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Tanz des Aufruhrs LXVI

Tanz des Aufruhrs LXVI,

Alles, was keine Verschwörungstheorie ist = Vernunft?

Alles, was Gegner der Verschwörungstheorie für wahr halten, müsste also rational sein?

Was halten normale Deutsche für wahr?

Dass wir „unbesiegbar“ sind. Dass Wirtschaft ewig wächst. Dass Kapitalismus die beste Art der Wirtschaft ist: die effizienteste und gerechteste. Dass Fortschritt unendlich ist. Dass Zukunft paradiesische Verhältnisse bringen wird. Dass Technik und Wissenschaft unfassliche Erkenntnisse und Fähigkeiten liefern werden. Dass unsere Macht über die Natur erst am Anfang steht. Dass KI den Menschen um Welten übertreffen und überflüssig machen wird. Dass Umweltprobleme von genialen Robotern gelöst werden. Dass die Zukunft des Menschen im All liegt, wenn die Erde verbraucht ist. Dass es Sieger und Verlierer geben muss: wenige, auserwählte Sieger und Massen an Verlierern.

Das ist das Credo westlicher Eliten. (Vorsicht bei „Eliten“: sie könnten eine Erfindung der Verschwörungstheoretiker sein.)

Ein Historiker der Bismarckzeit, Mitglied der Eliten, formulierte es „nüchtern und sachlich“:

„Millionen müssen ackern, schmieden und hobeln, damit einige Tausend forschen, malen und regieren können.“ (Treitschke)

Heute müsste man von Milliarden sprechen, die schuften, malochen, innerlich ausbrennen, in … … sozialer Kälte und unbarmherziger Konkurrenz darben, fliehen, verhungern, herumkommandiert und gedemütigt werden, damit wenige Milliardäre auf gesicherten Inseln ein göttergleiches Leben führen können.

Nicht nur die wenigen Sieger, auch unendlich viele Verlierer halten diese Lebensweise für das beste Vernunftsystem, das die Welt je sah. Für ein System, das von keinem anderen übertroffen werden kann.

Träumen die Massen von einer besseren Welt, prügeln die Eliten auf sie ein: eine bessere Welt gibt es nicht – für euch. Hört auf, uns zu beneiden. Wir haben uns die bessere Welt durch List und Gewalt mühsam erschaffen müssen. Jeder bekommt, was er verdient. Wenn ihr das nicht versteht, liegt das an eurem beschränkten Verstand. Noch nie habt ihr die Welt verstanden.

Vernunft gegen Unvernunft. Die Herren der Welt verteidigen alles – gemäß dem Motto eines deutschen Siegerphilosophen: Was wirklich ist, ist vernünftig, was vernünftig ist, ist wirklich. Da wirkliche Vernunft dabei ist, die Lebenswelt der Menschen zu zerstören, müssten die Sieger nachweisen, dass höchste Vernunft im Tod der Gattung kulminiert.

Die Loser der Welt halten das Wirkliche für barbarisch. Da sie nicht gelernt haben, ihre Ahnungen und Befürchtungen zu belegen, sind sie in der Gefahr, den Kern ihrer Eindrücke mit irrationaler Logik zu komplettieren – oder zu rationalisieren. Rationalisierungen machen aus Unvernunft Vernünftiges, was nicht bedeuten muss, dass die Unvernunft der Verschwörer keine vernünftigen Partikel enthielte. Deren Protest gegen die offizielle Vernunft könnte wahr sein, wenn ihr Eindruck stimmt, dass jene sich einer unwiderrufbaren Katastrophe nähert.

Es könnte sein, dass die Vernunft des Wirklichen nur eine Scheinvernunft ist, während die scheinbare Unvernunft der Protestanten vernünftiger sein könnte, weil der Kern ihres Protests auf die Gefährdung des Wirklichen hinweisen und Alarm schlagen will. Der Protest der Lebenswilligen wäre immer noch vernünftiger als die selbstmörderische Vernunft der Wirklichen – die zugleich die Mächtigsten sind. Selbst dann, wenn ihre einzelnen Argumente „crude und dubios“ klingen – wie die Herren der Welt sich auszudrücken pflegen.

Crude ist roh, dubios ist zweifelhaft, ungewiss. Rohe Thesen müssen nicht falsch sein, dubios können alle Behauptungen sein, denn es gibt keine, die man nicht anzweifeln könnte, um sie zu überprüfen. Crude und dubios können also auch die scheinbar-vernünftigen Behauptungen sein.

Wer Recht hat, wird mit der alten Strategie ermittelt: wer zuerst angreift, hat gewonnen. Er schüchtert die Gegenseite ein, die sich beschämt zurückzieht. Das war vor allem früher so, als der Pöbel noch kein Selbstbewusstsein besaß.

Heute ist sein Selbstbewusstsein gewachsen, der Pöbel lässt sich nicht mehr einschüchtern und will gehört werden. Das verleitet ihn dazu, seine Thesen ebenfalls aggressiv zu formulieren, oft in aufreizend-ungesicherter Pose, die dennoch unfehlbar klingen muss.

Offizielle Vernunft hat es einfach: sie verweist auf das, was ist. Was ist, muss erfolgreich gewesen sein, sonst wäre es nicht. Aus dem Möglichen wäre es nie ins Wirkliche gelangt. Gegenvernunft hat es schwer: sie stellt Vermutungen an, die sie aus bestimmten Fakten folgert, doch die Folgerungen kann sie nicht mehr beweisen.  

Während offizielle Vernunft auf kühne Folgerungen zumeist verzichten kann, weil diese schon Realität wurden, muss Gegenvernunft mehr auf logische Schlussfolgerungen setzen, die entweder noch keine Wirklichkeit waren – oder deren Wirklichkeit von den Mächtigen verborgen wurde.

Man könnte sagen: der Verschwörungstheorie der offiziellen Vernunft, dass alles gut sei, steht die Verschwörungstheorie der Protestler gegenüber, dass der Kern des Wirklichen schlecht sei – die Mächtigen aber die Verdorbenheit leugnen würden. Wer hat Recht?

Der Spott der offiziellen Vernunft hat es einfach: schaut, diese Scharlatane oder Träumer. Sie setzen Märchen in die Welt. Keine erbaulichen für die Kinder, sondern absurde, phantastische für Querulanten und Unruhestifter. Die Vernunft der Macht verhöhnt die Unvernunft der Ohnmächtigen als Irresein.

Markus Feldenkirchen verurteilt nicht alle Demonstranten als Fälle für die Psychiatrie:

Anders ist es bei jenen Kritikern, die hinter den Maßnahmen keine böse Verschwörung vermuten, an deren Folgen für das eigene Leben aber dennoch verzweifeln. Ihre Anliegen müssen wahrgenommen, ihre wirtschaftliche und soziale Not muss gelindert werden, auch wenn das teuer wird. Schon um zu vermeiden, dass sie aus schierer Not von den Spinnern verführt werden. Um dies zu verhindern, müssen Verantwortliche sich immer wieder erklären. Dass sie nicht aus Größenwahn oder Böswilligkeit gehandelt haben, sondern aus Sorge. Und dass das Ausbleiben einer Katastrophe nicht bedeutet, dass sie ohne diese Maßnahmen ebenfalls ausgeblieben wäre. Das ist mühsam, es erfordert eine Eselsgeduld und die Bereitschaft zur permanenten Wiederholung. Leider zählt die Kommunikation nicht zu den Stärken der deutschen Regierung und ihrer Kanzlerin. Mit widersprüchlichen Aussagen, plötzlichen Neubewertungen und einem latenten Hang zur Intransparenz trug sie selbst zum Misstrauen bei – und lieferte all jenen Munition, die die Gefahr des Virus partout leugnen wollen.“ (SPIEGEL.de)

Selten genug wird die Kanzlerin mal angegriffen – aber auch hier wird sie verteidigt. Es geht nicht darum, dass Kommunikation nicht zu ihrer Stärke gehört. Wenn sie etwas nicht kann, hat sie es zu lernen – und ihre Schwäche zu gestehen. Das gilt für die ganze politische Elite, aber auch für die Medien, die sich damit begnügen, zu schreiben, was ist, weil sie das IST für objektiv halten.

Wahre Objektivität aber ist Offenlegen der eigenen Subjektivität, die – im Streit mit anderen Subjektivitäten – versuchen muss, sich gemeinsam dem Objektiven zu nähern. Das nannten die Alten Suche nach der Wahrheit. Da Wahrheit heute verabscheut wird, lehnen die intellektuellen Eliten demokratische Objektivität ab.

Wenn Medien schon zu feige sind, ihre IST-Fakten zu kommentieren, um sie noch transparenter zu machen und ihrer Wächterfunktion nachzukommen (die alle haben), sollten sie es auch unterlassen, ihrem Publikum ständig geistige Minderbemittelheit vorzuwerfen.

Dass es neben Kritik und Hass auch viel Zustimmung im Volk zu demokratischen Gepflogenheiten gibt, wird gewöhnlich unter den Teppich gekehrt. Dasselbe Phänomen einer negativen Auslese wie bei der Beschreibung einer Demo. Wenige Stinkstiefel werden geschildert, als hätten sie die ganze Demo im Griff.

Das ist nicht nur verdammte Schwarzmalerei, sondern auch mangelhaftes Selbstbewusstsein. Wie ein gesunder Leib sich nicht vor jedem Wehwehchen fürchten muss, dass es ihn auf die Matte legen könnte, so muss eine gesunde Demokratie nicht fürchten, durch wenige Extremisten überrannt zu werden. Den Deutschen fehlt es an vitaler Wehrhaftigkeit. Sie sind wehleidig, geben es aber nicht zu – und spielen den starken Max, der die Schwachen der Gesellschaft verhöhnt und verspottet.

Das gilt leider auch für Feldenkirchen:

„Man will in die wirre Gedankenwelt mancher Demonstranten gar nicht allzu tief eindringen. Leider haben viele, die auf den Straßen und im Netz gerade die große Verschwörung beschwören, chronisch einen an der Waffel. Für manche Demonstranten hält die Psychiatrie effektivere Hilfen bereit als die Politik.“

Was Feldenkirchen noch zu differenzieren versucht, sucht man bei seiner Zunft vergeblich, die bei jeder Meldung über die ganze Demo herfällt: die haben‘s an der Waffel.

Das ist kein einmaliges Ereignis, das ist ein neurotischer Selbstreinigungsversuch der Gesellschaftsmitte, die immer ein giftiges Stichwort benötigt, um ihre coole Rationalität vom Blöken der Extremen zu unterscheiden.

Frühere Reizwörter waren: Moralisten, Gutmenschen, Populisten, Unterkomplexe, vor allem: Selbsternannte. Selbsternannte Heilsbringer, Durchblicker, Apokalyptiker, Problemlöser.

An der Aversion gegen das Wörtchen selbsternannt erkennen wir die Abneigung gegen Autonomie. Auto heißt selbst, autonom ist selbstbestimmend. Alles müsste autonom sein in einer Demokratie. Fremdbestimmt oder heteronom ist eine Obrigkeitsgesellschaft, die Befehle erteilt.

Eben das haben wir heute in hohem Maße. Nicht selten wird den Verschwörungstheoretikern vorgeworfen, sie würden die Republik als Diktatur verunglimpfen. Wie harmlos. Eine Diktatur macht kein Hehl aus ihrer barschen Befehlsstruktur, die von jedem erkannt werden kann.

Was wir heute haben, ist längst zur emotionalen Theokratie geworden. Was auch immer an der Kanzlerin kritisiert werden kann: wenn‘s drauf ankommt, stehen die Deutschen Gewehr bei Fuß, pardon: mit gebeugtem Haupt vor dem Madonnenbild. Die Kanzlerin kann tun und lassen, was sie will, Fehler und Guttaten: immer steht die Presse bereit, aus der Sicht der Kanzlerin zu schildern. Dass Beobachter nur Vermutungen schildern können, wird ignoriert. Mutter-relevante Schreiber wissen genau, wie es im Innern der Unfehlbaren aussieht.

Das gilt, cum grano salis, auch für die Mehrheit der Bevölkerung. In der jetzigen Not wiederholt sich die Trümmersituation der Nachkriegszeit. Alle Väter waren tot oder in Sibirien, nur Mütter waren anwesend und kümmerten sich um ihre Kinder. Alexander Mitscherlich schrieb von der „vaterlosen Gesellschaft“. Das hat sich bis heute kaum verändert, denn die wichtigste Bezugsperson der Kinder ist – wie jetzt in der Corona-Krise – noch immer die Mutter.

Die politische Übermutter verfügt über einen unbegrenzten Unschuldsbonus. Was auch immer sie tut, es kann nicht falsch sein. Wie lange blockierte sie eine sinnvolle Schuldenfinanzierungsmethode, mit der auch schwächere EU-Länder einverstanden sein konnten. Über Nacht drehte sie sich um 180 Grad und beginnt wieder mit Macron zu buhlen. Kein Aufschrei aus einem politischen Lager. Diejenigen, die überfahren wurden, nahmen‘s hin, denn Mutter schwimmt auf einer Woge der Zustimmung, die anderen sind froh, wenn endlich Vernünftiges geschieht.

Wie immer – keine Erklärung über nichts. Sündige tapfer, Angela, wenn du nur an das deutsche Volk glaubst.

Wer hat es an der Waffel? Hätte Feldenkirchen Recht, würden Politik & Medien gegen eine Psychiatrie anrennen. Heissa, eine ganze Republik gegen eine Horde von Verrückten. Hätte die Minderheit Recht, müsste sie gegen eine Irren-Republik  kämpfen. Eins ist klar: wir haben‘s mit einer nervenschwachen Borderline-Gesellschaft zu tun.

Borderline … „ist eine psychische Erkrankung. Typisch für sie sind Impulsivität, instabile aber intensive zwischenmenschliche Beziehungen, rasche Stimmungswechsel und ein schwankendes Selbstbild aufgrund von gestörter Selbstwahrnehmung. Hinzu kommen oft selbstschädigendes Verhalten, Gefühle innerer Leere, Dissoziationserlebnisse und Angst vor dem Verlassenwerden.“ (Wiki)

Der Zustand ansteigender Seelenzerrüttung verschärft sich von Krise zu Krise. Finanz-Zusammenbrüche, Klimagefahren, Corona. Nach Corona: Finanzzusammenbrüche, Klima. Dies alles in exponentiellem Verlauf.

Der Natur in Deutschland geht’s nicht gut. Globale Glutwellen verbrennen immer mehr Länder, in denen niemand mehr überleben kann. Endlose Flüchtlingsströme stehen vor den Schlagbäumen der Völker – die sich immer mehr einigeln. Schon jetzt macht sich Wasserknappheit auch bei uns bemerkbar.

Was geschieht bei uns? Schadenfreude über den Niedergang der FFF-Bewegung. Die Regierung kümmert sich um nichts. Die Kanzlerin versagt auf der ganzen Linie. Doch sie darf nicht versagen. Je näher die apokalyptischen Reiter zu hören sind, je mehr brauchen wir das Narkotikum der Mater dolorosa.

Mütterlein, Mütterlein,
Könnt‘ es nochmal so wie früher sein,
Quälten dich auch Not und Sorgen,
Du trugst sie bei dir,
Glücklich war ich und geborgen,
Denn du warst ja bei mir.

Was aber ist Vernunft? Es gibt theoretische Vernunft, die die Verlässlichkeit der Natur erkennt. Das ist das Feld der Naturwissenschaften und Technik, die die quantitativen Erkenntnisse in maschinelle Praxis umsetzen.

Und es gibt praktische Vernunft, die sich die Frage stellt: wozu Erkenntnisse, wozu Maschinen, wozu die Macht der Technik? Wie wollen wir leben? Jeder gegen jeden? Oder: edel sei der Mensch, hilfreich und gut?

Naturwissenschaften, im Rausch ihrer neuen Erkenntnisse, glauben immer noch, die Erkenntnis der Naturgesetze mache praktische Vernunft überflüssig. Jüngstes Beispiel: die Virologen, die nichts zu bieten haben als statistische Untersuchungen, aus denen sie – haste nich gesehen – unfehlbare praktische Schlussfolgerungen ziehen. Fast alle Naturwissenschaften haben sich den Mächten des Kapitalismus und des Militärs unterstellt und ihre ethische Verantwortung an der Garderobe abgegeben.

Praktische Vernunft, insofern sie human sein will, fordert „starke, freie und tapfere Menschen, die nichts fürchten, auch den Tod nicht, um sicher im Sturm des Lebens zu stehen. In sichtbarer Übereinstimmung von Denken und Handeln, in schlichter Rechtschaffenheit ohne Pathos: der wahrhafte Kampf für das Gerechte.“

Vernunft der Eliten ist quantitative Vernunft ständig wachsender Macht – um eines Tages die Weltherrschaft zu erringen.

Die Vernunft ihrer Gegner ist eine schillernde Melange aus trotziger Unvernunft und unausgesprochener Forderung nach Humanität durch Entlarvung der Lügen und Heucheleien der Eliten. Die Gegenvernünftigen wollen der Welt einen Spiegel vorhalten, ihr die eigenen Maßstäbe um die Ohren schlagen. Seht ihr: so geschwollen redet und schwadroniert ihr – und seht ihr: so hinterfotzig handelt ihr.

Der Königsberger kannte die heuchelnde Vernunft der Mächtigen. Er nannte sie „faule Vernunft“:

„Faule Vernunft“ (ignava ratio) kann man jeden Grundsatz nennen, „welcher macht, daß man seine Naturuntersuchung, wo es auch sei, für schlechthin vollendet ansieht, und die Vernunft sich also zur Ruhe begibt, als ob sie ihr Geschäft völlig ausgerichtet habe. Sich in der Wissenschaft statt auf natürliche Ursachen gleich im einzelnen auf Gott berufen, ist Sache der faulen Vernunft, ebenso die Vernachlässigung der kausal-mechanischen Erklärung durch eine Teleologie am unrechten Platz.“

Wer sein Tun nicht anders erklären kann als durch Machenschaften eines Gottes, Teufels, der Geschichte, materieller Verhältnisse oder sonstiger fauler Erfindungen, der weiß nichts von Autonomie. Wer sich nur auf quantitative Naturerkenntnisse bezieht, sich ansonsten aus allem raushält: dito.

Alle Erlöserreligionen wären Verschwörungstheorien. Sie schieben alles auf Gott und seinen Widersacher. Selbst Adam Smith wäre ein Verschwörungstheoretiker. Ohne unsichtbare Hand konnte er nicht erklären, wie der Egoismus der Vielen zur Harmonie der Gesellschaft werden konnte. Wo immer die Reichen zusammen träfen, immer würden sie in den Hinterzimmern verschwinden, um Geschäfte einzufädeln.

Was geschieht hinter den Kulissen der Reichen und Mächtigen? Man kann es nur ahnen, doch Ahnungen befriedigen nicht. Also müssen aus Vermutungen – Verschwörungstheorien werden. Die Regierung wird immer geheimnisvoller und verschweigt, was immer sie verschweigen kann. Welche Gespräche der Gewaltigen werden live übertragen? Wie oft rühmen sich die Schreiber, in verschwiegener Runde die Kanzlerin quasi privat erlebt zu haben. Das ist die raffinierteste Form der Korruption, denn die Bestochenen fühlen sich frei von aller Schuld.

Man kann alles auf Gott, übermächtige Gewalten oder sonstige Sündenböcke – wie Verschwörungstheoretiker – schieben. Man kann aber auch völlig schuldlos sein, weil die Verantwortlichkeiten angeblich so zersplittert sind, dass es die große Schuld gar nicht mehr geben kann.

Siehe den Prozess gegen die Schuldigen der Love Parade, die nicht gefunden werden konnten. Gegen diese selbst bescheinigte Unschuld der Eliten rebellieren die Verschwörungstheoretiker. Leider so, dass sie umso unfehlbarer werden, je weniger Beweise sie vorlegen können. Was bedeutet: sie tun‘s wie ihre verabscheuten Vorbilder.

Sollte eines Tages die Welt untergehen, wird es keinen Menschen geben, der schuld an dieser Tragödie wäre.

Wahre Vernunft erkennt, um die Wirklichkeit zu erfassen. Sie beantwortet die Frage: wie ist die Welt? Dann fragt sie: welche Welt wollen wir? Naturgesetze antworten nicht. Wir müssen selbst unseren Kopf einschalten. Das verstehen weder deutsche Politiker noch Edelschreiber, die ihre Kanzlerin stolz als Physikerin präsentieren.

Naturwissenschaftler und Medien wollen nur wissen, wie die äußere Welt ist. Sie haben keine Ahnung, wie die Welt sein soll. Zwischen Sein und Sollen gibt es einen winzigen Spalt. Er kann nur überbrückt werden durch furchtlose Menschen, die sich die Frage stellen: in welcher Welt wollen wir ein gelungenes freudiges Leben führen?

Gibt es etwa keine Verschwörungen auf der Welt?

Der Kapitalismus ist eine einzige Verschwörungsorgie derer, die sich ständig allüberall treffen, um die Geschicke der Welt nicht dem Staat zu überlassen. Sie huldigen dem Markt, einer besonders aparten Verschwörungstheorie. Hayek sah nur Gespenster, er sah den MARKT. Noch nie wurde ein Markt gesehen. Noch nie hat jemand seine Stimme gehört, seine absurde Logik vernommen.

Was ist Geld? Eine Glaubenssache, sagen Experten. Jeder Glaube aber ist Verschwörungstheorie. Wer bestimmt deren Dogmen? Wer bestimmt die Geldmenge, die gedruckt werden müsste, damit niemand in Existenzängste kommt? Niemand stellt Urfragen, alles muss geheimnisvoll, die Sache dubioser und cruder Glaubensexperten sein. Wenn Geld Glaubenssache ist: wer sind die Popen dieser Kirche?

Gibt es keine Geheimbünde mehr? Dann lese man: https://de.wikipedia.org/wiki/Geheimbund

Da gibt es die Bilderberg-Konferenz, zu der nur illustre Mächtige geladen werden. Absolute Bedingung: Maul halten. Selbst Jürgen Trittin war sich nicht zu schade, um der Einladung zu folgen. Danach schwieg er wie ein Grab. Gab es nichts zu erzählen, weil alles banal war? Warum dann geheim? Oder benutzten Schlaumeier die aufkommenden Verschwörungstheorien, um ihren Marktwert zu erhöhen?

„Die strenge Geheimhaltung der Gesprächsthemen der Konferenzen lieferte häufig Stoff für Verschwörungstheorien.“

Und da wundert man sich, dass es Menschen gibt, die den Mächtigen alles Mögliche unterstellen.

„Des Griffin behauptet in seinem Buch Die Herrscher – Luzifers fünfte Kolonne (englischer Originaltitel: The Fourth Reich of the Rich – übersetzt: „Das Vierte Reich der Reichen“), die Bilderberger strebten eine „Weltdiktatur“ im Sinne einer Neuen Weltordnung an und würden ihre diesbezüglichen Pläne „erbarmungslos weiterentwickeln.“ (Wiki)

Wer kann diesen Klamauk widerlegen, wenn nicht offengelegt wird, was intra muros geschah?

Die Mächtigen erzeugen mit Absicht eine globale Verschwörungs-Atmosphäre, damit der Pöbel darauf reinfällt und Verschwörung brüllt. Dann heißt es in den Medien: auf den Pöbel mit Gebrüll. (Vorsicht: das war eine Verschwörungstheorie über Verschwörungstheorien.)

Wenn Mächtige etwas zu verbergen haben, lancieren sie geschickt bestimmte Fakten und Schlagzeilen, dass die Folgerung der Leser nicht anders sein kann als: „Neue Verschwörung in Sankt Moritz beim Geheimtreffen zwischen X und Y.“

Natürlich gibt es auch Psychoexperten zur Entstehung der Verschwörungstheorien:

„Frau Lamberty, Sie erforschen die Verbreitung von Verschwörungstheorien. Warum boomen diese gerade jetzt in der Corona-Krise?
Wenn Menschen das Gefühl haben, keine Kontrolle zu haben, suchen sie Strategien, um damit umzugehen. Eine Strategie ist, auch da Muster zu sehen, wo keine sind. Eine Verschwörungserzählung strukturiert die Welt. Deswegen gehen Bedrohungen und Unsicherheiten mit einer erhöhten Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien einher.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Muster, wo keine sind? Woher weiß das die Expertin? Es gibt nichts auf der Welt, das keine Muster hätte. Die Welt strukturieren, heißt, die Welt verstehen wollen. Die Eliten, die die Zügel der Weltpolitik in der Hand halten, erklären nichts. Sie wollen die Völker für dumm verkaufen. Der Kampf zwischen irdischer Vernunft und göttlicher Weisheit ist ein Kampf konträrer Verschwörungstheorien.

Die Weisheit der Welt ist Torheit vor Gott. Die Weisheit vor Gott ist Torheit für die Welt.

Warum Bill Gates? Zuerst lese man die Zeilen der Präsidentin von Brot-und-Welt:

„Private Geldgeber haben mit großem Einfluss auf nationale Regierungen und die Weltgesundheitsorganisation viel Geld in Programme gegen Aids, Malaria und Tuberkulose gesteckt. Impfspritzen zu setzen und Medikamente zu verteilen ist einfacher und scheint effektiver, als langfristig in Gesundheitssysteme zu investieren. Jetzt fehlen überall Zentren einer Basisversorgung, um die Menschen angemessen aufzuklären und Infizierte behandeln zu können. Regierungen mussten die Krankheit stoppen, weil das Verbreitungspotenzial unter ihren Bedingungen grenzenlos ist. Aber jetzt sind die sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Lockdowns schlimmer als die medizinischen. Und leider ist die Hungerkrise auch keine zukünftige Bedrohung mehr, sondern längst in vollem Gange.“ (ZEIT.de)

Die Völker vernachlässigen die UNO-Organisationen. Die WHO zum Beispiel. Dann erscheinen nächstenliebende Milliardäre und spenden Almosen – natürlich, um den Kampf gegen die Seuchen mitzubestimmen. Gerüchteweise soll Gates mit seinen Spenden neue Gelder verdienen, weil er Einfluss erhält bei gewissen Pharma-Firmen.

Völlig verständlich, dass der Gedankensprung von den Fakten bis zur ominösen Weltdiktatur gehen muss. Zuerst bilden sich Phantasien, dann kommt die Wut, schließlich werden es Gewissheiten, an denen man nicht mehr zweifelt.

Wir erkennen das Werk der Vernunft, die verzweifelt nach Ursachen sucht. Die einen suchen Ursachen, um Genies und Heilige zu finden, die das Wohl der Welt befördern; die anderen suchen die Schurken der Welt. Die Fama der immer unschuldigen Kanzlerin ist selbst eine Verschwörungstheorie – der optimistischen Art: Freunde, verzweifelt nicht, es gibt eine Instanz in Berlin, die lässt uns nie im Stich.

Die pessimistische oder dämonische Art der Verschwörungstheorie lautet: China ist am ganzen Weltelend schuld (BILD-Reichelt) oder Putin oder sonst ein gottloser Despot aus den Tiefen Asiens.

Umgekehrt: das Heil der Welt kommt aus dem Westen. Sprich aus Amerika, aus Israel, besonders aus Silicon Valley. Aus den Laboren der Wissenschaft. Von überintelligenten Maschinenmenschen. Von der Expedition auf den Mars.

Eine Verschwörungstheorie ist ein logischer Vernunftakt, gegründet auf mangelhaften Grundlagen: ein missglückter Erkenntnisakt. Nicht anders als die Erklärung des Kindes: es verfüge über eine besondere Kraft – durch Cole, den Meister der Erde und der Babykraft.

Erkenntnisakte, auch missglückte, sind keine Kontrollversuche. Im Gegenteil: die großen Entdecker, Erfinder und Denker wollten die Kontrollen ihrer Religion sprengen, um die Wahrheit zu erkennen, auch wenn sie dabei die Welt auf den Kopf stellen mussten. Kopernikus entfernte die Erde aus dem Mittelpunkt des damaligen Universums – und damit den Menschen. Darwin entthronte den Menschen als Krone der Schöpfung und degradierte ihn zum Genossen der Affen, Freud machte ihn zum Knecht unbewusster Triebe. Alles Befreiungen als Degradierungen und Kränkungen – und dennoch Schritte zur endlosen Steigerung menschlicher Macht.

„Bei der letzten Mitte-Studie haben 50 Prozent der Deutschen gesagt, dass sie lieber ihren Gefühlen trauen als Experten. Das ist eine besorgniserregend hohe Zahl.“

Warum sollten Menschen Experten vertrauen, deren Wissen nicht den Untergang der Welt verhindert? Das deutsche Bildungssystem versagt an allen Ecken und Enden. Sonst könnten die Menschen die Wissenschaften beurteilen.

„Schon frühere Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass Menschen an Verschwörungstheorien glauben, die sich gegenseitig logisch ausschließen. So glaubten Menschen, die der Meinung waren, dass Lady Diana vom Geheimdienst umgebracht wurde, tendenziell auch eher daran, dass sie noch lebt.“

Hat die Expertin noch nie von Dialektik gehört? Dass Deutsche Theorien besonders lieben, die sich widersprechen? Dass Wissenschaftler selbst nicht bemerken, wenn sie inkompatible Thesen verbreiten? Gab es keine „Experten“, die die Klimagefahren leugneten und sich Klima-Skeptiker nannten? Wie viele Experten predigen in „Demut“, die Probleme der Moderne seien so komplex, dass der Mensch sie niemals lösen werde?

„Es gibt zwei Aspekte, warum Menschen an Verschwörungserzählungen glauben. Der eine ist ein gesteigertes Bedürfnis nach Einzigartigkeit, das man über Verschwörungserzählungen befriedigen kann. Man glaubt, dass man über eine Art Geheimwissen verfüge, dass man zur Wahrheit gefunden habe.“ (TAZ.de)

Wer will nicht einzigartig sein? Soll das plötzlich verwerflich sein? Ist Liberalismus nicht stolz auf die Individualität, die Einzigartigkeit der Menschen? Vor allem: schon mal von einer Religion gehört, in der es nur einzigartige Persönlichkeiten gibt? „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein?“ Müsste die Verschwörungstheorie-Expertin nicht die Erlöserreligion als Urbild aller Verschwörungstheorien ausrufen? In dieser Religion sind alle einzigartigen Menschen Marionetten einer göttlichen Geschichte.

Im Vergleich mit diesen ungeheuren Verschwörungs-Geschichten wären alle Corona-Vermutungen Petitessen. Ginge es allein nach dieser Religion, wäre die gesamte westliche Kultur eine einzige Verschwörungs-Kultur. Im Reich des Fortschritts herrschten weder Klugheit noch Besonnenheit, sondern kosmosfeindliche Karikaturen der Vernunft.

Wer überleben will, muss sich auf die Suche machen nach der wahren Vernunft.  

Fortsetzung folgt.