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nichtsdesto-TROTZ XXVII

Tagesmail vom 07.06.2021

nichtsdesto-TROTZ XXVII,

was will die Kanzlerin einst in Geschichtsbüchern über sich lesen?

Dass sie die deutsche Gesellschaft besser und gerechter gemacht, die EU gefestigt, den Frieden der Welt gestärkt hat?

„Bis zum Schluss soll gelten, was sie jüngst auf die Frage antwortete, was sie nicht über sich in Geschichtsbüchern lesen wolle: „Dass ich faul war.““ (Sueddeutsche.de)

Als die Christen das marode römische Reich übernahmen, waren sie überzeugt, dass diese Welt den Untergang verdient hatte. Sie hofften auf eine neue Welt und betätigten sich als Totengräber der alten, um sich als Herren dieser neuen zu präsentieren.

Gemäß dem Motto eines ihrer theologischen Vordenkers:
„Sie weilen auf der Erde, aber ihr Wandel ist im Himmel.“

Ein moderner Kommentator:

„Mochten die Christen sich noch so sehr für mustergültige Staatsbürger halten, insgeheim untergruben sie restlos die Legitimationsbasis der kaiserlichen Gewalt, um sie im Namen Jesu Christi durch radikale Gegenpositionen zu ersetzen. Inmitten der sie umgebenden Bevölkerung empfanden sie sich als Kontrastgesellschaft. Mit ihren Vorstellungen über christliche Andersartigkeit, nicht von dieser Welt zu sein, und ihrem Abscheu vor dem moralischen Niedergang der heidnischen Gesellschaft ermutigten die Kirchenväter ihre Gläubigen zur Absonderung und politischen Verweigerung.“ (in „Rom und das himmlische Jerusalem, Die frühen Christen zwischen Anpassung und Ablehnung“, Raban von Haehling (Hrsg.) )

Gab es damals eine sinnvolle Auseinandersetzung zwischen Heiden und Christen?

A) Die ersten Kirchenväter, oft noch griechisch erzogen, suchten krampfhaft nach Synthesen aus heidnischer Vernunft und jenseitigem Glauben.

B) Je mehr aber die Christen das Reich beherrschten, je hasserfüllter wurde ihr Ton gegen Andersgläubige. Dem Ton folgte das entsprechende Tun: die neuen Herren in Christo begannen ihr systematisches Zerstörungswerk der römisch-griechischen Kultur. Tempel, Heiligtümer, die hervorragenden Bibliotheken der Heiden: alles Nichtchristliche wurde dem Erdboden gleich gemacht.

Wie lautet hingegen die heutige Geschichtsfälschung des Abendlandes? Die Römer hätten die Christengemeinden rücksichtslos verfolgt, vor den Kadi geschleppt und zum Tode verurteilt.

Faule Kompromisse und vernichtende Abweisung: diese unvereinbaren Polaritäten zwischen irdischem Denken und überirdischen Glauben führten zum ewig schwankenden Hin und Her der abendländischen Entwicklung.

Wie kann eine unfehlbare Religion sich mit dieser teuflisch verhassten Welt vertragen?

„Beansprucht eine Religion für sich, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein, ist es unmöglich, sich mit ihr argumentativ auseinanderzusetzen, da logische Argumente zum elementaren Rüstzeug der Auseinandersetzung gehören. Mögen andere auch Argumente bringen, schreibt Tertullian, so wird doch die Wahrheit siegen. Typisch für die Art und Weise christlicher Debatten sind kompromisslose Direktheit und Verfluchung der Ungläubigen. Christen wurden ermahnt, sich von Andersgläubigen abzugrenzen. Sie sollten keine Gemeinschaft haben mit Heiden, Ungläubigen, Habgierigen, Götzendienern, Lästerern, Trunkenbolden oder Räubern, mit solchen Leuten sollten Gläubige nicht mal essen. Nichtchristen sollte man nicht ins Haus lassen, nicht einmal grüßen. Wer auch immer mit dem Christentum in Berührung kam, übernahm dessen jüdisches Erbe – die Auffassung, das auserwählte Volk zu sein, exklusiv die Wahrheit gefunden zu haben, von Feinden und vom Bösen umgeben zu sein. Bei Bischof Johannes Chrysostomus war nichts zu finden von Vergebung und Feindesliebe. Es zählt der Psalmspruch: „Ich jage meinen Feinden nach und kehre nicht um, bis sie völlig vernichtet sind.“ Bischof Epiphanius von Salamis liebte es, von „Schlangen und Skorpionen“ zu reden, mit denen er die Ungläubigen verglich. Dazu zitierte er das Wort Jesu: „Sehet, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch beschädigen.“ (in „Ein neuer Gott für die alte Welt“ von Manfred Clauss)

Beeindruckende Worte der Nächstenliebe aus einem heiligen Buch, das der Welt die Botschaft des Himmels als universelle Moral verkündet. Die Frommen schmücken sich heute mit salbungsvollen Texten, die Worte unversöhnlichen Hasses gegen Andersgläubige hingegen werden verschwiegen und vertuscht.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – doch wehe jenem, wenn er dieses Gebot nicht als Botschaft des Himmels akzeptiert: tritt ihm auf den Kopf, bis er keinen Mucks mehr macht. Das wäre die Synthese polarer biblischen Imperative. Weder Christen noch Juden wollen die Antinomie ihrer Religion zur Kenntnis nehmen – mit Ausnahme jüdischer Aufklärer, die heute nicht mehr zur Kenntnis genommen werden.

Was ist der Unterschied zwischen damals und heute?

Abendländer betrachten die Welt nicht mehr pauschal als heidnische. In 2000 Jahren waren ja sie es, die diese verkommene Welt in eine neue verwandelten. Sie warteten nicht passiv auf die Wiederkehr des Herrn. Für sie war Heilsgeschichte die ideale Vorbereitungszeit, um die Erneuerung der Welt aus eigener Kraft in die verheißene voranzutreiben.

Sie sind stolz auf ihre moderne Welt unendlichen Fortschritts, grenzenloser Macht und endlosen Wirtschaftswachstums. Insofern sind sie vollkommen, selbst wenn sie noch immer Sünder sind. Diese Sünden sind ihnen als Kinder Gottes vergeben.

Da sie auf dem Weg der Vollkommenheit sind, muss auch ihre erschaffene Welt bereits eine vollkommene sein.

Jetzt kommt das Problem: wie kann diese vollkommene Welt untrügliche Anzeichen des Niedergangs und der Selbstauflösung zeigen?

Was nicht sein darf, kann nicht sein: die Erschaffer des irdischen Paradieses haben gewaltige Probleme, die Hinfälligkeit ihrer neuen Welt wahrzunehmen. Sie verleumden Zahlen und Fakten der warnenden Wissenschaftler als Hirngespinste, Übertreibungen oder falsche Interpretationen.

Den Kampf der Urchristen zwischen einer wahren und einer falschen Welt erleben sie nicht als Kampf zweier realer Welten, sondern als inneren Konflikt ihres gespaltenen Bewusstseins. Den innerpsychischen Konflikt kann man mit bekannten Schuldzuweisungen verdrängen: wer unfähig ist, den Sieg der neuen Welt zu konstatieren, sei neidisch auf die Sieger. Sie seien Loser, die mit der phantastischen Entwicklung der Moderne nicht Schritt halten konnten. Sie seien Ewiggestrige, die den rasenden Fortschritt nicht verkraften können. Sie seien Rückwärtsgewandte, die nicht offen sind für die atemberaubenden Möglichkeiten der Wissenschaft und Technik.

Der einstige Konflikt zweier feindseliger Welten wurde längst zum Problem eines gespaltenen Bewusstseins verinnerlicht.

Wurden die logischen Argumente der Heiden von den Urchristen als Teufelszeug abgelehnt, wird heute die Überprüfungsinstanz der Logik noch immer abgelehnt, diesmal gar von Wissenschaftsgläubigen, die im technischen Bereich mathematische Logik durchaus anerkennen, in politischen und intellektuellen Diskursen aber vehement ablehnen. Weshalb sich vornehme Deutsche als Dialektiker bezeichnen.

Der äußere Konflikt zweier unverträglicher Welten wurde zum gespaltenen Bewusstsein der Moderne. Deutsche Christen wollen den Glauben ihrer Väter nicht verraten, aber die apokalyptischen Erwartungen ihrer Religion halten sie für Mumpitz. Sie wissen auch nicht, dass diese Glaubenselemente in ihrer Heiligen Schrift geschrieben stehen. Und selbst wenn sie dort stünden, was soll‘s? Eine elegante hermeneutische Volte – und die alten Zöpfe sind passé.

Das Wort, sie sollen lassen stahn – oder aber dem Zeitgeist opfern. Nichts Wendigeres als theologische Zeitgeistbücklinge.

Doch alles Verleugnen und Verdrängen hilft nichts, wenn die Zeichen am Himmel immer dräuender werden. Allmählich spüren sie, dass sie ihre Bipolarität durch hartnäckiges Ignorieren nicht loswerden können.

Einerseits müssen sie ihrer Neurose nicht gewahr werden. Denn Massenneurose schützt vor Einzelneurose. Andererseits werden die Hitzewellen immer ungemütlicher, die Wälder verbrennen. Schon kommen die ersten Meldungen aus Berlin-Brandenburg: das Wasser wird knapp. Merkwürdig, dass die Verkünder dieser Alarmmeldung keinen Wert darauf legen, Gegenmaßnahmen zu erkunden oder zuständige Politiker ins Kreuzfeuer zu nehmen.

Es gibt viele Methoden, den Kopf in den Sand zu stecken. Eine davon ist, eine Sensationsmeldung draus zu machen. Wer als erster die Katastrophe meldet, bleibt ungeschoren.

Das ist der unterschwellige Treibsand der momentanen politischen Situation. Wird demnächst alles wanken und weichen, damit die verdrängten Gefahren an die Oberfläche dringen – um bearbeitet zu werden? Probleme, die nicht klar vor Augen stehen, sind unlösbar.

Der Schock der Bewusstwerdung steht uns allen bevor. Die Wahlen in Sachsen-Anhalt schienen in einen gefährlichen Ruck nach rechts abzustürzen – doch in letzter Minute geschah, was im Land schon oft geschah: das Kreuzchen fand seinen Weg ins Verlässlich-Bekannte. Wenn‘s ernst wird im Land, muss man auf Vertrautes setzen. Der Schock-Absturz wurde vertagt. Werden die Bundestagswahlen die Augen öffnen?

Doch wie ist die Lage? Wie im alten Rom. Das zu sagen, ist verboten – sagen Historiker, die den Menschen verbieten, aus der Geschichte zu lernen, denn sie wiederhole sich nicht. Jeden Tag würde sie – mit Gottes Hilfe – von vorne beginnen. Historiker häufen Wissen an – um nichts zu wissen. Ihre Bildung darf für politische Zwecke nicht „ausgenutzt“ werden. Historiker sind Vorbilder jener Tagesschreiber, die nur berichten, was ist. Was sein soll, gehört nicht zu ihrem Metier. Experten sprechen von einem amoralischen Fakten-Positivismus.

Fast alle Wissenschaften negieren das Sollen, sie wollen nur wissen, was ist. Dass sie freilich mit ihrem Wissen Macht erringen wollen, halten sie für selbstverständlich. Was sie aber mit ihrer Macht anfangen sollen, das wissen sie nicht.

Doch, das wissen sie: sie bieten ihre neuen Erkenntnisse, die sie in technische Instrumente verwandeln, den Machthabern an, die nichts Besseres zu tun haben, als mit neuen Waffen die Konkurrenten auszustechen, um die Welt an die Leine zu legen.

Die selbst erteilte Erlaubnis, ihre Erkenntnisse in menschheitsbedrohende Maschinen zu verwandeln, ist der Moralfreiheit quantitativer Erkenntnisse geschuldet.

Auch Geschichtswissenschaft will eine reine, nur der Erkenntnis dienende objektive Wissenschaft sein. Also müssen sich Historiker jede polit-moralische Nutzanwendung verbieten. Alle Epochen der Geschichte seien unvergleichbar, praktische Schlussfolgerungen für das Tagesgeschehen würden sich von selbst verbieten.

Was ist deutsche Bildung? Ein Ballast von Wissen, das nicht für das Leben eingesetzt werden darf. Diese Bildung wird an hiesigen Schulen und Unis verbreitet. Für die Nutzlosigkeit ihrer Fakultät lassen sich die Experten teuer bezahlen.

Da wir aus der Geschichte nichts lernen, können wir auch keine Epochen ermitteln, mit denen wir uns vergleichen dürften. Vergleichbare Situationen könnten uns zur Einsicht führen, wie wir dieselben Fehler nicht wiederholen müssten. Wir würden uns auf die Schultern unserer Vorfahren stellen, um aus deren Katastrophen zu lernen und – weiterzukommen. Wäre das die Alten nicht großspurig ausgenutzt? Nie wieder Fehler der Vergangenheit: das wäre die Lehre unseres historischen Erkennens.

Gleichzeitig brüsten sie sich mit der Lehre: nie wieder Auschwitz. Auschwitz wollen sie vermeiden, indem sie die „Fehler“ der Deutschen, die zu Auschwitz führten, nicht mehr wiederholen. Was gilt denn nun? Die Formel „nie wieder Auschwitz“ oder die Formel der Historiker, die Epochen der Geschichte seien unvergleichbar? Wie könnten wir Auschwitz vermeiden, wenn wir das Verhängnis gar nicht erkennen?

An solch brutalen Widersprüchen erkennt man, dass es die Deutschen mit der Aufarbeitung ihrer Menschheitsverbrechen nicht ernst meinen. Würden sie es ernst meinen, müssten sie die gesamte Geschichte als Lernmaterial zulassen. Solange sie das nicht tun, wird es tief verwurzelten Antisemitismus im Lande geben. Auf bloße Verdächtigungen könnte man verzichten.

Leise, still und heimlich unterlaufen Historiker die Formel „nie wieder Auschwitz“ durch ihr allgemeines Erkenntnis- und Vergleichsverbot der Geschichte. Was nicht verglichen werden kann, kann nicht erkannt werden. Nicht die Rechten und Ultrarechten sind die gefährlichsten Antisemitismus-Verdächtigen, sondern die seriösen Geschichtswissenschaftler aus der Mitte der Gesellschaft.

Wie begründete Hegel seinen Satz: „Aus der Geschichte der Völker können wir lernen, dass die Völker aus der Geschichte nichts gelernt haben“? Mit seinem Glauben an Gott als Herrscher der Welt: „In der Geschichte soll die Idee vollbracht werden, Gott regiert in der Welt.“ Wenn Gott regiert, kommt menschliches Tun immer zu spät. Nicht aus der Geschichte lernen, heißt, den Menschen entmündigen.

Ergo vergleichen wir unsere Gegenwart mit dem Verfall des römischen Weltreichs. Wie beschreibt ein Experte das sterbende Rom?

„Wo immer Menschenmassen sich in erstickender Fülle ansammeln, wo immer Mieten steil ansteigen und die Wohnverhältnisse sich verschlechtern, wo immer einseitige Ausbeutung ferner Länder die Notwendigkeit aufhebt, in der Nähe für Gleichgewicht und Harmonie zu sorgen – dort kehren fast automatisch die Vorbilder römischer Bauweise wieder. Die Arena, die hohe Mietskaserne, die Massenschaustellungen und Ausstellungen, die Fußballspiele, die internationalen Schönheitswettbewerbe, die ständige Aufreizung durch Sex, Alkohol und Gewalttätigkeit- das alles ist echt römischer Stil. Das sind Symptome des nahendes Endes: Übersteigerungen entsittlichter Macht und Herabwürdigung des Lebens. Wenn diese Zeichen sich mehren, ist Nekropolis („die Todesstadt“) nahe, mag auch noch kein Stein zerfallen sein. Denn die Barbarei hat die Stadt bereits von innen her erobert. Komm, Henker! Geier, komm!“

Kurz: ein monströser Kapitalismus mit wenigen Superreichen und Massen an Elenden, in einer Gesellschaft, in der außer Brot-und-Spiele-Gaukeleien nichts mehr funktionierte, brach vollständig in sich zusammen. Ähnlichkeiten mit der Gegenwart wären rein zufällig??

Warum waren die Christen in der Lage, den kolossalen römischen Leichnam zu übernehmen? Für sie war alles positiv, was eigentlich negativ war. Die Christen verliehen allem, was den Heiden negativ war, einen neuen positiven Wert. Sie verwandelten körperliche Krankheit in seelische Gesundheit, Hungersnot in freiwilliges Fasten und den Verlust weltlicher Güter in Aussicht auf himmlisches Heil. Sogar die Sünde öffnete einen Weg zum Heil. Indem der Christ alles verwarf, was die heidnische Welt begehrt und hochgeschätzt hatte, tat er die ersten Schritte, um aus den Ruinen einen neuen Bau aufzurichten.“

Das war die Politik: durch Kreuz zur Krone. Verurteile die Welt zum Tod und du kannst die Leiche zum Nulltarif übernehmen, um sie zu neuem Leben zu erwecken – mit Gottes Hilfe.

Christen wurden zu Leichenbestattern Roms, um aus heidnischen Knochen einen neuen geistbehauchten christlichen Leib zu schaffen. Das wurde zum Grundgesetz des bald entstehenden Kapitalismus: lass alles verrotten und verelenden – und du kannst es fast kostenlos übernehmen, um etwas Neues daraus zu machen. Durch Kreuz zur Krone! Siehe, das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden.

Christen wollten die Welt beherrschen. Also unterstützten sie alles, was die bestehende Welt korrumpierte und zerstörte. Als alles am Kreuze hing, konnten sie gottgleich vom Punkte Null an beginnen. Was man heute nennt: Sich jeden Tag neu erfinden. Die Sterbebegleiter wurden zu neuen Herren der Welt. Mach alles schlecht, rede alles in Grund und Boden – und du kannst es zum Billigtarif erwerben und dein Himmelreich darauf errichten.

Nicht die Umkehr aller Werte war die Taktik der Christen, wie Nietzsche behauptete, sondern die Umkehr aller Mittel, um alte Werte der Macht in listiger Weise zu verwirklichen. Mach alles zu Ramsch und Plunder – und du kannst deine Kathedralen und barocken Schlösser auf ihnen erbauen. Heiden begnügten sich mit Beherrschen der Welt, die Christen wollten Himmel und Erde in ihre machtgierigen Hände bekommen.

Eben dies ist Merkels politische Strategie. Als lutherische Anhängerin Augustins verwaltet sie die civitas terrena so fahrlässig, dass diese so schnell wie möglich verschwinden und sich  in die civitas dei verwandeln soll. Auf keinen Fall darf sie die sündige Welt besser machen wollen. Das wäre blasphemische Werkgerechtigkeit. Doch eben dies, irdische Gerechtigkeit durch moralische Werke: das war der Sinn der griechischen Demokratie. Eben diese Gerechtigkeit wäre für Merkel die Sünde wider den Geist. Wie kann man auf die Idee kommen, eine Pastorentochter zur Lenkerin einer säkularen Demokratie zu wählen? Die Deutschen. Weil sie, trotz aller Widerstände gegen den lieben Jüngsten Tag, im Inneren dennoch spüren: unser Verstand ist nicht alles, gegen das selbstfabrizierte Verhängnis kann nur Gott selbst einschreiten.

Alle Auseinandersetzungen der Urchristen mit den Heiden wiederholen sich heute. Warum lehnen die Deutschen Besserwisser ab? Weil sie logische Argumente benutzen, die früher die Heiden auszeichneten. Es wurmt sie, dass sie der Vernunft des glaubensfreien Kopfes nichts Adäquates entgegen zu stellen haben. Sie hassen die autonome Moral der irdischen Vernunft, weil sie sich in ihrem sündigen Tun heillos unterlegen fühlen.

Darum lehnen sie es ab, sich vom Staat erziehen zu lassen. Längst sind sie perfekt und müssen sich von niemandem mehr erziehen lassen. Schon gar nicht von den Grünen, die mit staatlicher Erziehungsgewalt die Menschen zu Untertanen degradieren wollen.

Die Bürger sind dem eigenen Staate nicht vorsichtig genug, nicht öko genug, nicht politisch korrekt genug. Geht’s noch? Der Staat ist weder Lehrer noch Gebieter, sondern unser Diener. In der Politik scheinen das einige vergessen zu haben. Wir sollten sie dringend daran erinnern.“ (BILD.de

Nie wird hierzulande von „Demokratie“ gesprochen. Immer muss es der böse Staat sein, den sie jahrhundertelang vergötzten und heute nur noch als Hindernis bei der Jagd nach größerem Wohlstand betrachten. Eine Demokratie ist kein Staat, sondern die Herrschaft des Volkes. Wenn das Volk Falsches tut, muss es kritisiert werden. Wenn eine gewählte Regierung gegen den Willen des Volkes Falsches tut, muss sie kritisiert oder abgewählt werden.

Was ist der Sinn einer Demokratie? Dass wir uns gegenseitig zu humanen Wesen erziehen. Mit humanen Gesetzen und prüfender Logik. Paideia nannte Werner Jaeger die Pädagogik der Demokratie.

„Der Grieche ist der Philosoph unter den Völkern. Den Griechen dämmerte die Erkenntnis, dass Erziehung ein Prozess bewussten Aufbauens sein muss. Ihre Entdeckung des Menschen ist die Bewusstwerdung der allgemeinen Wesensgesetze des Menschen. Das geistige Prinzip der Griechen ist nicht der Individualismus, sondern der Humanismus. Humanismus kommt von humanitas, der Erziehung des Menschen zu seiner wahren Form, dem eigentlichen Menschsein.“ (Paideia)

Man muss nicht mit allem einverstanden sein, was Jaeger unter demokratischer Politik verstand. Doch die Grundidee der Polis als öffentliche, auf Gegenseitigkeit beruhende, mit Argumenten auszufechtende Erziehung zur Humanität, das war das Lebenselement einer vitalen Demokratie.

Der Kapitalismus erzieht Menschen, nein, manipuliert sie durch ein ständiges Reiz-Reaktionsgewitter zu bewusstseinslosen Konsumenten. Es ist eine eigenmächtige Wirtschaft, die sich alle demokratischen Interventionen verbietet, weil sie glaubt, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Ungewählt hält sie sich für befugt, das Leben der Abhängigen von morgens bis abends zu reglementieren. Diese selbsterwählte Macht mitten in der gewählten Macht muss zerschlagen werden. Sie verstößt gegen fast alle Regeln der Herrschaft durch das Volk und seine gewählte Regierung.

Der stolze Gedanke einer mündigen Erziehung war unvereinbar mit der christlichen Degradierung, Christen seien zu nichts fähig außer zur Sünde, weshalb Gott ihnen zu Hilfe kommen müsse. Werner Jaeger:

„Kann der Mensch aus eigener Kraft zum Besitz der Arete (Tugend) gelangen? Gregor verneint die Frage: als Christ sieht er die Möglichkeit dazu einzig mit Hilfe der göttlichen Gnade.“

Noch deutlicher Henri Irenee Marrou in seinem Buch „Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum“:

„Es war ein tiefer Gegensatz, der die Bildung der Griechen vom Christentum trennte. Die Christen der ersten Jahrhunderte waren sich dieses Gegensatzes voll bewusst: „Was hat Athen mit Jerusalem, die Akademie mit der Kirche gemein?“

Wer dennoch, etwa aus beruflichen Gründen, sich mit dem Heidnischen vertraut machen musste, sollte sich benehmen wie einer, „der sich mit vollem Bewusstsein Gift vorsetzen lässt, sich aber hütet, zu trinken.“

Bildung ist keine instrumentelle Ausbildung in Techniken, um die Gesellschaft zu erobern. Sie ist ein lebenslanges Lernen, sich mit Denken und Tun, Streiten und Verständigen, Debattieren und Abstimmen, gegenseitig zur Humanität zu erziehen. Nur so kann aus einer wilden Horde eine menschliche Gesellschaft erwachsen.

Sich der Humanisierung der Demokratie zu widmen: diesem Ziel hat sich die Kanzlerin als Herrin der civitas diaboli hartnäckig verweigert. In der Sterbebegleitung einer morbiden Gesellschaft – war sie vorbildlich fleißig.

Fortsetzung folgt.