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Tanz des Aufruhrs LVIII

Tanz des Aufruhrs LVIII,

kein Angst-Sex! – sondern Lustorgien!

Ohnehin ist Lust zum Konsumentensex verkommen. Vollends wird Sexualität zum Angsträuschlein  – wenn sie die Kollateralschäden von Corona bekämpfen muss. Lust, infiziert mit Angst, wird zur Angstlust, jener orgastischen Unfähigkeit, die sich dem Risiko, der Furcht, dem Zittern ergeben muss, um das Abflauen der Angst als Lustersatz zu empfinden.

Was haben Bergsteiger Reinhold Messner und der Messias gemeinsam? Die Lust am Risiko: dass sie vor Not und Tod nicht zurückweichen, um das Gefühl der Entrückung zu gewinnen. Entrückung ist ätherischer Orgasmus.

„Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen, doch nicht mein Wille geschehe, sondern deiner.“

Nach der schrecklichsten aller Strafen, der Todesstrafe, kommt es zu Auferstehung und Himmelfahrt, zur pantokratischen Macht über das Universum, zu Freude und Frohlocken im Jenseits.

Noch orgastischer als Entrückung ist Seligkeit:

Seligkeit bezeichnet einen Zustand der vollendeten Erlösung bzw. des Heils, aber auch des Glücks. Zur Vollendung soll im Christentum die Seligkeit im Himmelreich kommen, doch gilt sie als Verheißung bereits für dieses Leben, wie insbesondere in den … … Seligpreisungen zu Beginn der Bergpredigt zum Ausdruck kommt.“

Um die sündige Brunst der Frommen nicht zum Beweggrund des Glaubens zu machen, vermeidet die Schrift das fleischliche Ausmalen der Lust.

Der Koran, auch eine Erlöserschrift, kennt weniger Hemmungen:

„Wer diesseits nicht genug bekommt von seiner Ehegattin, kann sich freuen und auf den Einzug ins Paradies hoffen. Denn dort erwarten einen gläubigen Muslim 72 Jungfrauen, mit denen er für seine Taten und seinen Glauben im Diesseits belohnt wird. In Sure 56 wird über die sog. Huris gesprochen. Huris sind Jungfrauen, großäugige Perlen, reine Wesen, die einem Mann im Paradies zustehen. Und den Frauen? Es gibt keinen Koranvers, der auf eine gleichwertige Belohnung für Frauen zielt. Dass wir im Diesseits mit Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zwischen Mann und Frau zu kämpfen haben, ist nichts Neues. Dann wird diese Ungerechtigkeit auch im Jenseits fortgesetzt? Für viele Frauen unverständlich, doch da “oben” herrschen eben andere, Gottes Gesetze.“

Einen trefflicheren Beweis, dass Erlöserreligionen die Erfüllung männlicher Libidoträume sind, kann es nicht geben. Frauen müssen abwarten, mit welch sekundärer Lust sie abgefertigt werden.

Christliche Seligkeit formuliert verschämter, mit schützender Hand vor dem begehrlichen Unterleib. Doch die Chose ist nicht anders als im Koran, nur über-sinnlicher formuliert.

„Von verwandten Begriffen (Glück, Seligkeit, Lust) unterscheidet sich Seligkeit nicht nur quantitativ als Freude des höchsten denkbaren Grades und der Dauer, sondern allermeist auch qualitativ. Christliche Seligkeit ist Anteil an der Seligkeit Jesu. Christi Seligkeit ist „vollkommene Freude“. (Althaus in RGG 3)

Dogmatiker Althaus – einer der eifrigsten NS-Theologen – zitiert sein Vorbild Luther, um weltliche Lüstlinge abzuschrecken:

Luther tadelt alle, die nur „das Ihre und ihren Eigennutz im Himmel suchen“. Es gelte vielmehr, nach Gottes Herrschaft zu trachten: „die Freud aber und Lust und alles andere, das man begehren mag, dürft man nit suchen noch bitten noch begehren, sondern es wird sich alles selbst finden und folgen dem Reich Gottes.“ (ebenda)

Wer ist ehrlicher? Koran oder Neues Testament? Mohammed schwelgt in Männerphantasien, Christen müssen sich mit Vorlust begnügen, mit der Vorfreude, von einer unbekannten Seligkeits-Ekstase überwältigt zu werden. Welche Lustmethode ist vorglühender und raffinierter?

Nach Klaus Theweleit zeichnen Männerphantasien vor allem den faschistoiden Männertyp aus. Der ist erkennbar an der „Unfähigkeit zu menschlichen Beziehungen, am Entgleisen der libidinösen menschlichen Objektwelt und am aggressionsgesättigten, chaotisierten „Inneren“.“

Um Gottes Willen: das wird doch nicht bedeuten, dass männliche Gläubige der Erlöserreligionen durch faschistoide Neigungen geprägt sind?

Glaube niemand, im Himmel gehe es nur um unbeschreiblichen Sex. Es gibt noch Köstlicheres: Macht, Allmacht über den Reichtum der Schöpfung. Das goldene Jerusalem, Inbegriff des neuen Paradieses, ist die Schatzkiste des Seins:

„Und die Stadt liegt viereckig, und ihre Länge ist so groß als die Breite. Und er maß die Stadt mit dem Rohr auf zwölftausend Feld Wegs. Die Länge und die Breite und die Höhe der Stadt sind gleich. Und er maß ihre Mauer, hundertvierundvierzig Ellen, nach Menschenmaß, das der Engel hat.
Und der Bau ihrer Mauer war von Jaspis und die Stadt von lauterm Golde gleich dem reinen Glase. Und die Grundsteine der Mauer um die Stadt waren geschmückt mit allerlei Edelgestein. Der erste Grund war ein Jaspis, der andere ein Saphir, der dritte ein Chalzedonier, der vierte ein Smaragd, der fünfte ein Sardonix, der sechste ein Sarder, der siebente ein Chrysolith, der achte ein Berill, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyazinth, der zwölfte ein Amethyst. Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, und ein jeglich Tor war von einer Perle; und die Gassen der Stadt waren lauteres Gold wie ein durchscheinend Glas.“

Da jede Frau alles zu bieten hat, wovon Männer träumen, ist es nicht verwunderlich, dass Religionen verkappte Männerträume sind. Da Frauen den Männern aber nicht überlegen sein dürfen, muss das Ziel der Geschichte: die Rückkehr zu Mutter-Schwester-und-Braut verhüllt und als Rückkehr verlorener Söhne zum Vater deklariert werden.

Der Vater lässt sich nicht lumpen:

„Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringet das beste Kleid hervor und tut es ihm an, und gebet ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße, und bringet ein gemästet Kalb her und schlachtet’s; lasset uns essen und fröhlich sein! denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an fröhlich zu sein.“

Frauen? Nein. Nur Vater, Brüder und Knechte. Nicht mal eine Magd Gottes hätte hier dienen dürfen. Der Vater anerkennt nur Söhne, die zuvor tot waren. Da musste der Sohn es heftig getrieben haben, als er unter die Schweine gefallen war, denn seine Lust und sein Tod müssen Ähnlichkeiten aufweisen:

„Die französische Umschreibung für den Orgasmus La petite mort, „der kleine Tod“, spiegelt die Assoziation Orgasmus und Tod sprachlich wider. Nach Schriften des tibetischen Buddhismus durchläuft der Mensch im Orgasmus dieselben Bewusstseinsphasen wie während des Sterbens.“

Die Erlöserreligion muss das Ziel des männlichen Begehrens verbergen, umleiten. Nicht das Einswerden mit der Frau darf das Ziel aller Sehnsüchte sein, sondern das Einswerden mit dem allmächtigen Mann, dem Vater. Dass der Vater viele Wohnungen hat in seinem Palast, in denen Frauen sehnsüchtig auf die Männer warten, muss nicht weiter erwähnt werden.

Eine echte Männerreligion nutzt die Begierde des Mannes nach der Frau, um die minimale Begierde der Söhne nach dem Vater ans Ziel zu bringen. Der Vater ermäßigt seine Unerbittlichkeit durch Gnade, sonst würde er seine gesamte Schöpfungsfamilie verlieren. Gnade, Verzicht auf Rache, ist eigentlich ein mütterliches Verhalten. Der Allmächtige muss – ein wenig – von Frauen lernen, damit er noch den „liebenden Vater“ spielen kann. Weiteres sieht man dann, wenn die Sehnsüchtigen im Himmel angekommen sind und den Palast der Seligen inspizieren dürfen.

Religion ist Ersatzbefriedigung für verbotene Lusterfüllung mit der Frau. Wüssten die Frauen, wie sehr sie von den Männern begehrt werden, – die alles tun, damit sie es nicht bemerken –, hätten sie ihre Unterwürfigkeit schon längst weggeworfen, ihre Magddienste im Kapitalismus aufgekündigt und ihre eigene, von humaner Gesinnung erfüllte Globalisierung entworfen.

Die Postcorona-Zeit muss eine weibliche sein. Die utopischen Entwürfe, die sich bereits hie und da – noch viel zu scheu und ängstlich – regen, müssen erfüllt sein von orgasmischer Lebensfreude. Männer können nur Sex. In der Coronazeit scheuen sie sich nicht, den Sex noch weiter zu deklassieren, indem sie ihre Virus-Angst wie mit einem Medikament kurieren:

„Bananen enthalten sehr viel Umami, das löst Endorphine im Kopf aus. Und gegen die Angst hilft alles, was Endorphine ausschüttet. Der Gegenspieler des Angstsystems ist das Belohnungssystem. Das ist für alles Schöne und Gute zuständig. Das heiß also: Essen, Sex… und zum Beispiel Bananenbrot. Grundsätzlich sollte man jetzt einfach alles tun, was Spaß macht – und noch möglich ist. Einen schönen Film gucken. Mit Freunden übers Internet Karten spielen, mit dem Partner, wenn man einen hat, schöne Momente schaffen. Ich zum Beispiel koche viel.“ (Berliner Zeitung)

Sprach Angstforscher Bandelow – der lieber kocht, als sich mit einer Frau zu vergnügen.

In der Krise offenbaren sich die wahren Wertungen. Alles ist möglich, was Spaß macht – doch nur in der NOT! In normalen Zeiten muss geackert und verdient werden.

Da haben wir sie wieder, die bewährte alte Not als letztes Rettungsmittel: nur in der NOT zeigt sich die deutsche Seele.

„Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen.
Darum auf Gott will hoffen ich, auf mein Verdienst nicht bauen.“

Doch selbst die deutsche Not ist nicht stehen geblieben: heute ist ihr alles erlaubt, was Spaß macht. Selbst Bananenbrot, das viel UMAMI (vermutlich: oh Mami) ausschüttet. Der Mensch besteht für Ausschüttungsexperten rein zufällig aus einem Angst- und einem Belohnungssystem.

Das deckt sich mit den Erkenntnissen des Religionsforschers Rudolf Otto, der vom Mysterium tremendum und fascinosum spricht: vom Geheimnis, das Angst und Faszination auslöst. Eigenartig, dass auch der christliche Gott den Menschen mit Strafen in Ängste versetzt und mit Seligkeit belohnt, wenn er sich seiner Gnade beugt. Sex aber, der nicht ekstatisch sein darf, sondern angstgesteuert sein muss, ist nur ein physiologischer Akt.

Wie kommt es nur, dass kühle Naturwissenschaftler mitten unter Dopamin und Endorphinen den rächenden und belohnenden Gott entdecken? Vor allem: was sagt Kollege Drosten dazu, der sich nicht – wie die bisherige Naturwissenschaft – mit partiellen Einsichten der Natur begnügt, sondern sie zur direkten Offenbarungsquelle erklärt, sodass es keiner wissenschaftlichen Vermittler mehr bedarf?

Jeder könne sich unmittelbar an die Natur wenden und ihrer originalen Stimme lauschen? Das ist eine lutherische Tat, ähnlich der jenes Wittenberger Mönches, der den römischen Vermittlungsklerus vertrieb und dem Christenmenschen den unmittelbaren Kontakt mit Gott verhieß – wenn er nur das Wort las, wie es da stand.

Dumm nur, dass die tumbe Gemeinde das Wort nicht verstand und gelehrte Theologen sich als neue Vermittler einschleichen konnten. Nichts war‘s mit der direkten Leitung der Frommen zu ihrem himmlischen Vater.

Womit wir der Seelenverwandtschaft der lutherischen Pastorentochter mit dem lutherischen Virologen auf die Spur gekommen wären. Das muss Empathie sein, wenn die Kanzlerin in zärtlicher Mahnung über den Virologen sagt: das ist ein echter Drosten.

Der konnte es nicht leiden, dass Kinder mit dem Klischee der Unschuldigen und Reinen davonkommen sollten. Also sprach er zu seinen Doktoranden: lasset die Kindlein zu uns kommen – und wir werden der Welt zeigen, dass die Erbsünde schon in den Kleinsten steckt.

Das widersprach allen bisherigen Erkenntnissen. Aber hallo: sind Wissenschaften nicht dazu da, dass sie allemal Neues ans Licht bringen?

Hmmm, eigentlich nicht. Sie sollen Wahres ans Licht bringen. Nur wenn das Neue wahr ist, ist es willkommen. Neues an sich ist nicht nur belanglos, sondern kann auch lügenhaft und  wahrheitswidrig sein. Weiß das eine Physikerin nicht? Ist sie denn selbst neuerungssüchtig oder der Wahrheit verpflichtet? Für Merkels Medienkolonnen freilich, auf tägliche Neuigkeiten erpicht, sind solche Unterschiede belanglos.

Da gab es einen Kollegen, der Drostens Erkenntnisse nicht für schlüssig hielt:

„Das kann man aus einer Studie nicht ableiten“, meint Kollege Schmidt-Chanasit. „Dazu sind weitere Studien notwendig.“ (BILD)

Keine Nachfrage der Moderatorin, die nichts mehr fürchtet als eine seriöse Disputation. Waren Drostens Stichproben repräsentativ? Kann man aus zufälligen Stichproben allgemeine Folgerungen ziehen? Vor allem: wie kommt es, dass bisherige Untersuchungen das Gegenteil sagten?

Kein Problem für Schmidt-Chanasit: „Virologe Schmidt-Chanasit weiß, dass die Kritik vor allem auf seine Zunft zielt: „Es gibt keine Blaupause, und deshalb bei einigen Werten immer Nachbesserungen“, verteidigt er sich und die Kollegen.“

Widerlegungen sind keine Nachbesserungen. Nachbesserungen können bisherige Erkenntnisse nur ein wenig korrigieren. Widerlegungen hingegen erklären alte Wahrheiten für falsch. Wissenschaftliche Grundprinzipien – die im Übrigen von Philosophen erdacht wurden – scheinen bei Virologen nicht vorhanden. Auch nicht bei Harvard-Lauterbach.

Was sagte er zu Schäubles Würde-Bemerkung?

„SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (57) bezeichnete Schäubles Aussage zwar als wahr. Doch sie sei „heute nicht hilfreich, weil der Eindruck entsteht, als wären wir schon zu weit gegangen“, sagte Lauterbach dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Ähnlich äußerte sich Sachsen-Anhalts ehemaliger Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (84, CDU): „Ich halte Schäubles Satz nicht für falsch.“ Aber er relativiere die von der Bundesregierung getroffenen Maßnahmen. Damit müsse man vorsichtig sein. Denn die Maßnahmen seien „verhältnismäßig, notwendig und richtig“ (BILD)

Grundprinzip aller Wissenschaft ist der Satz: Nur Wahrheit ist hilfreich, Wissenschaften sind nur der Wahrheit verpflichtet. Eine Wahrheit, die nicht hilfreich ist, ist entweder nicht wahr, oder wider allen Augenschein doch hilfreich gewesen.

Noch schlimmer CDU-Böhmer: was nicht falsch ist, muss noch lange nicht richtig sein – gerade im Empirischen gibt’s Grauräume. Sollte er Schäubles These für richtig halten, kann er seine Maßnahmen, die der These widersprechen, nicht für „verhältnismäßig, notwendig und richtig halten“.

Keine Einwendung von niemandem. Wenn es um Grundsätzliches geht, will keine Talkshow ihr Publikum langweilen. Das Quotenmotto des TV-Zirkus: Wahrheit ist langweilig, wir brauchen Pep. Nichts schlimmer als Talkrunden, die den Anschein erwecken, sie wollten dem Publikum zu neuen Erkenntnissen verhelfen. Wurde jemals untersucht, wie das Publikum die Frage beantwortet: hat Ihnen die Talkrunde XY neue Erkenntnisse gebracht?

Warum gibt es keine Zweierdebatten zwischen Drosten und Schmidt-Chanasit? Ohne Moderatoren? Sollten Wissenschaftler nicht selbst in der Lage sein, strenge Dialoge zu führen? Brauchen sie Kindermädchen, die ihre eigene Meinung ständig verbergen – und dies für Objektivität halten?

Desgleichen die vielen Interviews der Gazetten, die mit rationalen Diskursen nichts zu tun haben. Nur Gespräche, in denen jeder seine Thesen offenlegt und mit Argumenten gegen den Dialogpartner streitet, sind erkenntnisgeleitete Gespräche. In einer Folgesendung müssten die Reaktionen des Publikums penibel einbezogen werden. Doch was heute geschieht, ist keine Aufklärung, sondern gezielte Verwirrung des Publikums, das den Glauben an seine Denkfähigkeit vollends verlieren soll.

Wissenschaftler verstehen nichts von Wissenschaftstheorie, Politiker sind unfähig, die Wissenschaftler zu überprüfen, der Pöbel soll endgültig in seiner Torheit abtauchen.

Reinhold Messner ist ein mildes Plagiat des Erlösers. Ohne Risiko kein Ruhm in der Welt:

„«Selbstbeschränkung, Verzicht, Innehalten»: Dafür plädiert Reinhold Messner – nicht nur jetzt, aber jetzt ganz besonders. Hingegen müsse alles getan werden, um die Menschheit zu schützen. «Dafür verzichte ich sogar für eine bestimmte Zeit auf die Freiheit, aufzubrechen, wohin ich will», sagt er in Anlehnung an den Titel eines seiner Bücher.“ (TAGESANZEIGER)

Wer alles tun will, um die Menschheit zu schützen, kann nicht in eitler Ruhmgier aufbrechen, wohin er will. Denn er hat die Natur zu schützen, indem er sie ganz und gar unberührt lässt. Wenn er unbestiegene Gipfel als Erster entweihen muss, um unzähligen Nachfolgern den Weg zu bahnen, die die Berge in Müllkippen verwandeln, tut er das Gegenteil von dem, was Hölderlin wollte:

„Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘, Und verstehe die Freiheit, Aufzubrechen, wohin er will.“

Bei Messner ist es neurotischer Zwang, Macht über die Natur zu erringen, bei Hölderlin ist es Prüfen  all seines Tuns in Danksagung an die Natur, deren Eintracht er sucht – grotesker kann der Unterschied nicht sein. Den Tod riskieren, um groß heraus zu kommen, ist christlicher Naturdespotismus: den Tod der Natur riskieren, um sie im Labor neu zu erfinden.

Überall, wo Messner um seiner Eitelkeit willen die Natur deflorierte, befinden sich heute Abfallberge. Rekord-Pioniere wie er zählen zur Avantgarde der Naturfeinde. Was er bergsteigerisch tut, exekutiert Elon Musk mit Raketen und Marsprojekten.

„Die Vergleichung des Geschlechtsaktes und der Feldarbeit ist in zahlreichen Kulturen sehr häufig. In einem brahmanischen Urbuch wird die Erde dem weiblichen Zeugungsorgan (yoni) verglichen und die Saat dem männlichen Samen. „Ihr Frauen seid gemacht wie die Erde“ steht im Koran. Die meisten Orgien finden ihre rituelle Rechtfertigung in der Absicht, die Kräfte der Vegetation zu fördern. Demeter vereinigt sich mit Jason zu Frühlingsanfang auf der frisch besäten Erde. Der Sinn der Vereinigung ist klar: sie trägt dazu bei, die Fruchtbarkeit des Bodens voranzutreiben, den wunderbaren Schwung der tellurischen Schöpferkräfte. Ein solcher Ritus war bis zum vergangenen Jahrhundert in Nord- und Mitteleuropa der Brauch, bezeugt durch die Sitte, dass sich die Paare auf den Feldern vereinten. In China gingen die jungen Paare im Frühling hinaus auf die Wiese, um die kosmische Wiedergeburt und das universale Keimen anzuregen.“ (Mircea Eliade, Kosmos und Geschichte)

Regen war männlich, Erde weiblich. Befruchtung war ein orgastischer Akt des Himmels mit der Erde. Warum verdorrt heute alles, warum fällt kein Regen? Weil die Menschen der Natur den Eros ausgetrieben haben. Naturgeschehen soll kein Akt der Zärtlichkeit zwischen den Elementen sein. Sondern Unterwerfung, Druck und Gegendruck, mechanische Gewalt. Es muss gezählt und berechnet werden, die Natur muss sich ducken und gehorchen. Was sie den Menschen schenkt, will der Mensch erzwungen haben. Herren lassen sich nichts schenken. Sie besitzen das jus primae noctis des ganzen Planeten.

Was ist eine Orgie in Naturreligionen? Ein Ritus zur Wiederherstellung der einstigen Ordnung, die durch die Machenschaften des Menschen zerstört wurde. Alles, was von der ursprünglichen Ordnung abfiel, ist das defekte Werk des Menschen, das er später Geschichte nannte – oder das Werden.

Eine komplette Umkehrung aller modernen Werte, die in Beschleunigung alles Alte vernichten und ab ovo neu erfinden. Dort liegt das Wahre in der Ordnung der Urzeit, hier liegt es in der Zukunft eines neuen göttlichen Reiches. Das erste Modell beruht auf Erfahrung und Tiefenerinnerung, das zweite auf Glauben an eine Geschichtsmacht, die den Menschen zu ihrem Lakaien macht.

Warum ist das Überleben der Gattung in Gefahr? Weil die erneuerbare Urzeit der Naturreligionen getötet wurde zugunsten einer linear-zukünftigen Heilszeit, die eines Tages von Erlösern beendet werden wird, nicht in Harmonie aller Völker, sondern in irreparabler Spaltung in Selige und Verfluchte. Wer den Menschen nicht als Geschöpf eines allmächtigen Schöpfers betrachtet, sondern als Frucht der Mutter Erde, der ist von der symbiotischen Fähigkeit der Gattung überzeugt.

„Es ist nicht abwegig, sich eine nicht sehr ferne Zukunft vorzustellen, in der die Menschheit, um ihr Fortleben zu sichern, sich gezwungen sehen könnte, nicht „mehr Geschichte zu machen“, wie sie es in diesem Sinne seit der Schaffung der ersten großen Reiche gemacht hat.“ (Eliade)

Es gibt zwei Arten der Zeit. Die Hochkultur des Mannes begann mit der Zerstörung der zyklischen Zeit der Mütter. In dieser ursprünglichen Zeit war der Mensch fähig, durch rituelle Herstellung der ersten Ordnung die Natur zu stabilisieren.

In der linearen Zeit hingegen entmündigte sich der Mensch und übergab das Kommando an den Herrn der linearen Heilszeit. Hier bleibt ihm nur Beten, Hoffen und Unterwerfen.

„Das Christentum erweist sich ohne Zweifel als Religion des „gefallenen Menschen“: und zwar insofern, als der moderne Mensch unrettbar der Geschichte und der Fortentwicklung angehört; insofern Geschichte und Fortentwicklung einen Fall bedeuten und beide das endgültige Verlassen des Paradieses der Archetypen und der Wiederholung einschließen.“ (ebenda)

Heute lacht man über das Märchen, früher sei alles besser gewesen – ohne zu bemerken, dass man an die Mär des Sündenfalls glaubt, der den Menschen für immer in die Unordnung getrieben habe.

Es gab eine Ordnung, die den Menschen in Eintracht mit der Natur sah. Es gibt sie noch immer: es sind jene Eingeborenen, die bis heute im Einklang mit der Natur leben. Wir verachten sie als statische und fortschrittsfeindliche Gesellschaften. Popper nennt sie verächtlich geschlossene Gesellschaften, weil sie technisch nichts zustande bringen.

Dabei hat sich längst gezeigt, dass sich fortschrittliche Gesellschaften von der Natur abgelöst haben und sich immer weiter von ihr entfremden. Sie sind offen – für den Untergang. Naturvölker halten fest an der Norm: innige Verbindung mit der Natur, das A und O ihres Daseins.

Das Erotische und Sakrale waren früher eins. Die sexuelle orgia war für das klassische Heidentum ein zentrales Mysterium. Weshalb die Kirchenväter den großen Ritus als „Hurereien von Eleusis“ verdammten. Das Christentum spaltet alle Menschen – wie Corona jeden von jedem fernhält.  Im Jüngsten Gericht steht jeder allein vor dem Richter. Es gibt keine Familie, keine Partnerschaft, keine Freundschaft.

„Gemeinschaftlicher Geschlechtsverkehr war überall auf der Welt eine normale Begleiterscheinung religiöser Zeremonien, lange bevor ein Teil der Bibel geschrieben wurde. (Der rheinische Karneval ist ein letztes Relikt, aber vom Klerus domestiziert.) Den mittelalterlichen Bauern war das Phänomen seit langem vertraut, sie hielten daran fest, selbst als es Satanismus genannt wurde.“

Wenn alle Menschen sich gegenseitig für wert hielten, die kosmische Lust miteinander zu teilen, dann erst könnte es eine solidarische Menschheit geben. Warum verfällt die Natur? Weil der technische Mensch sie zur Unlust verdammt und alles mit Gewalt erzwingen will. Wie nennt man die Erzwingung der Lust durch Gewalt? Vergewaltigung. Der technische Fortschritt ist Vergewaltigung der gesamten Natur und der Tod des Eros. Gibt es keinen Eros in der Natur, kann es auch keinen beim Menschen geben. Vergewaltigung unter Menschen wird streng geahndet, Vergewaltigung der Natur als Fortschritt bejubelt.

Ein verrückter Gedanke: erst wenn die Menschheit zur orgiastischen Lebensfreude findet, kann sie zur humanen Gattung werden. Die Zukunft wird ver-rückt – oder sie wird gar nicht.

 

Fortsetzung folgt.