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Ost und West – in der Apokalypse vereint

Hello, Freunde des Antedeluvianischen,

oder des Vorsintflutlichen. Womit wir noch nicht bei Marx wären. Marx gehört zu den heiligen Büchern, die sind alle nach der Sintflut geschrieben worden. Sie sind postdiluvianisch, womit wir das Lieblingswörtchen der Gelehrten erreicht hätten: post.

Wir leben im Danach. Im Danach von Was? Im Danach der Katastrophe. Der Sintflut. Wenn wir nach der Katastrophe leben, haben wir sie bereits hinter uns. Mit einem einzigen Wörtchen haben wir das Desaster bewältigt und gehen einer strahlenden Zukunft entgegen. Ist das nicht prägenial? Das könnte man vorbeugenden Katastrophenschutz auf magische Weise nennen.

Dabei war die Moderne selbst ein Danach: modern ist, was nach dem Alten, dem Veralteten kam. Das Wort Moderne kam im Mittelalter auf, als die forschesten Geister sich vom alten Kram lösen wollten. Von welchem? Dem klerikal vorgeschriebenen Kram aus Augustin und Aristoteles.

Jetzt beginnt das Problem. Die jungen Genies wollten sich vom Joch der denkverbietenden Kirche lösen, trauten sich aber nicht, weil sie von Höllenfurcht geschüttelt waren, also begannen sie sich ersatzweise vom denkfreudigen Aristoteles zu lösen. Dieses Gesetz der Erneuerung gilt bis heute.

Amerika wollte sich vom alten Kram Europas lösen, ignorierte die athenische Demokratie und warf sich einem fundamentalistischen Christentum in die weit geöffneten Arme. Die altgriechische Demokratie, eine der besten Erfindungen der Menschheit, wurde zu einem Geschenk des christlichen Gottes verhunzt. Danke, himmlischer Vater, dass du uns die Freiheit geschenkt hast und nicht diesen

Chinesen, Muslimen oder Kongolesen. An ihrer Geschenkwürdigkeit erkennen Neocalvinisten das Zeichen ihrer geschenkten Erwählung – die gleichwohl als Verdienst der Beschenkten der unbeschenkten Heidenwelt mit Stolz unter die Nase gerieben wird.

Postmodern ist Nach-dem-Danach. Ist die Postmoderne überwunden, kriegen wir Danach hoch drei. Erfolgreich haben wir die Zeit quantifiziert. Die Epochen der Geschichte unterscheiden sich nicht in der Substanz, sondern im Vorher oder Nachher, im Kairos des auserwählten Augenblicks, im Nach-dem-Danach, dem Danach hoch drei bis ins Unendliche.

Da soll es Väter geben, die haben den Überblick über ihren zahlreichen Nachwuchs verloren: sie benennen ihre Bälger mit der Ordinalskala: Die Eins, der Älteste, die Zwei, der Zweitälteste etc. Die Reihenfolge der Geburt wird zum Erkennungsmerkmal der Kinder. (Nominalskala liegt vor, wenn es überhaupt keine Kriterien der Einteilung gibt.) Der Älteste muss nicht der Klügste sein, dennoch erhält er den Hof, weil er der Zeit nach der Privilegierte ist.

Quantität entscheidet über Qualität. Die quantitative Einreihung bestimmt über die Qualität der Epochen und Menschen. Das ist der Triumph der Heilsgeschichte über die heidnische Zeit, der Triumph der Zeit über „biografische“ Entwicklungsstadien und inhaltliche Profile.

Warum sind die Zeitgenossen so fixiert auf ante und post? Weil es ein entscheidendes Ereignis der Heilsgeschichte gibt, das alle Ereignisse der Weltgeschichte um sich zentriert. Es ist die Mitte der Zeit, die Geburt des Erlösers. In der Mitte der Zeit ist das Heil erschienen.

Alles Vorherige bezieht seinen Sinn im Vorlauf auf das Heil, alles Nachherige als Entfernung von Golgatha – und dennoch wieder im Vorlauf auf das endgültige Heil der Wiederkunft des Herrn am Ende der Geschichte.

Es soll theologische Schlauköpfe geben, die den Begriff Mitte der Zeit wortwörtlich nehmen, um die Wiederkunft des Herrn zu berechnen. Sie berechnen den Vorlauf auf 6000 Jahre, nach Adam Riese müsste die Parusie also 6000 Jahre nach Christi Geburt stattfinden. Wär noch ein bisschen Zeit. Zu früh für apokalyptische Untergangsgesänge.

Wie kommt es aber, dass mehr als zwei Drittel aller Amerikaner an die Wiederkehr Jesu noch zu ihren Lebzeiten glauben? Weil sie anders oder gar nicht rechnen und ihrem frommen Bauchgefühl vertrauen. Denn das Berechnen der Wiederkunft ist im Neuen Testament untersagt: Ihr wisset nicht die Stunde, also wachet. Sie sollen nicht rechnen, rechnen aber doch. Ermuntert durch die Verse in Matthäus 16,1 ff: „Die Zeichen des Himmels könnt ihr verstehen, aber die Zeichen der Zeit könnt ihr nicht unterscheiden?“

Die damaligen Zeichendeuter waren die Astrologen, heute würden wir sagen, eine Mischung aus wissenschaftlichen Astronomen und astrologischen Kaffeesatzlesern. Eine ähnliche Mischdisziplin wie die spätere Alchimie, aus der sich die heutige Chemie durch Ablösen von der Magie der mittelalterlichen Goldhersteller entwickelte.

Babylonier und Phönizier hatten eminente Seefahrerqualitäten aufgrund genauer Sternenkunde, die Griechen lieferten die mathematischen Strukturen der empirischen Einzelerkenntnisse nach. Die Heiden also waren firm, zukünftige Sternekonstellationen vorauszuberechnen.

Die Jünger des Gottessohnes hingegen sollten unfähig sein, die Wiederkehr ihres Herrn zu prognostizieren? Das war eine Kränkung, die der Herr erst bekräftigt, um sie dann umzumünzen in ein höheres Geheimwissen: „Das Aussehen des Himmels versteht ihr zu unterscheiden, aber bei den Zeichen der Zeit könnt ihrs nicht? Ein böses und abtrünniges Geschlecht begehrt ein Zeichen und ein Zeichen wird ihm nicht gegeben werden.“

Eine klare Absage an alle heidnische Rationalität und Wissenschaft. Das heilige Geschehen steht nicht unter unveränderlichen Naturgesetzen, sondern unter der Willkür seines unberechenbaren Willens. Also wachet, weil es nichts zu berechnen gibt.

Schlafen kann man dann, wenn man sich der beruhigenden Stabilität erkennbarer Naturgesetze überlassen kann. Wenn aber jeden Augenblick das Chaos hereinbrechen kann, darf sich niemand im Schiff – „im Schiff, das sich Gemeinde nennt“ – leichtsinnig aufs Ohr legen.

Nur wer die Verlässlichkeit der Natur in der Stetigkeit ihrer Gesetze erkannt hat, darf zur lebenslangen existentiellen Ruhe kommen. Wer ununterbrochen wachen muss, weil der Herr in jedem Augenblick vor der Tür stehen kann, um Einlass zu begehren, der muss sein „Sein in Sorge“ oder in ständiger Angst verbringen. (Das ist das Sein-und-Zeitgefühl Heideggers, dessen Philosophie nichts anderes ist als die Grundstimmung seiner katholischen Herkunft; ursprünglich wollte er Priester werden: er ist es geworden. Nur in gespreiztem Neugermanisch.)

Die hektische Unruhe der Moderne, die Beschleunigung der Zeit, die zwanghaften Rund-um-die-Uhr-Aktivitäten in den Großstädten – die niemals schlafen dürfen –: all dies sind Zeichen einer Endzeiterwartung, die sich ihres religiösen Charakters in Deutschland nicht mehr bewusst sein darf.

In Amerika sind Welt und Glaube identischer. Je länger das Post natum Christum dauert, je eher müsste seine Wiederkehr bevorstehen. Doch das wäre wieder gerechnet, ein Rückfall in weltliches Erkennen und also verboten.

Die Nerven der heiligen Geschichtsdeuter liegen blank. Der Spott der Gottlosen lauert überall und ist uralt:

„Sie werden sich über euch lustig machen und sagen: Er hat doch versprochen wiederzukommen! Wo bleibt er denn? Inzwischen sind unsere Väter gestorben, aber alles ist noch so, wie es seit Beginn der Welt war … Meine Freunde, ihr dürft eines nicht übersehen: Beim Herrn gilt ein anderes Zeitmaß als bei den Menschen. Ein Tag ist für ihn wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind ein Tag. Der Herr erfüllt seine Zusagen nicht zögernd, wie manche meinen; im Gegenteil, er hat Geduld mit euch, weil er nicht will, dass einige zugrunde gehen.“ (2 Petrus 3,4-9)

Eine höchst merkwürdige Begründung des Herrn der Zeiten. Weil er mit den Menschen Geduld hat, lässt er sie ungeduldig zappeln – damit sie Zeit zur Umkehr haben. Doch je länger die Ankunft verzieht, umso größer wird die Gefahr teuflischer Versuchungen. Schon in den heiligen Urzeiten waren die Jünger nervös, warum der Herr seine Zusage nicht einhielt. War seine Zusage nicht eindeutig gewesen: einige von euch werden noch im Leibe sein, wenn ich wieder zurückkehre?

Da beißt keine Maus einen Faden ab: diese Verheißung war bereits ein Flop. War der Galiläer doch ein Rosstäuscher, ein himmlischer Scharlatan?

Hier berühren wir die wundesten Punkte unserer Geschwister im Herrn. Mit diesem Thema trauen sie sich nicht auf die Straße, aus Angst vor der unwiderlegbaren Logik der Spötter. Es ist nicht der geringste Grund der Frommen, alle Logik und Rechenkünste der Welt abzulehnen. Warum geben viele deutsche Intellektuelle mit ihrer mathematischen Ignoranz an? Weil sie ihren Herrn und Heiland nicht durch endzeitliches Rechnen verraten wollen.

(Das Unbewusste der Abendländer ist christlich, nicht griechisch. Die Griechen hatten nichts zu verbergen. Ödipus wurde als Drama auf der Volksbühne aufgeführt.)

An die Stelle heidnischer Zeit setzt der Evangelist die genuine Zeit des Heils: Tausend Jahre sind wie ein Tag. Damit hat er der irdischen Wissenschaft, der natürlichen Zeit, den Kampf angesagt. Seitdem gibt es zweierlei Maße im Abendland, eine doppelte Buchführung der geschichtlichen Ortung: das rational Heidnische und das irrational Göttliche. Rational sind wir im 21. Jahrhundert – post natum Christum.

Die rationale Zeitangabe verfließt in die irrationale Zeit der Heilsgeschichte. Postmodern ist post natum Christum. Wer sich an der Geburt Christi orientiert, der orientiert sich auf die Wiederkehr des Messias. Religiöse und heidnische Zeit fließen bei uns ineinander. Doch nur äußerlich, innerlich sind sie unverträglich.

Wer rational ist, müsste mit Gründen und Argumenten angeben, wohin es in der Zeit noch gehen soll. Was ist das rationale Ziel der Menschheit? Es darf keins geben. Alles muss unterwegs sein in eine liquide, unbestimmte Zukunft: die Ankunft des Herrn muss offen bleiben. Ein finales Prinzip wäre Gift für die nach vorne offenen Entwicklungsmöglichkeiten der Menschheit.

So Matthias Horx in der BLZ, der sich Zukunftsforscher nennt, aber ein Parusieforscher ist, der alle rationale Zukunft des Menschen verhindern muss, um für die Ankunft des Herrn alles offen zu halten. Das Ziel ist nichts. Das Unterwegssein ist alles: die Theologie der ewig wandernden Kinder Gottes. Matthias Horx ist die Wiedergeburt des John Bunyan, der den Weg der frommen Seele ins Goldene Jerusalem mit modernen Vokabeln neu erzählt:

„Good Governance nimmt die Gesellschaft so wie sie ist, und versucht nicht, ihr irgendein finales „Prinzip“ aufzuzwingen. Sie „tickt“ in Prozessen, Evolutionen, Kooperationen.“

Wenn niemand wissen darf, wann Schluss der Geschichte ist, muss Zukunft aus numinosem Material gedacht werden. Nichts Genaues darf niemand wissen. Das ist der Sinn des Begriffs von der offenen Zukunft. Sie muss offen bleiben für jeden Amoralismus. Niemals die rationale Frage stellen: Was wollen wir auf Erden?

Jedes Start-up-Unternehmen muss angeben, was es will und wie es sich im nächsten Jahr zu finanzieren gedenkt. Nicht so das Start-up-Unternehmen Menschheit, das gar keine blutjunge Neugründung ist, sondern ein uraltes Flaggschiff, das auf der See der Unmöglichkeiten ewig vor sich hindümpeln muss und nirgendwo vor Anker gehen darf.

Das finale Prinzip, die rationale Utopie, muss kein Ende der Geschichte bedeuten, sondern das Ende eines irrationalen Havarierens auf Kosten der Schwachen und Abgehängten. Wenn das Ziel der Menschheit nicht eine humane Weltgemeinschaft sein darf, werden alle Ungerechtigkeiten der Geschichte als notwendige Bestandteile irrationaler Prozesse und Evolutionen legitimiert. Nicht, wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt, sondern wenn das Telos der Humanität eingesargt ist.

Der überstrapazierte Begriff Offenheit will sich von Moral nicht einengen lassen. Neoliberale Freiheit ist Freiheit von jeglicher Moral. Moral ist Fesselung der Dynamik des bergeversetzenden Übermenschen. Theologen sprechen von Antinomismus. Der Berserker der Gegenwart will sich von Gesetzen nicht an die Leine legen lassen.

Im Gegensatz zum Liberalismus des Adam Smith will der Neoliberalismus sich von Fesseln der Moral befreien, wenn er sich vom Staat befreien will. Staat ist für den freiheitlichen Unternehmer – der keine Grenzen seines Tuns anerkennt – Inbegriff des kleinlichen Spießers.

Hier schlägt Augustins Staatsverständnis durch. Der Staat ist eine üble Horde, doch notwendig zur Aufrechterhaltung eines gesetzlichen Minimums. Im Gegensatz zur antinomischen ecclesia triumphans, die sich an keine Gesetze der Ungläubigen halten muss und sich prozessual unbegrenzt dem Jenseits entgegenstreckt.

Die deutsche Romantik vereinigte zwei Elemente, die man voneinander trennen muss. Ihre berechtigte Kritik am angelsächsisch-naturfeindlichen Kapitalismus verbanden sie mit der Feindschaft gegen die Rationalität der Aufklärung. Natur wollten sie nicht berechnen, sondern empathisch verstehen.

Hegels Naturphilosophie und Goethes Farbenlehre waren lange ein Hindernis für die Übernahme einer mathematisch-experimentellen Naturwissenschaft, die erst in Bismarcks Zeiten zur Weltspitze aufschloss.

Popper war allergisch gegen Hegels phantastische Innenschau der Natur, die identisch war mit Fausts Programm:

„Drum hab‘ ich mich der Magie ergeben,

ob mir durch Geistes Kraft und Mund

Nicht manch Geheimnis werde kund;

Dass ich nicht mehr mit saurem Schweiß,

Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;

Dass ich erkenne, was die Welt

Im Innersten zusammenhält.“

Das Geständnis des Nichtwissens ist der Beginn jedes überprüfbaren Wissens. Ins Innere der Natur kann niemand unmittelbar schauen. Wir können nur begründete Vermutungen anstellen, selbst in den härtesten Naturwissenschaften.

Auch Novalis wollte ohne Zahlen und Figuren ins Innere der Natur kriechen:

„Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Sind Schlüssel aller Kreaturen

Wenn die, so singen oder küssen,

Mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt ins freye Leben

Und in die Welt wird zurück begeben,

Wenn dann sich wieder Licht und Schatten

Zu ächter Klarheit werden gatten,

Und man in Mährchen und Gedichten

Erkennt die wahren Weltgeschichten,

Dann fliegt vor Einem geheimen Wort

Das ganze verkehrte Wesen fort.“

Märchen und Gedichte sollten uns das Wesen der Dinge offenbaren, nicht schnöde Mathematik und rationales Denken. Das eine geheime Wort ist das Schlüsselwort der Offenbarung, das Abrakadabra der Allwissenden.

Die Romantiker sagten der Aufklärung Ade. Nicht kalte Vernunftmenschen, sondern die Singenden und Küssenden verstehen die Welt – was ja nicht ganz falsch ist. Den Weg des Eros aber gingen die deutschen Nachromantiker nicht. Heute wird Rationalität mit ökonomischem Egoismus, Eros mit Sentimentalität gleichgesetzt.

Bleibt in der Moderne die Zukunft wirklich offen? Natürlich nicht. Hinter dem Verbot eines rational-humanen Ziels der Menschheit verbirgt sich die Gewissheit einer unvermeidlich kommenden Weltkatastrophe, die das Nahen des Messias erst ermöglicht. Je länger der Messias ausbleibt, je unausweichlicher wird die Pflicht zur selbsterfüllenden Prophezeiung der finalen Apokalypse:

„Aber die jetzigen Himmel und die jetzige Erde sind durch das gleiche Wort für das Feuer aufgespart und werden aufbehalten für den Tag des Gerichts und des Verderbens der gottlosen Menschen.“

Ein rationales Welterrettungsprogramm musste in Warschau verhindert werden. Nur Ungläubige haben das Telos, die Zukunft der Menschen im Einklang mit der Natur zu planen. Wahre Gläubige müssen dieses blasphemische Ziel verhindern.

Es ist nicht so, dass die ganze Menschheit versagen muss. Es ist aber so, dass endzeitliche Apokalyptiker den heidnischen Finalisten die Rettung der sündigen Natur vermasseln müssen. Die Länder des christlichen Westens müssen die Natur zugrunde richten, damit der Herr eine Chance erhält, zu den Seinen zurückzukehren und Gericht über die Welt zu halten.

Was ist zu tun? Junge Menschen spüren immer mehr, dass sie an die Wurzel gehen müssen. Die Wurzel aller Dinge ist für Münchner Studenten Karl Marx, der dem Bourgeois-Kapitalismus eine Alternative entgegen setzte. Wirklich?

Wie kann man wissenschaftlich arbeiten, wenn man unerkannt bleiben will? Wenn man Angst vor staatlicher Repression haben muss? In welchen Zeiten leben wir, dass die Lektüre eines überschätzten Buches in Furcht und Angst versetzen kann? (Jana Gioia Baurmann im SPIEGEL)

Woran erkennt man heilige Bücher? Dass man sie nicht versteht. Dass man sie beliebig neudeuten, also verfälschen kann – und sie dennoch immer Recht behalten.

Bei Marx steht das Wort antediluvianisch, womit er zu erkennen gibt, dass auch er ein Anhänger der Heilsgeschichte ist. Die Studenten lesen Marx als genialen Ökonomen. Doch Ökonomie ist für Marx nur eine Tarnkappe für dialektische Heilsgeschichte. Nicht anders als bei Hayek, dessen Evolution die Menschheit ganz nach Belieben in Erwählte und Verworfene selektiert.

Auch Marx will die Wiederkunft des Messias berechnen, dem er den Namen Reich der Freiheit gab. Doch auch seine Berechnungen gehen ins Leere. Am Ende muss er alles dem Zeitplan des Seins überlassen. Der Mensch macht seine Geschichte, weil die Geschichte den Menschen macht. Das Bewusstsein – der rationale Mensch – ist unfähig, aus eigener Kraft die Geschichte zu verändern.

Also wachet und harret, ihr Marxisten, Exmarxisten und Sozialisten, bis die Geschichte euch entgegenkommt und das erlösende Sein vor der Pforte steht. Wie Christen alles vom allmächtigen Herrn der Geschichte erwarten, müssen Marxisten alles vom allmächtigen Sein erwarten.

Von unbedeutenden Gerechtigkeitsfragen abgesehen, sind Sozialismus und Kapitalismus Brüder im Geist. Entweder müssen sie das Ende der Geschichte passiv erwarten oder es mit selbsterfüllenden Katastrophen selbst herbeiführen. Die Qual soll allmählich ein Ende haben.

Weder Ost noch West hatten an einem gelingenden Warschau-Gipfel ein elementares Interesse.

Wer sich selbst und andere kennt,

Wird auch hier erkennen:

Orient und Okzident

Sind nicht mehr zu trennen.