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Tanz des Aufruhrs LXII

Tanz des Aufruhrs LXII,

„Weil auch normale Bürger teilnehmen, werden die Extreme anschlussfähig, Hass und Wut sickern in die Mitte ein.“ (Sebastian Fischer, SPIEGEL)

Mitte ist ein Terminus der antiken Philosophie, der durch Aristoteles in die Ethik eingeführt wurde. Er bezeichnet laut Aristoteles die Stellung einer Tugend zwischen zwei einander entgegengesetzten Lastern, dem „Übermaß“ und dem „Mangel“. (Wiki)

„Daher ist die Tugend ihrem Wesen nach … eine Mitte; im Hinblick darauf aber, was das Beste und das gute Handeln  ist, ist sie ein Extrem.“ (Aristoteles)

„Dann aber muss wenigstens das Bewusstsein davon lebendig bleiben, dass in der verlorenen Mitte der leergelassene Thron für den vollkommenen Menschen, den Gottmenschen, steht.“ (Sedlmayer, Verlust der Mitte)

„Für die Ethik folgt die Forderung, die rechte Mitte (le juste milieu) zu halten zwischen zB Hochmut und Verzweiflung. Äußerste Tugenden werden zu Lastern, nur die Mittelmäßigkeit (mediocrite) ist gut, verlässt die humanite und grandeur (Menschlichkeit und Größe). (Phil. Wörterbuch)

Wenn Gesellschaften in Gefahr kommen, rollen sie sich zusammen wie Igel und schützen ihre Mitte, indem sie ihre Stacheln … … nach außen richten.

Draußen sind Populisten und Verschwörungstheoretiker. Vor kurzem gab es nur Populisten (von populus = das Volk). Diese sind wie durch Zauberhand verschwunden und wurden ersetzt durch Verschwörungstheoretiker. Beide dienen als Sündenböcke für Defekte der Mitte, die durch Attacken nach Draußen ihre Katharsis zelebriert.

„Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham sein Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hangen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.“

Gott will Abraham nur testen: ist dem Stammesvater der Sohn wichtiger als Gott? Abraham wusste nicht, dass es nur um einen Test ging. Was sind das für Väter, die bereit sind, ihre Söhne zu opfern, um ihrem Gott zu huldigen? Die heutige Generation des homo sapiens ist bereit, die Zukunft ihrer Kinder zu opfern, um ihren göttlichen Wohlstand zu erhalten.

Gott legt Wert darauf, nur eine Versuchung durchgeführt zu haben, um das bedingungslose Vertrauen seiner Erwählten zu überprüfen:

„Er verunreinigte auch das Topheth im Tal der Kinder Hinnom, daß niemand seinen Sohn oder seine Tochter dem Moloch durchs Feuer ließ gehen.“

Doch anderswo klingt‘s anders. Da ist Gott nicht nur der Gute:

„Doch ich erhob in der Wüste meine Hand (zum Schwur), dass ich sie unter die Völker zerstreuen und in alle Länder vertreiben werde, weil sie meine Rechtsvorschriften nicht befolgten, meine Gesetze ablehnten und meine Sabbat-Tage entweihten und weil ihre Augen hinter den Götzen ihrer Väter her waren. Auch gab ich ihnen Gesetze, die nicht gut waren, und Rechtsvorschriften, die es ihnen unmöglich machten, am Leben zu bleiben. Ich machte sie unrein durch ihre Opfergaben; sie ließen nämlich alle Erstgeborenen durch das Feuer gehen. Ich wollte ihnen Entsetzen einjagen; denn sie sollten erkennen, dass ich der Herr bin.“

Was wäre die Mitte bei einem Gott, der keine Mitte hat, sondern gespalten ist in den lieben und den bösen Gott? Was wäre die Mitte zwischen Teufel und Erlöser? Es gibt keine: hier klafft der Abgrund. Bei Sedlmayer sitzt der Mensch in der Mitte auf einem goldenen Thron: er sitzt im Nichts.

Pascal, christlicher Mathematiker, verwirft die aristotelische Mitte. Es gibt keine Mitte zwischen Gott und dem Menschen, dem Alles und Nichts.

„Behauptet der Mensch seine Mittelstellung als Mittelpunkt, verfällt er der Anmaßung. Die menschliche Mitte ist nicht mehr weder Maß noch Mittelpunkt. Ab jetzt wird gemessen am Unendlichen, am Maßlosen. Die Mitte ist keine bestimmte, keine begrenzte und begrenzende, sondern eine unendliche, auf der wir treiben, immer im Ungewissen. Die griechische Mitte wird bei Pascal zur unendlichen „Mitte“, die keine Grenze kennt und kein Maß setzt. Weshalb es für Pascal an sich keinen Fortschritt der Erkenntnis gibt, da die Mitte, nur am Unendlichen gemessen, kein Mehr oder Weniger zulässt, folglich jede endliche Größe gleich weit entfernt ist von den Extremen.“ (Philosophisches Wörterbuch)

Das war die philosophische Erfindung von Silicon Valley. Alles ungewiss, alles unendlich, kein Maß, keine Grenze.

Hegel folgt Pascals Fußspuren. Zwar ist Wissenschaft ein Kreis, ein Kreis von Kreisen, in „der Natur geschieht nichts Neues, Natur ist ein Kreislauf.“ Aaaber: dann kommt der Geist und zerhackt den Kreis der Natur.

Dem in sich geschlossenen Kreis stellt Hegel die Kraft des Verstandes, die absolute Macht gegenüber. Die Mitte wird zersetzt durch die „ungeheure Macht des Negativen, die den Tod, jene Unwirklichkeit festhalten kann“, was die „kraftlose Schönheit“ der Natur nicht festhalten kann, weshalb sie geistlos ist.

„Die Natur ist das Negative der Idee, der Natur fehlt das Selbstbewusstsein, die Einheit mit sich. Über dem Tod der Natur geht eine schönere Natur, der Geist, hervor. Die Griechen lauschen nur auf die Naturgegenstände, jedes Geistige ist besser als jedes Naturerzeugnis.“

Wie schafft es der Geist, die Natur zu übersteigen, zu zerbrechen, um eine höhere Natur zu erzeugen? Na, wodurch wohl? Durch Tod und Auferstehung:

„Nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und vor Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält – ist das Leben des Geistes.“

Das war die Beschreibung der Moderne als Kampf der allmächtigen christlichen Über-Natur gegen die begrenzte Macht der zyklischen Natur.

Die Naturwissenschaft als Erforschung der verlässlichen und berechenbaren Natur ist griechisches Terrain.

Die Anwendung der Naturwissenschaft als Bedrohung und Auslöschung der Natur ist Golgatha als algorithmischer Machtrausch: Natur muss sterben, damit eine neue im Labor entstehen kann.

Als Erkenntnis ist Naturwissenschaft kosmisch-heidnisch, als Allmacht ihrer Anwendung jenseitig-religiös. Naturwissenschaft hat ein Janusgesicht: auf der einen Seite das zyklische Leben, das ewig ist, ohne linear zu sein; auf der anderen das lineare, das ewig sein will, aber endlich ist und sich das eigene Grab gräbt.

In ihrem Buch „Der Tod der Natur“ schreibt Carolyn Merchant:

„Zwei neue Ideen, die des Mechanismus und die der Naturbeherrschung und -bemächtigung, wurden zu zentralen Konzepten der modernen Welt.“

Der Mechanismus kann nur berechnet werden. Will er die Natur beherrschen, müsste er mehr sein als mechanisches Messen, Zählen und Berechnen: er müsste Geist haben.

So genial sie sein mögen beim Erforschen des Mechanischen der Natur, so kläglich haben sie versagt beim politischen Anwenden ihrer Erkenntnisse. Selbst die ökologischen Alarmisten vor 40 Jahren waren nur winzige Eliten – die sich allzu schnell in ihre Labore zurückzogen, nachdem die Öffentlichkeit sie nicht mit Hosianna begrüßte.

So verhalten sich deutsche Virologen. Sie wollen, dass man von der Qualität ihrer Forschung auf die Qualität ihrer politischen Folgerungen schließe. Wehe, wenn dabei ein kritisches Lüftchen weht. Haben sie es verdient, sich vom Pöbel belästigen zu lassen? Journalisten springen eifrig herbei, um die Glorie der Wissenschaft gegen „Technikskeptiker“ zu singen. Ohne wahrzunehmen, wie jene Öko-Warner auch vor ihrer eigenen Disziplin, der objektiven Wissenschaft, eindringlich gewarnt haben. Heute darf man nur noch Technikanbeter sein, kein Zweifler und Skeptiker.

Wenn sie ihre Kanzlerin mit einem Wörtchen glorifizieren wollen, sprechen sie weihevoll von der „Physikerin“.

Dabei gibt es eine „Komödie“ von Friedrich Dürrenmatt, die er „Die Physiker“ überschrieb. Lang, lang ist‘s her, nichts für galoppierende Tagesschreiber. Einer der drei Physiker, die sich unter Vorspiegelung psychischer Defekte in eine Psychiatrie flüchteten, hatte ihr gemeinsames Motto ausgegeben:

„Wir müssen unser Wissen zurücknehmen … Entweder bleiben wir im Irrenhaus oder die Welt wird eines. Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkung alle Menschen. Was alle angeht, können nur alle lösen. Jeder Versuch eines einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.“

Gab es eine einzige öffentlich-rechtliche Debatte, in der Wissenschaftler mit sich selbst und mit Leuten „von der Straße“ hätten streiten können? Immer sitzen dieselben Vertreter der Politeliten dabei, um alles in Feinstaub zu zermahlen.

Dann gab es noch Heinar Kipphardt mit seinem Stück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“. Oppenheimer war der wissenschaftliche Kopf der amerikanischen Atombomben-Herstellung. Nach der ersten Atombombenexplosion murmelte er ein Zitat aus der „Bhagavad Gita“, einer zentralen heiligen Schrift des Hinduismus:

„Jetzt bin ich zum Tod geworden, der Zerstörer der Welten.“

In Kipphardts Stück plädierte Oppenheimer in seinem Schlusswort – im Gegensatz zu seinem Kollegen Edward Teller, der die Kategorien moralisch-unmoralisch im wissenschaftlich-technischen Bereich verwirft – für humane Selbstkontrolle der Naturwissenschaften:

„Ich frage mich, ob wir Physiker unseren Regierungen nicht zuweilen eine zu große, eine zu ungeprüfte Loyalität gegeben haben, gegen unsere bessere Einsicht, in meinem Fall in der Frage der Wasserstoffbombe … Wir haben die Arbeit des Teufels getan, und wir kehren nun zu unseren wirklichen Aufgaben zurück.“

Nein, sie kehrten zwar in ihre Labors zurück, taten aber seitdem fast nichts, um die mörderische Anwendung ihrer Erkenntnisse bei Mensch und Natur zu verhindern.

Deutsche Wissenschaftsjournalisten haben die Naturwissenschaften zu Sensationslieferanten verkommen lassen – ohne ihre verheerende Rolle in der Naturbeschädigung zu erwähnen.

Wer hat seit Jahrzehnten vor dem immer weiteren Vordringen des Menschen in die Natur, vor Zoonosen, nicht gewarnt? Wer hat die ersten Warnungen aus Wuhan nicht ernst genommen? Wer hat die Mundschutztücher verspottet? Wer hat immer nur die naturwissenschaftlichen Aspekte in den Vordergrund gestellt, die psychischen Probleme der Kinder und Alten aber mit keinem Jota erwähnt?

In den Beratungsgremien gab es weder Pfleger, noch Sozialpädagogen oder Kinderpsychologen. Die Sache der Kinder wurde in den Besprechungen unter den Teppich gekehrt. Heute warnt ein Rechtsmediziner vor einer Häufung der Suizide aufgrund inhumaner Betreuung. Wie passend, dass über Selbstmorde nicht berichtet werden darf – wegen Nachahmungsgefahr. So bleibt auch dies ein köstliches Geheimnis. Die Kanzlerin war in keiner einzigen öffentlichen Debatte zu sehen – im Gegensatz zu ihrem österreichischen Kollegen, der täglich in TV die Lage erläuterte.

Die Mehrheiten der Wissenschaftler haben sich den militärisch-technischen Komplexen und kapitalistischen Monopolen unterstellt. Dort werden sie verwöhnt und bewundert. Werden sie einmal nicht genug bewundert – wie neulich ein renommierter deutscher Spezialist –, emigrieren sie kaltblütig nach China. Politische Skrupel unbekannt. Hauptsache, der Nobelpreis wartet.

In der frühen Moderne wird Natur zum Weib, das als Hexe gefoltert werden muss, um Erkenntnisse zu erlangen. Das Weib will dem Mann überlegen sein durch Erzeugung von Leben? Dann beweise sie es, indem sie sich selbst lebendig macht – nachdem sie tot geschlagen wurde.

„Die Bilder, die Francis Bacon benutzt, um seine neuen wissenschaftlichen Methoden zu umreißen, entstammen zu einem guten Teil dem Gerichtssaal. Sie zeigen die Natur als Frau, die mit mechanischen Vorrichtungen gefoltert werden muss, und erinnern an Verhöre bei den Hexenprozessen. Francis Bacon schrieb; dass man der Natur die Geheimnisse auf ähnliche Weise entreißen müsse, wie man die Geheimnisse des Hexenwesens durch inquisitorisches Verhör entschleiert habe. Die Natur muss durch Mechanik bezwungen und bearbeitet werden. Die Untersucher und Erforscher der Natur haben die Aufgabe, ihre Pläne und Geheimnisse auszukundschaften. Die Vernehmung von Hexen als Sinnbild für das Verhör der Natur, der Gerichtssaal als Modell für ihre peinliche Befragung  und ihre Folter durch mechanische Hilfsmittel als Instrument zur Untersuchung des Chaos: dies alles ist grundlegend für die wissenschaftliche Methode als Ausübung von Gewalt und Macht.“ (Merchant)

Feministische Kritik männlicher Wissenschaft und Religion in Amerika ist in Deutschland unbekannt. Auch hier brütet das Land der Mitte hinterher. Eine maskuline Physikerin, die das Buch von Carolyn Merchant nie in die Hand nehmen würde, ändert nichts daran.

Bacons Inquisitionsgericht gegen die Natur war kein Ausrutscher. Bis heute ist Natur das Objekt geblieben, das man ohne Rücksicht auf Verluste malträtieren kann, damit sie ihre Geheimnisse verrät. Man höre und staune: auch bei Kant finden wir das Gerichtsverhör, mit dem der männliche Richter die weiblich-natürliche Angeklagte zur Rechenschaft zieht:

Nach Kant „sieht die Vernunft nur das ein, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt.“ Das ist das Apriori des Mannes, der sich nicht einfach von der Natur vorplappern lässt, was Sache ist, sondern der Natur vorschreibt, in welch strenger Form sie mitteilen muss, was sie zu sagen hat.

Den Griechen warf Kant vor, dass sie wie Kinder sich von der Natur vorführen und vollplappern ließen. Nicht so die Moderne:

„Das griechische Verhalten ist in den Augen von Kant das Verhalten von Kindern, die sich von der Natur gleichsam am Leitbande gängeln lassen, oder von Schülern, die sich alles vorsagen lassen, was der Lehrer will. Die Griechen waren noch nicht mündig. Die Erfahrung des mündigen Menschen ist eine, die nach Prinzipien der Vernunft vorangeht. Der Mensch, das vernünftige Wesen, wird dadurch mündig, dass seine Vernunft sich als Vernunft erfasst. Jetzt tritt er aus der Abhängigkeit von der Natur in die Freiheit, in der die autonome Vernunft zugleich sich selbst und der Natur das Gesetz gibt. Die Gesetzgebung der Vernunft hat nun zwei Gegenstände: Natur und Freiheit, und enthält das Naturgesetz – und das Sittengesetz. Das erklärt die völlig neue Rolle, in der der Mensch in der objektiven Wissenschaft der Natur gegenübertritt. Er tritt auf „in der Qualität eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt.“ „Die Revolution der Denkart“ ist also eine Revolution, die die Gesetzgebung der autonomen Vernunft begründet und damit den Menschen frei und mündig macht.“ (Georg Picht, Die Erfahrung der Geschichte)

Der Mensch ist auf sinnliche Informationen der Natur angewiesen. Doch die fängt er ein mit logischen Kategorien, die den Sinneseindrücken vorschreiben, wie sie sich zu präsentieren haben, damit sie berechenbar werden. Diese Fähigkeit ist das logische Apriori, welches die minderwertigen Sinnesimpressionen nötigt, sich verlässlich und berechenbar zu verhalten. Weshalb wir die Natur nicht erkennen, wie sie ist, sondern wie sie zu sein hat, nicht dem Inhalt nach, sondern der kausalen und mathematischen Struktur nach.

Das entspricht der Domestikation des unzivilisierten Weibes durch den Mann. Der Mann anerkennt die Frau nicht, wie sie ist, sondern sagt ihr, wie sie sein soll. Bernhard Shaw machte aus der pädagogischen Erhebung der Frau auf das Niveau des Mannes – das Stück Pygmalion.

Trotz logischer Bändigung bleibt die Abhängigkeit des Menschen von der sinnlichen Natur in bestimmter Hinsicht erhalten. Um sich gänzlich zu befreien, muss der Mensch zum Sittengesetz übergehen. Natur kann dem Menschen nicht vorschreiben, was er für gut und böse halten soll. Er ist kein Sklave der Natur.

Kant musste zugeben, dass er den freien Willen des Menschen nicht begründen könne. Doch er zweifelte nicht daran, dass der Mensch sich selbst das Gesetz des Verhaltens geben könne.

Dass der Mensch regiert werde von seiner DNA, von Bedingungen der Evolution: das hätte Kant für eine Domestikenhaltung des Menschen gehalten.  In körperlichen Dingen ist der Mensch der Natur unterworfen, doch in Sachen mündiger Moral wird er von niemandem an die Kette gelegt.

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen: was hätte diese Forderung  für einen Zweck gehabt, wenn der Mensch nur eine Marionette natürlicher Abhängigkeiten gewesen wäre?

Nach Kant ist die moralische Freiheit immer mehr verloren gegangen. Bei Darwin wurde der Mensch zum Geschöpf der Evolution, bei Rassisten zum Geschöpf der Rasse, bei Freud zum Geschöpf unbewusster Innenreize, bei Skinner zum Reaktionsbündel seiner Umgebung, bei Ökonomen zum Knecht wirtschaftlicher Reize. Es gibt heute nur noch eine Möglichkeit, den Menschen zu einem bestimmten Verhalten zu bringen: indem man ihn mit hinterlistigen Anreizen zu Reaktionen verführen will. Bewusstes Argumentieren, Überzeugen und methodisches Streiten: vorbei.

Das ist der Grund, warum der Mensch, von allen Seiten mit Versuchungen und Reizen übersät, nicht mehr in der Lage ist, sich eine humane Zukunft auszudenken und sie politisch zu realisieren. Wenn humane Utopien zu Wahnvorstellungen erklärt werden, muss die Welt eine inhumane Realität  sein.

In der Corona-Krise haben Viro- und Politologen den Menschen nicht als Vernunftdemokraten angesprochen, sondern als wilde Naturüberleber. Ihnen fiel nichts ein als die Drohung mit dem Tod. Auf dem Niveau von Kindergottesdiensten, in denen die Kinder mit der Hölle bedroht wurden.

Die Gesellschaft ist in Not: wer ist schuldig? Nicht die bürgerliche Mitte, sondern die „dubiosen, kruden“ Irrläufer vom Rand der Gesellschaft:

„Die Protestler: ein bizarrer Mix aus Corona-müden Bürgern, Links-Aktivisten, Rechtsextremen, Impf-Gegnern. UND: Verschwörungstheoretiker, die ihre irren Hass-Parolen unters Volk brachten. Klar ist: Diese wirren Verschwörungstheorien haben mit vernünftiger Skepsis gegen die Corona-Maßnahmen nichts zu tun. Skeptiker seien „prinzipiell ergebnisoffen“, erklärt Politikwissenschaftler Prof. Jürgen Falter (76). Verschwörungstheoretiker dagegen handeln wie „wahre Gläubige, die sich mit keinem Argument der Welt davon überzeugen lassen, dass ihre Ansichten falsch sind“.“ (BILD.de)

Verschwörungstheoretikern wird vorgeworfen, dass sie sich in Krisensituationen die bedrohliche Welt erklären wollten. Daran ist nichts zu tadeln, das wäre löblich – nur das Ergebnis ihres Nachdenkens könnte falsch sein. Dies aber müsste bewiesen werden, was ihre selbstgefälligen Ankläger für überflüssig halten. Sie sagen Verschwörung – und sind auf der richtigen Seite des Weltgeistes.

Über die Welt nachdenken – nicht nur in Krisen – beweist, dass die Menschheit noch nicht völlig geistesabwesend ist. Psychologen reden (in üblicher Hochsprache) von Reduktion kognitiver Dissonanz. Wenn nichts mehr zusammen stimmt, will ich die Gründe wissen. Solches ist zu loben.

Immer, wenn der bürgerliche Block sich angegriffen fühlt, sucht er sich Sündenböcke, die er mit allen Mitteln zu Untermenschen degradiert. Dasselbe geschieht bei schrecklichen Verbrechen, terroristischen Attacken: die Bösewichter wollen unsere Demokratie zerstören. „Sie meinen uns“. Die Rechtschaffenen aus der Mitte schwappen über von Gutmenschentum, moralischer Besserwisserei – lauter Befindlichkeiten, die sie in Normalzeiten anderen vorwerfen. Das Allerschlimmste und Lächerlichste: niemand bemerkt die Doppelmoral.

Wie schrecklich wäre es, wenn die Welt die schlimmsten Begebenheiten apathisch und lethargisch über sich ergehen ließe. Erst, wenn man Suchende anerkennt für ihren Erkenntniswillen, wäre es sinnvoll, sie nach allen Regeln der Kunst auseinander zu nehmen und ihre faktischen und denkerischen Fehlleistungen frei zu legen – also mit ihnen zu streiten, bis die Fetzen fliegen.

Bizarrer Mix: Verleumdung ohne das geringste Argument. Unterschwellig die Botschaft: wer anderer Meinung ist als die hehre Mittelklasse, muss meschugge sein. Wer links und rechts ist, muss bekloppt sein. Wer die Mitte anklagt, muss hass-besessen sein. Natürlich darf ein hoher Wissenschaftler nicht fehlen, der beweisen darf, dass Skepsis die Tugend der Mitte ist. Das würde bedeuten, dass der ganze Tross des Fortschritts sich offen ließe, wohin er will. Dabei lässt die Moderne sich von blindem Geschichtsautomatismus treiben.

Schon möglich, dass sich verbitterte Kritiker von keinem Argument überzeugen ließen. Und die arrogante Mitte? Lassen Regierungen sich davon überzeugen, dass die ganze Gesellschaft verändert werden muss, um der Klimakatastrophe zu entgehen?

Oh ja, es gibt Verschwörungen. Die Grundlagen der westlichen Moderne sind nichts als Verschwörungsmärchen: sie beruhen auf Religion. Da soll es Gott, Teufel und eine vorgeschriebene Heilsgeschichte geben, die seit Urzeiten alles festgelegt haben. Wer nicht gewillt ist, über religiöse Verschwörungen zu sprechen, sollte über politische schweigen. Wer lässt sich am wenigsten auf Argumente ein, weil er schon alles weiß? Die Religiösen. Und das weiß ein Professor nicht? Ist er gar selbst ein Frommer?

Wen erstaunt es noch: SPIEGEL und BILD auf gleicher Welle, wie Fromme, die im Gottesdienst denselben Choral singen:

„Beispiel Berlin: Am Alexanderplatz und vorm Reichstag fanden sich Verschwörungstheoretiker jeglicher Schattierung ein, Impfgegner, Rechts- und Linksextreme, Putin-Verehrer oder C-Prominenz wie der Showkoch Attila Hildmann („Gehe ich im Kampf für unsere Freiheit drauf, dann nur mit Waffe in der Hand und erhobenen Hauptes”).“ (SPIEGEL.de)

Differenzierter und verständnisvoller ist ein TAZ-Artikel:

„Die machen das Schwierige einfach. Sie reduzieren die Komplexität der verwirrenden globalen Moderne auf ein praktisches Freund-Feind-Klischee. In dem Gewirr von Fachbegriffen der Epidemiologie, Statistiken und Ängsten vor dem eigenen wirtschaftlichen Absturz wächst die Neigung, Fake News zu glauben und einem archaischen Reflex zu folgen: Jemand muss schuld sein.“ (TAZ.de)

Freund-Feind-Denken ist keine humane Moral. Sind Mitte-Denker nicht selbst Feinde der Freund-Feind-Denker? Welch ein Hass schwappt da aus dem juste milieu an die bösen Ränder? Könnte es sein, dass die Denkfehler der Ränder ihrer Verdrossenheit entsprangen: uns hört niemand zu? Hat die ehrbare Mitte je probiert, mit solchen Menschen zu reden? Vor kurzem gab es tiefgründige Debatten: soll man mit Rechten reden? Was für menschenfeindliche Fragen. Schon mal gehört, dass Demokratien streitbare Gesellschaften sind?

Die WELT lässt sich von niemandem übertreffen in Verachtung Andersdenkender. Nein, man kann nicht mit allen reden, weil manche zu verstockt sind. Aber mit allen, die mit sich reden lassen. Ausprobieren, ihr edlen Meister des Schreibens.

Zuerst werden die Anderen niedergemacht, dann wird ihnen gnädig die Meinungsfreiheit gewährt. Wenn das keine christliche Liberalität ist:

„Man kann und sollte diesen Menschen allerdings auch nicht einfach den Mund verbieten. Aus gutem Grund ist Meinungsfreiheit in Deutschland ein hoch gewichteter Wert, er gilt auch für sie.“ (WELT.de)

Querdenkende Sonderlinge, Lügner, Spinner, Flacherdler, Schulversager, Esoteriker, Homöopathen, psychisch Verwirrte:

„Ich fürchte, dass wir nach dem Zeitalter der Aufklärung aller modernen Technologie zum Trotz in eine neue Zeit eintreten, in der sich die Menschen von Fakten und Wissenschaft abwenden. Erneut bevorzugen Millionen in der westlichen Welt einfache Antworten für komplexe Probleme. Dass die Antworten erlogen sind, spielt keine Rolle. Hauptsache keine offenen Fragen mehr.“

Fragen sind immer offen, sonst wären sie keine. Komplexe Fragen sind Scheinfragen, die keine Antworten erwarten. Die Schuldfrage soll paranoid sein? Dann dürfte man sich nicht mehr darüber wundern, dass in Berlin niemand zurücktritt. Oder dass es nur noch Unschuldige gibt in der Welt. Sollte die Menschheit den Abgang machen, wird es niemanden mehr geben, der schuld daran wäre. Eine schuld- und makellose Gattung wird den Abgang machen.

Verzweifelte lügen selten, sie glauben, was sie sich zusammenreimen. Natürlich wollen sie die „Etablierten, Eliten, Medien und Mächtigen“ auch schockieren und ärgern. Auch wenn sie sich ursprünglich selbst überwinden mussten, um ihre irren Fragmente zusammenzureimen.

Die ehrbare Mitte denkt nicht daran, sich an Aristoteles zu orientieren. Der wollte die sinnvollste Form der demokratischen Tugend. Leider täuschte er sich bei den Extremen. Die Beispiele, die er bringt, sind keine Gegensätze, sondern neurotische Spaltungen, die innerlich zusammengehören.

„Die Spaltung ist also ein ungünstiger Kompromiss, in dem das Ich gezwungen ist, fortwährend zwischen den Polen von zwei affektiven Zuständen hin und her zu schwingen, ohne dass es deren unterschiedliche Färbungen gleichzeitig wahrnehmen könnte.“

Wer demütig ist, ist im selben Augenblick auch hochfahrend und eitel, je nach Situation und Erfolgsaussicht. Auf Erden demütig, um im Himmel auf Abrahams Schoß zu sitzen. Nein, die Mitte zwischen zwei Spaltungen oder Untugenden ist niemals eine Tugend.

Eine tugendhafte Persönlichkeit in einer amoralischen Gesellschaft ist stets ein Extrem, das von der Mehrheit abgelehnt, ja gehasst wird. Nicht zufällig brachte Komiker Aristophanes den Sokrates auf die Bühne als einen, gegen den die damalige Mitte einen grenzenlosen Widerwillen hegte. Warum wurde er von der Mehrheit des Volksgerichts zum Tode verurteilt? Weil er die Tugend der Mittelmäßigkeit bevorzugte?

Tugend in einer lebensüberdrüssigen Gesellschaft muss ein Extrem sein, das die Majorität bis aufs Blut reizt. Besonders die ehrbare, schuldlose, gebildete, verantwortliche, verständnisvolle und überaus humane Mitte, die sich zwischen Selbstverachtung und Unfehlbarkeit elegant umhertreibt, sich stets neu erfindend, sich stets neu vernichtend.

Fortsetzung folgt.