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Tanz des Aufruhrs LXIV

Tanz  des Aufruhrs LXIV,

Zur Wahrheit!

„Die Wahrheit wird euch frei machen“.

„Es versteht sich von selbst, dass es sich bei Johannes nicht um die Erschlossenheit alles Seienden im Sinn des griechischen Fragens geht. Glaubenden wird nicht die eine rationale Erkenntnis verheißen, kraft deren er den Schein, die traditionellen Meinungen und Vorurteile, durchbrechen könnte und eine unverstellte, umfassende Sicht in das Seiende gewönne, um je nach Bedarf und Interesse das Einzelne richtig zu erkennen. Vielmehr ist die Frage nach der Wahrheit orientiert an der Frage nach dem Leben als dem eigentlichen Sein des um sein Sein besorgten Menschen, dem diese Frage aufgegeben ist, da er Geschöpf ist. Gottes Wahrheit ist Gottes Wirklichkeit, die allein Wirklichkeit ist, weil sie Leben ist und Leben gibt, während die Scheinwirklichkeit der Welt Lüge ist, weil sie angemaßte Wirklichkeit im Gegensatz zu Gott ist und als solche nichtig ist und den Tod bringt.“ (Bultmann, Das Evangelium des Johannes)

Welche Wahrheit? Die Wahrheit der Welt oder die Wahrheit Gottes?

Wahrheit der Welt ist für Gott eine nichtige Lüge, die er mit dem Tode bestrafen wird.

Wahrheit Gottes ist für die Welt eine wahnhafte Kreation, mit der sie sich selbst den Untergang bereiten wird.

Geprägt ist die christliche Welt von zwei Wahrheitsbegriffen, die sich gegenseitig als Pest und Cholera betrachten. Entweder … … wird Gott die Welt vernichten – oder sie wird sich selbst vernichten.

Für Gläubige ist Wahrheit der Welt eine Verschwörung des Meisters der Lüge oder des Teufels.

Für die Welt ist Wahrheit Gottes ein grotesker Irrtum, der der Menschheit das Leben kosten wird.

Für Gläubige ist Wahrheit der Welt eine Ausgeburt des Bösen, die am Ende der Geschichte dem finalen Gerichtsurteil Gottes nicht entgehen wird. Die Guten werden belohnt, die Bösen nicht vernichtet, sondern mit ewigen Qualen bestraft.

Für Weltliche ist die Wahrheit der Frommen eine verhängnisvolle Fiktion, die sich selbst mit dem Tode bestraft, weil sie daran glaubt.

Die Moderne ist fest davon überzeugt, dass sie Kompromisse zwischen beiden Wahrheiten geschlossen hat, obwohl es keinerlei Kompromisse zwischen ihnen geben kann.

Die Gläubigen wird Gott mit dem Tode bestrafen, weil sie – wider sein Verbot – Kompromisse mit dem Meister der Lüge geschlossen haben.

Die Weltlichen werden mit dem Tode bestraft, weil sie die selbsterfüllende Prophetie der Frommen nicht energisch genug verhindert haben.

Für wahre Gläubige ist die Welt irreparabel böse. Sie muss vernichtet werden.

Für humane Weltliche sind Gläubige einem Wahn erlegen, der nur durch geduldige Überzeugungsarbeit in Wort und Tat eines Besseren belehrt werden könnte.

Zu den verhängnisvollen Kompromissen gehören:

a) Demokratie: die sich ihres autonomen Ursprungs entledigt hat und sich als christliche Arche Noah versteht, die dem Ende der Geschichte entgegen segelt. Die Guten ins Paradies, die Bösen ins Feuer.

b) Fortschritt: der sich als endlose Steigerung weltlichen Wissens gebärdet, sich aber unendliche Macht mit Hilfe des Wissens aneignet, nicht, um einträchtig mit der Natur zusammen zu leben, sondern um sie aus dem Weg zu räumen und eine neue Schöpfung an ihre Stelle zu setzen.

c) Wissenschaft: die sich Wissen der Natur aneignet, um mit der Macht des Wissens die Natur zu eliminieren.

d) Wahrheit: die die Wahrheit eines naturfeindlichen Gottes mit der einer menschenfreundlichen Natur zur suizidalen Einheit zwingt.

e) Zeit: die ihres Zyklus beraubt und in Linearität verfälscht wird, um lebensfreundliche Zeit in menschenfeindliche Ewigkeit zu verderben.

Der griechische Wahrheitsbegriff wird von den Begründern des Urchristentums übernommen, um dessen Freiheit in die „Freiheit“ der Gottesgebundenen umzumünzen.

In Griechenland war Freiheit politische Selbstbestimmung und führte zur Entdeckung der Demokratie.

Im Christentum wurde Freiheit zur Untertänigkeit der Knechte und Mägde des Herrn und führte zur totalitären Theokratie.

Amerika ist eine besonders konträre und konfliktreiche Mischung aus aufgeklärter Demokratie und theokratischer Weltfeindschaft. Um das deutsche Verbrecherregime unschädlich zu machen und der Nachkriegswelt ein Exempel zu sein, steigerte es sich zur bislang vorbildlichsten Demokratie der Moderne.

Das besiegte Deutschland musste Demokratie als Staatsform der Sieger übernehmen. Den heimkehrenden Soldaten zur Demütigung, den jungen Generationen zur leidenschaftlichen Überlegenheit über ihre kriminellen Eltern. Aber nicht nur aus Erkenntnishunger, sondern aus alter deutscher Anpassungskunst, sich stets jene zum Vorbild zu nehmen, die sie als mächtig und erfolgreich einschätzten.

Das kann man gerade sehen an ihrem Verderb der deutschen Sprache durch Übernahme der Sprache – und Musik – der Sieger. Da die Amerikaner gerade dabei sind, ihre Spitzenposition rapide zu verlieren, werden die Deutschen bald genötigt sein, ihre Popstars und Hollywoodhelden durch andere zu ersetzen. Schon waren sie dabei, China an die Stelle Amerikas zu setzen.

Corona hat dieser Vision ein Ende bereitet: nun schauen sie rund herum – und niemand mehr da, den sie bewundern könnten. Der Virus ist nicht nur ein medizinischer, sondern ein doppelter politischer Schock:

Amerika geht – China kommt nicht.

Jetzt müssten die Deutschen zeigen, dass sie eine kulturell-politische Autonomie errungen haben und auf eigenen Füßen stehen können. Davon kann keine Rede sein. In allen Dingen schauen sie – verschämt – nach draußen. Draußen aber ist nichts mehr.

Tatsächlich schauen sie nach innen und tun, als könnten sie von niemandem mehr lernen. Sie bereisen die ganze Welt, Erkenntnisse der Welt bringen sie nicht mit. Sie sitzen an virtuellen Lagerfeuern und trällern fremde Songs wie einst Wandervögel ihre Welteroberungsweisen:

Wir lieben die Stürme, die brausenden Wogen,
der eiskalten Winde rauhes Gesicht.
Wir sind schon der Meere so viele gezogen
und dennoch sank unsre Fahne nicht.
Heio, heio, heio, heioheioheioho, heiho, heioho, heiho.

Das Ganze auf Rap und Pop, versteht sich.

Was noch verhängnisvoller ist als Kasernierung: Deutschland hat seine Kultur verloren – und keiner spricht drüber. Gelegentlich darf ein Schauspieler in einer Talkshow eine Träne vergießen. Niemand vermisst Konzert, Theater und Kunst. Das Fernsehen ist tot und lebt nur von Wiederholungen. Ihre Gesprächsrunden sind tot und leben von Skandalen.

Obwohl sie das Alte verachten, wird das Alte in ewigen Wiederholungsschleifen vorgeführt: weißt du noch, als in den Nullerjahren …? In Abiturprüfungen wird Bildung verlangt, doch der Blick zurück ist an Befremden nicht zu überbieten: Goethe und Schiller kann es nie gegeben haben. Alles Erfindungen listiger Konsolenspieler.

Während Amerika seine inneren Fronten militant vorführt, tun die Deutschen, als seien sie mit sich im Reinen. Religion verdrängen sie, um der Welt zu huldigen, Welt verdrängen sie, um mit Muttern das traute Kirchlein im Dorf zu besuchen. Im normalen Leben wird gerüpelt, gefoult und ans Messer geliefert, doch wenn Gottlose es wagen, almosenhafte Nächstenliebe mit Humanität zu übertreffen, dann wird die Familienbibel aus der Versenkung geholt. Bundespräsidenten müssen aussehen wie Pastoren und psalmodieren wie Prediger, Kanzlerinnen echte Pastorentöchter sein.

Sie wissen nicht, was wahr ist – und wollen es nicht wissen. Wehe, einer besteht auf Wahrheit. Dann werden sie ihn wegen Verstoß gegen die Etikette aus dem Club der Anständigen werfen.

Ihre Etikette heißt Demut. Zur Demut gehört, nicht zu wissen, was Menschlichkeit ist. Wahrheit haben sie zum Ekelwort erklärt, um die Vergewaltigung beider Wahrheiten nicht zu bemerken.

Als sie ihre mittelalterliche Macht verloren, spalteten sie sich in private Moralisten und politische Machiavellisten. Europa zerfiel in Nationen, die Nationen begannen sich wie ein wütendes Wolfsrudel zu verhalten: jeder gegen jeden. Private und politische Verhaltensregeln hatten nichts miteinander gemein. Machiavelli – wieder ein Fremder aus einem bewunderten Land – wurde zum Patron deutscher Machtinteressen. Interessen und Moral fingen an, einander zu hassen.

Die Wahrheit der Deutschen wurde zur Spaltungskunst, privat mit reinem Gewissen anders zu sein als politisch. Was christliche Obrigkeit schon lange meisterhaft verstand, sank ins Volk und wurde zur nationalen Schizophrenie.

„Eine mächtige „Volksgemeinschaft“ zu erkämpfen, war ein „hochsittliches“ Ziel – aber das Mittel, es zu erreichen, ist und bleibt grob und elementar. Es ist, christlich gesprochen, der Sünde unterworfen und dem Missbrauch nur zu leicht ausgesetzt. Und was wir Vernunft des Staates nennen, ist auch nicht ohne weiteres identisch mit dem hohen, ins Ethische hineinwachsenden Begriffe der Vernunft, den die Philosophie in der Regel vor Augen hat. So ist Staatsraison dauernd in Gefahr, nichts als ein nützliches Instrument ohne ethische Anwendung zu werden. Zum Wesen der Staatsraison gehört es gerade, dass sie sich immer beschmutzen muss durch Verletzungen von Sitte und Recht. Der Staat muss, so scheint es, sündigen. Der tiefe Mangel der rechtlichen Denkweise war, dass sie, angewandt auf das wirkliche Staatsleben, bloßer Buchstabe blieb, die Staatsmänner nicht durchdrang, die Hypertrophie der Staatsraison nicht hinderte und nur innere Verlogenheit und Heuchelei zur Folge hatte. Der tiefe Mangel des deutschen Denkens wurde die beschönigende Idealisierung der Machtpolitik durch die Lehre, dass sie einer höheren Sittlichkeit entspräche.“ (Friedrich Meinecke, Die Idee der Staatsraison)

Maximilian Popp schreibt im SPIEGEL, als ob er gerade Meinecke gelesen hätte:

„Der verrohte Kontinent. Griechische Grenzschützer haben aller Wahrscheinlichkeit nach einen Migranten erschossen. Die Europäer haben sich ihre Empathie mit Geflüchteten so sehr abtrainiert, dass sich daran kaum jemand stört. Die Gnadenlosigkeit gegenüber Schutzsuchenden begann nicht erst im März 2020, sie ist das Ergebnis eines Verrohungsprozesses, der sich über mehrere Jahre erstreckt. Mit dem Argument, 2015 dürfe sich nicht wiederholen, haben Europas Politikerinnen und Politiker Maßnahmen durchgesetzt, von denen Rechtspopulisten vor fünf Jahren noch nicht einmal zu träumen gewagt hätten.“ (SPIEGEL.de)

Eine hochintelligente Frage macht gerade die Runde: Warum ist in der Corona-Krise die AfD abgesunken? Weil, Gutester, die Regierungspolitik sich an Infamie und Menschenfeindlichkeit von niemandem mehr übertreffen lassen will.
Man muss die Politik allerdings im Talar servieren, nicht lauthals herumpöbeln. Einmal eine gute Tat fürs Geschichtsbuch, den Rest à la Darwin. Schließlich ist man auf Erden und nicht im Himmel.

Noch immer Machiavelli – oder Augustins Doppelmoral: der weltliche Staat mit teuflischem Lärmen, um den Altar herum aber mit himmlischem Timbre. Und dies, obwohl das moderne Europa keine wilde Horde mehr sein will, sondern eine Gemeinschaft von Nationen, die sich gegenseitig beistehen wollten.

Nicht die simpelste Frage wird gestellt: wie kann man sich beistehen, wenn man erbarmungslos gegeneinander konkurriert?

Wirtschaftlicher Wettbewerb eitler Konkurrenten verträgt sich nicht mit Solidarität. Aggressive Unsolidarität wird sich auch wirtschaftlich rächen. Wie will man in Europa Profite erzielen, wenn niemand mehr in der Lage ist, deutsche Produkte zu kaufen?

Wenn Bruderstaat Italien in Viren versinkt und Hilfe benötigt, muss er Russland und China, die seelenlosen Schurkenstaaten, anbetteln, weil Berlin gegen Verbündete, die nichts anderes können als betteln, nur noch giftig und hartherzig werden kann. Aber in Sanftmut und Lindigkeit.

Der chaotische Kampf jeder gegen jeden müsste längst beendet sein. Doch die neidischen Südländer ertragen es nicht, dass Deutschland aus Ruinen auferstanden und strahlend an die Weltspitze vorgedrungen ist. Immer halten sie die Hand auf und betteln um eine milde Gabe. Wer soll das bezahlen, insistiert BILD im Dienst der Obrigkeit.

Zudem zeigt Corona überdeutlich: nicht nur Europa ist zusammengewachsen, die ganze Welt ist zur pandemischen Einheit geworden. Man höre und staune: die Menschheit ist ein globaler Organismus und keine unverbundene Reihe nationaler Maschinen. Wie Bäume unterirdisch zusammenhängen, so die Menschen auf dem gesamten Globus. Entweder wir schaffen es zusammen oder wir werden uns gegenseitig in den Abgrund ziehen. Berlin ist taub und stumm.

Um von der Völkergemeinde aufgenommen zu werden, verhielten sich die Deutschen bis zur Wiedervereinigung souverän und europäisch. Danach ging‘s bergab. Die Kanzlerin ist an fiskalischer und ökonomischer Präpotenz nicht mehr zu übertreffen – doch in Sanftmut und Gelassenheit.

Deutschland müsste eine Wahrheit haben, damit das Land bei den Wahrheiten der Völker andocken könnte. Eine humane Globalisierung kann keine machiavellistische Doppelstrategie mehr sein: sich dem Schein nach mit anderen Völkern verbünden, unter dem Tisch sie aber schamlos ausnehmen.

Die Wahrheit der Griechen war Kosmopolitismus. Das muss als Fernziel genau definiert werden und wird auch dann nicht unglaubwürdig, wenn Politik die Utopien der Denker noch nicht überzeugend umsetzen konnte:

„Die Gemeinschaft, in die wir hineingeboren werden, ist die menschliche. Hier machen sich die Stoiker zu Dolmetschern des neuen Lebensgefühls, das alle Menschen als gleichwertige empfindet. Alle Menschen haben die gleiche physische und geistige Ausrüstung, dieselben Anlagen und Trieb, dieselbe Bestimmung zur sittlichen Lebensführung. Scharf weist Eratosthenes die Scheidung der Menschen in Griechen und Barbaren, wie sie noch Aristoteles vertrat, als völkische Anmaßung zurück. Dieses allgemeine Menschheitsempfinden ist durch die ganze Zeitstimmung verbreitet. (Max Pohlenz, Die Stoa)

Das war die Wahrheit der Griechen. Was war die Wahrheit des Erlösers?

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und müssen brennen. So ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.“

Bei den Griechen wächst die Menschheit zusammen, bei den Christen wird sie apokalyptisch gespalten: die einen werden selig, die anderen verworfen. Wie können diese beiden Wahrheiten miteinander verschmelzen?

„Die Polis ist auf das Recht gegründet und auf das Gesetz.“ Woher kommt das Recht? Nicht von Göttern und nicht von Oben, sondern aus der Mitte des Volkes. Etwa von Hesiod und Solon:

„Achtung vor den Gesetzen gebiert aber heilsames Wirken,
und den Gesetzlosen legt zügelnde Fesseln an.“ (Hesiod)

„Gesetze schrieb ich euch, gerechte, welche klar
bestimmen, was dem Guten, was dem Bösen frommt.“  (Solon)

Solon wurde von beiden Seiten berufen: vom Volk und vom Adel. Heute undenkbar. Die Gerechtigkeit der Starken von heute lautet:

„Die Starken werden stärker werden, die Schwachen werden schwächer“, beschrieb dieser Tage der Präsident des deutschen Chemieverbandes unverblümt das „brutale Gesetz der Krise“.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

Wie steht es mit der Wahrheit des Gesetzes von heute?

„Strafgerichte sind keine „Wahrheitskommissionen“ und keine Untersuchungsausschüsse. Ihnen die Aufgabe zuzuweisen, lange vergangene schadensbegründende Abläufe in allen Bedingungen, Einzelheiten und Auswirkungen „aufzuarbeiten“, ist eine krasse Überforderung. Gerichtsprozesse ziehen diese Überforderung an, weil sie scheinbar klare Feststellungsstrukturen und Entscheidungsalternativen anbieten: schuldig oder unschuldig? Das kommt dem emotionalen Bedürfnis nach „Bewältigung“ von Unglück durch Zuweisung von Verantwortung entgegen; rational und richtig ist es deshalb noch nicht.“ (SPIEGEL.de)

Alles ist mit allem so verflochten, dass es unmöglich wurde, eine klare Schuldzuweisung zu formulieren.

„Im wirklichen Leben ist nicht jedes Leid oder Unglück, auch nicht jede Katastrophe auf ein einziges, klar umrissenes Versagen und Unrecht, auf einen bösen Willen zurückführbar. Gerade katastrophale Ereignisse wie die Vorgänge bei der Loveparade 2010 setzen sich oft aus einer Vielzahl von „kleinen“, alltäglich erscheinenden Versäumnissen und Fehleinschätzungen, Zufällen und Ursachen zusammen, die sich gegenseitig verstärken und zu Ergebnissen führen, die insgesamt katastrophal sind, sich aber aus dem Blickwinkel des einzelnen Beteiligten als fast unvorhersehbar oder zufällig ausnehmen. Bevor etwa ein Atomkraftwerk explodiert, müssen in der Regel viele Menschen in vielen Zusammenhängen zu ganz verschiedenen Zeiten kleine Fehler gemacht haben.“

Jetzt verstehen wir, warum alles so überkomplex sein muss. Damit niemand verantwortlich ist. Jeder trägt nur eine Winzigkeit bei zur Kausalkette, niemand ist der große Kopf und Anführer, der die Kette in der Hand hält und in Bewegung setzt.

Der Fisch stinkt vom Kopfe her? Tempi passati. Nur wenn es ums Rühmen geht, bleibt immer eine übrig, die in ruhiger Sachlichkeit die Flüchtlingsfrage und die Corona-Krise gemanagt hat. Zum Loben ist nichts zu komplex.

Warum tritt niemand mehr zurück? Warum sagt niemand: Sorry, ich habe versagt? Es gibt keine Schuldigen und keine Versager mehr. Schuld gibt es nur noch in Miniquanten, sodass niemand fähig ist, sie zu definieren und von anderen abzugrenzen.

 Nicht nur deshalb gibt es keine Schuld mehr. Sondern auch, weil es keine Moral gibt. Versteht ihr nun, warum Moral endgültig abgeschafft werden muss? Damit der Sinn der stellvertretenden Schuld klar wird: Er trug unsere Schuld und Missetat. Wenn Er sie trug, haben wir keine mehr zu tragen. Schuld ist vormodern, vorchristlich, heidnisch. Mit solchem Unsinn geben sich moderne Menschen nicht mehr ab. Irgendwann muss die Welt doch erlöst sein.

„Die Modern Times sind ja eigentlich per definitionem eher schuldarm und speisen ihre Sinnfundamente aus eher moralfernen, kosmischen Quellen: Was haben Dax, Leerverkäufe und Hedgefonds mit Schuld zu tun? Vor 50 Jahren, auf einem Höhepunkt der guten Laune durch Modernisierung, dachte hierzulande noch mancher, bald schon könne eine Gesellschaft der Freiheit und des kommunikativen Ausgleichs entstehen, in der es auf Zuweisung von Schuld nicht mehr ankommt. Und weil die Umstände so unübersichtlich sind, wie sie der alternativlose Gott des Marktes nun mal geschaffen hat, findet man die Schuld gern wieder da, wo sie übersichtlich und ganz unzweifelhaft ist.“ (SPIEGEL.de)

Wenn Recht und Gesetz mit Wahrheit, Moral und Verantwortung nichts zu tun haben: woher kommt eigentlich das Recht? Fragen wir einen anderen renommierten Rechtsgelehrten: Heribert Prantl.

„Hans Kelsen also stand ganz am Beginn meines Rechtsstudiums. Recht und Staat werden durch Rechtsprozeduren hergestellt. Dieses Prozedurale ist in der Europäischen Union besonders ausgeprägt. Insofern darf man sagen, dass Kelsen das System der EU erst ermöglicht hat. Der Staat als Rechtsgemeinschaft und die Nation als kulturell-ethnisch vorgestellte Gemeinschaft werden bei Kelsen entkoppelt. Der Staat ist eine Rechtsgemeinschaft. Europa ist eine Rechtsgemeinschaft. So schlicht, so einfach, so richtig – und so zukunftsweisend.“ (Sueddeutsche.de)

Prantl ist ein Bewunderer von Hans Kelsen, einem der profiliertesten Vertreter des Rechtspositivismus – oder der Reinen Rechtslehre. Was lehrt sie?

„Die Reine Rechtslehre versucht, die Frage zu beantworten, was und wie das Recht ist, nicht aber die Frage, wie es sein soll oder gemacht werden soll. Rechtspositivismus ist die strikte Trennung von Recht und Moral. Die reine Rechtslehre ist frei von naturwissenschaftlichen, ethischen und politischen Elementen, also frei von Moral und Naturrecht.“ (Brockhaus, Fachlexikon Recht)

Die Aufklärung war noch beherrscht vom rationalistischen Naturrecht. Die historische Rechtsschule machte dem Naturrecht ein Ende.

Naturrecht ist das Recht, das aus der ewig gültigen Vernunft oder der Natur abgeleitet wird. Ist die Würde des Menschen nur die schnell vorübergehende kapriziöse Laune blauäugiger Idealisten? Oder sind wirklich alle Menschen gleich, unabhängig von Epochen der Weltgeschichte, in denen sie lebten?

Naturrecht ist von „überzeitlicher Gültigkeit“, also das absolute Gegenteil aller positiven und postmodernen Beliebigkeiten. Der holländische Aufklärer Grotius: Dieses Naturrecht ist so unveränderlich, dass selbst Gott es nicht ändern kann.

Seit der Romantik verschwand das Naturrecht der Aufklärung und machte aus dem Recht eine willkürliche Augenblickssache. Auch der NS-Staat kann ein moralfrei-positives Recht für sich in Anspruch nehmen. Weshalb es so schwierig war, in der Nachkriegszeit das demokratische Rechtssystem von Führer-Relikten zu befreien.

Doch, es gibt auch eine demokratische Kritik an diesem autoritären Beliebigkeitsrecht, dem Heribert Prantl verfallen ist:

„Nach Welzel hat der Positivismus die Vernunft zum technischen und instrumentellen Verstand destruiert. Für das Recht bedeutet diese Destruktion seine Auslieferung an die bestehende Macht. Recht sei, was von der kompetenten Behörde bestimmt werde. Diese Destruktion der Vernunft habe eine Parallele in einem Teil der protestantischen Theologie. In der Vernunft oder dem Gewissen besitze der Mensch keinerlei Zugang zu Gut oder Böse oder zur Gerechtigkeit, sondern gewinne ihn nur durch die Offenbarung und den Glaubensgehorsam.“ (Lexikon)

Mit anderen Worten: der Rechtspositivismus – offenbar die führende Rechtsphilosophie der Gegenwart – ist vom Geiste Luthers, der keine Rechtfertigung durch moralische Taten (=Werke) zulässt. Wie Theologie anomisch und amoralisch ist, so das heutige Recht. Das Recht gründet nicht in der Vernunft, in der Natur aller Menschen, sondern in Willkürakten der Mächtigen. Das Volk hat nichts mitzureden. Welch wundervolle Demokratie haben wir in Panama.

Prantl legt Wert darauf, dass Kelsen Demokrat und Gegner Carl Schmitts war. Er vergaß nur, dass politische Prioritäten mit dem Recht nur zufällig zusammenhängen. Ein anderer Gegner Kelsens war nämlich Hemann Heller, auch ein ausgewiesener Demokrat, aber ein resoluter Gegner des Rechtspositivismus:

„Heller gehörte zu den wenigen Vertretern seines Faches, die sich vorbehaltslos für das demokratische Prinzip der Weimarer Republik einsetzten. Als ein Antipode Hellers gilt Carl Schmitt.“

Es sieht mau aus mit der Wahrheit des deutschen Denkens. Weder gibt es eine im Recht, noch in der Rechtsphilosophie, weder in der Politik, schon gar nicht in der Ökonomie.

Zur Wahrheit gehört nicht nur die Theorie als Übereinstimmung von Denken und Wirklichkeit, sondern auch die Praxis als Übereinstimmung von humaner Rede und Tat.

Wen wundert es, dass keine Kanzlerin vor eine Kamera trat, um der Bevölkerung zu erklären, ob die Notkasernierungen noch dem Grundgesetz entsprachen? Von Recht war nie die Rede.

Corona besiegte nicht nur die Kopflaus, sondern auch den Geist des Rechts.

Fortsetzung folgt.