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Tanz des Aufruhrs C

Tanz des Aufruhrs C,

„In einem Schreiben des Kommunalverbands Region Hannover heißt es: „Die häusliche Absonderung bedeutet, dass ihr Kind in der Wohnung bzw. dem Haushalt möglichst eine räumliche und zeitliche Trennung zu allen im Haushalt lebenden Personen, einhalten soll, indem Sie und Ihr Kind sich in unterschiedlichen Räumen aufhalten, keine gemeinsamen Tätigkeiten ausführen und insbesondere Ihre Mahlzeiten nacheinander oder räumlich getrennt voneinander einnehmen.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Wer ein Land, dessen Kinder die Sünden der Erwachsenen bis ins dritte und vierte Glied ausbaden müssen (weitere Glieder sind kaum zu erwarten), indem sie in ihren Zimmern, die sie nicht haben, vom Leben ausgeschlossen werden, das sie kaum kannten, wer ein solches Land, das zur garantiert philosophiefreien Zone ausgedörrt ist (lange, bevor es zur wasserfreien Zone verdorren wird), wer, zum Dritten, dieses Land erträgt: der muss selbst geistig dehydriert sein!

Deutschland hat es geschafft. Dank empathischer Kitas, brillanter Schulen und Universitäten, einer ethisch hochstehenden Industrie und einer über alle Zweifel erhabenen, faktenkundigen Politkaste hat sich das Land von aller eng schnürenden Philosophie befreit.

„Was ist da los“? müssen professionelle Beobachter dieses Landes fragen, die sich gewöhnlich mit der Pflege ihres Gärtchens beschäftigen, wenn sie, herausgerissen vom Lärm der Gosse, an die Fenster eilen, um das befremdliche Tun ihrer Zeitgenossen aus sicherer Entfernung wahrzunehmen.

Einst machte das Land der Denker keine Politik – und musste sich schadlos halten an genialen Luft-Gedanken. Heute macht es Politik – und kann auf Gedanken wieder verzichten. Gedanken sind … … Ausschüttungen des Großhirns, die ohne schadhafte Emissionen nicht denkbar sind. Klimagefahren werden nicht mehr zu bewältigen sein ohne Einschränkung CO2-belasteten Denkens.

Habe Mut, würde ein großer deutscher Denker heute sagen, dich deines Verstandes nicht länger zu bedienen. Den giftigen Denk-Ausstoß von 7,77 Milliarden Menschen können wir uns nicht mehr leisten.

Denken war einmal. Deutschland lässt sich nicht lumpen und marschiert an der Spitze der Denkverweigerer. Das Ausschalten toxischer Gedanken ist Deutschen nicht unbekannt. Zur Vorbereitung auf die beiden Weltkriege hatte die Deutsche Bewegung schon vor vielen Jahrzehnten begonnen, auf Denken zu verzichten.

Wer heute immer noch denkt, will moralisch auf der rechten Seite stehen. Dieser eitle Luxus steht uns nicht mehr zu. Abwerfen, heißt das Motto. Werft alles Überflüssige ab, was uns beim zukünftigen Gang durch die Wüste behindern könnte – wozu der Geist gehört, der von der Evolution als überflüssig eingestuft wurde.

Denken als moralische Selbstbestimmung will nur mitplappern. Unsere beiden größten antagonistischen Nachkriegsdenker sind sich über den Schaden der Moral einig.

„Das Gewissen redet einzig und ständig im Modus des Schweigens.“ Sagte ein großer Denker beim Wandern durch den Schwarzwald.

Auf Deutsch: Deutsche, wenn ihr Gewissen habt: haltet die Klappe!

Der Frankfurter Gegenspieler sagt seltsamerweise dasselbe – was die dialektische Einheit deutscher Widersprüche glänzend unter Beweis stellt:

„Kriterium des Wahren ist nicht seine unmittelbare Kommunizierbarkeit an jedermann. Moralische Sicherheit existiert nicht; sie unterstellen wäre bereits unmoralisch, falsche Entlastung des Individuums von dem, was irgend Sittlichkeit heißen dürfte. Je unbarmherziger die Gesellschaft bis in jegliche Situation hinein objektiv-antagonistisch sich schürzt, desto weniger ist irgendeine moralische Einzelentscheidung als die rechte verbrieft. Alle Kultur nach Auschwitz samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.“

Schürzt? Verbrieft? Ent-schürzen und ent-briefen wir. Deutsche, was immer ihr macht: es ist falsch und vergeblich. Was war nochmal jene Gesellschaft, die derart grimmig starrt, dass einem Hören und Sehen vergeht? Ist sie vom Himmel gefallen, aus der Hölle gekrochen oder doch von Menschen erfunden worden?

Weshalb moralische Einzelentscheidung, wenn man auch eine universelle Moral haben kann? Von wem muss Moral ver-brieft werden, damit sie die richtige sei? Muss eine höhere Lizenz eingeholt werden? Muss der Brief eine Schrift von Oben sein? Das müssen Müllfragen eines „Jedermann“ sein, mit dem zu kommunizieren unmöglich ist. Elite rechts, Elite links, die wahre Elite in der Mitten.

„Adorno kritisiert, dass die christlich-abendländische Moral den Individuen eine Verantwortung für ihre Handlungen abverlange und dabei eine Handlungsfreiheit unterstelle, die sie als soziale Wesen gar nicht haben. Zugleich sieht er in der Moral aber die «Repräsentantin einer kommenden Freiheit».“

Wie meinen? Bei Luther und Calvin gibt es kein Tüttelchen Selbstverantwortung. Und die Katholiken? Haben zur Absicherung ihres Gottes zwar den freien Willen erfunden (damit das Geschöpf dem Schöpfer nicht alles in die Schuhe schieben kann, wie ein – evangelischer Bischof polterte), doch ohne Kooperationsgnade geht es auch bei den Päpstlichen nicht.

Der Verfasser der „Negativen Dialektik“ wird doch kein ordinärer Marxist gewesen sein, der hier mit akrobatischen Begriffen seine Abkunft verleugnen wollte? Auch dem Trierer Revolutionär war der Mensch eine moralisch unfähige Marionette.

Wie kommt man zur „Repräsentantin einer kommenden Freiheit“, wenn die jetzige fehlt, um die kommende zu erarbeiten und vorzubereiten? Sollten wir von marxistischer Gnade sprechen? Unbedingt.

Um mit dem Schwarzwälder zu reden: es muss sich um gnadenhafte Geworfenheit handeln. Die einen werden gnädig ins Proletariat geworfen, die anderen ungnädig in den Stand der Ausbeuter. Wen das Schicksal traf, auf Erden noch eine Weile zu leiden, der wird balde ins Reich der Freiheit einziehen. Die Luxuriösen werden in die Hölle wandern.

Doch es gibt Hoffnung. Man muss sich nur jener Zeiten erinnern, als man den Wagen des Hundefängers zog.  

„Dass das vergessen wird; dass man nichts mehr versteht, was man einmal vorm Wagen des Hundefängers empfand, ist der Triumph der Kultur und deren Misslingen. Sie kann das Gedächtnis jener Zone nicht dulden, weil sie immer wieder dem alten Adam es gleichtut, und das eben ist unvereinbar mit ihrem Begriff von sich selbst. Sie perhorresziert (weist zurück) den Gestank, weil sie stinkt; weil ihr Palast, wie es an einer großartigen Stelle von Brecht heißt, gebaut ist aus Hundsscheiße.“ (Alle Zitate aus Adorno, „Negative Dialektik“)

Womit sich erneut ergeben hat: alles, was mit Fremd-Erlösung zu tun hat, ist Geist vom himmlischen Geist: alter Adam, die Erwählten, die gut vor Gott riechen, die Verworfenen, denen höllischer Gestank vorauseilt:

„Ahithophel sprach zu Absalom: Gehe hinein zu den Kebsweibern deines Vaters, die er zurückgelassen hat, das Haus zu bewahren, so wird das ganze Israel hören, daß du dich bei deinem Vater hast stinkend gemacht, und wird aller Hand, die bei dir sind, desto kühner werden.“

„Aber Gott sei gedankt, der uns allezeit Sieg gibt in Christo und offenbart den Geruch seiner Erkenntnis durch uns an allen Orten! Denn wir sind Gott ein guter Geruch Christi unter denen, die selig werden, und unter denen, die verloren werden: diesen ein Geruch des Todes zum Tode, jenen aber ein Geruch des Lebens zum Leben.“

Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.“

„Du hast uns zu Kot und Unflat gemacht unter den Völkern. Alle unsre Feinde sperren ihr Maul auf wider uns. Wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst.“

„Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totengebeine und alles Unflats! Also auch ihr: von außen scheint ihr den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.“

Gottes Nase ist empfindlich. Wer sich auf Erden schuldig gemacht hat, wird Schwierigkeiten haben, vom göttlichen Riechorgan gebilligt zu werden.

Am Eingang zum Paradies, pardon, zum Reich der Freiheit, werden Geruchsproben genommen. Die Sieger erkennt man am Geruch des Lebens, die anderen kommen in den stinkenden Pfuhl, dessen Pesthauch sie jetzt schon an sich tragen. Woran erkennt man den christlichen Westen? Dass er vollständig deo-doriert ist. Alles Natürliche hat er an sich verbannt, damit er gottwohlgefällig wird.

Doch merkwürdig, wenn Menschen sich in Begierde näher kommen, werden alle widerwärtigen Naturdüfte zum Aphrodisiakum. Der Weihrauch des Glaubens erstickt alles Natürliche und Sinnliche, doch das Begehren des Fleisches erobert die Natur zurück.

Warum waren Frauen zweitklassig und mussten sich bei jeder Gelegenheit rearomatisieren? Weil ihre Natursäfte hexenmäßig stanken. Achsel- und Schamhaare müssen weichen, um die Reinheit der Neuwerdung zu garantieren. Sich täglich neu erfinden, heißt, sich täglich in das Bad der Wiedergeburt begeben, um als neuer Mensch aus der Quelle des Lebens aufzutauchen. Soli Deo Gloria.

Wie die Frauen, so der Pöbel. Als Ex-Minister Gabriel seine proletarische Basis missionieren wollte mit den Worten: gehen wir dorthin, wo es stinkt und kracht, entlarvte er die Kehrseite der Aufsteiger-Ideologie. Proleten stinken, wie ihre Arbeit stinkt. Und wenn sie nicht gestunken hat, war sie keine rechte Maloche.

Aufsteiger, die ihr Umfeld verlassen müssen, um Oben anzukommen, müssen sich in Parvenü-Gerüche hüllen, um nicht enttarnt zu werden. Die SPD-Arrivierten schämen sich ihrer Herkunft, auch wenn sie stolz sind, dass ihre hart arbeitenden Eltern alles opferten, um ihnen Gelegenheit zu geben, den verlockenden Düften des Aufstiegs zu folgen.

Die Proletenpartei ist zur absurdesten Partei verkommen, die denkbar ist: je erfolgreicher sie ist, je mehr ist sie genötigt, ihre Ausgangsbasis zu demolieren. Ein totaler Erfolg wäre der Gesamtruin der Partei. Die Mitglieder wären komplett zu jenen geworden, die sie bekämpften, um ihre Herkunft unkenntlich zu machen. Selbstauflösung wäre ihr Triumph – und ihre Niederlage. Sie hätten sich in jene Ungerechten verwandelt, die sie als Ausbeuter attackierten, um die verbliebenen Schwachen zu drangsalieren, wie sie selbst drangsaliert wurden.

Wer Wahrheit sucht, will Argumente hören. Doch wer radikale Gedanken äußert, hat schon verloren. Wenn Politiker im täglichen Hickhack kompromissfähig sind, ist das notwendig und unvermeidlich. Kompromisse aber dürfen nicht an die Stelle des Denkens rücken.

Wann sind Kompromisse faul? Wenn sie radikale Wahrheitssuche mit Denkfaulheiten unterwandern. Haben sie einen Kompromiss geschlossen, erwecken sie den Eindruck, als seien sie am Ende aller Tage angekommen.

Jetzt, da wir von vorne beginnen müssten, um ein naturverträgliches Wirtschaftssystem zu etablieren, müssten wir in ursprüngliches Denken kommen. Folgerichtig, kompromisslos und widerspruchsfrei. Wir müssten das Gute suchen, die Bedingung des Überlebens und eines guten Lebens.

Moral ist kein Zuckerschaum auf dem Notwendigen, um dessen Härte und Brutalität zu überdecken.

Moral ist keine sachfreie Gesinnung, die sich mit Absichten brüstet, den Ausgang der Taten jedoch Gott überlässt. Diese Gesinnung ist Teil des christlichen Credos. Gott sieht das Herz an, das genügt ihm. Was der Herzensgesinnung entspringt, ist ihm gleichgültig. Denn Er ist es, der die Geschicke der Welt lenkt und leitet. Rechte Gesinnung dient nur der näheren Auslese jener, die Gott endgültig auserwählt.

Vernünftige Moral begleitet das Leben der Menschen vom Denken im Kopf bis zur letzten Tat, die sich der Humanisierung der Menschen widmet.

Moralische Kompetenz überprüft alles:

die eigene Gesinnung, die bewusste und nach Möglichkeit die unbewusste. Die persönliche Widersprüchlichkeit. Die Ursachen des antimoralischen Widerstrebens. Die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen und moralischen Einstellungen.

Die Wahl der effizientesten und humansten Mittel.

Die erwünschten und unerwünschten Folgen. Die Kollateralschäden und Kosten.

Moral ist keine Absichtserklärung, die sich im Verlauf der Begebenheiten in die Büsche schlägt.

Moral, je reifer und durchdachter, wird zur Dauereigenschaft einer Persönlichkeit, die gar nicht anders kann, als ihrem Imperativ zu folgen.

Moral ist kein Widerspruch zwischen Vernunft und Gefühl. Der Mensch ist eine Einheit, die durch ungünstige Umstände verloren gehen kann. Zweck der Erziehung oder einer philosophischen Selbstbesinnung wäre es dann, sich seine Defekte bewusst zu machen. Erziehen ist kein Ziehen an der Leine, sondern selbstbewusstes Vorbild sein. Noch mehr: die Fähigkeit, sich von denen erziehen zu lassen, die man erziehen will. Kinder – sofern man sie nicht verbiegt – haben alles, was sie zum Menschsein benötigen. Sie müssen es nur noch entfalten und erproben dürfen.

Was man früher einen weisen Menschen nannte, war eine einheitliche Persönlichkeit, die fühlte, was sie dachte und wollte, was sie fühlte und für richtig hielt.

Der grobianische Wille zur Macht musste erst implantiert werden, als Vernunft und Gefühl, Denken und Fühlen, Schließen und Empfinden unversöhnlich auseinander klafften. Als Heraklits Dialektik von Hegel missbraucht wurde, um Griechentum und Christentum zur faulen Einheit zu bringen.

Seit Ende der Aufklärung werden Gefühle und Gedanken gegeneinander gehetzt, als ob im Innern des Menschen ein ständiger Bürgerkrieg herrschte. Der Mensch wurde zur anarchischen Polis, in der hoffnungslose Kämpfe wüten.

Eine Polis, die nicht zur Ruhe kommen darf, ist eine missglückte Demokratie. Wer, wie Hobbes, nicht daran glaubte, dass Menschen sich friedlich einigen können und sich endlos zerfleischten, musste einen Leviathan installieren, um die zankenden Parteien zur Raison zu bringen.

Die Deutschen waren so zerrissen im Streit zwischen Ratio und Emotion, dass das ganze 19. Jahrhundert nicht reichte, um die Gräben zu überbrücken. Optimisten standen Pessimisten gegenüber, Fortschrittler Nihilisten, Pragmatiker Idealisten, Rationalisten Voluntaristen, kühle Verstandesmenschen sentimentalen Poeten, Moralisten kaltblütigen Machiavellisten, passive Untertanen aktiven Tatmenschen, Gottgläubige scharfen Religionskritikern.

Als Bismarcks Reich immer mächtiger wurde, verloren Moralisten zusehends an Ansehen. Es begann der Siegeszug der Machiavellisten und Strategen, die alles nachholen wollten, was die Deutschen in der Vergangenheit versäumt hatten. Deutschland musste eine führende Rolle in der Welt ergattern. Wenn nicht anders, mit Kriegen gegen die führenden Weltmächte. Deutschland wurde wirtschaftlich stark, wissenschaftlich und technisch zum Vorbild der Völker.

Trotz aller Differenzen wuchs eine nationale „Mitte“ heran, deren Bekenntnis lautete: Gott mit uns. Unsere Obrigkeit ist von Gott. Also müssen wir ihren Willen herausfinden, um ihn in Politik umzusetzen. Die Obrigkeit wurde immer stärker, die Nation immer gläubiger. Urvater dieser Einstellung war Hegel, dessen Weltvernunft nichts mit dem Willen der Untertanen zu tun hatte.

„Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug. Erst post festum, nach dem Ereignis, könne die Philosophie ihr Werk der gelehrten Auslegung beginnen. Auf diese Art komme sie immer zu spät, um den Gang der Ereignisse beeinflussen zu können.“

Die Gelehrten und Intellektuellen wurden immer passiver, die Politiker immer rabiater. Der immense Erfolg der Nation wurde immer unmoralischer und bedenkenloser. Als Elixier des Aufstiegs galt nicht das Gute, sondern die Triebkraft des Bösen. Was wäre Faust ohne Mephisto gewesen?

„Offensichtlich muss eine Welt ohne Stachel der Not, ohne Neid, ohne wachsende Bedürfnisse und Wünsch eine geschichtslose Welt werden.“ Denn nur steigende und rivalisierende Machtansprüche halten die Geschichte in Bewegung.

„Die Weltgeschichte bewegt sich auf einem höheren Boden als der ist, auf dem die Moralität ihre eigentliche Stätte hat, welche die Privatgesinnung, das Gewissen der Individuen, ihr eigentlicher Wille und ihre Handlungsweise ist. … Von diesem aus müssen gegen welthistorische Taten und deren Vollbringer sich nicht moralische Ansprüche erheben, denen sie nicht angehören. Die Litanei von Privattugenden der Bescheidenheit, Demut, Nächstenliebe und Mildtätigkeit muss nicht gegen sie erhoben werden.“

Fazit dieser Überlegungen: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.“

Da der Weltgeist Gott ist, bedeutet das: die Geschichte der Völker muss nicht abgeschlossen sein, damit Gott Gericht halten kann. Die Geschichte selbst ist der lineare Vollzug des Gerichts. Nichts, was geschieht, ist zufällig. Alles hat einen vorbestimmten Sinn. Gefühle des Neids, der Empörung sind fehl am Platz. Alles ist, wie es sein muss. Die Geschichte, wie sie sich zeigt, ist der unfehlbare Wille Gottes. Das führte zum Dritten Reich und zum Messianismus der Nationalsozialisten.

„Wie wir sehen, mündet Hegel in einen vollkommenen Amoralismus, in einen Kult des Erfolgs, in eine Vergötterung der vollzogenen Tatsachen. Philosophie habe nichts mit Dingen zu tun, die so machtlos sind, dass sie nicht die Kraft hätten, sich zu verwirklichen. Macht geht vor Recht.“

Die Haltung der bedenkenlosen Schredderung anderer Völker führte unmittelbar zu Hitler.

„Darum erkennt Hegel keine Pflichten von zeitloser Gültigkeit an, Heidegger teilt diese Auffassung. Für den deutschen Existenzialisten ist moralische Pflicht stets die Pflicht einer bestimmten Periode. Als Existenz ohne Essenz, ohne verlässliches Wesen, hat der Mensch des Existentialismus keinen Charakter.“ (Alfred Stern, Geschichtsphilosophie und Wertproblem)

Poppers Kritik ist noch pointierter:

„Eine Nation, deren Auserwähltheits-Ideologie sich eines Rassenglaubens bedient, ist zur „Weltherrschaft bestimmt“. Der Staat ist jeder sittlichen Verpflichtung ledig, der geschichtliche Erfolg ist der einzige Richter. Das Gewissen ist durch blinden Gehorsam des Ruhmes und des Schicksals zu ersetzen, die Brüderlichkeit aller Menschen durch einen totalitären Nationalismus.“

Deutsche Bewunderer von Hegel oder Marx stören sich nicht an solchen Kleinigkeiten. Dass die beiden Dialektiker zu Hitler führten, nehmen die exzellenten Vergangenheitsbewältiger nicht zur Kenntnis. Sie berauschen sich am Weltgeist, der gnadenlos über alle Individuen und Völker hinwegschreitet.

Dass Vernunft und Freiheit, die Hegel im Munde führte, das Gegenteil dessen ist, was Demokraten und Humanisten unter ihnen verstehen, ist ihnen gleichgültig. Von Fall zu Fall gönnen sie sich ihr nationalistisches Bildungsräuschlein, ihre Bewunderung des deutschen Genius, dem nichts in der Welt gleichkommt.

Hermann Heller, Rechtsdenker im Dritten Reich, sah in Hegel einen Urvater der NS-Bewegung:

„Der Weltgeist ist bei Hegel nichts anderes als der Ausdruck für die sittliche Berechtigung der nationalistischen Weltmacht.“

Thomas Assheuers ZEIT-Artikel über Hegels Weltgeist ist ein Beispiel für deutsche Selbstglorifizierung mit Hilfe eines Denkers, dessen Gedanken schnurstracks ins Dritte Reich führten. Er zitiert Poppers Hegelkritik – und geht kommentarlos an ihr vorüber: lass die Kläffer bellen, die Karawane zieht weiter. Nicht die leiseste Andeutung einer Auseinandersetzung:

„Und doch ist der Glaube, es müsse vernünftigere Formen des politischen Zusammenlebens geben, wieder erwacht und scheint sehr virulent. Überall auf den Straßen und Plätzen der Welt protestieren Menschen gegen Rassismus, Polizeigewalt, Machtkartelle, Oligarchen, Privatisierung, Korruption, Verarmung, Lohndrückerei, gegen religiöse Fanatiker, Regenwaldzerstörer und Denkmäler von Sklavenhaltern. Das Verlangen nach einer sozialen Demokratie, hätte Hegel gesagt, ist die „Rose im Kreuz“ der Gegenwart.“ (ZEIT.de)

Über so viel Ignoranz müsste selbst Hegels Weltgeist heulen. Er ist keine gemeinsame Anstrengung der Menschen, sondern ein automatisches, von Oben gelenktes Geschick, dem sich die Menschheit zu beugen hat. Die Rose im Kreuz ist das lutherische Symbol, das Hegel auf seinen totalitären Weltgeist übertrug, das Gegenteil jeder heidnischen Demokratie. Über Demokratie sagte Hegel: „einem demokratischen Volk mit eigennützigen, aufgeblasenen Bürgern ist nicht zu helfen.“

„Mit dieser Verweltlichung des christlichen Glaubens …, mit dieser Verwirklichung des Geistes, glaubte er dem Geist des Christentums treu geblieben zu sein und das Reich Gottes auf Erden zu explizieren.“ (Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschehen)

Linker und rechter Extremismus entstammen der Mitte der deutschen Intellektuellen, die nicht daran denken, die Misere des Dritten Reichs mit den Denkern der Vergangenheit in Verbindung zu bringen. In Deutschland gärt‘s, brodelt‘s und stinkt‘s gewaltig.

Fortsetzung folgt.