Kategorien
Tagesmail

nichtsdesto-TROTZ LXVI

Tagesmail vom 06.09.2021

nichtsdesto-TROTZ LXVI,

kurz vor dem Abschied öffnen sich die medialen Schleusen der Merkelkritik. Fast 16 Jahre lang gab es – abgesehen vom wirren Beginn ihres Aufstiegs – eine unerschütterliche Bewunderung des neuen Politstils der Kanzlerin: zuverlässig, berechenbar, persönlich bescheiden, das Gegenteil ihrer Machismo-Vorgänger: eine Erholung für Deutschland, das der Hahnenkämpfe der Männer überdrüssig geworden war.

Als einzige mächtige Frau der Welt profitierte sie vom Kontrast zu spätpubertierenden Selbstdarstellern à la Trump, Putin, Orban, Bolsonaro, Erdogan, Netanjahu, Schröder und Johnson. Nur Obama hätte ihrem Ruhm gefährlich werden können – wenn es ihm gelungen wäre, seinen fulminanten Reden überzeugende Taten folgen zu lassen.

Der Herr der Geschichte muss ein Feminist sein, dass er so günstige Kontrastbedingungen für eine weibliche Politikerin schuf. Doch war ihre Politik, nicht nur im Stil, sondern auch im Inhalt, wirklich feministisch? Sie – eine Feministin? Aber nein, hatte sie im Beisein der Trumptochter abwehrend kokettiert.

Die Kritik der Edelschreiber ist zugleich eine entlarvende Selbstkritik an ihrem eigenen Prätorianerverhalten, mit dem sie die Mutterfigur wie eine Phalanx umgaben. War sie tatsächlich eine nationale Mutterfigur? Alice Schwarzer meldet Zweifel an.

Die Pastorentochter aus der DDR, schnell vertraut mit den westlichen Verhältnissen, wurde zum Exportschlager Deutschlands in der Welt. Ein lebender Beweis für die erfolgreiche Wiedervereinigung zweier, bislang unverträglicher, Politsysteme. Die Journalisten mussten nur ihren Namen nennen, um die Qualität des „made in Germany“ jedem Zweifel zu entziehen.

Die Kritik der Medien an Merkel wird zur unbewussten Selbstkritik. Würden sie das erkennen, wäre es für sie eine Gelegenheit, gründlich vor der eigenen Türe zu kehren. Doch ohne ein glühendes Zeichen vom Himmel wird das vermutlich nicht geschehen.

Die scheinbaren Vorzüge der Merkel-Politik sind auch ihre eigenen: keine utopischen Träume, kein Infrage stellen des Erfolgreichen, keine moralische Besserwisserei, die Wirtschaft im Mittelpunkt, die Bewunderung des technischen Fortschritts – in Amerika, die profillose Außenpolitik, das sich Verlassen auf den Schutzschild des großen Bruders, das Abblättern humanistischer Werte, die Duckmäuserei in internationalen Streitfragen, der grassierende nationale Egoismus, die Schwächung der europäischen Solidarität.

 Nachteile? Gab es nicht, denn auch Merkels Politik war fast unfehlbar.

Kritik als Besserwisserei und faschistoides Moralisieren wurde immer unerwünschter. Selbst Kabarettisten fordern inzwischen, dass Andersdenkende in TV-Gespräche nicht eingeladen werden sollten.

Ein „Bürgergespräch“ in TV, das heute Abend seit vielen Jahren wieder stattfinden darf, wird beworben mit der Formel: das ist gelebte Demokratie. Was waren die Jahre ohne „Bürgergespräche“? Eine absterbende Demokratie?

Zur nationalen Selbstbewunderung gehört das Leugnen jeglicher Schuld – oder das Verschieben der Schuld weg von der heiligen Mitte an die Ränder der Gesellschaft, wo sie sich als Querulanten, Populisten, Verschwörungstheoretiker, Impfgegner oder esoterische Sektierern dreist und frech auf der Straße tummeln.

Eine Schuld, die als unbewältigte Last der Vergangenheit die Gegenwart vergiftet, kann es nicht geben, denn Zukunftsvergötzung vertilgt jede Vergangenheit. Alles erfindet sich täglich neu – weshalb sie so stolz sind auf die gleichbleibende Berechenbarkeit ihrer Politik.

Die Erforschung der Vergangenheit, um die Gefahrenquellen der Gegenwart zu erkennen, ist ohnehin ein Sakrileg. Was hat Vergangenheit mit der Gegenwart zu tun, wenn an jedem Tag die Geschichte von vorne beginnt? Wie der Fromme durch Vergebung seiner Sünden unbelastet von vorne beginnt, so ist es mit der Politik der Pastorentochter. Schau nie zurück in Zorn, Zerknirschung oder Schuld, oh Angela!

„Weswegen auch der oben beschriebene Journalismus, der auf das Freilegen böser Motive und Machenschaften zielt, für die Gefahren des 21. Jahrhunderts ungefähr so geeignet ist wie die Wasserpistole für den Waldbrand.“ (Ulrich)

Die Verdrängung der Vergangenheit passte zu Merkels Verdrängung ihrer DDR-Vergangenheit. Wie neugeboren schwamm sie in der Erfolgsspur des westlichen Kapitalismus. Probleme? Welche Probleme?

Sollte sie tatsächlich hie und da versagt haben: wer, bitte schön, hätte an in ihrer Stelle die Probleme lösen können?

Ihre medialen Verteidiger sind erprobt im Rechtfertigen der zu Unrecht angegriffenen Mutter:

„Auch das ist dann eben ein Ergebnis von 16 Jahren eines guten Menschen im Kanzleramt: Die Grundlagen für ein gutes menschliches Leben und damit die materiellen Voraussetzungen für die Demokratie sind tatsächlich in Gefahr. Konnte Merkel das alles wissen? Musste sie es? Wenn ja, ab wann? Wie sehr beschädigt es ihr politisches Werk? Wer will das schon beurteilen? Ich jedenfalls nicht.“ (Ulrich, DIE ZEIT)

Wenn schon ein renommierter Journalist sich nicht zutraut, die Fragen der Zeit zu beantworten, wer würde sich erdreisten, es besser zu machen?

„In der Beurteilung der Regierungszeit Merkels zählen wie bei jedem anderen Regierungschef mindestens zwei Kategorien: „richtig oder falsch?“ und „genug oder zu wenig?“ Für beide gibt es allerdings keine letztgültigen Antworten. So wie die getroffenen Entscheidungen unterliegt auch die Bewertung ihrer Wirksamkeit der politischen Auseinandersetzung. In der Kategorie „richtig oder falsch“ wird das bei keinem Thema so deutlich wie in der Flüchtlingspolitik. Die einen halten sie für das größte Verdienst Merkels in ihrer ganzen Kanzlerschaft, die anderen für einen historischen Fehler.“ (Sueddeutsche.de)

Gibt es keine „letztgültigen Antworten“, darf sich niemand erkühnen, es besser gewusst zu haben als die Einser-Schülerin. Ein blendendes Zeugnis ist in Deutschland die General-Lizenz für unwiderstehlichen Erfolg. 

Gewiss doch, euer Ehren, niemand ist perfekt, niemand ist allmächtig. Alle sind nur Stückwerker vor Gott. Wann also wäre die Forderung nach Rücktritt berechtigt? Keineswegs schon dann, wenn ein Politiker die Gründe seines Versagens klar auf den Tisch legen würde. Jeder könnte sich dann ein Urteil bilden und entscheiden, ob er die Konkurrenten für geeigneter hielte.

Rationales Urteilen ist stets der Vergleich von Reden und Handeln, Versprechen und Einhalten. Hier schon steckt für SPD-Müntefering („Opposition ist Mist“) die Crux: es sei unfair, einen Politiker nach seinen Wahlkampfversprechen zu beurteilen. Wer in einer Koalition zu Kompromissen gezwungen wäre, könnte die Ideale seines Parteiprogramms nie in Realität verwandeln.

Das sollte doch jeder wissen – oder? Warum nur verschweigen die Politiker diese Trivialität und versprechen ihren Wählern das Blaue vom Himmel? Im Wahlkampf geben sie sich omnipotent, nach Fehlern impotent – aber immer unschuldig.

Noch vor kurzem gab es keinerlei Kritik an Merkel durch die Vierte Gewalt, die sich rühmt, den Mächtigen auf die Finger zu klopfen. Das klang etwa so:

„Das ist Angela Merkel. Das unterscheidet sie von ihren Vorgängern: die selbstverständliche Selbstverständlichkeit der Pflicht. Sie regiert und regiert und regiert nach ihrem gewohnten Takt. Sie macht keine Mätzchen, dreht keine Pirouetten, bleibt bei der Sache – ziemlich interessiert auch an innenpolitischen Details.“ (Sueddeutsche.de)

Wie der VW läuft und läuft, so läuft die Kanzlerin, bis sie in der Ferne nicht mehr gesehen wird. Mag sein, dass sie persönlich bis ans Ende der Welt läuft: nur, was ist mit der Welt? Mit der Natur und der Menschheit? Laufen sie alle unermüdlich bis ans Ende der Zeit? Unterwegs sein ist alles, das Ziel ist nichts?

Moment: gibt es für Merkel überhaupt ein benennbares Ziel? Oder steht bei ihr jedes Ziel unter Utopieverdacht?

Der folgende Artikel wäre gestern noch unmöglich gewesen:

„Sie erzählt von ihrem Vater, dem Pastor, der immer eine Sehnsucht hatte nach einem gerechteren Leben. Merkel sagt, sie sei da anders, sie brauche das nicht, sie habeSehnsucht nach dem Machbaren“. In dem Interview sagt sie, sie möge Kompromisse in der Politik, aber sie sehe auch die Gefahr, bei zu viel Kompromiss die eigene Wahrhaftigkeit zu verlieren. Man würde sie heute gerne fragen, ob sie deswegen irgendwann beschlossen hat, den Kompromiss als politische Kategorie aufzulösen – und einfach überhaupt keine Position mehr zu beziehen, der man dann einen Kompromiss abringen müsste. Man würde sie gerne fragen, ob sie diese Methode Merkel auch deshalb zur Perfektion getrieben hat, um ein politisches Scheitern praktisch auszuschließen. Zur Methode Merkel gehört längst, dass der Rücktritt weitestgehend aus der Politik verschwunden ist. Vermutlich hält sie das Politikverständnis von Obama für einen Fehler: Wer die großen Pläne macht, droht zu scheitern. Zugegeben, es hätte Mut gekostet, eine wirkliche Diskussion über die Zukunft zu führen. Ohne Fehler zuzugeben, geht so was nicht. Angela Merkel wollte dies nicht. Einer fragt sie, was sie denn tun könnten, um sie in ihrem Kampf zu unterstützen. Merkel antwortete: Bilden Sie wirre Bündnisse. Wieder großer Zuspruch. Was für eine Formulierung, was für eine kluge Frau. Sie hörte zu und sagte: Ich habe früh in diesem Amt eine Grundsatzentscheidung getroffen, ich gebe alles, was ich kann. Und fügte hinzu: Aber nicht mehr. Sie nimmt ein Detail heraus, versteckt sich geradezu dahinter – und lässt das große Bild links liegen. Aber für was bat die Kanzlerin um Verzeihung? Für die Rücknahme einer unbedeutenden Entscheidung. Die Wursttheke hat jetzt doch am Gründonnerstag geöffnet. Wie sich wohl die schwer Betroffenen gefühlt haben, als sie dieser Erklärung ihrer Kanzlerin zugehört haben? War das einer dieser Momente, an dem Menschen beschließen, sich von der Demokratie abzuwenden, weil sie die Verlogenheit nicht mehr ertragen.“ (ZEIT.de)

Unerhört, Merkels Politik für verlogen zu erklären. Eine Pastorentochter, die in pathetischen Reden die christlichen Werte des Abendlands betont, weigert sich, eine gerechte Politik anzustreben? Unerhört.

Fragte ein Interviewer die Kanzlerin je nach den christlichen Werten ihrer Politik? Aber hören Sie mal, ich bin in einer pastoralen Familie aufgewachsen. Schon was von Nächstenliebe gehört? – Aber gewiss doch, gnädige Frau. Nur, entspricht das Flüchtlingselend auf dem Mittelmeer noch den Maximen einer christlichen Politik?

Von den Widersprüchen dieser Politik nicht zu reden. Klaffende Widersprüche in der Politik sind ohnehin belanglos. Wie kann man sich um seine Wahrhaftigkeit sorgen, wenn man sich das Ziel einer gerechten Politik verbietet? Wahrhaftig kann man nur sein, wenn man eine wahre Politik anstrebt. Eine wahre Politik ist der Versuch, eine auf Wahrheit gegründete Moral in die menschlichen Lebensumstände einzubringen.

Nur eine Kanzlerin, für die Gerechtigkeit belanglos ist, kann den absurden Begriff erfinden: marktkonforme Demokratie. Eine Definition mit Widerspruch im Beiwort. Eine Demokratie, die sich dem Markt unterwerfen muss, wie der Christ seiner gottgegebenen Obrigkeit.

Kein Journalist traut sich, im frömmelnden Deutschland die selbstverständlichste Frage der Welt zu stellen: Angela, wie hältst du es mit deinem Glauben in einer bösen Welt?

Und niemand macht sich die Mühe, bei Luther selbst nachzuschlagen, was er unter christlicher Politik versteht. Würde man das Gleichnis vom barmherzigen Samariter lesen, wüsste man, was die Direktiven einer frommen Politik sind. Zuerst eine singuläre Tat mit hochethischer Selbstdarstellung, danach wird das Opfer bei der erstbesten Gelegenheit – abgeschoben.

So Merkels Flüchtlingspolitik. Zuerst die vorbildliche Aktion, danach die belanglose Realisierung durch die Untertanen. Christliche Almosenpolitik ist kein Beitrag zur Humanisierung der Welt, sondern nur ein Zeichen, um sich die eigene Seligkeit zu erkaufen.

Seit Merkels Prägung der Politik gibt es keine Rücktritte mehr. Warum? Weil sie alle Kriterien der Überprüfbarkeit prophylaktisch abgebaut hat. Poppers Kriterien der Überprüfung einer Theorie kennt die Physikerin nicht. Was gewissen Kriterien nicht standhält, kann unmöglich wahr sein.

Sie gibt alles, was sie kann – keinen Deut mehr. Doch wenn das, was sie kann, nicht ausreicht, um dringende Probleme zu lösen, was dann? Müsste sie nicht zurücktreten? Müsste sie nicht längst zurückgetreten sein, weil sie bei vielen relevanten Fragen scheiterte?

Einwand: kann sie wirklich für allen Schwachsinn dieser Republik verantwortlich gemacht werden? Ja, sie muss. Denn sie steht für den Geist der nationalen Politik. Alles selber machen, das kann sie nicht. Was sie aber unbedingt tun müsste: sie hätte die Pflicht, im ständigen Gespräch, mit Reden und Taten, ihre Untertanen anzuspornen, eine humane Polis zu gestalten.

Was voraussetzen würde, dass sie die historischen Ursachen der deutschen Befindlichkeit verstehen und erklären könnte. Da scheitert sie auf der ganzen Linie – wegen historischer Ignoranz. Geistesgeschichtlich oder philosophisch ist sie eine Niete, weshalb sie unfähig ist, die Ursachen der gesellschaftlichen Wundmale zu verstehen, geschweige die richtigen Therapien vorzuschlagen.

Gibt es schreckliche Verbrechen in der Republik, reagiert sie stets mit verständnislosen Affektfloskeln: ich bin erschüttert. Nach Gründen der Schandtaten fragt sie nie. Dasselbe bei antisemitischen Gewalttaten. Hat sie je Aufklärendes über die Entstehungsgründe des Antisemitismus im christlichen Glauben gesprochen? Nicht die deutsche Sprache hat keine Begriffe, um das Entsetzliche zu benennen, sondern sie selbst.

Seit Beginn ihrer Amtszeit regiert sie die Nation mit ich-vergessenen Wortblasen. Stets versteckt sie sich hinter dem anonymen Wir, welches Heidegger das Man der Uneigentlichkeit nannte. Ich bin doch nur eine von euch – meine Macht aber gehört mir allein.

Fehler zugeben wie Obama, der eine selbstkritische Biografie über seine Amtszeit schrieb: das ist für die Kanzlerin unmöglich. Wenn sie um Verzeihung bittet wegen einer Kleinigkeit, zeigt sie sich als geübte Vollstreckerin einer singulären Heilsethik. Es komme nicht darauf an, das irdische Leben schrittweise zu vermenschlichen. Es komme darauf an, sich mit einzelnen Vorbildtaten die Seligkeit zu verdienen.

Merkel kann beruhigt sein. Kein Journalist kam bisher auf die Idee, die nächstliegende Frage zu stellen: was eigentlich meint die Kanzlerin, wenn sie ihr Tun mit christlichen Floskeln begründet? Solche ketzerischen Fragen ziemen sich nicht im heiligen Vaterland.

Wenn sie politische Gerechtigkeit ignoriert und nur das Machbare anstrebt, hat sie selbst zugegeben, dass sie die Forderungen der Bergpredigt für irreal hält. Selig sind, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit? Idioten und Traumtänzer sind sie. Heuchlerischer und bigotter kann keine Politik sein als dieses Spreizen mit Ethik, die leider, leider nie realisierbar sein kann.

Die Kirchen folgen einem immer gleichen Werbekonzept: gelegentlich unternehmen sie eine vorbildliche Aktion und gehen mit ihr hausieren – ohne aber die Politik anzugreifen, die für die Defizite der Wirklichkeit verantwortlich sind.

„Es kann nicht sein, dass Schiffe, mit denen Leben gerettet werden könnten, willkürlich festgesetzt werden, während Menschen auf dem Mittelmeer sterben«, sagte Bedford-Strohm der Nachrichtenagentur dpa. »Die Situation in den letzten Wochen auf dem Mittelmeer war verheerend.“ (SPIEGEL.de)

Kein einziges Wörtchen über die Regierung oder gar die Kanzlerin.

Viele Journalisten gehören zum Kreis jener, die sie in „geschütztem Rahmen“ erleben dürfen. Dort lassen sie sich von den persönlichen Tugenden der Kanzlerin wie Freundlichkeit, Jovialität, Schlagfertigkeit, atmosphärisch einfangen. Natürlich sind sie stolz auf das Privileg, zum Kreis der Auserwählten zu gehören.

Doch die Bewertung eines Politikers hat mit seinen persönlichen Tugenden nicht das Geringste zu tun. Lieber einen unsympathischen Politiker mit einer sinnvollen Politik als einen sympathischen mit menschenfeindlichen Ideen.

An ihren Taten sollt ihr sie erkennen – und nur an ihnen. Den privaten Rest überlasst den Boulevard-Blättern.

Merkel wollte nie eine vorbildliche Demokratie, sie wollte sich dem Wirklichen und Tatsächlichen anpassen, ergo unterordnen. Von Hegel hatte sie nur oberflächlich gehört, doch sein Motto als Prinzip seines Tuns verinnerlicht: das Wirkliche ist vernünftig, das Vernünftige wirklich. Nur keine Traumtänzereien!

Anpassung als Unterordnung unter ein Gemeinwesen, das sich von den Verbrechen seiner Vergangenheit scheinbar gelöst und in die Spitzengruppe der wirtschaftlichen Großmächte vorgedrungen war. Wenn man sich der Macht anpasst, um sie zu beherrschen: was ist man dann? Dann ist man tüchtig in Macht, Weltwirkung und globalen Einfluss.

Kurbjuweit sieht eine ganz andere Persönlichkeit, wenn er sie „aus der Nähe“ beobachten kann:

„Als Merkel Kanzlerin wurde, stellte sich vor allem die Frage, was eine Frau anders machen würde. Was wirklich anders war, im Vergleich mit fast allen Vorgängern: Sie hat sich nicht diese große Staatshaftigkeit zugelegt, dieses Eitle, Entrückte, Bedeutungsbesoffene.“ (SPIEGEL.de)

Ein totales Fehlurteil auf Grund theologischer Ignoranz. Das Kriterium der Christen ist die Umwertung aller weltlichen Werte: Die Ersten werden die Letzten sein. Die Bedeutungsbesoffenen sind in den Augen Gottes die Letzten, die Demütigen überflügeln sie und setzen sich an die Spitze der Bedeutsamen.

Demut ist das wirksamste Mittel, um die Mächtigen vom Thron zu stoßen. Gekonnt spielt Merkel die Magd Gottes, um in Wahrheit die von Gott Erwählte zu sein. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Da Deutschland zu den christlichen Nationen gehört, haben sich geistliche und weltliche Kriterien miteinander vermengt. Die Christin kann zur mächtigsten Frau der Nation werden, wenn sie den Machiavellismus der Welt gekonnt mit dem Schein der Demut zu verquicken weiß.

Auf privater Ebene verstehe sich moralischer Anstand von selbst. Doch im Staat, besonders in der Außenpolitik, gelten die Gesetze der Macht. Dort sind alle ethischen Vorstellungen von Übel. Beim Verfall seiner Humanitätswerte wundert sich der Westen, warum er seine Vorbildlichkeit in der Welt verlor.

Das schändliche Debakel in Afghanistan ist der Schlusspunkt der einstigen „Überlegenheit“ des Westens in demokratischen Tugenden. Auch Deutschland steht vor den Trümmern seiner doktrinären Verlogenheit und Heuchelei. Der Verfall der Demokratie ereignet sich nicht an den Rändern, wie die Medien berichten, sondern in der Mitte der Führungseliten.

„Neugier ist die wichtigste Voraussetzung für Erkenntnis. Man muss lernen wollen, gespannt sein auf neues Wissen, neue Gedanken, auch eigene. Bei Merkel ist das so, und deshalb war es meist interessant, mit ihr zu reden.“ (Kurbjuweit)

Moderne Neugierde ist die Verstümmelung des wahren Willens zur Erkenntnis, die mit Staunen beginnt und Wahrheit ergründen will. Merkel will keine Welt-Wahrheiten ergründen, sie ruht in der Wahrheit des Glaubens. Ihre Neugier ist instrumentelles Wissenwollen aus Gründen der Macht.

Wie funktioniert der überlegene Kapitalismus des Westens? Welche Knöpfe muss man drücken, um die Geldmaschine zur Höchstleistung zu bringen? Das waren die Neugier-Fragen der Ex-DDRlerin. Bücher über Adam Smith und Hayek zu lesen, um Kapitalismus und Neoliberalismus von innen her zu verstehen: solche Gedankenarbeit verachtete sie. Hatte sie doch bei ihrem Vater gelernt, Weisheit der Welt sei Torheit vor Gott, und im sozialistischen Unterricht, autonome Ideen seien Torheit vor der Materie. Diese doppelte Torheit sollte sie studieren, um den Westen von innen her kennenzulernen?

Weshalb ist Merkel unfähig, in Reden und Gesprächen auf die Nöte der Gesellschaft einzugehen? Weil sie gestehen müsste: kannnitverstan. Das wäre kein Nichtwissen, um lebenslang hinzuzulernen, das wäre die Arroganz der Erleuchteten über die Verlorenen der Welt.

Sie tut, was sie kann, kein Jota mehr. Sollte das nicht reichen, um die Welt zu retten: sie war auf jeden Fall unschuldig. Hätten die Deutschen sich doch demütig ihrem Herrn der Geschichte gebeugt! Haben sie wohl nicht! Dann dürfen sie sich nicht wundern, dass sie sich ihren Untergang redlich verdient haben. Merkels empathielose Kälte ist die Folge ihrer Einsicht in die Bedeutungslosigkeit der Gottlosen. Niemandem kann man helfen, der sich nicht von Gott helfen lässt.

Besitzt Merkel mütterliche Qualitäten? Es gibt ganz verschiedene Muttertypen. Merkels Vorbild orientiert sich paradoxerweise an der katholischen Mutter Gottes, deren Wichtigkeit bei vielen Gläubigen nicht selten die des Sohnes übertrifft. Sie ist die Mutter der Gottesfürchtigen, deren Lasten sie trägt, um die Menschen zum Sohn zu bringen.

Nein, sie ist keine zänkische protestantische Mutter, die ihre Bälger ständig reglementiert. Den Typus der frommen Mutter der Menschen scheint Alice Schwarzer nicht zu kennen. Justament in Preußen konnte eine protestantische Königin zur Mutter des Vaterlands werden.

Merkel besänftigt die Angst und Unruhe der Deutschen – damit sie gegen ihr skandalöses Versagen in der Klimakatastrophe nicht aufbegehren. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht – beim gehorsamen Gang an das apokalyptische Ende der Geschichte.

Was aber ist der wichtigste biblische Impetus für Merkels Politik? Einmal hat sie sich dazu unmissverständlich geäußert:

„Auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover wendete sie sich an die höchste Instanz. »Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln. Und ihr sollt herausgehen und springen wie die Mastkälber. Ihr werdet die Gottlosen zertreten, denn sie sollen Staub unter euren Füßen werden an dem Tag, den ich machen will, spricht der Herr Zebaoth.«“ (WELT.de)

Und wie kommentiert Stefan Aust diese christliche Scharia-Kampf-Ansage an die Welt? „Die Pastorentochter im Wahlkampfmodus.“ Das ist die Unfähigkeit der Deutschen, sich mit den christlichen Grundlagen der Merkel‘schen Unfehlbarkeitspolitik zu beschäftigen.

Zu Recht wirft Schwarzer der Kanzlerin vor, die Feindschaft des Islam gegen die Ungläubigen nicht zur Kenntnis zu nehmen. Der Grund ist einfach. Militanz gegen die Welt ist der Kern aller drei Erlöserreligionen. Um ihr Christentum zu schützen, muss Merkel den Islam schützen und ihn zur Friedensreligion verharmlosen.

Das „aufgeklärte“ Christentum der Deutschen hat sich redlich bemüht, sich dem Hass der Schrift zu entziehen. Wenn es aber ans Eingemachte geht, bleibt es beim Hass der Überwelt gegen die Welt, der Erwählten gegen die Verfluchten.

„Ihr werdet die Gottlosen zertreten, denn sie sollen Staub unter euren Füßen werden an dem Tag, den ich machen will, spricht der Herr Zebaoth.“

Oder kurz in der Sprache jesuanischer Nächstenliebe:

„Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“

A Dieu, Schwester Angela. Die Deutschen haben dich ins Herz geschlossen. Und wahrlich, du hast dich redlich bemüht – doch der Sein- oder Nichtsein-Frage der Menschheit bist Du nicht gerecht geworden.

Fortsetzung folgt.