ihr setzt die Norm. Ihr habt die Wahrheit mit eurer Geburtsurkunde gefressen, mit eurer Macht, eurem Einfluss, eurem Kontostand.

Erde als Nabel des Universums, Menschheit als Nabel der Natur, Christ als heiliger Nabel der – sündigen – Menschheit: ihr befindet euch noch immer im vorkopernikanischen Dunst eurer Überlegenheit über alle Dinge der Welt.

Omphalos, Nabel der Welt, war bei den Griechen Delphi, der „Tempel des Mutterleibs“. Die Erlöserreligion verwandelte den mütterlichen Nabel zum Geburts- und Sterbeort des Heilands.

Bei den Heiden trafen sich Gott und Göttin in medio mundi, dem Ort heiliger Begattung.

Die Religion allmächtiger Männer übernahm dieses Ritual und machte den Ort liebender Vereinigung zum Schlachtplatz des Sohnes, der durch seine Höllenfahrt das Ende der Natur verkündete, um den Tod zu überwinden und durch Auferstehung und Himmelfahrt Macht über die neue Schöpfung zu erringen.

Seitdem war der Nabel der Welt Ort und Zeit jedes Gläubigen.

„So, wie der Mensch um Gottes willen gemacht ist – dass er Ihm dienen solle –, so ist das Universum um des Menschen willen gemacht – dass es ihm dienen möge. Deshalb befindet sich der Mensch im Mittelpunkt des Universums.“ (Kirchenvater Petrus Lombardus, zit. bei Walker)

Seit Kopernikus und Galilei wird der Mensch aus dem Mittelpunkt der Welt verstoßen, weshalb die beiden Herren nicht wenige Probleme mit dem Klerus bekamen, dessen vatikanische Weltmitte entthront worden war.

Der Verlust der geographischen Mitte musste wettgemacht werden durch die zeitliche Mitte: den Augenblick oder Kairos. Der Fromme steht immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Gottes. Der Augenblick ist die direkte Zeitverbindung zwischen Gott und Mensch.

Nur, was im Mittelpunkt des göttlichen Interesses steht, kann gerettet werden. Alles Randläufige wird vernichtet.

Also, ihr un-gemeinen Medien: ihr wisst es nicht, aber ihr spielt eine uralte Rolle. Die Rolle der Mittewächter, der Priester und Ver-mitt-ler. Sind die Mächtigen böse auf ihre Untertanen, seid ihr immer unschuldig und verweist auf den bösen Pöbel. Sind die Mächtigen aber – ausnahmsweise – stolz auf ihr Volk, tut ihr, als sei das euer Erziehungswerk, ihr habt die Meute erfolgreich erzogen.

Die Mitte ist immer schuldlos, sie ist Sitz der Macht:

„Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte inmitten der Erde sein.“

„Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.“

Wo Erwählte sind, da seid ihr, ihr selbsternannten Nabelwächter. Die Randläufer sind Extremisten, die euch um den Platz an der Sonne beneiden.

Aristoteles zehrte noch vom Nimbus der Mitte. Vergeblich. Seine Mitte zwischen den Extremen der Polis war ein Ressentiment gegen Sokrates, den er für extremistisch hielt. Er bemerkte nicht, dass die Polis nicht mehr das intakte Spiegelbild des Kosmos war, sondern sich auf abschüssiger Fahrt befand.

Die Mitte zwischen degenerierten Extremen ist nicht der heile Nabel der Welt. Es ist wie in der Statistik: der Mittelwert einer nicht repräsentativen Auswahl ist kein Omphalos des Seins, sondern – Zufall. Moralische Extreme sind zudem keine Quantitäten, sondern psychische Spaltungsbegriffe – die äußerlich entfernt voneinander scheinen, in Wirklichkeit aber identisch sind. Wie ein Sadist Masochist, so ist der Masochist ein Sadist, je nach Stimmung und quälenden Begierden.

Seit Kopernikus, Galilei, Darwin und Freud entfernen sich Mensch und Natur zunehmend von der Mitte. Diese Kränkung versucht der ent-hauste, ent-fremdete oder ent-mittete Mensch durch zweierlei zu kompensieren: a) durch endlos-lineare Macht, die keine Mitte mehr kennt und b) durch Abschwirren ins Universum, um irgendwo den Nabel des Alls zu finden.

Die lineare Zeit des Christentums hat die Schwierigkeit, keine Mitte zu haben – im Gegensatz zur zyklischen Zeit der Heiden, die sich stets um ihren Mittelpunkt dreht. Zwar wurde Christi Geburt – noch im Banne des Hellenismus – durch bloße Willenserklärung zur Mitte der Zeit ernannt. Vergebens. Die verziehende Parusie des Herrn zerriss alle stabilen Enden der Zeit. Wie kann Christi Geburt die Mitte der Zeit sein, wenn niemand weiß, wann Anfang und Ende der Geschichte sind?  

Befähigt durch neu erworbene mathematische Erkenntnisse der Araber, begann im Mittelalter ein hektisches Rechnen. Die eigene Zeit wurde zur neuen Mitte erklärt: zum Mittel-Alter. Auch diese Mitte ist längst verrutscht, denn niemand weiß, wann das Ende kommen wird. Ist das Ende nicht bekannt, kann es keine Berechnung der Mitte geben. Aber auch der Anfang der Schöpfung verschwand in der Unendlichkeit evolutionärer Zeiten. Längst war die biblisch errechnete Geschichtszeit von 6000 Jahren Makulatur geworden.

Hans Sedlmayr empfand den Verlust der Mitte in der Kunst als Selbstzerstörung der gesamten Moderne:

„Die kritischen Erscheinungen der Kunst zeigen, dass die Störung sich auf alle Verhältnisse des Menschen erstreckt. Gestört ist das Verhältnis des Menschen zu Gott. Das wird im Gebiet der Kunst so deutlich wie nirgends sonst. Die neuen Götter des Menschen sind die Natur, die Kunst, die Maschine, das All, das Chaos, das Nichts.“ (Verlust der Mitte)

Die Moderne, die ihre Mitte verlor, ist hektisch dabei, sich eine neue zu suchen: mit Hilfe des Fortschritts und endloser Machterringung. Doch wonach sie sucht, davon entfernt sie sich in beschleunigter Rasanz: wer dem Unendlichen verfallen ist, wird keine Mitte mehr finden.

Auch Hegels Philosophie scheiterte an der verlorenen Mitte der Zeit, die Hegel bei den Griechen sah: „Die Griechen lebten in der glücklichen Mitte der selbstbewussten subjektiven Freiheit und der sittlichen Substanz.“

Wenn die Griechen die glückliche Mitte waren, wer war das Ende? Antwort: „Europa ist das Ende der Welt.“ In Berlin sah Hegel die Geschichte angekommen. Was danach geschehen würde, wäre belanglos. Hegel wollte die zyklische Zeit der Griechen und die lineare Zeit der Christen verknüpfen. Das musste scheitern – auch wenn Einsteins Spekulationen in diese Richtung gehen. Solange niemand zurückgekehrt ist, der von hier ins All vordrang, solang kann die dialektische Einheit von Linie und Zirkel nicht als bewiesen gelten.

Hegel spürte, dass seine griechisch-christliche Symbiose gescheitert war. Denn sie hätte das endgültige Glück der Menschheit bringen müssen. Aber: „Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks; die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr.“ Welch entsetzliche Aussage, in schrillem Kontrast zur amerikanischen Zukunft der Menschheit – die gerade dabei ist, sich zu zerlegen.

Hegels Finale der Geschichte fiel auf Berlin. Was hieß: sie fiel aus. Er verwies noch auf Russland und Amerika, doch über die beiden Kontinente hatte er nichts zu sagen. Das preußische Ende der Geschichte war ein Desaster, das keins hätte sein dürfen. Am propagierten Ende der Kunst konnte man Hegels enttäuschte Ratlosigkeit erkennen.

Kunst stellt „die Wahrheit in Weise sinnlicher Gestaltung hin“. Das hätte die Welt immer schöner machen müssen. Solches konnte nicht mal der größte Tropf behaupten. Wenn aber das Wahre, Gute und Schöne immer mehr auseinanderfallen, was bleibt dann noch? Das Denken. „Das Denken, die begriffene Idee, ist höher als das Kunstwerk.“

Das Denken aber, das auf das Anschauen der schönen Natur, auf das Gute der menschheitlichen Entwicklung verzichten muss, verliert schnell den Realitätssinn und muss sich mit Illusionen begnügen. Die Welt, die immer hässlicher wird, will der Mensch nicht mehr wahrnehmen. Nach Hegels Ende der Kunst kommt sein Schüler und Biograph Karl Rosenkranz, der als Erster eine Ästhetik des Hässlichen schreibt.

„Während das Schöne indes der Freiheit entspringt, ist das Hässliche immer ein Ergebnis von Unfreiheit. Es zeigt sich als Formlosigkeit, Inkorrektheit oder Verbildung.“

Seit der Romantik entdeckte der Europäer die Verschandelung der Natur als Verhässlichung der Welt. Hegel starb im Jahre 1831, in der Spätzeit der Romantik. Ist es Zufall, dass er im Alter in die Welt der Kunst flüchtete, weil er die Realität vermutlich nicht mehr ertrug? Der Frühkapitalismus hatte bereits vor Jahrzehnten in England begonnen. Die ersten rußigen Fabriken waren in Preußen eingezogen. Auch Goethe sah die ersten Vorboten der Industrialisierung ohne gute Gefühle.

Das Hässliche ist immer ein Ergebnis der Unfreiheit. Der mit Sinnesorganen begabte Mensch sah von Anfang an, wie die Industrie die Welt hässlich machte. Warum sind die heutigen Zeitgenossen geradezu süchtig nach Reisen in die letzten unberührbaren Reviere der Natur? Weil sie ihre verdorbene Normalität anders nicht ertragen.

Kaum können die Kinder laufen, entdecken sie auf der Straße – Hundescheiße und den Abfall der Menschen. So schnell wie möglich beginnen sie Fahrrad zu fahren, um über alles hinweg zu radeln. Gehen die Eltern ausnahmsweise mit ihnen spazieren, schauen sie auf ihre kleinen Welterkundungs-Maschinen und haben keinen Blick für die Welt. Die Welt ist nichts zum Anschauen und Bestaunen, müssen die Kinder denken.

Mit Anschauen (Theorie) und Staunen begannen die Griechen die Welt zu erkunden. Mit Blindheit – also „Formlosigkeit oder Verbildung“ – dürfen wir die Natur beerdigen.

Marx, ein anderer Hegel-Schüler, spürt die Aussichtslosigkeit der Lage, doch titanisch, wie er sich fühlt, gibt er sich damit nicht zufrieden.

Er stellt das Ganze nicht nur vom Kopf auf die Füße, sondern macht aus dem Ende der Zeit einen kolossalen Anfang. Den hässlichen Kapitalismus macht er zum Inbegriff des – Schönen? Nein, des Mächtigen und Bewundernswerten.

„Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Welttheile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen – welch früheres Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schooß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten. … Sie hat ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen; sie hat ganz andere Züge ausgeführt als Völkerwanderungen und Kreuzzüge.“

Dass das Schöne vergeht: Schillers Klagelied wird von Marx in eine revolutionäre Sturmmelodie umgedreht.

„Der Sturm, in dem alles wankend wird, erfolgt an bestimmten Knotenpunkten mit historischer Notwendigkeit.“ (Löwith) Freilich, wer diese Notwendigkeit nicht einsieht, der wird resignieren. Dem bleibt nichts anderes übrig, als mit „Wachs, Gips oder Kupfer“ zu kopieren, was der große Meister Hegel „in karrarischem Marmor“ vorgebildete hatte.

Wo aber blieb das Schöne der Griechen? Deren unerreichbare Kunst passte nicht in das fortschreitende Geschichtsmodell Marxens. Also blieb nichts anderes übrig, als das Schöne zur Kindheit der Menschheit zu romantisieren oder zur idyllischen Erinnerung zu degradieren:

„Wo bleibt Jupiter gegen den Blitzableiter, die Iliade gegen die Druckerpresse? Trotz des primitiven Charakters ihrer materiellen Voraussetzungen übe die griechische Kultur einen „ewigen Reiz“ aus, weil wir uns in der Phantasie gern in die schöne Kindheit versetzen würden.“

Marx konnte sich mit dem Verfall seiner Epoche nicht abfinden – im Gegensatz zum anderen Hegelschüler Rosenkranz. Prophetisch wollte der Trierer eine neue Welt mit neuen Menschen schaffen. Und wenn diese neue Welt schon nicht schön sein konnte, dann musste das Schöne eben zur Erinnerung an die Kindheit abgewertet und romantisiert werden.

Schönes, Wahres und Gutes wurden zerrissen und zerstückelt, dass es heute weder Wahrheit, noch Schönheit oder das Gute geben darf. Sie können sich weder ergänzen noch zusammenarbeiten, um das Reich der Freiheit zu ermöglichen. Materiell-dumpfe Verhältnisse treten an die Stelle des menschlichen Geistes. Der Mensch wird zum ohnmächtigen Passagier im Zug der Geschichte. Das Reich der Freiheit ist kein Reich der Schönheit, sondern der Maschinen, die an die Stelle der antiken Sklaven treten werden.

Wäre es nach anderen Hegelschülern gegangen, wäre alles bodenlos geworden. Marx, Verächter der antiken Philosophen, wollte die Welt nicht per Moral verändern. Sokrates erwähnt er nicht, von Aristoteles, Zenon und Epikur hielt er nichts. Er bewunderte einen Feldherrn, der Athen vor der persischen Eroberung durch eine kühne Strategie rettete:

„Die halben Gemüter haben in solchen (kritischen) Zeiten die umgekehrte Ansicht ganzer Feldherrn. Sie glauben durch Verminderung der Streitkräfte den Schaden wiederherstellen zu können … durch einen Friedenstraktat mit den realen Bedürfnissen; während Themistokles (= Marx selbst), als Athen (= der Philosophie) Verwüstung drohte, die Athener bewog, es vollends zu verlassen und zur See, auf einem anderen Element (= auf dem Element der ökonomischen Praxis) ein neues Athen (= eine ganz neue Art der Philosophie) zu gründen.“ ( In Löwith: Weltgeschichte und Heilsgeschehen)

Wie Hegel kämpfte Marx gegen das trostlose Ende der Geschichte. Wie ein Berserker verwandelt er das Ende in einen neuen Anfang. Es war, als wollte er die linear-endlose Zeit in eine zirkuläre zurückverwandeln. Das ging nur, indem er die naturbeschädigende Macht der Maschinen als größere Genieleistungen betrachtete, als die Alten zu bieten hatten.

Bis heute haben postmarxistische Linke die Naturfeindschaft Marxens nicht begriffen. Weshalb ihre ökologische Energie mau ausfällt.

Als früher Bewunderer des jungen Schelling erlebte Marx die kurze Epoche eines „Naturalismus als vollendeten Humanismus“. Als er zum Ökonomen wurde, gab‘s nur noch Malochen, Ausbeutung und Mehrwert. Die Natur musste durch Arbeit erobert werden, damit die Maschinen etwas zu tun hatten, um eines Tages den freien Proleten zu ernähren.

Marx war nicht der letzte, der die lineare Heilszeit in eine zyklische verwandeln wollte. Es war der Pastorensohn Nietzsche, der die Heilsgeschichte ratzfatz in die ewige Wiederholung des Gleichen transformieren wollte. Das raubte ihm den Verstand.

Alle Zeitveränderungen hatten denselben Sinn: Nihilismus oder das Nichts sollten verhindert werden. Nichts davon gelang. Die Europäer stürzten sich in zwei Weltkriege. Dann ein halbes Jahrhundert Erholung unter amerikanischer Führung. Vorbei. Jetzt droht eine Potenzierung der Krisen. Finanzkrisen plus Seuchen plus Wettkampf um die Weltherrschaft ergibt: die Klimagefahr als Bedrohung der ganzen Menschheit.

Wir leben heute in einer wahrheitslosen, hässlichen und unguten Welt, die sich im linear-zyklischen  Wirbel verheddert. Gerade jetzt bräuchten wir eine kämpferische Presse, die sich nicht passiv-beobachtend verhält, sondern sich ins Getümmel stürzt.

Edelschreiber, ihr vergreift euch an belanglosen Querdenkern, die sich aus allen bekannten Utopien und Dystopien ihren Reim machen. „Schöne, neue Welt“ von Huxley, „1984“ von Orwell, „Atomgewicht 500“ von Hans Dominik: das waren auch nichts anderes als futurische Verschwörungstheorien, wenn auch besser formuliert und stringenter durchdacht.

Medien, ihr vergreift euch an harmlosen Verwirrten, um eure eigene verfaulte Mittigkeit unter den Teppich zu kehren.

Früher hätte man gesagt: Ihr seiht Mücken und verschluckt Elefanten.

Zwei Beispiele zum Schluss. Wie habt ihr euch einen abgequält, um den neuen amerikanischen Präsidenten zu charakterisieren. Narzisst, Kind, Entertainer, skrupelloser Milliardär, Belügner seiner Fans. Was ist er wirklich? Trump ist ein fanatischer Anhänger – des fundamentalistisch-apokalyptischen Endzeitglaubens.

In einem ZEIT-Interview schildert der Schriftsteller Paul Auster die amerikanischen Verhältnisse, die er nicht mehr als Demokratie bezeichnen will. Der Verfall der Demokratie habe schon vor einem halben Jahrhundert begonnen:

„Wir erleben das Ergebnis eines 50-jährigen Rechtsrucks: Jede Handlung der Regierung wird als nutzlos, gar teuflisch verstanden, als Betrug an den eigenen Prinzipien. Also verweigert die Regierung der Nation die Hilfe. Ich möchte nicht sagen, dass unsere Regierenden Mörder seien, aber ihre Taten töten Menschen. Gehälter, Bildung, medizinische Versorgung sind eng miteinander verwoben – in Amerika können viele, viele Menschen kaum lesen. Viel zu viele gehen ungebildet ins Leben. Eine Demokratie leidet, wenn ihre Bürger unwissend sind. Das Land, das Obama erbte, war systematisch geschwächt – und der arme Obama war zwar ein wundervoller Mann, aber nicht wirklich ein Politiker. Das ändert nichts daran, dass die erste Denkweise trotzdem gewinnen will: „Ich, ich, ich bin alles, was zählt. Fuck everybody else.“ Dazu gehört die Verdammung von Experten und Wissenschaft: „Ich weiß selbst, was gut für mich ist.“ Die Idee, dass eine Regierung ihren Bürgern hilft, ist für die Republikaner untolerierbar. Sie wollen, dass die Regierung eine Armee hat, um das Land zu verteidigen – und Schluss. Ansonsten: ungebremster Kapitalismus. Das ist ihr bitterer Ernst. Sie halten sich für die Wahren Amerikaner, mit großem W, während alle anderen keine vollwertigen Menschen sind.
ZEIT: Sind die USA überhaupt eine Demokratie?
Auster: Nein. Wir waren nie eine: Das System wurde so gebaut, dass es keine Demokratie sein kann. So kann ein Land nicht regiert werden. Und auch nicht mit einem Senat, in dem zwei Senatoren aus Wyoming – 580.000 Einwohner – genauso viel Macht haben wie zwei Senatoren aus Kalifornien, wo fast 40 Millionen Menschen leben. Das ganze System ist schief, es wirft uns permanent zurück. Das erste Anzeichen dieser Entwicklung war die Präsidentschaftskandidatur Barry Goldwaters 1964. Seine Kampagne war rechtsextrem, zum ersten Mal in den USA, und zudem lehnte Goldwater jegliches Regierungshandeln ab. Er verlor deutlich gegen den Demokraten Lyndon B. Johnson, aber eines verstand ich damals nicht, weil ich jung und naiv war: Der rechte Flügel ist sehr gut organisiert, hat viel Geld, denkt langfristig und gibt nicht auf – während die Demokraten fragil sind, unreif, nie vorbereitet, nie vorausschauend, wie Kinder, die von den Erwachsenen ausgetrickst werden.“ (ZEIT.de)

Auster schildert die Wähler Trumps wie ihr deutschen Medien die hiesigen Verschwörungstheoretiker. Mangelnde Bildung plus wachsende Not ergibt religiösen Wahn – oder sonstige Verschwörungen. Kein Einziger eures Schreiber-Clubs war fähig, den Verfallszustand Amerikas so trefflich zu beschreiben wie Paul Auster und seine Frau Siri Hustvedt.

Das globale Beispiel, das mehr ist als ein Beispiel, sondern die totale Überlebensgefahr:

„Wir sehen aber nicht, wie 70 Millionen Kinder in den Entwicklungsländern unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten – auch für unsere Konsumgüter. Das ist moderne Sklaverei! Kein Automobilwerk in Deutschland könnte ohne Rohstoffe aus dem Kongo oder Sambia produzieren, wo in vielen illegalen Minen Kinder schuften. Und es geht ja weiter: Unsere Kleidung wird in Bangladesch oder in Äthiopien produziert. Die Näherinnen arbeiten 14 Stunden am Tag für einen Hungerlohn von 25 Cent pro Stunde. Unser Wohlstand gründet sich erheblich auch auf der Ausbeutung der Menschen und der Ressourcen in Entwicklungsländern. Es kann nicht sein, dass Unternehmen ihre Produktion ohne Rücksicht auf soziale und ökologische Grundstandards durchziehen und sich so noch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Die Produkte in Deutschland würden sich nur unwesentlich verteuern. Wir dürfen nicht so tun, als wenn wir die Ausbeutung von Mensch und Natur nicht ändern könnten. Sieben Jahre nach dem Unglück von Rana Plaza produziert die Hälfte des deutschen Textilhandels freiwillig nach den Standards des deutschen Textilbündnisses. Das heißt: faire Löhne, Arbeits- und Umweltschutz. Die anderen 50 Prozent halten diese Standards aber nicht ein und verschaffen sich so einen Marktvorteil. Das zeigt: Freiwilligkeit hat Grenzen. Märkte brauchen klare Regeln. Faire Lieferketten sind übrigens der beste Weg, Fluchtursachen zu beseitigen.“ (Berliner-Zeitung.de)

Ist Entwicklungsminister Müller nur eine moralische Alibifigur des Berliner Kabinetts, das machiavellistische Posen benötigt: nach draußen das Gute, in Wirklichkeit die „Macht des Teufels, der in Gottes Reich eingedrungen war“? So die Definition des Machiavellismus in Meineckes Buch „Die Idee der Staatsraison“:

„Das Böse erstritt sich einen Platz neben dem Guten, wo es nun auch als Gut, wenigstens als ein unentbehrliches Mittel zur Erhaltung des Guten geberdete. Die durch die christliche Ethik gebändigten Mächte der Sünde erfochten einen grundsätzlichen Teilsieg, der Teufel drang in Gottes Reich ein.“

Solange sich Nationen feindlich gegenüber standen, war eine doppelte Moral unvermeidlich. Im privaten gut, im politischen aggressiv und militaristisch. Diese Zeiten sind vorbei. Wer verstanden hat, dass Globalisierung die innere Politik eines Weltdorfes ist, der muss Machiavelli vergessen.

Was tut die Kanzlerin? Sie lässt sich Geheimunterricht geben durch den machiavelli-kompatiblen Historiker Münkler.

Edelschreiber: auf wenige wirre Hassprediger stürzt ihr euch mit Aplomb. Die wirklich wichtigen und mächtigen Weltvergifter, Militaristen, Naturschänder und Ausbeuter der Menschheit mit Millionen verhungernder Kinder – die lasst ihr gewähren. Die Kanzlerin kann sich drehen und wenden, wie sie will: ihr bewundert sie. Sie kann Gutes oder Böses tun: ihr betet sie an als unfehlbare Ikone.

Früher hätte man euch Pharisäer genannt. 

Fortsetzung folgt.