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Tanz des Aufruhrs LIX

Tanz des Aufruhrs LIX,

zur seelischen Abmilderung der Kriegsmaßnahmen gegen Corona hat die Regierung alle TV-Talks verpflichtet, nur noch ein einziges Thema zu behandeln: wie umgehen mit einem unsichtbaren Virus?

Der Bevölkerung soll das beruhigende Gefühl vermittelt werden, dass sie in der Not des Schicksals nicht alleine gelassen wird. Die kurze Zeit, die noch bis zu den Ferien zur Verfügung steht, muss ausgenutzt werden: in wenigen Wochen ist Sommerpause. Dann werden alle Gesprächsmatadore für mehrere Monate verschwinden. Wenn eine Krise abflaut und die andere – die mit dem Klima – zurückkehrt, soll nicht der Eindruck entstehen, es gebe noch immer Dringliches zu besprechen.

Keinesfalls dürfe die Bevölkerung auf die Idee kommen, das repressive Klima des Feldzugs gegen Naturteilchen in ökologische Dringlichkeit zu übersetzen. Heute Kampf gegen die Natur, morgen – dasselbe: das ist Handeln aus einem Guss, die eine vorbildliche Politik auszeichne.

Desgleichen solle der Anschein verhindert werden, dass es noch gewichtigere Themen der Weltpolitik gebe als die Pandemie. Das Stichwort „Einübung in die Apokalypse“ soll die Runde gemacht haben, aber vom Kanzleramt abgelehnt worden sein. Die Einfalt des wiedergeborenen deutschen Volkes solle durch biblische Assoziationen nicht beschädigt werden.

Zudem soll die Stimmung einer verfassungslosen Ausnahme verlängert werden, damit die Bevölkerung unauffällig auf … … eine prekäre Zukunft vorbereitet werden kann.

Welch eine Wendung durch Gottes Fügung. Eben noch ein wildes Volk, das jedes kleinste naturschonende Gesetz als Eingriff in die persönliche Freiheit verteufelte, jetzt in vorbildlichem Gehorsam gegen alle Freiheitseinbußen – und seien sie noch so selbstschädigend und demokratieschädlich.

Einerseits trumpfen sie auf und lassen sich von niemandem vorführen, wie damals im Jahre 58 in Rom, als die beiden Friesenhäuptlinge Verritus und Malorix im Pompejus-Theater in Rom aufstanden und entrüstet riefen: „Kein Volk auf der Welt kann an Tapferkeit und Treue die Germanen übertreffen!“ (SPIEGEL.de)

Andererseits fügen sie sich wortlos ihrer tapferen hohen Frowe, die auf stämmigem Pferd vor ihnen her reitet, um ihnen den Weg zum Ruhm zu zeigen.

In der heutigen Corona-Not konnten sie sich endlich des westlichen Luxusgeistes entledigen und zeigen, aus welchem Holz sie wirklich geschnitzt waren:

„Wir sind nicht eures Geistes, ihr Lateiner, mit Stolz wollen wir es zujauchzen. Denn wir sind die Sprossen jener Barbaren, von denen Tacitus in Bewunderung und Ehrfurcht berichtet. Kein glühender Freund kann mit größerer Begeisterung von den Germanen rühmen wie dieser Römer, wie kühn und frei ihr Mut, wie gerecht ihr Sinn, wie weise und klug im Krieg und Frieden sie waren. Mit Bewunderung preist er ihr einfaches, natürliches Leben, ihre Verachtung des Goldes, dessen tückischen Wert sie kannten. „Freigeboren werden die Germanen von Kindheit an zu keiner Pflicht angehalten und handeln niemals gegen ihre Neigung.“ (Oskar Fleischer, Vom Kriege gegen die deutsche Kultur, Ein Beitrag zur Selbsterkenntnis des deutschen Volkes, 1915)

Unter dem Firnis europäischen Verbrüderungsschwindels konnte es gefährlich brodeln. Über Nacht konnten die Germanen explodieren, um sich vom „verdrehten lateinischen Verbrüderungsquark“ frei zu machen.

„Hei, wie stutzen nun die Internationalen ob dieser deutschen Berserkerwut, diesem Furor teutonicus. Es fiel unseren Arbeitern und Bürgern und Bauern gar nicht bei, dem Lockrufe der Gleichheits- und Brüderlichkeitssirenen des In- und Auslandes zu folgen. Schlag zu und vernichte den erbärmlichen, feigen und entnervenden Internationalismus. Denn du, deutscher Geist, bist der Weltengeist, dir gehört die Zukunft. Nach dem Krieg wird Deutschland sofort mit allen Kräften, mit all seinen Fabriken den Wirtschaftskrieg wieder aufnehmen.“

Das Urgermanische verschwand allmählich und zeigte sich nur noch am Stammtisch johlender Zecher. Über dem wilden Unbewussten bildete sich allmählich eine zivilisierte Schicht – die gleichwohl in unvorhersehbaren Eruptionen die Welt erschüttern konnte.

Das Wilde ward zum kollektiven Es, das Angepasste zum fragilen Ich, das jeden Moment zum Es zurückkehren konnte. Weshalb die Frage gestellt werden muss:

„Was, so frage ich hier, hat sich in den 2000 Jahren seit Cäsar bis heute im Charakter des deutschen Volkes geändert?“

Da kam eine Macht aus dem Osten, die das stolze deutsche Wesen an die Kette legte:

„Vom semitischen Orient stammen die Ideen von Weltmacht und Herrschaft um jeden Preis, unter Verzicht auf alles, was Menschenherzen erwärmt und Menschengeister zu Abbildern Gottes macht. Herrschen über die Welt, selber Gott sein, über allen anderen Menschen thronen und sie richten nach Willkür und eignem Vorteile – das ist das Ideal der alten semitischen wie der jüngeren lateinischen Welt.“ (Fleischer)

Hier sehen wir die tiefste Schicht des deutschen Judenhasses, der zugleich Hass gegen das erzwungene Christentum war. Unter der Macht der Kirchen verwandelte sich der Hass gegen das Christentum in eine Überidentifikation mit Jesus, den sie der jüdischen Tradition entreißen und zum Feind seines Volkes stilisieren mussten.

Germanischer Hass gegen Juden- und Christentum wurde zum germanisch-christlichen Hass gegen das Judentum, dem man den Erlöser entriss und zum neugermanischen Herold ernannte. Himmlers Germanophilie war nichts Heidnisches, sondern eine Regression in die tiefsten Schichten eines wider Willen missionierten Christentums gegen das vermutete Original der jüdischen Kinder Gottes.

Boris Groys wirft den Deutschen vor, bis heute nicht verkraftet zu haben, dass sie sich der jüdischen Religion unterwerfen mussten – wenn auch in der christlichen Variante.

In seinem Vorwort zu Theodors Lessing „Der jüdische Selbsthass“ schreibt Groys:

„Natürlich war Europa sich in tiefster Seele stets bewusst, dass es seine Kultur aus zweiter Hand hatte, übernommen von einem anderen Volk. Daher der hysterische Antisemitismus der Europäer. Aus den Tiefen der europäischen Seele steigt der Antisemitismus stets dann auf, wenn diese Seele in sich selbst nicht den geistigen Ursprung jener Kultur findet, zu der sie sich bekennt und die sie nur deshalb ihr eigen nennt, weil sie keine andere Kultur hat. Die jüdische Geistestradition wurde zur Grundlage der europäischen Kultur, eine andere Kultur hat Europa nicht. Darum ist es nicht verwunderlich, dass die Juden zur Zeit der Aufklärung in die europäische Kultur traten, als wäre es ihr eigenes Haus.“

Groys scheint keine Griechen zu kennen, die bei der Prägung Europas nicht ganz unwichtig waren. Er beschreibt den Zweikampf zwischen Juden und Europäern (!). Um mit Lenin zu sprechen, ging es um die Frage: wer wen? Wer sind die Klügsten, Besten und Frömmsten, zugleich die Reichsten und Erfolgreichsten?

Das jüdische Selbstbewusstsein lässt sich von niemandem in den Schatten stellen. Freilich ist es kein autonomes Selbst-Bewusstsein, sondern ein gläubiges Gottes-Bewusstsein, das von den Christen übernommen wurde, wenngleich mit anderen Inhalten.

Als die Germanen christianisiert wurden, mehr durch Gewalt als durch spontane Überzeugung, war ihr frühes Über-Ich rein christlich. Ihre germanischen Kaiser verbündeten sich mit den fremden Missionaren, weil sie Nachfolger des römischen Reiches werden wollten. Da der christliche Glaube das römische Reich erobert hatte, hofften die deutschen Kaiser auf diese geistige Macht, um das danieder liegende Weltreich zu erobern. Es dauerte noch jahrhundertelang, bis die Bauern – als die hartnäckigsten Heiden – sich innerlich dem Geschehen am Kreuz genähert hatten. Gekreuzigtwerden war für germanische Muskelprotze eine beschämende Unheldenhaftigkeit. Der Aufstieg in den Himmel hingegen eine unübertreffliche Heldentat. (In der byzantinischen Kirche gibt’s den Heiland nur in der Form des strahlenden Universalhelden.)

Als die christianisierten Germanen mit dem neuen Glauben endlich vertraut waren, entdeckten sie hinter dem Neuen Testament das jüdische Alte Testament als Vorläuferin des Euangellions. Ihr primärer Trotz gegen die Christen übertrug sich in Abneigung und Hass gegen die jüdischen „Urväter“ des Christentums.

Hier liegen die Anfänge des europäischen Antisemitismus, angeheizt durch die überlegenen wirtschaftlichen Fähigkeiten der Juden, die sie vom hellenistisch-römischen Kapitalismus übernommen und als einzig überlebendes Volk der Antike in die neue Zeit der Germanen gebracht hatten. Es waren die germanischen Fürsten, die sie riefen, um mit ihrer Hilfe reich zu werden und teure Schlösser, Burgen und Kathedralen zu finanzieren. Kam Unglück übers Land, wie die Pest, waren es immer die überlegenen Fremden, die an allem schuld sein mussten. Den Fürsten war diese Sündenbock-Rolle ihrer „Hofjuden“ recht, so wurde der Zorn ihrer Untertanen nicht auf sie gelenkt, sondern auf die Juden.

Das Über-Ich der Germanen war ein doppeltes: ein primär christliches und ein sekundär jüdisches. Je frömmer sie wurden, umso mehr hielten sie Christus für einen germanischen Überhelden und die Juden für seine verhassten Mörder. Das mündete in den Glauben der NS-Theologen, die Jesus zum Arier machten, um seine Feinde als Feinde Gottes vernichten zu dürfen.

Die Bildung des germanischen Über-Ichs war noch nicht komplett. Ab der Frührenaissance drang der griechische Geist in Europa ein und begann das Fingerhakeln mit dem Christen- und Judentum. Es bekämpfte sich das feindliche Brüderpaar Juden- und Christentum und beide zusammen bekämpften die heidnische Autonomie der Griechen.

Das sind die verborgenen, in sich gespaltenen und miteinander verfeindeten Über-Ich-Fragmente der Europäer bis zum heutigen Tag. Die Pendelbewegungen der Europäer und Amerikaner bewegen sich zum griechischen Pol, wenn sie zu Demokratie und Vernunft neigen und pendeln wieder zurück zum Alten Testament und Neuen Testament, wenn sie die Last ihres irdischen Selbstbewusstseins erneut abwerfen müssen – um reuig zum himmlischen Vater zurückzukehren.

In der Beschreibung der jüdischen Aufklärer liegt Groys völlig daneben. Man muss nur die Äußerungen von Saul Ascher, Lazarus Bendavid, Moses Hirschel ua lesen (etwa in Christoph Schultes Buch „Die jüdische Aufklärung“), um die enormen seelischen Spannungen und Schwierigkeiten nachzuvollziehen, die alle Juden hatten, um sich vom Glauben ihrer Väter zu verabschieden.

Selbst Moses Mendelssohn, Urvater aller deutschen Aufklärer, der zeitlebens ein praktizierender Jude blieb, verwandelte das Gesetz seines Gottes in das Gesetz der Vernunft. Ihm ging es vor allem um Moral, die er im Dekalog verwirklicht sah. Den alttestamentarischen Rachegott des jüdischen Volkes verwandelte er – wie etwa Spinoza – in den Gott genereller Vernunft. Der Freund Lessings und Kants verwandelte die Religion in Moral.

Freilich gibt es einen Gott der generellen Macht – und einen der generellen Moral. Der erste Gott kann die ganze Welt nach Willkür belohnen und bestrafen. Doch seine Herzensneigung gebührt nur seinem auserwählten Volk, das er besonders liebt und bestraft. Heiden haben kaum Chancen, in diesen innersten Kreis zu gelangen. Das ist ein Gott der Selektion, die mit genereller Vernunft unverträglich ist.

Der zweite ist identisch mit der Vernunft. Wer Menschen human behandelt, belohnt sich selbst. Der Gott der Vernunft ist keine außernatürliche Persönlichkeit, sondern identisch mit der Natur (deus sive natura).

Den uralten Kampf zwischen Jerusalem und Athen, den Groys ignoriert, erklärt er für beendet: Sieg für das Judentum in der letzten Runde. Den Germanen, bleich vor Neid auf die unerreichbaren Rivalen, bleibt nichts übrig, als diese zu vernichten.

Nicht einmal das gelingt ihnen. Zwar können sie viele Millionen unter schrecklichen Martern ermorden. Doch sie ahnen nicht, dass, aus Sicht der Ultraorthodoxen, Hitler nur ein Werkzeug des Höchsten war. Gott wollte die Seinen – besonders die deutschen Juden – bestrafen, weil sie sich den Deutschen allzu sehr assimiliert hatten. Wen Gott liebt, den straft er. Der Holocaust ist eine schreckliche Prüfung – und dennoch das Wunder der Wiederauferstehung der Juden in einem neuen Staat.

Es gab eine jüdisch-deutsche Symbiose, auch wenn sie heute geleugnet wird. Die Juden schämen sich heute, ihren späteren Peinigern auf den Leim gegangen zu sein, die Deutschen schämen sich – im Gegensatz zu ihrem angeblichen Neuanfang –, die Juden als Geistesverwandte überhaupt akzeptiert zu haben. Beide Seiten verdrängen die gemeinsame Vergangenheit in Rivalität und Zusammenarbeit. Warum wird nirgendwo mehr Lessings Freundschaft mit Mendelssohn aufgeführt, dargestellt in seinem Stück: Nathan der Weise?

Der neukantianisch-jüdische Philosoph Hermann Cohen schrieb in seinem Büchlein:
„Deutschtum und Judentum“ aus dem Jahre 1915:

„So sehen wir in diesem fernsten Punkte am Horizont der geschichtlichen Welt wiederum Deutschtum und Judentum innerlichst verbunden. Denn der Leitstern des ewigen Friedens ist die messianische Idee des israelischen Prophetismus, des Schwerpunktes der jüdischen Religion.“

Wo zeigt sich die innigste Verbindung von Vernunft und jüdischem Glauben? In der Zukunft des göttlichen Endgerichts, an dem Gott Segen und Fluch verteilen wird. Mit Kant hat dieser ewige Frieden nichts zu tun. Die irdische Idee des ewigen Friedens entstammt dem Griechentum in verschiedenen Variationen. Bei Platon entartet er zum zeitlosen faschistischen Idealstaat, die Stoiker glauben an die kosmopolitische Gleichheit der Menschen, die sich eines Tages durchsetzen würde.

Merkwürdig: was Cohen vor 100 Jahren aus jüdischer Sicht prophezeit, wird heute aus christlicher Sicht vom evangelischen Religionsphilosophen Georg Picht vertreten:

„Wenn wir nun heute die Vernünftigkeit der Vernunft nur noch aus der Zukunft zu bestimmen vermögen, so bewegen wir uns im Horizont einer anderen Form der Offenbarung. Sie trägt den dunklen Namen der Eschatologie. Griechische Vernunft muss übergehen in eine Gestalt der Vernunft, die einsieht, dass ihr die Möglichkeit, vernünftig zu sein, nur aus der Zukunft her gegeben ist: aus der unbekannten Wahrheit der christlichen Offenbarung.“ (Der Gott der Philosophen)

Wir sehen, es war heute kein Zufall, dass Kirchen, Moscheen und Synagogen keinen Widerstand leisteten gegen das staatliche Versammlungsverbot. Seit sie sich mit der Vernunft kompatibel erklärten, traten sie den politischen Beweis für diese Verträglichkeit nicht an. Den Beweis der Verträglichkeit verschoben sie einträchtig auf den Sankt Nimmerleinstag.

Für die Gegenwart hingegen galt bei Cohen das Gegenteil von Frieden:

„Das Deutschtum muss zum Mittelpunkt eines Staatenbundes werden, der den Frieden der Welt begründen und in ihm die wahrhafte Begründung einer Kulturwelt stiften wird. Der gerechte Krieg ist die Vorbereitung des ewigen Friedens.“

Der gerechte Krieg war auch die Idee der Deutschen von Fichte bis Kaiser Willem, ja bis ins 1000-jährige Reich. Die Deutschen sollten Herren der Welt werden, dann wäre die Menschheit im Stadium ewigen Friedens.

So bei den Deutschen im Ersten Weltkrieg. Ihre Feinde müssen endgültig besiegt, ja ausgerottet werden.

„In der ganzen Zivilisation unserer Hauptfeinde liegen die Lüge, der Selbstbetrug und die Eigensucht als Naturnotwendigkeit begründet. Bis dahin bleibt dem deutschen Volk nichts anderes übrig als rücksichtsloses und unentwegtes Weitermarschieren auf seinem Pfade bis zu dem endlichen Ziele der Durchdringung der Welt mit deutschem Wesen.“ (Fleischer)

Da war es nicht mehr weit zur NS-Fanfare: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.

In der Nachkriegszeit wurde der Krieg an die Kette gelegt, selbst der Kalte Krieg musste kein heißer werden. Die Völker rückten zusammen und berieten gemeinsam im Parlament der Völker, den Vereinten Nationen.

An die Stelle des kriegerischen Konflikts trat der wirtschaftliche Wettbewerb, der sich rund um den Globus zu erstrecken begann. Der wirtschaftliche Wettbewerb kann den Krieg solange vermeiden, solange der Wettbewerb – trotz aller Verschlagenheit und erpresserischen Ausbeutung – den Schein der Zusammenarbeit nicht völlig untergräbt. Das gelang den Völkern in der Nachkriegszeit, solange Amerika und der Westen der führende Machtblock der Welt waren. Diese Epoche geht zu Ende. Amerika zerbricht, Europa spaltet sich.

Nun drohen finale Kriege um die Weltherrschaft, da andere Staaten wie China, Russland, die Atomstaaten Indien und Pakistan, an die Weltspitze drängen.

WELT-Döpfner ermahnt die Deutschen, sich nicht am totalitären China zu orientieren, sondern, trotz aller Bedenken, treu an Amerika festzuhalten.

„In Amerika lachen die Leute über ihren Präsidenten. In China ist das verboten.“ (WELT.de)

Merkwürdige Analyse: in Amerika lacht niemand über Trump. Seine Anhänger beten ihn an als Propheten der beginnenden apokalyptischen Zeit, in der alles zu Grunde gehen muss. Seine Gegner heulen und wüten gegen ihn als Destruktor der Demokratie. Bei Döpfner kein ernsthaft-kritisches Wörtchen über den besten Freund Netanjahus, das bewunderte Vorbild Döpfners.

Das absolute Gegenteil zu Döpfners Verharmlosungen ist der folgende Kommentar zu Amerika:

„USA wirken als einstiges Vorbild von Freiheit und Demokratie auch wie verflucht: Unsinnige Wahlgesetze, ein nie reformiertes System, das Kandidaten fast nur noch auf der Basis des großen Geldes nach oben bringt, und eine unselige Mischung von irrationalem Populismus und härtestem Kommerz höhlen die Weltmacht von innen aus. Nicht Barack Obama sei der Herold einer neuen Zeit gewesen, sondern die „absurde“ Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner, Sarah Palin. Als Vorbotin Donald Trumps. Packer spricht von einer „korrupten politischen Klasse, einer sklerotischen Bürokratie, einer herzlosen Ökonomie“ und einer „gespaltenen, zerrütteten Öffentlichkeit“.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Europa sollte sich weniger an anderen orientieren, als sich kooperativ und demokratisch zusammenzufinden. Dann kann es Amerika kritisieren und muss sich von China dennoch nicht wirtschaftlich erpressen lassen. In uralter Weise spaltet Döpfner die Welt in gut und böse. Das bereitet den Boden zum nächsten Krieg.

Zufall, dass AKK amerikanische Atombomber bestellt und der SPD-Vorschlag, Deutschland von amerikanischen Atomwaffen zu befreien, von der Kanzlerin nicht mal kommentiert wird. Andreas Zumach sagt, was gesagt werden muss:

„Die Forderungen des SPD-Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich und des Co-Parteichefs Norbert Walter-Borjans, alle US-Atomwaffen aus Deutschland abzuziehen und die „nukleare Teilhabe“ der Bundesrepublik in der Nato zu beenden, sind überfällig. Denn mit dieser Teilhabe, die im Kriegsfall den Einsatz US-amerikanischer Atombomben durch Tornado-Kampfflugzeuge der Bundesluftwaffe ermöglicht, verstößt Deutschland seit 45 Jahren gegen den Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag (NVV).“ (TAZ.de)

Die Crux der Welt liegt – wie bei den Deutschen von Fichte bis Hitler – im religiösen Größenwahn der westlichen Staaten. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen, Amerika first. Durch religiöse Regression will jede Nation die auserwählte sein. Selbst Israel, das auserwählte Urvolk.

Rafael Seligmann über Israel:

„Mit dieser Einstellung ist es Israel gelungen, als einzige Demokratie in einer feindlichen Umgebung trotz Krieg und Terror zu bestehen und zugleich eine moderne Wirtschaft aufzubauen. Sie ist vor allem in der Informationstechnologie weltweit führend. Zudem schaffte man ein politisches Wunder: Israel lebt in Frieden mit den meisten Ländern. In Europa ist Deutschland Israels engster Verbündeter.“ (BILD.de)

Das ist theokratische Verblendung – ohne ein Wörtchen der Selbstkritik. Wie kann Israel eine vorbildliche Demokratie sein, wenn es nicht mal eine Demokratie ist? Den Palästinensern zwingt das Land einen völkerrechtswidrigen Siegfrieden auf. Eine nationale Zukunft können sich diese abschminken. All dies wird von Seligmann in goldenen Lettern beschrieben! Wen wundert es, dass aufrechte Demokraten in Israel um die Zukunft ihres Landes zittern?

„“Die meisten stehen zum Konzept des jüdischen Staates, der an sich per Definition gar keine wirkliche Demokratie sein kann“, sagt Grinberg. „Dafür müsste man die Rechte der palästinensischen Minderheit stärken und ihnen mehr Mitbestimmung einräumen.““ (ZEIT.de)

Der jüdische Historiker Salzborn bescheinigt den Deutschen – wider ihr eitles Selbstbild – keine gründliche Aufarbeitung ihrer Vergangenheit:

„Tatsächlich aber bestimmten Schuldabwehr und oftmals latenter Antisemitismus den psychischen Haushalt des Tätervolks. Die Metastasen von verdrängter Schuld und verdrängtem Antisemitismus manifestieren sich in einer unversöhnlichen „Israelkritik“, die durch die aus der Antisemitismusforschung bekannten drei D’s – Dämonisierung, Delegitimierung und doppelte Standards – geprägt ist. Verkappte Antisemiten aller politischen Richtungen und gesellschaftlichen Milieus könnten ihr verschwiemeltes Ressentiment so ins schmückende Gewand der Solidarität mit den Palästinensern kleiden.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Salzborns Meinung, die Deutschen hätten ihre Vergangenheit weder gründlich erinnert noch verstanden, muss man unbedingt Recht geben. Dass aber alles Antisemitismus sein muss, was im „schmückenden Gewand der Solidarität mit den Palästinensern daherkommt“: das hat mit Achtung vor Menschheitsregeln nichts mehr zu tun.

Inzwischen stellt sich heraus, dass der Vorwurf des Antisemitismus gegen den afrikanischen Denker Mbembe nur ein Vorwand war, um dessen Kritik am kolonialen Despotismus Europas abzuwehren. Dominic Johnson in der TAZ:

„Bei der Debatte um Achille Mbembe geht es weniger um dessen angeblichen Antisemitismus als um Deutschlands Unwillen, die eigene Kolonialzeit aufzuarbeiten.“ (TAZ.de)

Noch schlimmer. Der Vorwurf des Antisemitismus wird von vielen Staaten, unter ihnen Deutschland, systematisch eingesetzt, um jegliche Kritik an der inhumanen Politik des Netanjahu-Regimes zu boykottieren. Aleidia Assmann fasst zusammen:

„Im Jahr 2016, unter dem Eindruck der wachsenden Aktualität einer neuen Antisemitismusgefahr, haben die Mitgliedstaaten der IHRA ihre Antisemitismus-Definition um den folgenden Passus erweitert: „Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.“ 2017 wurde diese erweiterte Arbeitsdefinition von Antisemitismus von der Bundesregierung übernommen, 2019 folgte die Übernahme dieser Definition durch die Hochschulrektorenkonferenz. Mit dieser Erweiterung der Semantikdefinition ist das gegenwärtige Klima des Verdachts, der Verunsicherung und Denunziation entstanden. Denn inzwischen ist immer unklarer, wer alles ins Fadenkreuz der Antisemitismusbekämpfung geraten kann. Nicht nur der BDS, sondern auch Philosophen wie Achille Mbembe. „Alles in einem Topf“ – diese Überschrift des FAZ-Artikels von Jürgen Kaube, der dem Autor die Vermengung historischer Ereignisse wie Holocaust, Apartheit und Kolonialismus vorwarf, gilt auch für den Antisemitismusbegriff selbst.“ (Berliner-Zeitung.de)

Mit diesen Enthüllungen ist der innerdeutsche Kampf gegen Antisemitismus zur absoluten Lüge des Merkel-Regimes verkommen.

Zu Recht fühlt das Häuflein aufrechter israelischer Demokraten sich vom Westen verraten und verkauft.

Amerika und Israel wetteifern um den Titel der schamlosesten westlichen Theokratie. Einen Millimeter dahinter: die mächtigste Frau der Welt, die beliebteste deutsche Politikerin.

Fortsetzung folgt.