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Tanz des Aufruhrs LXV

Tanz des Aufruhrs LXV,

Wir kreisen um uns – die Welt haben wir vergessen:

„Meine europäischen Freunde haben mich gefragt, wie es mir geht. Mir geht es gut. Ich befinde mich im Wald bei meinem Volk, ganz im Norden Brasiliens, am Ufer des Flusses Oiapoque. Die Natur umgibt mich, sie beschützt und nährt mich. Ich lebe im Rhythmus des Gesangs der Vögel und des Regens, und ich führe die Rituale aus, die mich in Kontakt zu meinen Vorfahren bringen. Zum ersten Mal seit 500 Jahren sind Europa und Amerika wieder voneinander getrennt. Meine Mutter, eine Tucana, gab mir den Namen Kay Sara. Das bedeutet: „Die sich um andere sorgt“. Von väterlicher Seite bin ich also eine Tariana. Aber ich spreche in meiner Muttersprache zu ihnen, dem Tucano. Wie jeder bin ich eine Mischung aus vielem: ich bin Tucana und Tariana, eine Frau, eine Aktivistin, eine Künstlerin. Ich spreche als all das zu ihnen. Wir Tucano werden Indianer genannt. Aber ich bestehe darauf, dass wir Indigene genannt werden. Denn indigen heißt: einheimisch. Ich bin Schauspielerin geworden, damit ich von uns, den Indigenen, erzählen kann. Lange Zeit wurde unsere Geschichte mit den Worten von Nicht-Indigenen erzählt. Nun ist es an der Zeit, dass wir selbst unsere Geschichte erzählen. Unser Unglück begann, als die Spanier und Portugiesen in unser Land kamen. Zuerst kamen die Soldaten, dann kamen die Geistlichen. Mit den Europäern kamen die Krankheiten zu uns. Millionen starben. Weitere Millionen starben von der Hand der Soldaten und der Geistlichen, im Namen des einen Gottes und der einen Zivilisation, im Namen des Fortschritts und des Gewinns. Einige verließen die Wälder, um auf den Feldern zu arbeiten. Aber am Ende der Arbeit tötete man sie, um sie nicht zu bezahlen. Heute sind nur noch wenige von uns übrig. Ich bin eine der Letzten der … … Turiano. Und vor einigen Wochen also kam die nächste Krankheit aus Europa zu uns: Corona. Vielleicht haben Sie davon gehört, dass in Manaus, der Hauptstadt des Amazonas, die Krankheit besonders schrecklich wütet. Es ist keine Zeit mehr für richtige Beerdigungen. Menschen liegen in Massengräbern, Traktoren schütten sie zu. Andere liegen in den Straßen, unbeerdigt wie Antigones Bruder. Die Weißen nutzen das Chaos, um noch tiefer in die Wälder einzudringen. Die Feuer werden nicht mehr gelöscht. Von wem auch? Wer den Holzfällern in die Hände fällt, wird ermordet. Und was hat Bolsonaro getan? Das, was er immer getan hat: Er schüttelt die Hände seiner Unterstützer und verspottet die Toten. Er hat seine Mitarbeiter beauftragt, die indigenen Völker zu benachrichtigen, dass eine Krankheit ausgebrochen sei. Das ist ein Aufruf zum Mord an uns. Bolsonaro will den Genozid an den Indigenen, der seit 500 Jahren anhält, zu Ende bringen. Ich weiß: Ihr seid Reden wie diese gewohnt. Wenn es schon zu spät ist, kommt immer eine Seherin oder ein Seher zu euch. Wenn in den griechischen Tragödien Kassandra oder Teiresias auftreten, dann weiß man, dass das Unglück bereits seinen Lauf genommen hat. Denn ihr hört uns gern singen, aber ihr hört uns nicht gern reden. Und wenn ihr uns zuhört, dann versteht ihr uns nicht. Das Problem ist nicht, dass ihr nicht wisst, dass unsere Wälder brennen und unsere Völker sterben. Das Problem ist, dass ihr euch an dieses Wissen gewöhnt habt. Ich sage euch also, was ihr alle wisst: Vor einigen Jahren trockneten die Nebenflüsse des Amazonas zum ersten Mal seit Menschengedenken aus. In zehn Jahren wird das Ökosystem des Amazonas kippen, wenn wir nicht sofort handeln. Das Herz dieses Planeten wird aufhören zu schlagen. Das sagen unsere und das sagen eure Wissenschaftler, und vielleicht ist es das Einzige, worin sie sich einig sind. Wir werden untergehen, wenn wir nicht handeln. Wenn ihr in euch hineinhört, dann findet ihr nur euer schlechtes Gewissen. Und wenn ihr durch die Welt reist, findet ihr nur den Schmutz, mit dem ihr sie besudelt habt. Es gibt nichts, wozu ihr zurückkehren könnt. Ich fürchte mich nicht um mich, ich fürchte mich um euch. Es ist für euch also Zeit zu schweigen. Es ist Zeit, zuzuhören. Ihr braucht uns, die Gefangenen eurer Welt, um euch selbst zu verstehen. Denn die Sache ist so einfach: Es gibt keinen Gewinn in dieser Welt, es gibt nur das Leben. Und deshalb ist es gut, dass ich nicht auf der Bühne des Burgtheaters stehe. Dass ich nicht als Schauspielerin zu euch spreche. Denn es geht nicht mehr um Kunst, es geht nicht mehr um Theater. Unsere Tragödie findet hier und jetzt statt, in der Welt, vor unseren Augen. Denn wenn Rechtlosigkeit Gesetz wird, wird Widerstand zur Pflicht. Lasst uns gemeinsam Widerstand leisten, lasst uns Menschen sein. Jeder in seiner Art und an seinem Ort, vereint durch unsere Unterschiedlichkeit und unsere Liebe zum Leben, das uns alle vereint.“ (TAZ.de)

Und wir Deutschen? Kennen nur Außen- und Innenwelt. Die Außenwelt bereisen wir und rühmen uns, sie bereist zu haben. Erkenntnisse des Außen interessieren uns nicht. Wir wissen, was Sache ist.

Die Innenwelt ist unsere Welt. Wir reden und schreiben nur über uns. Außenwelt ist nur dazu da, dass wir uns vorteilhaft von ihr abheben können.

In unseren Gesprächsrunden sitzen nur Deutsche, die über deutsche Innenweltthemen reden. Zurzeit gibt es nur ein Innen-Thema: die Bedrohung unserer Heimat durch eine chinesische Fledermaus.

Gottlob, auch in der Krise schneiden wir Deutsche am besten ab. Abgesehen von einer entfernten Insel, die nur deshalb besser abschneidet, weil sie eine Insel ist, wir aber mitten in Europa von vielen Freunden umzingelt sind, die es nicht ertragen, dass wir besser sind als sie.

Wir sind so gut, dass wir nicht einmal ein Corona-Krankenhaus benötigen, das wir in kürzerer Zeit errichtet haben als die Chinesen. Bei Flugplätzen lassen wir uns Zeit, ahnten wir doch, dass wir sie nicht brauchen werden.

In vorauseilendem Gehorsam lassen wir uns von niemandem übertreffen. Lange, bevor unsere Regierung – die die gelbe Gefahr anfänglich verharmloste – wusste, wie sie uns drangsalieren könnte, taten wir aus freiem Willen, was wir später tun mussten: wir übten uns in sozialer Distanz.

Das fiel uns nicht schwer, denn eine andere Distanz gab es schon ewig nicht mehr – freilich in der verwirrenden Tarnung: Küsschen rechts, Küsschen links. Jetzt können wir diese Distanzlosigkeit  unterlassen und ehrlich werden. Ein Aufatmen geht durch das Land.

Merkwürdig: unsere Regierung – von den meisten gelobt – machte in schwarzer Pädagogik und hetzte die Polizei auf uns, als wir in romantischer Einsamkeit auf Bänken saßen und wertvolle Bücher lasen.

Richtige Banken wurden in der Finanzkrise (das war die mit dem Virus „grenzenlose Habsucht“) gefördert, falsche aus der Öffentlichkeit entfernt. Ein bleibendes Verdienst der Schröder-Fischer-Regierung.

Die zu spät aufgewachte Regierung versuchte sich zwar in einfühlender Rhetorik: wir haben Verständnis für die Härte unserer Maßnahmen, doch im Namen unserer Alten mussten wir alles tun, um unsere Schwachen und Gefährdeten zu schützen.

Unsere Schwachen wurden derart durch Isolierung geschützt, dass sie nicht selten an Einsamkeit verstarben. Ein genialer Akt: wurden sie doch in einem dialektischen Akt sowohl vor dem Tode geschützt als auch dem Tode übergeben. Wir Deutschen lieben Dialektik, in der sich Widersprüche in seliger Harmonie auflösen.

Natur kann unterscheiden zwischen nützlichen Mitgliedern der Menschheit und denen, deren Zeit abgelaufen ist. Vertrauen wir der Fürsorge der Natur, auch wenn clevere Kommunikationsdesigner es für Romantik halten, sich Natur als fühlendes Wesen vorzustellen.

Die Schutzmaßnahmen kollidierten mit dem Grundgesetz. So schien es. Na und? Führende Rechtsgelehrte halten das Grundgesetz für ein Recht, das rein zufällig das Recht der Deutschen ist. Und weil es (niemand weiß warum; auf keinen Fall, weil es der Vernunft oder Wahrheit entspricht) nun mal herrschendes Recht ist, soll es auch herrschendes Recht bleiben. Recht ist Recht. Wahrscheinlich ist es vom Himmel gefallen, niemand ist berechtigt, seine Geltung in Frage zu stellen.

Verstießen die Schutzmaßnahmen nicht gegen das geltende Grundgesetz? Das kümmerte einige Intellektuelle, nicht die Regierung, die es mit spitzfindigen Fragen nicht so hat und lieber das Praktische durchwurschtelt.

Als Gerichte das Demonstrationsverbot aufhoben, weil es gegen das Grundgesetz verstieße, erboste sich ein hohes Regierungsmitglied: das Gericht habe es gewagt, das Gleichheitsprinzip ins Feld zu führen, um dem aufmüpfigen Volk Recht zu geben. Richter wiederum protestierten gegen diesen Protest und fragten vorsichtig, ob die Kanzlerin von diesem ungeheuren Angriff gegen das Grundgesetz gewusst habe. Anfragen dringen selten durch die stählernen Mauern des Kanzleramts.

Die Frage kam auf, ob Recht wichtiger sei als der Schutz des Lebens. Wolle man unsere Alten schützen, könne man nicht mit dem Grundgesetz unterm Arm umherwandeln. Soll die Würde des Menschen wichtiger sein als sein blankes Überleben? Lieber würdelos, lieber mausetot?

„Für ihre Polis gehen die griechischen Bürger in den Tod“, beschrieb ein Experte die athenische Urdemokratie. Sollte das bedeuten, auch Demokratie brauche Heroen, die in Notzeiten ihr Leben riskieren, um die Grundlagen der Gemeinschaft zu retten – wie in den Uranfängen der Volksherrschaft?

Wenn die Polis keine Heroen braucht, die ihr Leben riskieren, um andere Menschen zu retten und somit die Würde der Demokratie: warum wurde auf vielen Balkonen den medizinischen HeldInnen Beifall getrommelt? Wenn ihr Einsatz überflüssig, ja kontraproduktiv war?

Zeigte sich doch, dass nicht wenige PflegerInnen, Ärzte und Ärztinnen zu Tode kamen, weil sie den Menschen helfen wollten. Das wird doch keine überflüssige Moral gewesen sein, um auch das Leben jener zu retten, die von Gutmenschentaten nicht wissen wollen?

Warum werden die Heroen des Widerstands gegen das Hitler-Regime in Ehren gehalten, wenn sie die Würde leichtsinnigerweise dem Tode vorzogen? Wenn das Recht keiner Vernunftmoral entspringt, warum sollten Menschen für die Einhaltung des Rechts ihr Leben opfern?

Notzeiten sind Debattenzeiten – sollte man meinen. Nicht in Deutschland, höchstens in den unteren Rängen. Je mächtiger die Eliten, umso unterkühlter und sachlicher händeln und managen sie, was der Tag fordert. Alles andere ist überflüssiges Spreizen und Blenden.

Woran liegt das? Wir Deutschen haben Angst, dass sich, besonders in Notzeiten, der Boden unter unseren Füßen auftun könnte durch überflüssiges Fragen und Streiten. Also lieben wir jene, die stumm ihre Pflicht tun und den Anschein erwecken, sie hätten alles im Griff.

Ein unsicheres Volk braucht KaltblüterInnen als Führungspersonal. Wenn diese noch herzensfromm sind und mit dem Segen des Höchsten agieren, verklären wir sie glatt weg zu Heiligen und Madonnen. Ikonen orthodoxer Ostkirchen dürfen, so Experten, nichts Menschliches an sich haben.

Christliche Demokratien haben es an sich, immer christlicher zu werden – auch wenn sie dabei die Grundlagen der Demokratie opfern müssen. Einmal kommt der Tag, an dem man die Flagge der militia christi hissen muss.

Wie das fromme Amerika seinen Präsidenten zum Kämpfer gegen den Antichrist erhebt, so dürfen wir den Anschluss nicht verlieren und müssen dasselbe tun. Wie können wir an der Seite unserer wertvollsten Verbündeten stehen, ihre Atombomben unter deutscher Erde schützen und bewahren, wenn wir nicht ähnlichen Geistes wären?

Warum werden wir unruhig und bevölkern die Straßen, um gegen angebliche Rechtsverletzungen zu demonstrieren? Wenn wir doch zugleich mit den meisten Grundgesetz-Verletzungen einverstanden sind?

Mündige Demokratien müssten nicht ihre Mündigkeit opfern, um sich gegen außergewöhnliche Gefahren zu schützen. Denn das Geheimnis der Mündigkeit (das keines sein sollte) ist Selbstbestimmung des Volkes. Beschließt das Volk, sich mit Notmaßnahmen zu wappnen, opfert es nicht seine Würde und Mündigkeit. Es bestätigt und verwirklicht sie, denn es unterwirft sich seinem eigenen Willen.

Voraussetzung aber wäre, dass das Volk zuvor gefragt worden wäre. Die Regierung, die die kommenden Gefahren hätte voraussehen müssen, hätte die verdammte Pflicht gehabt, das Parlament abstimmen zu lassen. Noch besser wäre eine Volksabstimmung gewesen. Das wäre alles möglich gewesen, wenn die Regierung nicht – wie immer – auf Autopilot geschaltet und vor sich hin gedämmert hätte. Die Zeichen geistesabwesenden Hindämmerns sind jedem Demokraten bekannt: äußerliche Betriebsamkeit und Hektik bei innerer Hohlheit der Aktionen.

Wer macht es besser: wir oder die Schweden, die dem mündigen Volk mehr vertrauen als polizeilichen Drohgebärden? Um diese Fragen zu beantworten, untersuchen deutsche Medien die Statistik der Toten. Dahinter steckt der Aberglaube, Lebensfragen ließen sich quantitativ beantworten.

Okay, warum keinen Zahlenvergleich? Selbst, wenn die Schweden den jetzigen Coronavergleich verlieren würden, hätten sie die besten Chancen, den Vergleich der Zukunft zu gewinnen. Durch Vertrauen in ihre Mündigkeit hätten sie gelernt, vorhandene Mängel zu erkennen und – für die nächste Krise – zu korrigieren. Eine selbstbewusste Polis ist einer gehorsamen in allen Dingen überlegen.

Die Unmündigkeit unserer Demokratie wurde weder angesprochen noch erörtert. Welche Mängel in Selbstbestimmung haben wir? Wie könnten wir sie überwinden? Polit-philosophische Fragen werden bei uns nicht gestellt. Die Gründe: wenn nicht Wirtschaft alles bestimmt, bestimmen Politiker, die nur  staatliche Mechanismen kennen. Ein Geist der Polis wäre für sie Sentimentalität.

Dabei steht es gar nicht so schlecht um unseren demokratischen Geist. Warum die Deutschen auf die Straße gehen, ist vor allem ein Protest gegen die machthungrige Obrigkeit, die nicht erkennen wollte, in welchem Maße das Volk die Maßnahmen aus eigener Einsicht vorwegnahm.

Doch Berlin, blind und stumm, ist unfähig, eine autonome Bevölkerung von einer heteronomen zu unterscheiden. Wenn das Volk „spurt“, dann wegen genialer Propagandakünste der Obrigkeit. Preußen ist lebendiger, als die Hauptstadt wahrhaben will.

Niemand war interessiert, die wahren Motive der Demonstranten in Erfahrung zu bringen. Die Medien sind auf ihr niederstes Niveau  gesunken – seit ihrer kritiklosen Übernahme des Neoliberalismus.

Reporter gehen auf die Straße, um zu berichten, was ist. Was tun sie? Noch immer haben sie nicht realisiert, dass das IST ein subjektives Auswahlkonstrukt ist, abhängig von ihrer Ideologie, ihrer quoten-pflichtigen Sensationslust und ihrem misanthropischen Motto: miserable Nachrichten sind die besten Nachrichten. Sie lassen sich am besten verkaufen. Zumal in Zeiten, in denen die Gazetten immer mehr am Krückstock gehen.

Gelegentlich verlangen sie von der Regierung selbstkritische Korrekturen. Von sich verlangen sie nichts. Sie gehen auf die Straßen, nicht um über die demokratischen Mehrheiten zu berichten. Sondern über belanglose Krawallis, die nur deshalb wichtig werden, weil die Medien ihnen diese Wichtigkeit verleihen.

Stattdessen schrieben sie über „Die unheimliche Macht der Verschwörungstheoretiker.“ Es muss unheimlich sein, wenn die Majorität einer Demokratie von einer winzigen Minderheit kujoniert werden kann.

Einen schrecklichen Einfluss auf die Vielen hätten die Wenigen: das ist stets das reißerische Fazit derer, die zündende Schlagzeilen brauchen. Wenn bad news immer good news sind, muss das Böse immer attraktiver sein als das Gute. Undenkbar, dass wehrhafte Demokraten die Kunst beherrschten, die Gegner der Demokratie in Gespräche zu ziehen und sie von ihrem Irrweg abzubringen. Ja, es gibt Fanatiker. Die fallen aber nicht vom Himmel. Anstatt sie in Bedeutungslosigkeit verschwinden zu lassen, erhalten sie von den Medien eine ungeheure Bühne. Just dafür werden sie gescholten – von denselben Medien.

Ausgerechnet ein klerikaler Sektenbeauftragter darf die Analyse propagieren:

„Diese Mythen haben nach Worten des Religionswissenschaftlers Michael Blume für manche eine „unmittelbare Entlastungsfunktion“ in der Krise. Anstatt die Unsicherheit ertragen zu müssen, führt der Verschwörungsglaube zu einer Scheinsicherheit. “Wir wollen instinktiv wissen, wer das verursacht hat.“ An dieser Stelle kämen Verschwörungsideologen ins Spiel, sie „benennen ein Feindbild“.“ (BILD)

Alles ist Verschwörungs-Glauben, was nicht den Predigten der Kirchen folgt. Ist nicht der Glaube selbst das Urmuster eines Verschwörungs-Glaubens, der für Scheinsicherheit sorgen muss? Denn wer kann die Wahrheit der Erlösungsmärchen beweisen? Wenn Kinder keine Warum-Fragen stellen, wird den Eltern vorgeworfen, sie hätten versagt. Wenn Erwachsene die Warum-Frage stellen, gelten sie als psychopathisch.

Gewiss, richtige Fragen stellen, heißt noch lange nicht, sie rational zu beantworten. Welches Pro und Contra gibt es? Welche Faktenlage? Welche Argumente? Anderen Verschwörungstheorien vorzuwerfen, sie seien irre, indem man stillschweigend voraussetzt, die eigene Meinung sei unfehlbar, ist selbst eine Verschwörungstheorie: eine Gegen-Verschwörungstheorie.

Die Mitte der Gesellschaft entledigt sich ihrer unruhigen Minderheiten, indem sie ihnen vorwirft, was sie selbst ausgebrütet hat. Warum sind Erwachsene unfähig zum rationalen Frage- und Antwortspiel? Warum haben strenge Wissenschaften ihren Flair verloren?  Gibt es Kritik gegenüber  Wissenschaften, die sich allen Mächten dieser Welt verkauft haben?

Immer dieselben magischen Formeln der Medien, um die Bosheit der Randständigen zu beschreiben. Wer gehört zum Reigen der Querulanten? „Kapitalismuskritiker, Impfgegner, Esoteriker und Antisemiten.“

Man muss kein Befürworter der Impfgegner sein, um zu verstehen, dass es Menschen gibt, die der Technik weniger vertrauen als der Natur. Das wären Grundsatzdebatten, die hier zu führen wären. Doch Vertreter der Mitte wollen keine Debatten, sie wollen quotenträchtige Nachrichten – um das Feld als Sieger zu verlassen.

Kapitalismuskritik als Verschwörungstheorie anzuschwärzen, ist nichts anderes als Kapitalismus als unfehlbare Religion anzubeten.

Was sind Esoteriker?

„Esoterik ist in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs eine philosophische Lehre, die nur für einen begrenzten „inneren“ Personenkreis zugänglich ist, im Gegensatz zu Exoterik als allgemein zugänglichem Wissen. Andere traditionelle Wortbedeutungen beziehen sich auf einen inneren, spirituellen Erkenntnisweg … oder auf ein „höheres“, „absolutes“ Wissen.“ (Wiki)

Jeder Glaube an eine höhere Offenbarung, die nur Erleuchteten zugänglich ist, ist esoterisch. Alle Anhänger der Erlöserreligionen wären demnach Esoteriker. Genau so, wie sie Verschwörungstheoretiker wären, weil sie eine ominöse Erbsünde für die Ursache alles Bösen hielten.

Antisemiten machten Juden für alle Schuld dieser Welt verantwortlich. Was nicht bedeuten muss, als habe sich bis heute absolut nichts verändert. Antisemitismus-Vorwürfe müssen heute so exakt belegt werden wie die der Verschwörungstheoretiker. Alles andere wäre dogmatischer Glaube. Von Reizwörtern assoziativ auf Antisemitismus zu schließen, ist unstatthaft. Was sein könnte, was möglich ist, ist noch lange nicht wirklich. Schon gar nicht, wenn die Anti-Verschwörungstheorie unterschwellig lautet: alles, was Netanjahus Völkerrechtsverbrechen angeht, muss geschützt werden – durch den aggressiven und einschüchternden Vorwurf eines angeblichen Antisemitismus.

Das ist Heuchelei im Dienst einer verwerflichen Politik, zudem ein flagranter Verstoß gegen die Lehre des Holocaust. Überlebende der Shoa haben diese unwürdige Bigotterie nicht verdient. Linke Israelis kritisieren immer schärfer diese Unterstützungsmethoden einer orthodoxer werdenden Regierung, deren Agenda im Alten Testament steht und die UN-Charta des Völker- und Menschenrechts verhöhnt.

Hier wäre auf Stimmen wie die von Eva Illouz zu hören:

„Viele Palästinenser werden von der israelischen Armee eingekerkert, getötet und gefoltert. Ich bedauere Mbembes Gleichgültigkeit gegenüber der komplexen, tragischen Geschichte der Juden; antisemitisch sind seine Positionen zum Nahostkonflikt, so einseitig sie auch sein mögen, allerdings nicht – es gibt ein Recht auf Einseitigkeit. Wenn man erst einen Zionismus-Test bestehen müsste, um als gesellschaftsfähig gelten zu dürfen, wäre das gegen die Würde des Judentums. Und auch gegen die Würde des Zionismus.“  (ZEIT.de)

Der Kampf gegen Antisemitismus ist zu wichtig, um ihn Unfehlbaren zu überlassen, die den Vorwurf missbrauchen, um eine menschenfeindliche Politik zu rechtfertigen.

Es gibt hasserfüllte, irrationale Menschen in unserer Republik. Dieser Hass ist keine Frucht der Erbsünde oder eines Teufels, sondern das Ergebnis psychischer Beschädigungen. Anti- Verschwörungstheoretiker begegnen diesen Hassenden mit – Hass. Den Hassenden werfen sie vor, sie teilten die Welt in Gut und Böse. Was tun sie? Sie hassen – und unterteilen die Welt in Gut und Böse.

Die Mitte unserer Republik, unfähig zur Selbstkritik, scheidet unerwünschte Elemente ihrer Politlandschaft aus, um alle Schuld auf Sündenböcke zu schieben. Nicht anders agierte die mittelalterliche Gesellschaft, als sie Juden und Hexen ermordete, um sich von ihren Sünden zu befreien.

Eine Gesellschaft, die Verschwörungstheoretiker braucht, um sich seelisch zu reinigen, anstatt jene zu verstehen und mit ihnen zu streiten, ist selbst eine Verschwörungs-Gesellschaft. Wer Hass mit Hass bekämpfen will, schüttet Benzin ins Feuer.

Wenn wir unfähig sind, unsere eigenen Probleme zu lösen: wie könnten wir mit anderen Völkern kooperieren, um die globalen Probleme in Angriff zu nehmen? Was könnten wir Kay Sara als Botschaft an ihre indigenen Völker mitgeben, damit sie in ihrem Überlebenskampf gestärkt und ermutigt werden?

Könnte es sein, dass wir mit unseren Problemen gar nicht fertig werden wollen, damit wir uns mit der Welt nicht beschäftigen müssen?  

Fortsetzung folgt.