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Tanz des Aufruhrs LX

Tanz des Aufruhrs LX,

Sehnsucht nach dem Ende.

Unrat und Fäulnis. Welt stinkt. Gewässer sind Kloaken. Auf den Bergen türmen sich Abfälle. Megastädte – Zentren des Drecks und der Verwesung, Scholle verdorrt und wird unfruchtbar, Luft sirrt vor Hitze, Riesenströme werden Rinnsale, Wälder verbrennen, Tiere und Pflanzen verschwinden. Schöpfung wird zur Er-Schöpfung. Menschen gehen auf Distanz, verhüllen ihr Gesicht, wollen weder sehen noch gesehen werden. Ihr alltägliches Leben ertragen sie nicht, reisen ins Nirgendwo, erfinden Risiken und Gefahren. Vergangenheit und Gegenwart sind ihnen unerträglich. Nur von der Zukunft träumen sie – die sie ihren Nachkommen nicht gönnen.

Freiwillig schaufelt sich die Welt das Grab:

„Kandidaten werden in Särge eingesperrt – und beerdigt! – die Kandidaten waren insgesamt eine Stunde lang in den stickigen Särgen eingeschlossen.“ (BILD.de)

Wenn Karneval seinen zynischen Untergang feiert, ist es ernst geworden.

„Das Ende der abgelaufenen Epoche wird als Erschöpfung der biologischen Quellen auf allen kosmischen Ebenen betrachtet, als reales Weltende. Das Ende eines bestimmten Zyklus vollzieht sich nicht immer als Sintflut, sondern durch Feuer, Hitze. Apokalyptische Visionen, in denen ein … … trockener Sommer als Rückkehr ins Chaos empfunden wird. Götter fahren in die Unterwelt. Dramatische Elemente, deren Zweck die Vernichtung der abgelaufenen Zeit ist, die Erneuerung  des uranfänglichen Chaos, die Wiederholung des kosmogonischen Aktes. Rückschritt in die mythische Zeit, die der Schöpfung vorausgeht, alle Urformen gehen unter in der Wassertiefe des Anfangs. Einsetzung eines „karnevalistischen Königs“, Demütigung der Aufrechten, Umsturz aller sozialen Ordnung, nichts, was nicht allgemeine Verwirrung stiftete, Vernichtung der Ordnung, Chaos. Wir werden Teilnehmer einer Sintflut, eines Urfeuers, die der ganzen Menschheit das Ende bereiten, um der Heraufkunft einer neuen und wiedergeborenen Menschheit den Weg zu bereiten“ (Mircea Eliade, Kosmos und Geschichte)

Der Mensch erträgt nicht, was er in Jahrtausenden erschaffen – und weggeworfen hat. Er ekelt sich vor sich selbst und vor seinen Mitmenschen, erträgt nicht die Natur, die er in Wüste verwandeln muss. Er will ein Neues, das Alte muss vernichtet werden.

„Da werden Edoms Bäche zu Pech werden und seine Erde zu Schwefel; ja sein Land wird zu brennendem Pech werden, das weder Jahr noch Tag verlöschen wird, sondern ewiglich wird Rauch von ihm aufgehen; und es wird für und für wüst sein, daß niemand dadurch gehen wird in Ewigkeit; sondern Rohrdommeln und Igel werden’s innehaben, Nachteulen und Raben werden daselbst wohnen. Denn er wird eine Meßschnur darüber ziehen, daß es wüst werde, und ein Richtblei, daß es öde sei, daß seine Herren heißen müssen Herren ohne Land und alle seine Fürsten ein Ende haben; und werden Dornen wachsen in seinen Palästen, Nesseln und Disteln in seinen Schlössern; und es wird eine Behausung sein der Schakale und Weide für die Strauße. Da werden untereinander laufen Wüstentiere und wilde Hunde, und ein Feldteufel wird dem andern begegnen; der Kobold wird auch daselbst herbergen und seine Ruhe daselbst finden. Die Natter wird auch daselbst nisten und legen, brüten und aushecken unter seinem Schatten; auch werden die Weihen daselbst zusammenkommen.“

Der Mensch erfindet Religionen, die seine Ängste und Schrecken als Geschehnisse eines irrealen Jenseits schildern, um nicht wahrzunehmen, was er selber tat. Er will Opfer sein, wo er Täter war, will Kind eines himmlischen Vaters sein, wo er wie ein satanischer Dämon raste. Er flieht vor dem Anblick seiner Taten, schaut – wie Hanns guck in die Luft – nach Oben, um nicht zu sehen, was er Unten anrichtete.

Nach den Dächern, Wolken, Schwalben
Schaut er aufwärts, allenthalben:
Vor die eignen Füße dicht,
ja, da sah der Bursche nicht,
Also dass ein jeder ruft:
„Seht den Hanns Guck-in die-Luft!“

Beherrscher der Welt werden gefährliche Karnevalisten des Chaos. Alle Normen werden an den Saturnalien vernichtet. Der rituelle Kampf zwischen Gott und dem Drachen, dem Heiligen und Satanischen, soll die Anhäufung des Bösen zum Verschwinden bringen, damit die Welt rein zum Ursprung des Guten zurückkehre. Rückkehr ins Chaos, um mit neuer Schöpfungsordnung zu beginnen.

Wiedergeburt als Vernichtung der abgelaufenen Zeit. Taufe: der alte Mensch muss im Wasser des Lebens ersäuft werden, um als neuer aus den Fluten aufzutauchen. Regeneration ist neue Geburt. Jedes Neue Jahr ist eine Wiederaufnahme der ursprünglichen Zeit, eine Wiederholung der Kosmogonie. Gott muss als sein eigener Sohn und Stellvertreter ins Irdische kommen, damit er die Zeit regenerieren kann.

Die christlich-jüdische Religion kommt in ein Dilemma. Einerseits übernahm sie viele Elemente der heidnischen Regeneration und will durch Vernichtung die Erneuerung, die Ordnung des Alten und Vergangenen bewirken. Andererseits muss sie die Religion der Ungläubigen – das Alte als das Böse – eliminieren und das Heil in der Zukunft erwarten.

Einerseits müssten Christen an die Regeneration der unsterblichen Natur glauben, andererseits an ihre Ausrottung im Dienst eines Neuen.

Im ersten Fall wären sie Anhänger der zyklischen Wiederherstellung des Gleichen (apokatastasis panton), im zweiten wären sie verpflichtet, die Apokalypse in selbsterfüllender Prophezeiung herzustellen.

Im ersten Fall stünden sie im Dienst des unvergänglichen Lebens, im zweiten im Dienst irreparabler Selbstvernichtung.

Die beiden unversöhnlichen Zeitvorstellungen sind die entscheidenden Konflikte der gegenwärtigen Weltpolitik. Die lineare Zeit der Heilsgeschichte – die noch heidnische Zyklen in sich birgt – und die heidnischen Naturreligionen, die ihre zirkuläre Zeit geschwächt haben durch Übernahme des linearen Heils.

Zwei gebrochene Zeitauffassungen stehen sich gegenüber, können nicht miteinander und nicht gegeneinander. Die einen glauben an die ewige Erneuerungskraft der Natur, die anderen an deren endgültige Vernichtung.

Einerseits wollen sie zusammenarbeiten, andererseits könnte jederzeit ein vernichtender Weltkrieg ausbrechen. Die Zusammenarbeit steht unter dem Vorzeichen des Wettbewerbs, der die Besten auszeichnen, die Verlierer in Schimpf und Schande verkommen lassen will.

Das ist die militante Seite der Globalisierung – die nur kuriert werden könnte durch Beendigen der Konkurrenz. Globalisierung war nie eine faire Art internationaler Kooperation. Unter dem scheinheiligen Vorzeichen der „komparativen Kostenvorteile“ (Ricardo) saugte man die schwächeren Handelspartner aus, um den eigenen Vorsprung uneinholbar zu erweitern.

Dasselbe verlogene Kooperationsmodell gilt im Inland. Arbeitgeber und -nehmer kooperieren, indem jede Seite tun muss, was sie angeblich am besten kann. Seltsamerweise können die Starken am besten Maschinen erfinden, Betriebe leiten und Profite einkassieren, während Malocher am besten – malochen können. Sonst nichts. Wenn sie nach Hause gehen, wollen sie ihr wirkliches Leben führen, während es zur Berufung der Reichen gehört, rund um die Uhr die Zeit auszukaufen.

Was wird aus dieser herzensinnigen Zusammenarbeit? Die Reichen werden immer reicher, die Armen müssen mit dem vorlieb nehmen, was durch die undichte Decke trickelt. Die Trickelmethode gilt im nationalen wie im internationalen Revier.

Die Trickelmethode hat ihre neutestamentliche Absicherung im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus:

„Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich mit Purpur und köstlicher Leinwand und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein armer Mann mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voller Schwären und begehrte sich zu sättigen von den Brosamen, die von des Reichen Tische fielen; doch kamen die Hunde und leckten ihm seine Schwären.“

Trickeln ist: sich abfinden mit Resten, die vom Tisch des Reichen fallen. Oh nein, das wird vom Heiligen des Evangelii nicht gut geheißen. Der Reiche muss nach seinem Tod zur Hölle fahren, Lazarus liegt im Schoß des Abraham. Nun ist der degradierte Reiche dran, eine milde Trickelgabe zu erbetteln:

„Als er nun in der Hölle und in der Qual war, hob er seine Augen auf und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich mein und sende Lazarus, daß er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme.“

Was geschieht? Abraham, versierter Ober-Trickler, lässt sich nicht erweichen:

„Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, und Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun aber wird er getröstet, und du wirst gepeinigt. Und über das alles ist zwischen uns und euch eine große Kluft befestigt, daß die wollten von hinnen hinabfahren zu euch, könnten nicht, und auch nicht von dannen zu uns herüberfahren.“

Irdisches gegen überirdisches Trickeln. Das darf nicht verändert werden. Zwischen dem Irdischen  und dem Überirdischen  liegt eine große Kluft. Was auf Erden schief lief, wird im Jenseits umgedreht. So klingt es für deutsche Ohren, die unter Evangelium eine Botschaft wider die Reichen und für die Armen verstehen.

Anders ihre amerikanischen Brüder und Schwestern, die zwischen Hienieden und Drüben keinen Kontrast erkennen. Sie verweisen auf das Matthäusprinzip, nach dem der irdische Profitmacher auch im Himmel überproportional gewinnen wird. Was beweist: die Deutschen befinden sich noch in der Leidensphase, mit der sie sich die Seligkeit verdienen müssen. Die Amerikaner hingegen sehen sich bereits in der irdischen Vorwegnahme des Gartens Eden angekommen.

Früher hätten die Kirchenväter ein Konzil veranstaltet, um sich die Köpfe einzuschlagen, wer den Heiligen Geist am besten verstanden hätte. Luther setzte sich mit seinen Kontrahenten an denselben Tisch oder führte ein schriftliches Streitgespräch, um zu beweisen, wer mit Schriftworten besser umgehen könne.

Heute ist mit der weltlichen auch die geistliche Disputation abhanden gekommen. Das wäre eine Aufgabe für unsere redegewandten Talk-Show-Schwestern. Aber ach, sie müssten zuvor ihre Bibelfestigkeit unter Beweis stellen, wozu sie nicht die geringste Lust verspüren.

Eine humane Globalisierung müsste vom Kapitalismus befreit und in gerechte Tauschgeschäfte überführt werden, in denen jeder seinen fairen Anteil erhält.

Nach der Krise muss ein für allemal geklärt werden, was Kapitalismus ist.

These: Kapitalismus ist eine Form  wirtschaftlicher Zusammenarbeit, in der die Starken die Schwächeren exponentiell übers Ohr hauen. Die äußere Legitimität des fairen Tauschs überdeckt die tatsächliche Ungerechtigkeit, die, durch maßgeschneiderte Gesetze, ihren größeren Profit als gerechten propagieren.

Kapitalisten bringen das Kunststück fertig, in postmoderner Relativierung den Begriff Gerechtigkeit in den Wind zu schießen – um gleichzeitig ihre übergroßen Gewinne als gerecht zu bezeichnen. Mit der Begründung: sie hätten eine größere Verantwortung und besäßen eine effektivere Leistungsfähigkeit als die Malocher, die am Feierabend pünktlich den Hammer fallen ließen – okay, das war früher mal so. Doch das Image ist geblieben.

Auch hier beziehen sich die Starken auf eine biblische Aussage: geben ist seliger denn nehmen. Also nannten sie sich Arbeitgeber, ihre Abhängigen Arbeitnehmer. Die Kommunikationskünste der Starken sind ungemein listiger als die der Ungebildeten. Eben dies ist das Geheimnis der Starken, dass sie, gewaschen mit allen Wassern rhetorischer Überlegenheit, größerer Bildung und politischer Macht, den Pöbel führen konnten, wohin sie wollten.

Die Meinungen des Volkes über Politik und Ökonomie sind zwiegespalten. Die Kontrollmaßnahmen der Regierung in Dingen Corona halten die meisten für angemessen, dennoch hätten sie das Gefühl, auf die Politik keinen Einfluss zu besitzen:

„Auch in der Flüchtlingskrise war das Gefühl der Menschen, keinen Einfluss auf die Regierung zu haben, stark, aber nicht ansatzweise so ausgeprägt wie jetzt. Außerdem steckt in den aktuellen Ergebnissen ein Widerspruch: Auf der einen Seite sagen die Befragten, die Regierung macht das, was die Bevölkerung will. Aber wenn man fragt, ob sie die Regierung beeinflussen können, dann sagen die Befragten nein.“ (SPIEGEL.de)

Sie stimmen zu. Würden sie nicht zustimmen, hätten sie nicht das Gefühl, die Verantwortlichen beeinflussen zu können. Seit der Hochkultur wurde das Volk in Bildungsfragen benachteiligt, weshalb es mit den Redekünsten der Oberen nie mithalten konnte. Das hat sich in der Demokratie kaum verändert.

Das bedeutet, das Schulsystem der Deutschen hat versagt. Wär‘s anders, hätten die „verschulten“ Jugendlichen den Kapitalisten längst den Marsch geblasen. Das können sie nur ansatzweise, sollen sie auch nicht können. Alles politisch Brisante wird aus den Schulen ferngehalten. Sie sollen rechnen und schreiben können, damit die Wirtschaft blüht. Der Rest ist belanglos.

Streng genommen vermittelt die Schule keine Bildung. Das verhindert ihr kasernenartiger Unterricht in gleichem Schritt und Tritt – in permanenter Prüfungsangst. Christian Füller:

„Zwei Philosophien von Schule streiten gerade um die Vorherrschaft. Hier das selbstbestimmte forschende Lernen – dort das von Lehrplan und Stundentafel bestimmte „teaching to the test“. Der Konflikt sieht taufrisch aus, ist in Wahrheit aber eine alte Wunde des deutschen, genauer des preußischen Schulwesens. Wilhelm von Humboldt und seine radikalen Nachfahren, die Reform- und Kuschelpädagogen waren einst die Neuerer. Ihr Gegner – die preußische Kultusbürokratie, die auf zentrale Prüfungen setzte, um ihre ständischen Schulen für die Dreiklassengesellschaft zu perfektionieren.“ (WELT.de)

Es geht gar nicht um Bildung. Es geht um gedrillte Fähigkeiten, die Ökonomie zu fördern. Weshalb keine Bildungsexperten das Sagen haben, sondern Bildungs-Ökonomen. Noch nie gehört?

Bildungsökonomik (auch Bildungsökonomie) gibt es als volkswirtschaftliche Disziplin etwa seit 1955. Ihre Hauptfragestellung bezieht sich auf die Wirtschaftlichkeit von Bildungsausgaben. Eine Hauptrichtung der Bildungsökonomik untersucht die Auswirkung von Bildung auf individuelle und gesamtwirtschaftliche Erträge auf dem Arbeitsmarkt.“ (Wiki)

Der Mensch wird reduziert zum Humankapital.

„In der Humankapitaltheorie der Volkswirtschaftslehre wird Humankapital unter dem Gesichtspunkt von Investitionen in Bildung betrachtet. In der betriebswirtschaftlichen Faktorenlehre … ist Humankapital ebenso ein Produktionsfaktor wie physisches Kapital.“

Der Mensch wird zur Maschine degradiert, programmiert mit jener „Bildung“, die die Maschine zur leistungsfähigsten macht. Humboldt, Verehrer der griechischen Bildung, darf mit seinem Namen ein Berliner Museum schmücken. Wer aber die deutsche Verschulung prägt, sind Berufs-Ökonomen, die aus erkenntnisbegierigen Jugendlichen kapitalintensive Nachwuchsmaschinen machen dürfen:

„Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Beschäftigte, die zu einer unterbrochenen Schülergeneration gehören, pro verlorenem Schuljahr Gehaltseinbußen von etwa sieben bis zehn Prozent erleiden, und zwar über ihr gesamtes Berufsleben hinweg.“ (Berliner-Zeitung.de)

Die Krisen-Frage: wann dürfen die Kinder wieder in die Schule? hat nichts mit deren Psyche und Willen zu tun. Die Frage wird so gedreht, als ginge es um die geringeren Gehälter der Corona-Geschädigten, die man vermeiden müsse. Unsinn. Es geht lediglich um das Maß der Ausbeutung, das man ihnen jetzt zumuten muss, um die deutsche Wirtschaft nicht abstürzen zu lassen.

Wenn Menschen Maschinen werden, darf man sich nicht wundern, dass Intelligenzmaschinen Menschen überrunden und sie überflüssig machen sollen. Bildung ist, sich in eine Maschine verwandeln zu lassen, um sich morgen von Intelligenz-Robotern aus dem Weg räumen zu lassen. Dies alles auf der Grundlage europäisch-christlicher Grundwerte.

Kapitalismus ist keine technische Frage, sondern eine ethische. Wie Mord Mord bleibt, unabhängig davon, ob einer mit Dolch, Präzisionsgewehr oder Pesthemd getötet wird, so bleibt ein kapitalistischer Akt kapitalistisch, gleichgültig, ob einer mit Hungerlohn oder übergroßen Zinsen reingelegt wird. Da die Starken immer das Privileg besitzen, aus einer Überzahl von Arbeitswilligen – ergo zur Arbeit Verdammten –, wenige auszuwählen, die ihrerseits nehmen müssen, was ihnen geboten wird, ist das Gleichgewicht der Macht beim Urtausch immer gestört. Sind Machtverhältnisse a priori ungleich, kann es keinen gerechten Tausch mehr geben.

Was ist ein gerechter Tausch? Dass es in einer Gesellschaft der Gleichen nur zu minimalen Eigentumsunterschieden kommen kann. Demokratien, in denen die Kluft zwischen Reich und Arm ins Unermessliche gehen, sind keine mehr.

Schlussfolgerung für die Entwicklung einer gerechten Gesellschaft nach Corona: die gigantischen Monopolgesellschaften müssen zerschlagen werden. An ihre Stelle treten übersichtliche Genossenschaften, in denen diejenigen, die in ihnen arbeiten, auch ihre Bestimmer und Inhaber sind.

Corona entlarvt die Überlebensunfähigkeit des Neoliberalismus, in dem einzelne Firmen – nein, nicht den Staat, den es nicht gibt -, sondern die Gleichgewichte der Volksherrschaften zerstören. Das üble Geschwätz vom Staat erweckt den Eindruck, als bestimme nicht der Wille des Volkes die Regierungen, sondern eine vom Himmel gefallene Obrigkeit könne machen, was sie will.

Leider hat Ulrike Herrmann, sonst eine scharfzüngige Kritikerin ökonomischer Dummheiten, sich verführen lassen, Kapitalismus als moralfreie Wissenschaft zu definieren:

„Doch Moral führt völlig in die Irre, wenn es um Wirtschaft geht – wie als Erster ausgerechnet der Moralphilosoph Adam Smith erkannte, der dann als einer der größten Ökonomen aller Zeiten in die Geschichte einging. Der Schotte Smith lebte im 18. Jahrhundert, und schon damals hingen viele Briten der Idee an, dass die Nationen miteinander im „Wettbewerb“ stünden und dass es den starken Ländern egal sein könne, ob ihre Nachbarn arm sind. Smith hatte für diesen Unsinn nur beißenden Spott übrig: „Eine Nation, die durch den Außenhandel reich werden will, kann dies am ehesten erreichen, wenn auch ihre Nachbarn reiche und betriebsame Handelsnationen sind.“ Es sei völlig unmöglich. zu exportieren, wenn man „auf allen Seiten von wilden Nomaden und armen Barbaren umgeben“ sei.“ (TAZ.de)

Adam Smith wollte sich nicht von jeglicher Moral befreien, sondern nur von der christlichen Heuchelmoral. Er war bekennender Stoiker und hatte sein erstes Buch über Moral geschrieben. Sein zweites, ökonomisches Buch machte zwar Abstriche von seinen frühen Überlegungen, doch moralisch sollte es dennoch sein. Im Gegensatz zum verlogenen Altruismus der Kirchen sollte es ein wohlverstandener Egoismus sein, der andere Interessen fair berücksichtigt. Als er bemerkte, dass er den Ausgleich zwischen Eigen- und Fremdinteressen nicht begründen konnte, verfiel er – aus Verlegenheit – auf die Idee einer unsichtbaren Hand, die das gerechte Gesamtinteresse einer Nation garantieren sollte.

„Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe.“ Wer sich selbst liebt, muss in gewisser Weise auch andere lieben, denn sein Wohlstand hängt ab vom Wohlstand jener, mit denen er Geschäfte treibt. Das hat Deutschland bis heute nicht begriffen, sonst würde es mit Griechenland, Italien anders verfahren.

Seine Achtung vor den Menschen, die er für gleichwertig hielt, erkennt man an folgenden Sätzen:

„Der Unterschied in den Begabungen einzelner Menschen ist weit geringer, als uns bewusst ist. Die Verschiedenheit zwischen einem Philosophen und einem Lastenträger beruhen weniger auf Veranlagungen als aus Lebensweise, Gewohnheit und Erziehung.“

Es blieb dem Neoliberalismus vorbehalten, Menschen für derart unterschiedlich begabt zu halten, dass ein  Manager 1000 mal mehr verdienen müsse, um den Unterschieden gerecht zu werden.

Herrmann konnte sich vom trügerischen Charme eines Karl Marx nie losreißen. Der konnte bei Griechen keinen amoralischen Kapitalismus finden, weil er ihn als Wissenschaft betrachtete, die nichts mit Moral zu tun habe. Die Griechen betrachtete er als „einseitig moralisierende Sekten, die der Philosophie einer reinen Kontemplation gehuldigt hätten.“

Kontemplation ist Leben der Muße, das Geldverdienen für unwichtiger hält als Nachdenken über die Welt. Das setzt finanzielle Unabhängigkeit voraus – oder die Philosophen waren gezwungen, wie Hundlinge auf der Straße zu leben und sich von wohlwollenden Menschen durchfüttern zu lassen.

Das Problem ist bis heute nicht gelöst. Wer Hartz4 beantragen würde mit dem Argument, er wolle sich, unabhängig von wirtschaftlichen Zwängen, seine Gedanken über die Welt machen, der würde sein blaues Wunder erleben.

Die arbeitsfixierte Geld-Demokratie, deren Grundlagen von Philosophen erdacht wurden, ist unfähig, unabhängige Denker zu dulden. Theokratische Kirchen werden finanziert, demokratische Denker ins Abseits gestoßen.

Marx ist an dieser Entwicklung nicht unschuldig. Philosophie und Moral hielt er für Kokolores. Die Entstehung des Kapitalismus in der Polis konnte er nicht wahrnehmen. Sonst hätte er zur Kenntnis nehmen müssen, dass Kapitalismus eine entartete Moral war – identisch mit dem „Naturrecht der Starken“ – die sich für berechtigt hielt, den Schwachen die Pistole auf die Brust zu setzen. Das Aufkommen des Christentums hielt er für einen scharfen, wenn auch untauglichen, Protest gegen die damaligen Ausbeuter. Welch Irrsinn: wogegen hätten die Frommen protestieren sollen – wenn es gar keinen Kapitalismus gab?

Marx wollte ein moderner Prophet sein, der von den Alten nichts zu lernen hatte. Das gehört noch zum „Streit der Modernen mit den Alten“. Marx wollte an der Spitze der Heilsgeschichte stehen, die er in materiellen Hieroglyphen schrieb. Die Religion hielt er für beendet – und erneuerte sie unbewusst auf ökonomischer Basis. Die Griechen hielt er wunderliche Kerlchen, die sich der schönen Kunst verschrieben hatten:

„Wo bleibt Jupiter gegen den Blitzableiter? Ist Achilles möglich mit Pulver und Blei, die Iliade mit der Druckerpresse und der Druckmaschine?“ (zit. in Löwith, Weltgeschehen und Heilsgeschichte)

Da er nichts von eigenständigem Denken hielt und alles mit materiellen Vorgängen begründete, war er unfähig, die Aufklärung der Griechen zu erkennen. Zusammen mit der Romantik fällt Marx weit hinter Voltaire und Kant zurück. Die Linke ist bis zum heutigen Tage unfähig, den religiösen Urgrund des sozialistischen Propheten zu durchschauen.

Epochenwechsel. Wir müssen unsere Grundlagen durchforsten und humanisieren. Im Geist jener zyklischen Zeit, die sich regelmäßig erneuern lässt, indem sie den planetarischen Abfall entsorgt und die menschliche Kultur mit der Natur in Eintracht bringt.

Mit Erlöserglauben ist all dies unmöglich. Wie agierten die ersten Christen, bevor sie Geschmack fanden an der Macht über die Welt?

„Zeitweise herrschte eine wahre Epidemie der Aufopferung. Die Christen drängten sich zum Tode und mussten von ihren Lehrern ermahnt werden, sich zu schonen.“

Vorbilder der ersten Gemeinden waren Eremiten, die sich von der Gesellschaft lösten und in die Wüste flüchteten. Mit der bösen Welt wollten sie nichts zu tun haben. Sie folgten dem welthassenden Motto:

„Das Christentum wird seinem Wesen entfremdet, wenn es zum Gesetz für die Geborenen, statt für die Wiedergeborenen gemacht wird.“ (zit. bei Jacob Burckhardt, Die Zeit Constantins des Großen) 

Fortsetzung folgt.