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Tanz des Aufruhrs LXIII

Tanz des Aufruhrs LXIII,

Achtung, Verschwörungstheorie:

Alle Alten über 70 werden für den Rest ihres Lebens kaserniert.

Grund: sie sollen geschützt werden. Wovor? Vor ihrer Anmaßung, Leben und Tod selbst bestimmen zu wollen.

Selbstbestimmung, sagen die Erzähler der Fortschrittsgeschichte, sei ein Virus von gestern, der viel zu lange sein Unwesen treiben konnte.

Pardon, natürlich sollen sie vor Corona geschützt werden.

Ohne Pardon: sie sind überflüssig geworden, verursachen nur Kosten und hindern die Jüngeren, den fröhlichen Wettbewerb der Nationen bis zum bitteren Ende fortzusetzen. Warum sollen wir Demente, Pflegebedürftige künstlich am Leben erhalten, die ohnehin in fünf Jahren die Platte putzen werden?

Einspruch: sie sollen doch geschützt werden, damit sie noch lange ein munteres Leben hinter Plexiglas führen können!

Das ist die offizielle Version. Die wirkliche lautet: getrennt von der Menschheit sollen die Überflüssigen in suizidale Hoffnungslosigkeit verfallen – um selbst Hand an sich legen. Diesen Liebesdienst an ihren Nachkommen kann … … man von morbider Ausschussware wohl erwarten. Für palliative Henkersmahlzeiten der letzten Tage wird gesorgt.

„Ein radikales Konzept verfolgen britische Wissenschaftler in einer aktuellen Studie. Demnach könnten die Corona-Maßnahmen für Millionen Briten gelockert werden, wenn die über 70-Jährigen und ihre direkten Kontaktpersonen abgeschirmt werden. Das hieße: Nicht das Haus verlassen, an keinen Versammlungen teilnehmen – auch nicht an Familienfeiern – und Kontakt zu allen verhindern, die möglicherweise infiziert sind.“ (SPIEGEL)

Nach den Alten kommen die Jungen. Schon immer wurden Kinder geopfert, um das Heil der Menschen zu garantieren. „Die Mythen von Sargon, Nimrod, Mose, Jason, Mordred und Jesus berichten von einem massenhaften Kindermord“:

„Als Herodes merkte, dass die Sterndeuter ihn hintergangen hatten, war er außer sich vor Zorn. Er befahl, in Bethlehem und der ganzen Umgebung alle Jungen im Alter von zwei Jahren und darunter zu töten. Das entsprach dem Zeitpunkt, den er von den Sterndeutern in Erfahrung gebracht hatte. So erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia vorausgesagt worden war.“

Kinder fallen uralten Prophezeiungen zum Opfer. Sie werden aus dem Weg geräumt, weil sie die Mächtigen bedrohen. Ihr Aufstand gegen die Herrschenden kann nicht geduldet werden. Doch vor dem Tod erhalten sie noch eine Gnadenfrist: die staatlich überwachte Couch. Funktionieren sie dann immer noch nicht, wird’s ernst:

„Die Erleichterung, da ich eine Bewegung gebremst sehe, für deren Ziel ich Sympathie habe, aber deren tiefe, geradezu sakrale Inbrunst mir nie geheuer war. Deren moralisch bis an die Berstgrenze aufgeladenes Selbst- und Sendungsbewusstsein ein absolut kompromissloses Herangehen an Fragen befeuert, die doch ihrem Wesen nach komplexe, gesellschaftliche Verhandlungen und kompromisshafte Lösungen verlangen. Kurz: Haltung und modus operandi der Bewegung werden in Zeiten von Corona geprüft. Und, tja, verworfen. „Fridays for Future“ muss auf die Couch. Es ist Zeit für eine ehrliche Selbstbefragung. Zeit für ein wenig Demut.“ (Nikolaus Blome im SPIEGEL)

Selbsterforschung als verordnete Fremdüberprüfung, als politisch korrekte Demut. Haben die Jungen kein großes Vorbild an Demut in Berlin?

„Und wenn du mich demütigst, machst du mich groß.“

Und, ja, – nicht zuletzt: wenn sie nicht spuren, werden sie von Gott verworfen. Denn der Mensch sieht, was vor Augen ist, Herr Blome sieht das Herz an:

„Aber der Herr sprach zu Samuel: Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs; ich habe ihn verworfen. Denn es ist nicht so, wie ein Mensch es sieht: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“

Von außen sehen die Jungen munter und intelligent aus, Herzensprüfer aber durchschauen den Schein der Unschuld: innen sind sie kompromisslose Heilsbringer in sakraler Inbrunst.

Deutschland glaubt an den Heiland, der sein eigenes Leben opferte, um die Welt zu erobern. Doch wehe jenen, die den Erlöser imitieren: sie werden von der Tenne gefegt und verworfen werden. Was Gott gebührt, gebührt noch lange nicht jungen Hornochsen.

Auch die FFF-Jugend gehört zu den Verschwörern. Die smarten Besserwisser glauben, das Komplexe der Welt in simplexer Barbarei lösen zu können. Das Komplexe ist das Unlösbare, das unlösbar bleiben muss, damit der Mensch nicht überheblich werde. Wer an eine Utopie glaubt, der ist brandgefährlich. Er ist der Verschwörungstheorie verfallen, dass es Menschen gibt, die ihre Vernunft benutzen, um gut zu werden und die Welt zu humanisieren.

Nach Alten und Jungen kommen die Frauen, die abserviert werden müssen:

„Die Frauen verlieren ihre Würde. In der Krise erleben wir einen Rückfall auf eine Rollenteilung wie zu Zeiten unserer Großeltern. Alle Staatshilfen müssen überprüft werden, ob sie auch den Frauen helfen. Sie belegen eine Rollenverteilung zwischen Müttern und Vätern, die jener in der Generation unserer Eltern und Großeltern entspricht – und die wir nicht mehr für möglich gehalten hätten. Während Forscher seit dem Beginn der Pandemie deutlich mehr Studien zur Veröffentlichung bei wichtigen Fachzeitschriften einreichen, ist ein solcher Anstieg bei Forscherinnen nicht zu verzeichnen. Sie geraten daher ins Hintertreffen – denn Veröffentlichungen sind die Währung für beruflichen Erfolg in der Forschung. Es geht um den Verlust der Würde von Frauen, von Respekt, von Rechten.“ (ZEIT.de)

Jutta Allmendinger konstatiert einen Rückfall der Frauenemanzipation um Dekaden. Wie sehr bemühten sich die Frauen um „Vereinbarkeit“ des Unvereinbaren: zwischen Leben und Kapitalismus.

Es ist wieder wie damals, als bei Entstehung des Christentums die Frauen zum jenseitigen Herrn flohen, um den diesseitigen Herren zu widerstehen. Doch der jenseitige deklassierte sie erst recht zu Wesen, die den Mund halten und sich dem Mann, ihrem Haupt, unterwerfen mussten:

„Ich lasse euch aber wissen, daß Christus ist eines jeglichen Mannes Haupt; der Mann aber ist des Weibes Haupt; Gott aber ist Christi Haupt.“

Kapitalismus vermittelt keine Kompetenz zum Leben. Wenn Feminismus das Überleben der Gattung anstrebt, muss er dem Kapitalismus die Lizenz des savoir vivre entziehen.

Wer ist schuld am Corona-Virus? Der Mann. Er zerstört die Natur, um sich Zoonosen einzufangen. Um Viren zu bekämpfen, darf, ja muss er die Alten einsperren, die Jungen zwangstherapieren, die Frauen in die Bedeutungslosigkeit zurückschicken.

Wüsste man nicht, dass es sich um eine Verschwörungstheorie handelte, wäre man erstaunt, wie genial der Mann seine Solokarriere ins Universum startet, indem er alles, was nicht männlich ist, auf Erden mit überirdischer Raffinesse ausschaltet.

Doch gottlob, und damit Ende der Verschwörungstheorie: der Mann ist nur ein Volltrottel, der seine Lebensunfähigkeit dadurch kaschiert, dass er die Lebenschancen seiner alten, jungen und weiblichen Mitmenschen gefährdet.

Der innerste Kern der Kritik an der Verschwörungstheorie ist der Vorwurf, unter dem Vorzeichen des Guten – der Entlarvung des Bösen – das Böse zu tun. Es gibt nur eine Möglichkeit, diese Infamie zu zerstören: man muss den Spieß umdrehen und unter dem Vorzeichen des Bösen das Gute tun. Ja, die Welt ist schlecht, wir können sie nicht verbessern. Doch das Schlechte ist immer noch besser als das falsche Pathos des Guten, das die Welt endgültig verdirbt. Die Mächtigen erhalten von Gott die Lizenz zum Bösen, das Gott ins Gute verwandeln wird. Folgt also euren Interessen und nicht der Moral. Moral zersetzt die Welt.

„Ihr gedachtet, es böse zu tun, aber Gott hat es zum Guten gewendet.“

Das entspricht dem Motto des literarischen Verschwörers Goethe, der seinen Mephisto sagen lässt: Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Diese ehrsame Form der Verschwörungstheorie wird heute nicht geduldet. Heute muss alles als böse entlarvt werden, was sich als Gutmenschentum verkauft.

Noch verzwickter als der religiöse Dualismus ist der Monotheismus, der seinen Schöpfer als Einheit von gutem Gott und Satan begreift. Wer ist dann zuständig für die Schickung des Bösen? Wer ist schuld am Elend des Menschen? Gott oder der Teufel?

Wer an einen Umdreher-Gott glaubt, wie die Erlöserreligionen, der kann unbesorgt Böses tun. Gott wird aus dem Bösen Gutes machen.

Eben das meinte der Kirchenvater mit seinem Spruch: bist du Christ und liebst deinen Herrn, kannst du dir alles erlauben. Der Gläubige ist Herr über alles Gute und Böse. Das ist die wahre Freiheit eines Christenmenschen: man muss kein Gutmensch sein, um in den Himmel zu kommen. Das Böse ist nicht minder ein Werkzeug des Herrn wie das Gute.

Die Deutschen können auf eine bewährte Verschwörungs-Tradition zurückschauen:

Die Hitler-Attentäter um Claus Schenk Graf von Stauffenberg waren „Verschwörer des 20. Juli.“

Womit bewiesen, dass Verschwörer etwas Gutes sein müssen, sonst dürfte man sie gar nicht so nennen. Oder gibt es etwa gute und schlechte Verschwörer? Dann wäre der Begriff kontaminiert und jeder könnte jeden zum Verschwörer erklären. Das wäre erneut eine Verschwörungstheorie, um die Menschen meinen zu lassen: also kann es gar keine seriösen Verschwörungstheorien geben. Ein infamer Trick des Bösen, um sich jeder Ortung zu entziehen.

Was ist eine Verschwörungstheorie? Eine Welterklärung oder Ideologie der unfehlbaren Art, eine Religion, im aggressiven Widerspruch zu den anerkannten Ideologien und Religionen.

Der Mensch beginnt sein bewusstes Leben mit der Frage Warum? Warum gibt es Gutes, warum Böses? Warum habe ich so wenig Einfluss auf die Dinge der Welt?

Seine Antwort: weil es Götter und Elemente gibt, über die ich nicht verfüge. Kann ich über etwas verfügen, ist es überflüssig, von übermenschlichen Kräften zu reden. Denn ich bin es selbst, dem ich meinen Erfolg verdanke.

Ausnahme: will ich das schöne Leben feiern, kann ich es zur göttlichen Kraft bündeln, die ich als Person anbete.

Erfahre ich Schlimmes und kann es nicht bezwingen, erschaffe ich einen bösen Gott, den ich zum Gegenspieler des guten Gottes erkläre. Wir sehen die Entstehung der dualistischen Religion aus einem guten und einem bösen Gott.

Sind die beiden Götter etwa gleich stark, erleben die Menschen ihre Geschichte als ewigen Zweikampf zwischen zwei Kontrahenten, Ausgang ungewiss. Oft mit der Pointe, der Mensch müsse sich dem guten Gott anschließen, um am Ende des Zweikampfs zu den Siegern der Geschichte zu gehören, die in einem paradiesischen Garten ewig feiern dürfen.

Habe ich mich dem falschen Gott angeschlossen, dem späteren Verlierer, muss ich die Folgen der Niederlage tragen. Die Hölle als Folterraum der Loser erwartet mich.

Alles klar, alles einfach – alles Verschwörung. Denn ich suche Schuldige oder das Gegenteil: zu Preisende und zu Lobende. Das ist der erste Versuch des kausalen Denkens in mythischer Form. Mythen sind Erklärungen, die ich nicht für überprüfungsmöglich und -fähig halte. In Mythen aber stecken bereits die Fragen: Warum? Woher? Wieso? Zu welchem Zweck?

Kann der Mensch auf Götter und übermenschliche Kräfte als Erklärungsmethoden verzichten, erklärt er Natürliches nur mit Natürlichem. Der Mythos ist zum Logos geworden. Nichts ohne Ursache, ist die Formel, die sowohl dem Mythos wie dem Logos zugrunde liegt. Der Unterschied liegt in der Ursache: im Mythos gibt es göttliche Ursachen, im Logos nur noch natürliche, die der Mensch verstehen will, indem er die natürlichen Ursachen erforscht und miteinander verknüpft.

Im Logos, dem Naturdenken des Menschen, kann ich die Ursachen des Guten und des Bösen erforschen – aber nicht mehr als gute und böse Absichten der Natur. Ursachen sind, wie sie sind. Für die Menschen sind sie zumeist gut. Sonst wären sie auf Erden nicht überlebensfähig. Gelegentlich aber auch können sie – nein, nicht böse, aber – schlimm sein, weil die Natur das Schlimme nicht immer vermeiden kann.

Je mehr er sein Leben in Glück und Freude erlebt, indem er Gutes sucht und Schlimmes meidet, je weniger muss der Mensch die Natur fürchten. Er beginnt, der Natur zu vertrauen und erklärt sie zu seiner Mutter, weil er beiden das Leben verdankt und zu beiden ein Urvertrauen entwickelte. Auch eine Verschwörungstheorie? Diesmal der wunderbaren Art?

Wer den Sprung vom Mythos zum Logos als gottesfeindlichen Akt betrachtet, bleibt im Revier der Religion. Was ist verschwörerischer? Nach Auskunft der Experten die Religion. Dort wird alles auf bewusste Absichten zurückgeführt, in diesem Fall auf bewusste Absichten der Götter. Verschwörungen können demnach nur bewusste Akte sein. Sollten die Vorgänge der Welt durch Begierden des Unbewussten entstehen, wären sie unschuldig. Freuds ES wäre demnach verschwörungstheoretisch untauglich. Die Welt muss eine bewusste sein, damit man ihr böse Vorsätze unterstellen kann. Welche Vorsätze haben Kapitalismus und Fortschritt? Haben sie nur bewusste und gute Absichten? Oder spielt ihr Unbewusstes ein böses Spiel mit ihnen und sie merken es gar nicht?

In der modernen Form des Historizismus (nicht zu verwechseln mit Historismus) – dem Glauben an einen Geschichtsautomatismus wie die christliche, hegelianische oder marxistische Heilsgeschichte – sehen wir, nach Popper, eine „typische Säkularisierung eines religiösen Aberglaubens“.

„Der Glaube an die homerischen Götter, deren Verschwörungen die Geschichte des Trojanischen Kriegs erklären, ist verschwunden. Die Götter sind abgeschafft. Aber ihre Stelle nehmen nun mächtige Männer oder Gruppen ein – unheilvolle Druckgruppen, deren Bosheit für alle Übel verantwortlich ist, unter denen wir leiden – wie die Weisen von Zion, die Monopolisten, die Kapitalisten oder die Imperialisten. Ich will damit nicht sagen: dass sich Verschwörungen niemals ereignen. Im Gegenteil: Verschwörungen sind ein typisch soziales Phänomen. Sie werden zum Beispiel immer dann wichtig, wenn Menschen an die Macht kommen, die an die Verschwörungstheorie glauben. Und Menschen, die allen Ernstes zu wissen glauben, wie man den Himmel auf Erden errichtet, werden aller Wahrscheinlichkeit nach die Verschwörungstheorie übernehmen, und sie werden sich in eine Gegen-Verschwörungstheorie gegen nicht existierende Verschwörer verwickeln lassen. Denn die einzige Erklärung für das Fehlschlagen ihres Versuchs, den Himmel auf Erden zu errichten, sind die dunklen Pläne des Teufels, der ein erworbenes Interesse an der Hölle besitzt.“ (Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd 2, Falsche Propheten)

Hier haben wir die Erklärung seines bekannten Satzes gegen die Utopie: Wer den Himmel auf Erden holen will, wird die Hölle errichten. Popper, einer der wenigen aufrechten Bewunderer Sokrates unter den modernen Philosophen, hat in seiner politischen Stückwerktechnologie – Sokrates vergessen. Seine Aversion gegen Utopisten ist gegen religiöse Menschen gerichtet, die sich anmaßen, ihre Staatsvorstellungen als totalitäre Theokratien zu realisieren.

Gegen Erd-Regenten als Gottes unfehlbare Stellvertreter gerichtet, muss man Popper vorbehaltlos zustimmen.

Aber nicht gegen autonom denkende Utopisten, die dem Lernprozess der Vernunft zutrauen, eine humane Weltgesellschaft zu errichten. Ohne es zu bemerken, hat Popper den kosmopolitischen Weltstaat der Griechen, der ohne sokratischen Einfluss nicht möglich gewesen wäre, mit der Theokratie der Erlöserreligionen verwechselt.

Folge man Sokrates, so Popper, müsse man Politik nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum betreiben. Es handele sich dann um eine Stückwerk-Technik:

„Wie Sokrates weiß der Stückwerk-Ingenieur, wie wenig er weiß. Er weiß, dass wir nur aus unseren Fehlern lernen können. Daher wird er nur Schritt für Schritt vorgehen und die erwarteten Resultate stets sorgfältig mit den erreichten vergleichen.“ (Elend des Historizismus)

Popper verwechselt die theoretische Bescheidenheit des Sokrates mit seiner praktischen Nichtbescheidenheit. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, bezieht sich auf den Glauben an die Götter – und auf die Naturphilosophie, von der er behauptet, dass ihre Erkenntnisse der moralischen Entwicklung des Menschen nichts nützten.

Wer diesen Satz einmal über sich ergehen lässt und ihn vergleicht mit der moralischen Entwicklung der modernen Wissenschaft, wird erstaunt feststellen: nichts hat sich verändert. Zwar haben die modernen Naturwissenschaften unendlich viel mehr an theoretischen Einsichten gewonnen, doch zur Entwicklung der ethischen Reife – der Voraussetzung seiner demokratischen Verlässlichkeit – haben sie nichts beigetragen.

Im Gegenteil. Zumeist fühlten sie sich als Genies, die der Menschheit ihre Erkenntnisse brachten. Was die Menschheit aus diesen Erkenntnissen machte, dafür waren sie nicht mehr zuständig. War die Anwendung ihrer Erkenntnisse katastrophal, wie bei der Entwicklung der Atombombe, gab es zwar einige Krisen. Doch die gingen vorüber, als der Frieden dauerhaft zurückkehrte. Schnell wurden die Wissenschaftler wieder zu prometheischen Figuren, die der dumpfen Menschheit das Licht brachten.

Newton und Kepler hatten noch dazu beigetragen, die Unfehlbarkeit der biblischen Schöpfungslehre zu Fall zu bringen und den jähzornigen Gott der Bibel in einen Vernunftgott zu verwandeln. Newton blieb dennoch ein Anhänger der apokalyptischen Lehre des Christentums, und benutzte seine Entdeckungen, um den umstrittenen Fahrplan der Heilsgeschichte auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen.

In der Aufklärung wurden viele Wissenschaftler zu Atheisten, Agnostikern oder Pantheisten. Heute hat sich die Atmosphäre wieder gedreht: viele Astrophysiker suchen wieder Gott: was war vor dem Urknall? Es muss doch einen Punkt Null geben, an dem alles anfing. Gibt es einen Anfang, muss es auch einen geben, der den Anfang setzte.

Amerikas Biblizisten haben der Wissenschaft längst das Grab geschaufelt durch ihren Creationismus, jenen phantastischen Versuch, mit Hilfe der Schöpfungsgeschichte der gottlosen Wissenschaft Paroli zu bieten.

Deutschland fühlt sich Amerika – was Aufklärung und wissenschaftliche Bewunderung betrifft – noch immer haushoch überlegen. Weshalb die Medien den „wissenschafts-skeptischen“ Verschwörern entgegenhalten: Wissenschaft dürfe sich sehr wohl widersprechen, sie sei geradezu dazu verpflichtet, ständig für neue Erkenntnisse zu sorgen – um die alten auf den Müll zu werfen.

Das ist absonderlich. Wissenschaft hat die Wahrheit der Natur zu erforschen, nicht primär Neues aus dem Ärmel zu ziehen. Ist das Neue geeignet, alte Erkenntnisse zu falsifizieren: okay. Dann haben wir echten Fortschritt. Wenn aber nicht, genauso gut: dann hat sich das Alte bewährt. Falsifikationen in einem bewährten Fach gibt es selten. Höchstens gibt es Komplettierungen und Präzisierungen. Selbst Einsteins Theorie hat Newton nicht einfach widerlegt, sondern nur die Reichweite seiner Einsichten auf bestimmte Randsituationen reduziert.

Poppers Falsifikation bedeutet nicht: bedingungslos Neues auf den Tisch und das Alte wegräumen! Sondern sie ist ein sinnvoller Hinweis (besonders für Sozialwissenschaftler), sich davor zu hüten, immer nur zu entdecken, was man unbewusst zu entdecken hoffte. In den Naturwissenschaften mag das selten der Fall sein. Natur lässt sich von eitlen Hoffnungen der Forscher nicht beeindrucken.

In den Sozialwissenschaften hingegen ist es leicht, mit subjektiven Fragen oder willkürlichen Testfragen jene Intelligenz zu finden, die man gesucht hatte. Misst man schwarze und weiße Soldaten mit einem IQ-Test, wird es todsicher zum Ergebnis kommen: die weißen sind intelligenter. Warum? Weil man Erkenntnisse und Fakten aus der weißen Welt als intelligente Fragen definierte. Fast jede Umfrage enthält suggestive Fragen, die im – erhofften – Sinne der Fragenden beantwortet werden.

Die Bewährung des Alten ist genau so wertvoll wie seine Widerlegung. Deutsche Medien verwechseln solide Wissenschaften mit post-modernem Neuerungsklamauk.

Virologe Drosten attackiert viele seiner Kollegen als ignorante Quatschmacher. Nur er gehöre zu den Wenigen, die die neusten Untersuchungen zur Kenntnis genommen hätten.

„Zum Teil seien Ärzte und Professoren dabei, „die irgendeinen Quatsch in die Welt setzen“, ohne je zu den Themen gearbeitet zu haben. Namen nannte Drosten nicht. Hinzu kämen „richtige“ Verschwörungstheoretiker. Drosten betonte, er stehe derzeit in der Öffentlichkeit, weil Coronaviren sein absolutes Spezialgebiet seien. Zu anderen Themen würde er sich nicht in dem Umfang äußern. Was er höre, zum Teil von „scheinbaren Fachleuten“, deren Expertise in anderen Bereichen liege, entbehre oft jeder Grundlage, sagte der Virologe. Dadurch werde auch „wirklich gefährlichen Verschwörungstheoretikern“ mit teils politischer Agenda der Rücken gestärkt. Drosten rügte das als „unverantwortlich“.“ (Berliner-Zeitung.de)

Merkwürdig. Besitzt Virologie keine gesicherte Basis, die normale Ärzte und Virologen kennen müssten, um etwa die Grippe zu verstehen? Wenn allerneueste Erkenntnisse nicht die Basis einer Wissenschaft auf den Kopf stellen, ist Drostens Selbsteinschätzung falsch und überheblich. Spezialisten, sagte ein uralter Politiker, sind Fachidioten, die immer mehr von immer weniger verstehen. Am Ende verstehen sie alles von nichts. Eine Wissenschaft, die derart zersplittert wäre, wie Drosten suggeriert, hätte keinerlei gesicherte Basis. Warum sollte man dann neuesten Ergebnissen glauben, wenn ihre Basis ein Chaos wäre?

Was in der Corona-Krise überhaupt nicht vermittelt wurde, war die Bedeutung der Statistik als Teil der Mathematik, die keine präzisen Ergebnisse liefern kann. Statistik ist eine Rechenmethode der Wahrscheinlichkeit. Ein R-Wert von 1 kann schwanken. Was bedeutet, die angebliche Erhöhung auf mehr als 1 war keine wirkliche Veränderung. Dass Politiker statistische Zahlen wie unfehlbare behandeln, um ihre Drohrufe zu rechtfertigen, ist Ignoranz oder Scharlatanerie.

Bascha Mika sprach mit dem Psychologen Gigerenzer über Statistik:

„Wir müssen die Mathematik der Ungewissheit lernen, also statistisches Denken.“ Dieser Satz stammt von Ihnen. Warum müssen wir denn? Wozu gibt es Experten?
(Lacht) Haben Sie sich Experten schon mal genauer angesehen? Ich arbeite mit Finanzexperten, Gesundheitsexperten, juristischen Experten … die meisten von ihnen haben nie eine gute Ausbildung im statistischen Denken erhalten. In einer Studie wurden beispielsweise amerikanische Portfoliomanager und andere Finanzexperten gefragt, die Volatilität einer Aktie zu berechnen – also die Schwankungsbreite von Preisen eines Papiers während eines bestimmten Zeitraumes. Die Mehrheit konnte es nicht. Und unsere eigenen Untersuchungen unter Juristen zeigen, dass die meisten nicht verstehen, was eine DNA-Evidenz bedeutet.“ (Frankfurter-Rundschau.de)

Entscheidender als vage Neuigkeiten wäre das Problem: wie übersetze ich Wissenschaft ins Leben? Hier sind Virologen an Begriffsstutzigkeit nicht zu überbieten. Sie wollen Menschen helfen. Doch wie bleiben Menschen am besten gesund? Durch krankmachende Isolation? Durch Behinderung der Vitalität? Solche Fragen werden nicht gestellt. Wissenschaftler verlassen selten ihren Elfenbeinturm, dennoch wollen sie – ganz nebenbei – auch versierte politische Therapeuten sein.

Popper verwechselte sokratische Theorie mit sokratischer Praxis. Die theoretische Bescheidenheit des Atheners kontrastierte scharf mit seiner moralischen Gewissheit, die nichts gemein hatte mit aristotelischer „Mittelmäßigkeit“, um nirgendwo anzuecken. Sokrates hatte seine politische Utopie vor allem in ironischer Fragestellung formuliert. Er wollte, dass seine Befragten selbst darauf kämen, was sie denken und wie sie handeln sollten.

Erst die stoische Schule, die sich auf ihn berief, durchdachte konkreter das politische Ziel des guten Menschen. Es war die kosmopolitische Gleichstellung aller Menschen. Hier entstanden unsere modernen Menschenrechte, die zur Utopie der UN-Menschenrechtscharta führten.

Popper und sein Schüler Helmut Schmidt haben die sokratische Utopie weder verstanden noch übernommen. Im Gegenteil: beide warnten vor ihr, als sei sie platonischer Faschismus oder persönliches Hirngespinst, für das man den Arzt konsultieren müsse.

Verschwörungstheorien sind lebensnotwendige Welterklärungen, die entgleist sind – in den Augen ihrer Kritiker. Nicht alle Theorien, die etwas ahnen und vermuten, sind irrationale Hassgedanken. Sonst hätte man nie Technik und Wissenschaft der Naturschändung verdächtigen dürfen. Alle Theorien sind zu überprüfen und zu kritisieren, auch diejenigen der Verschwörungs-Kritiker.

Verschwörungstheorien pauschal zu dämonisieren, verstärkt nur den Trotz ihrer Anhänger, sie noch irrwitziger auszustatten. Warum stellen Politiker und Medien nicht die naheliegende Frage: was muss in unseren Schulen, in den öffentlichen Vermittlungen schief gelaufen sein, dass das Selbstdenken vieler Menschen so entgleist ist? Die uniforme Verschulung der Gesellschaft wäre hier ebenso anzuprangern wie die eklatanten Bildungsdefizite der Mächtigen.

„Verschwörungsideologien sind Teil einer Selbstinszenierung“, sagt Jakob Baier. Der Politikwissenschaftler beschäftigt sich in seiner Dissertation mit Antisemitismus und Verschwörungsdenken im Deutschrap. „Verschwörungsideologen gerieren sich als Helden, die die Welt verstanden und den Mut haben, unbequeme Wahrheiten auszusprechen“, sagt er.“ (bento.de)

Das sind keine Analysen, das sind elitäre Selbstbeweihräucherungen. Psychische Probleme spielen eine Rolle bei missglückten Denkversuchen. Doch auch die größten Genies waren nicht ohne Neurosen. Alles auf defekte oder gar bösartige Motive zu reduzieren: das wäre nicht nur abgehoben, das kann gefährlich werden, wenn die Geächteten sich zum Trotz noch mehr radikalisieren. Und die Spötter zeigen nur, dass sie das Objekt ihres Hohns nie verstanden haben.

Der grotesken Verschwörungstheorie ihrer Attackierten stellen sie nur die hohle Verschwörungstheorie ihrer eigenen Mitläuferei gegenüber. Die verzerrte Kritik der Verschwörer kollidiert mit der Kritiklosigkeit jener, die ihre Blindheit als objektive Wahrheit ausgeben – und damit eine noch gefährlichere Verschwörungstheorie propagieren.

Die einen laufen am Rand. Die anderen sitzen unangefochten in der Mitte der Macht.

Fortsetzung folgt.