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Tanz des Aufruhrs LXIX

Tanz des Aufruhrs LXIX,

Owê, war sint verswunden alliu unsriu jâr!
Ist unser leben getroumet, oder ist es wahr?
Alles, wovon wir glaubten, es sei etwas, war da was?
Demnach haben wir geschlafen und wissen es nicht.
Jetzt bin ich erwacht und es ist mir unbekannt,
was mir zuvor bekannt war wie eine meiner Hände.
Land und Leute, bei denen ich von Kindheit an erzogen wurde,
die sind mir fremd geworden, so als sei es erlogen.
Die meine Spielkameraden waren, sind jetzt träge und alt.
Brach liegt das Feld, verhouwen ist der walt.
(Walther von der Vogelweide, 12. Jahrhundert, aktualisiert)

Der Wald – abgeholzt. Unser Leben – geträumt und erlogen? Schliefen wir und wissen es nicht mehr?

Das war vor 800 Jahren und wälzte sich wie eine rasende Vernichtungs-Lawine durch die Jahrhunderte – bis zum heutigen Tag. Acht Jahrhunderte lang vergrößerten sich Dummheit und Naturschändung der Europäer von Tag zu Tag.

800 Jahre?

Siegesgewiss blicken sie auf den Zusammenbruch der Natur. Was für ein Ende soll die Ausbeutung der Erde in all den künftigen Jahrhunderten noch finden?“ (Plinius, 1. Jahrhundert ndZ)

„Wie lange noch, dann gibt es keinen See mehr, in den nicht die Giebel eurer Villen schauen! Keinen Fluss, dessen Ufer nicht … … eure Landsitze umkränzen! Überall, wo die Meeresküste zu einer Bucht einschwingt, werdet ihr Fundamente legen zu einem weiteren Palastbau.“ (Seneca, 1. Jahrhundert ndZ)

Das war mehr als 1000 Jahre früher. War‘s das?

„Ich kann die Einstellung derer nicht gutheißen, die sich im Zorn gegen Stammesverwandte dazu hinreißen lassen, ihren Feinden nicht nur die Ernte des Jahres zu rauben, sondern auch die Bäume und Gehöfte mit allem Zubehör zu vernichten. Wer so handelt, befindet sich in einem schweren Irrtum. In dem Maße, in dem sie durch Verwüstung des Landes nicht nur für den Augenblick, sondern auch für die Zukunft ihrer Feinde unter Terror setzen, in demselben Maße reizen sie die Menschen aufs äußerste und haben sich ihren unversöhnlichen Hass zugezogen.“ (Polybios, hellenischer Historiker, 2. Jahrhundert vdZ)

„Ringsum ist aller fette und weiche Boden weggeschwemmt, nur das magere Gerippe des Landes ist übrig geblieben.“ (Platon, 4. Jahrhundert vdZ)

Naturverwüstung und Kriegserklärung gingen Hand in Hand. „Kriegserklärung an den Gegner schloss auch die Kriegserklärung an die Natur an, soweit sie in Verbindung mit dem feindlichen Territorium stand.“ Das war die Strategie der verbrannten Erde. Über Gärten und Felder der besiegten Feinde wurde Salz gestreut. Der Ort sollte für immer unbewohnbar und unfruchtbar sein. „Raptores orbis, Räuber der Welt, wurden die Römer genannt, „die, wenn sich ihren Verwüstungen kein Land mehr bietet, selbst das Meer noch durchwühlen.“ (Tacitus)

Immer tiefer geht’s in die Urzeiten des Mythos. Im babylonischen Epos „Gilgamesch“ spricht Humbaba zum jungen Gilgamesch:

„Auf Shamashs befehl hast du die berge geebnet und einen graben gebrochen,
der bis zur mündung des Euphrat reicht! Du weißt, dass ich von Enlil
zum wächter des zedernwalds bestimmt wurde – verschonst du mich,
wird dies alles dir gehören: bäume, soviele du willst werd ich dir fällen
dir zeigen, wo die myrtenbäume wachsen – denk an das holz für deinen palast.“
(Übersetzung von Raoul Schrott)

Natur muss weichen, wenn Kultur kommt: Hochkultur. Hochkultur ist Kultur des mächtigen Mannes, der alles darf, um seine Glorie auf Kosten der Natur zu feiern. Nach dem Mann die Sintflut.

Gilgamesch ist eine uralte Vorlage des Jesuswortes:

„Als er aber des Morgens wieder in die Stadt ging, hungerte ihn; und er sah einen Feigenbaum am Wege und ging hinzu und fand nichts daran denn allein Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir hinfort nimmermehr eine Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte alsbald.  
Und da das die Jünger sahen, verwunderten sie sich und sprachen: Wie ist der Feigenbaum so bald verdorrt? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich ich sage euch: So ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr nicht allein solches mit dem Feigenbaum tun, sondern, so ihr werdet sagen zu diesem Berge: Hebe dich auf und wirf dich ins Meer! so wird’s geschehen.“

Baum tot, Berg verschwunden, nichts Naturfeindliches wird dem Menschen unmöglich sein. Was die Geschichte des Fortschritts zu beweisen hatte. Land und Meer vermüllt, nun ist das All fällig. Der Planet wird umschwirrt von Satellitentrümmern.

Nicht nur in Afrika verdorrt die Erde, dass nichts mehr wachsen kann.

„Vor allem ein Landstrich Rumäniens ist in der Öffentlichkeit zum Symbol für die Folgen des Klimawandels geworden: die „Sahara an der Donau“, wie Medien sie nennen. Sie ist weitgehend waldfrei und voller stark sandiger Böden, stellenweise gibt es sogar Sanddünen-Landschaften. Während der Ceaușescu-Diktatur wurde hier, wie überall in der südrumänischen Tiefebene, intensive Landwirtschaft betrieben. Inzwischen liegen viele Flächen brach, sind verödet und erodiert.“ (SPIEGEL.de)

Was ist eine Hochkultur? Im Lexikon für Kinder ist zu lesen:

„Als die Gruppen größer wurden, über 10.000 und mehr, entstanden die Hochkulturen. Typisch für eine Hochkultur sind eine gemeinsame Schrift, Religion und Kultur. Frühe Hochkulturen waren unter anderem das Alte Ägypten, Babylonien und das alte China. Eine große Menge Menschen schaffte gemeinsam mehr, und man konnte sich die Arbeit besser aufteilen. Um das zu regeln, brauchte man Schriftzeichen und Zahlen, um sich eine Information notieren zu können. Das war wichtig, wenn man sich etwas für lange Zeit merken und auch Botschaften verschicken wollte. Je mehr Menschen in einer Hochkultur zusammen lebten, desto mehr wurde gemeinsam geregelt. Außer Schreibern gab es deshalb auch bald Soldaten. So konnte man sich besser verteidigen, aber auch andere angreifen.“ (klexikon.zum.de)

Arbeitsteilung, Zusammenarbeit, Schrift, Zahlen, Informationen – und Soldaten, um sich zu verteidigen und anzugreifen. Hochkultur muss eine wunderbare Erfindung mächtiger Männer sein – besonders, wenn sich am Ende alles ins Messer stürzt: so werden Kinder belogen. Wollen sie erfolgreich werden, müssen sie den Männer-Märchen glauben.

Hochkultur kann man übersetzen mit Machismo. Es geht nicht nur um Demütigung der Frauen, es geht um die Gesamtzerstörung der globalen Kultur. Wer das Weib unterjocht, unterjocht die Natur. Südamerikanische Frauen beginnen, sich zur Wehr zu setzen:

„«Machismo mata» – Machismo tötet – stand auf den Plakaten, auf der Kleidung und den Körpern der Frauen. Was genau ist aber dieser Machismo, den sie als Ursache für Femizide, Unterdrückung und Ungleichheit in ihren Ländern sehen? Und wer sind die Frauen, die ihn erleben, die Feministinnen, die versuchen, ihren Alltag zu verändern? «Machismo beschreibt erst einmal ein Herrschaftssystem, das von Männern dominiert wird», sagt Guadalupe – und das sei kein lateinamerikanisches Phänomen. Der Machismo manifestiere sich außerdem in Staat und Kirche, zwei Institutionen, die großen Einfluss haben – und die auch in lateinamerikanischen Ländern von Männern dominiert seien.“ (bento.de)

Indigene Völker in Brasilien sind vom Corona-Genozid bedroht, dank des frömmelnden Fallschirmspringers Bolsonaro. Den Attacken des Virus sind sie hilflos ausgeliefert. Die Welt schaut zu, wie der Kolonialismus der Weißen noch immer alles abserviert, was sich ihnen in den Weg stellt.

Haben es diese Völker überhaupt verdient, ihr idyllisches Leben am Busen der Natur weiterzuführen? Gehören sie nicht zur Kategorie jener Hinterwäldler, die Popper eine „geschlossene Gesellschaft“ nennt?

Was ist eine offene Gesellschaft?

Eine, die es „zur Erfindung der kritischen Diskussion gebracht hat und damit zu einem Denken, das frei war von der Starrheit magischer Zwangsvorstellungen. Zur gleichen Zeit finden wir die ersten Symptome eines neuen Unbehagens. Die Last der Anforderungen der Zivilisation begann fühlbar zu werden.“ (Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd I)

Was ist eine geschlossene Gesellschaft?

„Die Last, dieses Unbehagen, ist eine Folge des Zusammenbruchs der geschlossenen Gesellschaftsordnung. Es ist eine Last, die von allen getragen werden muss, die in einer offenen und teilweise abstrakten Gesellschaft leben und die sich bemühen müssen, vernünftig zu handeln, zumindest einige ihrer emotionalen und natürlichen sozialen Bedürfnisse unbefriedigt zu lassen und für sich und für andere verantwortlich zu sein. Wir müssen, glaube ich, die Last auf uns nehmen, als einen Preis, den wir zahlen müssen für jede neue Erkenntnis, für jeden weiteren Schritt zur Vernunft, zur Zusammenarbeit, zur gegenseitigen Hilfe; für jede Verlängerung des durchschnittlichen Lebensalters; und für jeden Bevölkerungszuwachs. Es ist der Preis der Humanität. Diese Last ist eng verbunden mit dem Problem der Spannung der Klassen, das sich zum ersten Mal mit dem Zusammenbruch der geschlossenen Gesellschaftsordnung erhebt. Die geschlossene Gesellschaft selbst kennt dieses Problem nicht.“ (ebenda)

Die offene Gesellschaft ist die unsrige: die moderne Fortschritts-, Naturausbeutungs- und kapitalistische Klassengesellschaft, die es für gerecht hält, die Schwachen zu überfahren, die Starken noch stärker zu machen, Fortschritt und Wachstum der Wirtschaft ins Endlose zu treiben.

Im Alter soll Popper bereut haben, den Neoliberalismus seines Gönners und Förderers Hayek allzu kritiklos übernommen zu haben. Die aufkommenden Umweltschützer verachtete er als Feinde der offenen Gesellschaft. Sie würden an eine heile Welt glauben.

Will die Menschheit überleben, muss sie in hohem Maße Poppers offene Gesellschaft ablehnen. Sie wird sich keinen Bevölkerungszuwachs leisten können, keine Klassengesellschaft mit wachsender Kluft zwischen Arm und Reich, kein endloses Wachstum der Wirtschaft und keinen unendlichen Fortschritt auf Kosten der Völker.

Den Kern der jetzigen Gesellschaft als Humanität zu bezeichnen, ist angesichts Millionen verhungernder Kinder ein Affront – gegen Sokrates, den Popper als Vorbild betrachtete. Popper muss gespalten gewesen sein zwischen dem bedürfnislosen Sokrates, den naturwissenschaftliche Erkenntnisse gleichgültig ließen – und der modernen Gesellschaft, die nicht den Rachen voll kriegen kann. Die zudem dem Motto folgt: Unrecht tun ist besser als Unrecht erleiden – im Gegensatz zu Sokrates.

Von allen Erkenntnissen, die von der moralischen Kompetenz des Menschen ablenkten, hielt Sokrates nichts. Lebte er noch, würde er alle technischen Erfindungen ignorieren, ja bekämpfen, die zur ethischen Kompetenz der Einzelnen nichts beitrügen.

Einen Wettlauf ins All durch Gefährdung des Wohls der Menschen und der Natur würde er strikt ablehnen.

Hallo, Geschichte: ich hätte gern eine offene Gesellschaft. Was kostet sie?

Hallo, Mensch: die offene Gesellschaft kostet – lass mich überschlagen –, upps: nicht wenig. Sie kostet das Überleben eurer Gattung & der Natur. Billiger geht’s nicht.

Okay, es war schon immer teurer, etwas Besonders zu sein: Her mit dem guten Stück.

Was die Kosten des absurden Fortschritts und Wirtschaftswahns angeht, muss der Mensch bezahlen. Jetzt. In den nächsten Tagen beginnt die Gluthitze. Der Kampf gegen Corona ist, verglichen mit der Eindämmung des Klimas, ein Kinderspiel.

Die Mächtigen lassen nicht erkennen, dass sie den Ernst des Augenblicks erkannt hätten. Es gibt eine schreiende Dissonanz zwischen antiviraler Zwangsbeglückung und ökologischer Apathie. Die bewegende Frage, ob die Kanzlerin eine Feministin ist, kann beantwortet werden: nein! Sie betreibt eine visionslose, stumme und starre Machismo-Politik.

Die Kosten des Fortschritts, die in der offenen Gesellschaft zu begleichen wären, kann man heute beziffern:

„Siegesgewiss blicken sie auf den Zusammenbruch der Natur“, der unübertreffliche Satz des römischen Naturforschers Plinius bedeutet: „Der Mensch wähnt sich als Sieger über die Natur, triumphierend schaut er ihrem Zusammenbruch zu: seinem Werk, auf das er stolz ist – ohne sich darüber im klaren zu sein, was er tatsächlich angerichtet hat und dass die ruina naturae dereinst auch ihn unter sich begraben könnte.“ (Karl Wilhelm Weeber, Smog über Attika)

Mit schrecklichen Bergwerken wollten die Römer dem Innern der Mutter Erde Gold entreißen. Am Schluss hatten sie kein Gold, aber die Natur geschändet. Das Gold der Moderne ist die angestrebte Gottähnlichkeit des Menschen, der die vorhandene Natur auslöschen will, um eine neue aus Nichts zu kreieren.

Lewis Mumford bewertet in seinem Buch „Mythos der Maschine“ den Übergang der primitiv-geschlossenen zur offenen Gesellschaft diametral anders als Popper.

„Mit dem Königtum (= dem Beginn der männlichen Hochkultur) wurde die Macht als Selbstzweck zum Hauptmerkmal der Zivilisation – im Gegensatz zu allen früheren Normen und Formen der Kultur. Zivilisation gilt allgemein als Synonym für Ordnung, Gerechtigkeit, Bildung, Höflichkeit und Vernunft. Was vertritt sie wirklich? „Die Zentralisierung der politischen Macht, die Klassentrennung, die lebenslange Arbeitsteilung, die Mechanisierung der Produktion, die Vergrößerung der militärischen Macht, die wirtschaftliche Ausbeutung der Schwachen, die allgemeine Einführung der Sklaverei und der Zwangsarbeit für produktive wie für militärische Zwecke. Die negativen Einrichtungen der „Zivilisation“ besudeln jedes Blatt der Geschichte mit Blut.“

Was Popper mit Lasten meint, die uns die angeblich humane Zivilisation kostet, ist nichts Neues. Es ist
a) die fromme Sünde in Gottes Auftrag (Christentum),
b) die privaten Laster, die zu öffentlichen Tugenden werden (Mandeville),
c) das mephistophelische Böse, das Gutes bringt (Goethe),
d) die „missgünstig wetteifernde, nicht zu befriedigende Begierde, die von der Natur eingerichtete Zwietracht, die Ungeselligkeit, die zur Eintracht, zur „Entwicklung der Naturanklagen antreibt“ (Kant),
e) das Böse, das seit Adam in der Welt geschieht und durch gute Gründe gerechtfertigt ist (Hegel),
f) der böse Kapitalismus als Creator des Fortschritts, der eines Tages das Reich der Freiheit bringen wird (Marx),
g) „die Tiefe des tragischen Künstlers, dass er die Ökonomie im großen bejaht, welche das Furchtbare, Böse, Fragwürdige rechtfertigt. Das Böse, die Umwertung aller Werte, ist des Menschen beste Kraft. Die stärksten und bösesten Geister haben die Menschheit am weitesten vorwärts gebracht. Das Böse ist die Ökonomie der Arterhaltung.“ (Nietzsche)  
Und so fort in alle Ewigkeit.

Deutsche Medien und Eliten benötigen das Böse – oder Amoralische – als Adrenalin ihrer Überlegenheit in allen Dingen. Weshalb sie eine machiavellistische Kanzlerin brauchen, die das Böse deutscher Handlungen in der Pose der Guten und Schuldlosen präsentieren kann.

Das Böse, dieser Satz steht fest, ist stets das Gute, das man mit ihm erreicht.

Sündigen im Dienst der Geschichte und des eigenen Ruhms: das ist die Funktion des Bösen, das zu einfältig ist, um seinen bösen Zweck zu erreichen, stattdessen ständig vom Guten übers Ohr gehauen wird, um dessen paradoxen Aufträge zu erfüllen. Der Teufel wird vom Guten überlistet – ohne es wahrzunehmen. Ein böses, doofes Teufelchen.

Poppers Vorbild der offenen Gesellschaft ist die athenische Polis. Mit öffentlichen Streitigkeiten, kritischen Debatten, Volksversammlungen, Gerichtsverhandlungen. Haben eingeborene Völker Ähnliches zu bieten? Kann man sich einen indigenen Sokrates vorstellen? Nicht alle „primitiven Völker“ sind friedlich und Fremdem aufgeschlossen. Was nicht bedeutet, den „edlen Wilden“ gäbe es nicht.

Dass die meisten Indio-Völker längst gelernt haben, sich mit der weißen Zivilisation auseinanderzusetzen, sieht man in internationalen Umweltkonferenzen, wo sie ihre Meinung im Disput mit Andersdenkenden eindrucksvoll vertreten. Ihre Jugendlichen wurden nicht selten ausgezeichnet für ihre überzeugende Art, ihre Botschaften an die Welt zu richten.

Dass sie diese Fähigkeiten in früheren Epochen nicht zeigen konnten, hat simple Gründe: intern hatten sie es nicht nötig, sich zu streiten. Seit vielen Jahrtausenden haben sie sich bereits auf ihre Art des Lebens geeinigt. Dass dies keinem Gruppendruck zu verdanken war, kann man daran erkennen: niemand von ihnen käme auf die Idee, seinem Stamm Ade zu sagen und in eine weiße Großstadt zu flüchten. Welch ein Mann von sokratischen Qualitäten war Mandela. Welch außerordentliche schwarze Frauen bewährten sich im Kampf gegen die Sklaverei und gegen die Diskriminierung der Schwarzen!

Was Popper übersah: wenn Sokrates es geschafft hätte, alle Athener zu sokratisieren: welche Gesellschaft wäre dann entstanden? Ein urgriechisches Matriarchat. Die philosophische Lehrerin des Sokrates hieß Diotima. Von seiner Mutter, der Hebamme, hatte er dialogische Gebärfähigkeit (Mäeutik) gelernt. Halten zu Gnaden: Sokrates war ein – Feminist, der seine ironischen Fähigkeiten einsetzte, um die Polis zu dem zu machen, was sie in frühen Zeiten war: eine friedliche Gesellschaft, die nichts anderes wollte als das Glück der Humanität. Der wirklichen Humanität, die über Menschlichkeit nicht nur schwatzen, sondern sie auch realisieren kann. Was heutige Antinomie-Eliten nicht verstehen: Empathie ist keine saure Pflicht, sondern erlebtes Glück.

Popper hat nicht nur Sokrates missverstanden, ihn gar mit Platon verwechselt, er verwechselte auch sokratische Utopie mit platonischer Zwangsutopie. Marx warf er Historizismus vor, einen historischen Automatismus, der mit totalitären Mitteln seine Anhänger beglücke. Zu recht. Marx habe mit Bösem Gutes vollbringen wollen.

Popper benötigt selbst die böse Last amoralischer Gesellschaften: Elend, Ungerechtigkeit, Unglück, um eines Tages – nicht zum Ziel zu kommen. Utopien lehnt er ab. Mit Gründen, die verraten, dass er zwischen Sokrates und Jesus nicht unterscheiden kann. Jesus wollte den Himmel auf Erden herunter holen, um eine Theokratie einzurichten. Sokrates wollte Menschen, die selbst denken und auf Führer verzichten können.

Man kann es nicht oft genug sagen: einer der eifrigsten Schüler Poppers war Helmut Schmidt, der seiner Partei alle Utopien austrieb und den verhängnisvollen Weg freimachte – zu Hayek. Bis heute ist es Willy Brandts Partei nicht gelungen, den Weg zum Arzt zu nehmen, um sokratische Visionen in Politik zu verwandeln. Popper öffnete die Tür der SPD, um Hayeks Neoliberalismus einzulassen, dem in der jetzigen Coronakrise das Sterbeglöckchen läutet. Und doch sitzen sie schon wieder in den Startlöchern, um mit aufheulenden CO2-Motoren durchzustarten.

Objektive Medien stehen bereit, um engagierte Jugendliche auf die Couch zu schicken, damit sie ihren Messianismus auskurieren. Es kann nur einen Messias geben, nur eine messianische Richtung: die Despotie der Starken über einen sozialen Nachtwächterstaat.

Wer nicht auf der Seite der Messianisten steht, muss ein hinterlistiger Verschwörer sein – wie die rabiate Magd Gottes Margot Käßmann predigt:

„Was sich derzeit als „Demonstration“ zusammenfindet, um gegen die Corona-Beschränkungen zu protestieren, ist für mich schlicht eine Zusammenrottung von krudem Schwachsinn einerseits und rechter Ideologie andererseits. Wie heißt es in der Bibel: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen“!“ (BILD.de)

Freimachen – wozu?

Da schaue man auf die Humboldtkuppel, der als messianische Krönung das Kreuz aufgesetzt wird. Das Kreuz der Befreiung aller Völker dieser Welt:

„Für die Kritiker der Kreuz-Idee war genau das das Problem, wurden doch unter diesem Symbol Millionen Menschen in Amerika, Afrika und Asien unterdrückt, ermordet, versklavt und ausgebeutet, ihre Kulturen und ihre Glaubenssysteme angegriffen. Auch die Inschrift komponierte Friedrich Wilhelm IV. selbst aus Versen der Apostelgeschichte Kapitel 4, Vers 12 und des Briefes von Paulus an die Philipper, Kapitel 2, Vers 10. Beide stehen für die feste Überzeugung der frühen Christen, im Unterschied zu Juden und an viele Götter glaubenden „Heiden“ alleine den Weg zum „Heil“ zu wissen. Gerade mit solchen Stellen wurde der evangelische Kampf gegen die Katholiken, aber auch die Unterwerfung etwa Nord- und Südamerikas, Afrikas und Asiens durch Christen legitimiert. In einer Pressemitteilung versprach Generalintendant Hartmut Dorgerloh gestern, dass „wir uns von jeglichen Macht-, Alleingültigkeits- oder gar Herrschaftsansprüchen distanzieren“.“ (Berliner-Zeitung.de)

Deutscher geht es nicht. Sie propagieren das christliche Kreuz – um sich von ihm zu distanzieren. Das ist in einem symbolischen Akt – die ganze irre Politik Berlins.

Und was steht auf dem mächtigen Kreuz?
„… damit in dem Namen Jesu sich alle Knie derer beugen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“

„Und es ist in keinem anderen das Heil; denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden sollen.“

Diese Unfehlbarkeitsbotschaften verkünden der Welt die Humanität der Deutschen.

Eine Winzigkeit übersahen wir. Die ökologische Katastrophe begann bereits mit der Schöpfung. Am Anfang war alles sehr gut, dann schaffte es ein Weib, das „Sehr gut“ in ein „Miserabel“ zu verschandeln. Natur war der Garten Eden, der zum verfluchten Acker der Sünde und Maloche wurde.

Im ersten Zorn wollte der Schöpfer alles vernichten, dann entschloss er sich, der Sündenbrut eine Bewährungszeit zu geben: er erschuf die Heilsgeschichte. Die Heilsgeschichte steckt voller Öko-Katastrophen:

„Es welkt das Land, der Libanon stirbt ab, Saron ist der Steppe gleich, Basan und der Karmel sind entblättert. Und die Herrlichkeit seines Waldes und seines Fruchtgefildes wird er vertilgen.“

Gott kann das ökologische Problem nur durch Erlösung beseitigen. Nicht durch partielle Korrekturen, sondern mit einem einzigen Donnerschlag. Die alte Natur muss verschwinden, eine nagelneue wird auf dem apokalyptischen Tablett serviert.

Vernünftige Menschen verzichten auf Wunder. In einem Punkt hatte Popper Recht. Was ist der große Vorteil der Demokratie? Dass man Gewählte, die versagen, abwählen kann.

Fortsetzung folgt.