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Tanz des Aufruhrs LXI

Tanz des Aufruhrs LXI,

Corona geht, der Schrecken kehrt zurück.

Corona ist wie Trump. Ein Übel, das sich zeigt, kann bekämpft werden. Das ist Amerika.

Tritt es auf als Normalität, Alltag und Demut, hat es den Sieg fast schon in der Tasche. Das ist Deutschland.

Die Ausnahme löste den Alltag ab, damit die Not zeitlich beschränkt und korrigibel erscheine.

Kommt das Ende der Not, dürfen Rettungsmaßnahmen eingestellt werden. Was sollte noch gerettet werden? Ausnahme vorbei: die Alarmsirenen verstummen, Pressekonferenzen werden eingestellt, die Kanzlerin zieht sich zurück.

Das ist der günstige Augenblick für den Alltag, der keine Türen eintreten muss, um das Haus zum Einsturz zu bringen. Alltag ist das Haus des Menschen, gefährlich über dem Abgrund erbaut, das seine Bewohner unter sich begräbt – wenn der Alltag nicht beendet wird.

Denn Alltag ist falsche Sicherheit, betrügerische Gewohnheit, Schrecken der Geschichte, der in Masken des Wohlstands und des Fortschritts auftritt.

Wohlstand ist Trug des Lebens auf Kosten der Natur.

Fortschritt ist anschwellender Trug des Lebens durch Ermordung der Butterblume, dem … … Sinnbild der Natur:

„Michael Fischer, Chef einer Firma, will seinen von der Kontorarbeit verkrampften Körper entspannen und trainieren: „Man wird nervös in der Stadt“. Als er mit seinem Gehstock an Unkraut hängen bleibt und vergeblich versucht, ihn zu lösen, gerät darüber in große Wut und haut wild auf das Grün ein. Dann fordert er wie von seinen Angestellten und Lehrlingen Gehorsam ein: „Man muß diesem Volk bestimmt entgegentreten“. Dabei schlägt er einer Butterblume den Kopf ab und erblickt aus dem „Körperstumpf […] weißes Blut […] in dickem Strom“, der sich zum grotesk-apokalyptischen Bild einer Flut entwickelt, auf sich zu rinnen. Er hat Angst vor der Rache der Natur und versucht dies zuerst verstandesmäßig zu kontrollieren. Aber obwohl er die Erscheinung, wie in der Firma einen ungehorsamen Angestellten, hinauswerfen lassen will und er seine Furchtsamkeit über die Ermordung einer „erwachsenen Butterblume“ bespöttelt, gelingt es ihm nicht, sich zu beruhigen. Vor Ekel wendet er sich vom verwesenden Kopf der Pflanze ab und sucht das Weite. Da seine Füße ihn augenscheinlich unwillentlich forttragen, will er sie mit einem Taschenmesserstich daran hindern. Doch erschöpft stößt er das Messer in einen Baum und entscheidet sich zum Tatort zurückzukehren, um die vielleicht nur verletzte Pflanze zu verbinden und ihr Leben zu retten. Doch die Blume, nun vermenschlicht auf den Namen „Ellen“ getauft, kann er nicht finden. Er ruft nach ihr und fordert vom Wald ihre Herausgabe. Er erblickt einen Harztropfen weinenden Baum und reißt sich, im Glauben, die Bäume würden über ihn Gericht halten, vom Ort los, flüchtet durch einen sich verengenden Pfad. Eine Tanne schlägt ihn nieder und in Strömen blutend kommt er bei Nacht im Dorf an, während hinter ihm der Berg die Fäuste schüttelt und die Bäume ihn beschimpfen.“ (Döblin, Die Ermordung einer Butterblume)

Mensch erholt sich in der Natur – und beschädigt sie. Er fordert von ihr Gehorsam, wütet über ihr störrisches Wesen – und tötet sie.

Alltag ist Ermordung der Butterblume, weinende Bäume, Gericht der Natur, verengende Pfade, rachsüchtige Tannen, Mensch im Blutrausch: müsste das nicht jeder Mensch erkennen, der noch bei Sinnen ist?  

Der Mensch aber will nicht sehen. Also erfindet er die Mär von den trügerischen Sinnen und – der zuverlässigen Wissenschaft, die nur rechnet, ohne die Natur sinnlich zu empfinden. Der Mensch misstraut seinen Sinnen. Seine Sinne täuschen ihn, man kann ihnen nicht über den Weg trauen.

Zählen und Rechnen täuschen nie. Zuverlässig sind einzig jene Wissenschaften, die auf der Mathematik beruhen. Mathematische Sätze gehorchen logischen Gesetzen und trügen nie. Doch sie haben einen Nachteil: sie sehen nichts, sie sind blind. Sie berechnen exakt, was ist. Doch was mit dem IST geschieht, entzieht sich ihrer Exaktheit. Was bedeutet, es geht ihnen um Macht – die sich ihnen entzieht. Die Politik raubt ihre Erkenntnisse, um mit ihnen zu machen, was sie will. Die Wissenschaftler stehen daneben und fühlen sich unschuldig. Demokratische Verantwortung haben sie nicht gelernt.

Der Mensch ist gespalten. Was er berechnet, beherrscht er nicht. Was seine Sinne vermitteln, erkennt er nicht. Eines Tages aber, so die Wissenschaftsgläubigen, werde alles Sinnliche und Geistige exakt erfasst:

„So ist klar, dass der Mensch mit all seinen Äußerungen theoretisch in den Bereich des vollständig Erforschbaren fallen muss: dass diese Äußerungen als Folgen bestimmter Bedingungen nach allgemeinen Gesetzen erkannt werden. Jedoch wird die gesamte Wirklichkeit erst nach unendlich langer Zeit restlos erforschbar sein. In endlicher Zeit wird niemals alles erforschbar sein.“ (Hugo Dingler)

Das Ziel der Wissenschaft ist, alles zu erforschen. Nach dem Motto: nichts ohne Ursache. Ursachen müssen exakt berechnet werden. Die exakten Wissenschaften sind die Grundlagen aller Wissenschaften, auch jener, die diese Exaktheit nur anstreben, ohne sie je zu erreichen. Mathematik und Naturwissenschaften gehören zur ersten Kategorie, Psychologie, Soziologie – die die Berechenbarkeit ihrer Erkenntnisobjekte nur annähernd imitieren, ohne sie je zu erreichen – gehören zur zweiten Kategorie, den Geisteswissenschaften.

Intelligenztests oder Schulnoten beruhen auf geschätzten Zahlen und inexakten Skalen. Die Berechnung von Extrem- und Mittelwerten ist hier Schwachsinn. Es gibt vier Arten von Skalen. Nur die Absolutheitsskala beruht auf objektiv gemessenen Daten, die jederzeit wiederholt werden können. Sie ist die Skala der Naturwissenschaften, die mit geeichten Messgeräten absolut zuverlässig messen. Nur solche Zahlen sind mathematisch verwertbar, die unabhängig von unendlich schillernden, ideologischen Charakterstrukturen und Vorurteilen ermittelt werden.

Verhältnis-, Ordinal- und Nominalskalen beruhen auf subjektiven Einschätzungen und vagen Vermutungen. Muss man ein räumliches Vorstellungsvermögen besitzen, um intelligent zu sein? Müssen zukünftige IT-Genies alle amourösen Abenteuer von Goethe kennen?

Ist der Beste einer Klasse genau so intelligent wie der Beste einer anderen? Warum ist das Abitur in Bremen leichter als in Bayern? Warum muss man einen Abiturabschluss von 1,0 haben, um Medizin zu studieren? Streber zeigen, dass sie ihr Pensum vorschriftsmäßig gebüffelt haben. Ist  Anpassungsfähigkeit Zeichen eines radikalen Erkenntniswillens? Besonders Raffinierte werden jenes Maß an Widerspruchsgeist bieten, das ihre Lehrer von ihnen erwarten, damit sie in Lehrerkonferenzen mit ihnen brillieren können.

Welche Psychologie ist die bessere? Skinners Behaviorismus, der den Menschen mit Zahlen einfängt oder Freuds Tiefenpsychologie, die das unquantifizierbare Unbewusste des Menschen durch Erinnerung erahnen will?

Sind „talk-sciences“ – Schwätzerwissenschaften – erst dann ernst zu nehmende Wissenschaften, wenn sie das quantitative Niveau der Naturwissenschaften erreicht haben? Können sie dieses Niveau je erreichen? Oder müssen sie sich damit begnügen, sich für immer mit falschen Dekorationen zu schmücken? Was bedeuten würde, dass Geisteswissenschaften ihre angemaßte Exaktheit ein für allemal ablegen müssten. Und ihren beliebten Satz: Studien haben ergeben, mit der Vorsichtsklausel beginnen müssten: Studien lassen die Vermutung zu …, andere Studien können zu anderen Ergebnissen führen. Nein, dies wäre kein Beleg, dass Wissenschaften ständig neue Erkenntnisse liefern müssten. Sondern Zeichen ihrer mangelhaften Objektivität, die sie nicht zugeben wollen.

Dass Politiker und hochqualifizierte Physikerinnen von Wissenschaftstheorie keine Ahnung haben (so wenig, wie ihre bewunderungswilligen Medien) zeigt, dass sie aus unverstandenen Grundlagen willkürliche politische Folgerungen ziehen.

Medizin ist ein Zwischenwesen aus exakten naturwissenschaftlichen Körperdaten und dem unberechenbaren Geist des homo sapiens, der über Gesundheit und Krankheit ein gewisses Wörtchen mitreden will. Menschen ohne Lebensmut werden eher krank, sterben früher als vitale Energiebolzen. Das ist der – oft mit Verachtung angesprochene – Placeboeffekt. (placebo = ich werde gefallen; Gegenbegriff: nocebo: ich werde schaden.)

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse gelten allgemein. Wer das Essen verweigert, stirbt eines Tages: das gilt für alle Menschen. Doch jetzt wird’s spannend: der einzelne Mensch soll doch ein Individuum sein, ein unvergleichliches Einzelwesen? Unvergleichlichkeit heißt unquantifizierbare Besonderheit: Individuen können nicht objektiv gemessen, also nicht exakt verglichen werden. Streng genommen, können sie gar nicht erkannt werden, denn erkennen heißt, miteinander vergleichen. Menschenkenntnis als objektive Erkenntnis von Individuen wäre demnach ausgeschlossen.

Was bliebe? Subjektive Einschätzungen von Menschen, die ihre Beliebigkeit dadurch reduzieren könnten, dass sie ihre unterschiedlichen Einschätzungen auf den Tisch legten, um sie miteinander zu vergleichen. Kein Gerichtspsychiater ist fähig, exakte Prognosen über einen Übeltäter zu liefern. Er kann nur seine Ahnungen und Vermutungen, die auf der Anamnese der Täter beruhen, in aller Vorsicht äußern. Kein Mensch ist eine Maschine. Dass mediale Berichterstatter noch immer exakte Prognosen, nein, göttliche Prophetien, über das Verhalten der Täter erwarten, zeigt ihre verantwortungslose Sensationsgier.

Virologen sind Mischwesen aus Naturwissenschaftlern und psycho-somatischen Geisteswissenschaftlern. Ihre Labordaten können nach Belieben überprüft werden, ihre psycho-politischen Folgerungen aber sind subjektive Einschätzungen, die mit „gesundem“ Menschenverstand debattiert werden müssten.

Bekannt ist, dass Medikamente bei verschiedenen Individuen verschieden anschlagen. Dass die Gesellschaft mit solch zweiwertigen Phänomenen nicht umgehen kann, sieht man exemplarisch bei den Grünen, die im Streit um homöopathische Kügelchen komplett scheiterten. Dieselbe Inkompetenz zeigt sich jetzt in der Corona-Krise. Deutsche Politeliten lernen nichts dazu, weil Naturwissenschaften unfehlbar wurden und Geisteswissenschaften sich objektiv aufplustern.

Poppers Kriterium der Falsifizierbarkeit (Widerlegbarkeit) als Merkmal einer objektiven Wissenschaft gilt nur für Naturwissenschaften. Alles Wissen, das sich mit Therapie und Gesundung des Menschen beschäftigt, darf nicht falsifiziert werden. Die Wirksamkeit von Medikamenten darf nicht dadurch erforscht werden, dass man Kontrollgruppen verrecken lässt.

In der Nachkriegszeit wurde der psychische Faktor durch Erich Fromm, Alexander Mitscherlich, Horst-Eberhard Richter in die Medizin eingeführt. Kaum waren diese Pioniere verstorben und der Neoliberalismus durfte – mit besonderer Genehmigung der rot-grünen Koalition Schröder-Fischer den Menschen zum Räderwerk degradieren, verschwand die Psyche aus dem Ausbildungsprogramm der Mediziner. Niemand weinte ihr eine Träne hinterher. Ein wissenschaftlicher Meuchelmord auf offener Szene.

Wie die Deutschen ihre Sprache verkaufen und mit Amerikanisch – der Sprache der Sieger – hausieren gehen, (dass in den nächsten zwei Jahrzehnten Deutsch zum belanglosen Dialekt im eigenen Land werden wird – ganz im Gegensatz zu den stolzen Franzosen), so verkaufen sie ihren subjektiven Wissenschaftsballast und machen aus Menschen komplizierte Maschinen, die jetzt noch nicht vollständig quantifiziert werden können, eines fernen Tages aber ganz gewiss.

Hugo Dingler hat diese Erwartungen in Worte gefasst:

„Denn gerade die Lebensäußerungen des Menschen sind von einem so hohen Grade von Komplikation, dass wir auf eine wissenschaftlich genaue Erklärung … in den meisten Fällen erst in sehr ferner Zeit hoffen dürfen.“

Silicon Valley unternimmt alles, um Dinglers Visionen in Realität zu verwandeln, indem sie den unberechenbaren und unzuverlässigen Menschen durch Superroboter ersetzen wollen.

Muss der Mensch zuverlässig und „berechenbar“ sein? Befragt man geniale Amoralisten der WELT, beginnen sie im Dreieck zu springen. Ihre Wankelmütigkeit indes ist nicht zu überbieten. Haben sie noch vor Wochen gegen jede ökologische Maßnahme als Freiheitsberaubung gewütet, wüten sie heute gegen alle, die ihrer Oma das Ausgehen in der Natur nicht verbieten.

Es gibt zwei Arten der Zuverlässigkeit. Die der Natur ist generell und durch nichts zu überbieten. Die des Menschen ist abhängig von seiner moralischen Autonomie und schwankt gewöhnlich wie ein Rohr im Winde.

Obwohl der Mensch ein Mischwesen aus genereller Objektivität und geistiger Individualität ist, kann er ein zuverlässiges Wesen werden – wenn er sein unreifes geistiges Schwanken durch moralische Autonomie gefestigt hat. Seine ethische Theorie hat er in demokratischen Dialogen überprüft, seine Praxis in humaner Zuverlässigkeit verstetigt. Die Zuverlässigkeit der Natur hat er aus eigener Kraft und Einsicht zurückerobert, er ist zur Natur heim gekehrt.

Natur hat dem Menschen die Freiheit gelassen, sein Leben in eigener Regie zu führen. Will er diesem Vertrauen gerecht werden, wird er durch Denken und Tun zur Integrität der Natur zurückfinden. Die finale Katastrophe des Menschengeschlechts wäre zu verhindern, wenn der Mensch zu einem verantwortlichen Wesen aus eigener Kraft reifen würde. Den Deutschen wird das nur gelingen, wenn sie ihre verderbliche Bewunderung des „inkommensurablen“ Genies und Herrenmenschen ad absurdum führen würden.

Das gilt nicht nur für die Deutschen, das gilt für die gesamte Moderne, die sich den ehernen Gesetzen einer Geschichte oder Heilsgeschichte untergeordnet hat.

Eine Heilsgeschichte besteht nicht aus wiederholbaren Zyklen, in denen sich alles gleich bleibt. Hier wäre der Alltag die ewige Wiederholung des Gleichen. Hier gäbe es keine Ausnahmen. Und wenn doch, würden sie durch rituelle Reinigungsriten zurückfinden in die Urordnung aller Dinge.

Ganz anders in der linearen Zeit, der Zeit des Fortschritts, in der ständig Neues geschaffen werden muss, um sich dem Ziel der Geschichte zu nähern. Das ist die moderne Zeit, die sich rühmt, keinen Stein auf dem anderen zu lassen, das Vergangene zu vertilgen, um das triumphale Ende der Geschichte zu erreichen. Das Irdische lasse sich nicht regenerieren, es sei zu minderwertig, sündig und böse.

Zyklische Zeit vertraut der Natur, die zwar nicht perfekt, aber immer rückführbar ist in die Ordnung der Urzeit.

Lineare Zeit misstraut der Natur aufs äußerste und hält sie für inkorrigierbar, weshalb sie zerstört werden muss.

Moderne Heilgeschichte kann es nicht erwarten, mit Hilfe des Fortschritts alles Bisherige zu negieren, um sich dem Neuen der Zukunft in rasantem Tempo anzunähern. Dann wird es eine neue zweite Schöpfung geben. Wie Gott seine alte Schöpfung schon anfänglich vernichten wollte, dann aber seinen Jähzorn in vorläufige Einsicht verwandelte, so hat er seinen Vernichtungswillen nur verschoben, nicht aufgehoben.

„Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

Hier erhält die Natur ihre Stetigkeit – aber nur aus dem gnädigen Willen des Schöpfers, der eines fernen Tages ein gänzlich Neues schaffen wird. Die Stetigkeit der Natur wird durch die prophetische Erfindung eines Finales auf Vorläufigkeit gesetzt. Heidnische Ewigkeit der Natur ist passé. Der religiöse Mensch hat keine Chance mehr zur rituellen Regeneration der Natur. Ihm bleibt nur, im Höllentempo des Fortschritts alles hinter sich zu lassen, das Alte zu vernichten, um dem Ziel des Neuen entgegen zu eilen.

Jahwe lässt sich das Privileg der bösen Ausnahme nicht nehmen. Der Mensch darf nicht beruhigt auf sein Faulbett sinken. Jeden Augenblick muss er mit dem Außerordentlichen, Unberechenbaren und Gefährlichen rechnen. Ungewissheit und Unsicherheit sind Grundelemente des Lebens. Nur der Glaube kann diesen permanenten Bedrohungszustand ertragen.

„Jahwe blickt die Erde an und sie erbebt; er rührt Berge an und sie rauchen. Er versetzt Berge, schreckt die Erde auf, dass ihre Säulen erzittern und wehrt dem Aufgang der Sonne.“ Jahwe schafft „Finsternis und Unheil“.

Nur dem Glauben verheißt Gott:

„Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berge spräche: Hebe dich und wirf dich ins Meer! und zweifelte nicht in seinem Herzen, sondern glaubte, daß es geschehen würde, was er sagt, so wird’s ihm geschehen, was er sagt.“

Der Glaube wird zur Kraft, die Natur zu verändern und zu zerstören. Natürlich muss die Destruktion in rechter Gesinnung geschehen: mit Liebe. Weshalb Christen gehorsamst die Natur lieben, um sie liquidieren zu dürfen:

„Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.“

Auch die Frommen werden in die Geheimnisse Gottes nicht eingeweiht. Wann der Herr kommt: dies dürfen auch sie nicht wissen:

„Darum wachet, denn ihr wisset nicht, welche Stunde euer HERR kommen wird.“

Der wiederkehrende Herr wird nur mit den fünf Jungfrauen Hochzeit halten, die seine Ankunft nicht verschlafen haben. (Wo bleibt hier die heilige Monogamie? Im Himmel gibt’s also doch einen Harem.)

„Zuletzt kamen auch die anderen Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich ich sage euch: Ich kenne euch nicht.  Darum wachet; denn ihr wisset weder Tag noch Stunde, in welcher des Menschen Sohn kommen wird.“

Das Leben auf Erden ist kein Muße-Leben. Ruhe, Entspannung und lustvolle Erfüllung sind verboten. Arbeiten, Malochen, Ängste, Sorgen machen sind Strafen für Evas Ursünde.

Der Psalmist beschreibt die existentielle Unruhe:

„HERR, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weislich geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter. Das Meer, das so groß und weit ist, da wimmelt’s ohne Zahl, große und kleine Tiere. Daselbst gehen die Schiffe; da sind Walfische, die du gemacht hast, daß sie darin spielen. Es wartet alles auf dich, daß du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie; wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gut gesättigt. Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; du nimmst weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder zu Staub. Du lässest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du erneuest die Gestalt der Erde.“

Zuerst ist alles weislich geordnet, dann kommt das Erschrecken:

„In jedem Augenblick ihrer Existenz ist die Welt der Fristung durch Gott bedürftig. Alles „wartet“ auf ihn. Würde Jahwe sich nur einen Augenblick von der Welt abwenden, so würde ihre Herrlichkeit sofort in sich zusammenfallen.“ (Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testamentes)

Das ist der Augenblick, der Kairos der Zeit: nichts ist garantiert, nichts hat Bestand – außer durch die Zusage des Herrn, die er jeden Augenblick revidieren kann. Die Welt hängt am seidenen Faden, der jeden Moment reißen kann. Plötzlich und im Nu ist alles vorbei, steht der Herr vor der Tür. Das Leben auf Erden muss dem Herrn Augenblick für Augenblick abgerungen werden durch Demut, Erniedrigung, Beten und Hoffen. Die Menschen verdienen nicht das irdische Leben, nur der Gnade ihres Herrn haben sie es zu verdanken.

Lineare Zeit ist kein Kontinuum, sondern eine Reihe unverbundener Augenblicke, die sich von Jetzt auf Nachher radikal verändern können. Permanent sind Natur und Mensch auf das grüne Licht von Oben angewiesen, das sich jederzeit in Rot verwandeln kann.

Moderne Naturwissenschaft beruht auf dem zeitlichen Kontinuum der Heiden, entstellt durch die lineare Zeit der Heilsgeschichte, die jegliche Konstanz vernichtet. Was morgen kommt, weiß niemand, auf die Beständigkeit des Erarbeiteten ist kein Verlass, nach uns die Sintflut, wir hängen am seidenen Faden göttlicher Willkür, die sich jeden Augenblick verändern kann.

Der christliche Philosoph Kierkegaard hat den „Augenblick“ in das Zentrum seines Denkens gestellt:

„Kierkegaard entwickelte ihn ausgehend von Platons Begriff des Plötzlichen, wo der Übergang von Bewegung in Ruhe und Ruhe in Bewegung, alle Veränderung, wie auch der Übergang von Sein zu Nichtsein als wunderlich beschrieben wird, weil er weder Ruhe noch Bewegung ist und keiner Zeit angehört. Für Kierkegaard ist der Gegensatz von Zeit und Ewigkeit vereint im Augenblick, der als abstrakter Moment gedacht wird, der das Nichts und die Ewigkeit zugleich umfasst.“ (Wiki)

Hier sehen wir ein typisches Beispiel für griechisch-christliche Gewaltsymbiose. Bei Platon war Augenblick ein Abdruck der Ewigkeit. Der Übergang von Ruhe und Bewegung war keine Disruption zwischen irdischer und übernatürlicher Zeit. Kierkegaards Augenblick hingegen ist keine Einheit von Zeit und Ewigkeit, sondern die absolute Unsicherheit des Menschen, dessen Lebensqualität nur von der willkürlichen Gnade eines Gottes abhing.

Hegel hatte den prekären Augenblick besser erfasst. Durch Arbeit musste der Mensch die Unsicherheit der Augenblicks-Zeit verschärfen. „Arbeit heißt die Welt vernichten oder fluchen.“ Der Tod der Natur sei unvermeidlich. „Über diesem Tode der Natur aber geht eine schönere Natur, der Geist, hervor. Die Versöhnung des Geistes mit der Natur ist Befreiung von der Natur. Jedes Geistige ist besser als jedes Naturerzeugnis.“ Das sind Todesurteile der Überwelt über die Welt, der Ewigkeit Gottes über die zerbrechliche Augenblickszeit der Natur.

Die Corona-Krise geht vorüber und einer ungewissen Augenblicks-Zukunft entgegen. Gedacht und gehandelt wird „auf Sicht“. Von Augenblick zu Augenblick. Verlässlich ist nichts. Auf eine sichere  Zukunft kann der Mensch nicht hoffen, eine stabile Vergangenheit durfte er nicht schaffen.

Die faschistoiden Schutzmaßnahmen hatten den Zweck, der zerbrechlichen Zeit ein Korsett zu verpassen. Der nächste Virus kommt bestimmt. Beim nächsten Mal werden ihre Pläne komplett sein. Obrigkeiten sind lüstern geworden, die Menschheit durch Wissenschaft immer mehr zu kasernieren. Eine schöne neue Welt steht vor der Tür:

„Man wird so genormt, dass man nichts anderes tun kann, als man tun soll. Sollte sich durch einen Unglücklichen wirklich einmal etwas Unangenehmes ereignen, nun denn, dann gibt es SOMA, um sich von der Wirklichkeit zu beurlauben.“

 

Fortsetzung folgt.