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Mittwoch, 21. September 2011 – Fehlendes Matriarchat der Linken

Hello, Freunde von Deschner,

hab ich je einen Kommentar von Papst-Killer Deschner in einer Gazette gelesen? Jetzt zum ersten Mal in der FR: über einen unfehlbaren Deutschen, der einen unfehlbaren Vorgänger und Hitler-Fan zum Heiligen küren will. Auch Mussolinis Giftgas- und Flammenwerferangriff auf Abessinien fand jener richtig cool. So müssten geile Missionierungen aussehen. Ein solcher Giftmolch muss heilig gesprochen werden. Zur Strafe, denn im Himmel ists öde und langweilig.

Und worüber schreibt elder statesman Semler in der TAZ, wenn der Heiligenmacher ante portas steht? Über das legendäre religionskritische Werk eines Anonymus über die drei Betrüger Moses, Jesus und Mohammed. Sollte eigentlich verboten werden. Könnte die religiösen Gefühle von BILD, WELT, vor allem von führenden Protestanten verletzen. Die erwarten sich am meisten von Josef Benedikt: religiöse Zeichen und lutherische Anregungen. Hier müsste sich der Wittenberger im Grabe umdrehen, wenn er seine degenerierten Erben agieren sähe.

Am liebsten würden sich die Protestanten unter die Soutane des Weltpopen Nr. 1 flüchten, soviel Macht und devote Ergebenheit gläubiger Untertanen macht neidisch. Die katholische Kirche bringt das Kunststück fertig – oder ist es ein permanentes Wunder? –, bei davonlaufendem Publikum immer mächtiger zu werden. Sie wird am mächtigsten sein, wenn der Stellvertreter Gottes wie Kevin allein im Vatikan übrig bleibt.

Zum ersten Mal in der Nachkriegszeit, dass die Fluchtquote der katholischen Schäfchen die der evangelischen übertrifft.

 

Dabei liegt das Geheimnis der Kat-holen auf der Hand. Sie sind das geistliche Gegenstück zur globalen Herrschaft der Ökonomen. Katholisch heißt nämlich nichts anderes als – global. Auf deutsch: „Das Ganze betreffend, allgemein“. Der Vatikan ist Weltmeister im Vernetzen seiner Macht rund um den Globus, das spirituelle Pendant zu den vernetzten Wirtschaftseliten. Während die Protestanten den Gewerkschaften ähneln, die sich gegeneinander ausspielen und in national beschränkte und kraftlose Arbeitnehmervereine aufsplittern lassen.

Bei den Evangelen ist die Lutherpose verwelkt und peinlich geworden. Aufmüpfige findet man nur noch bei denen, die hartleibige Dogmen zu bieten haben, gegen die man anrennen kann. Bei den überaufgeklärten Pastorensöhnchen verpufft jede Minirebellion im Nichts, doch der kleinste Furz der „Kirche von unten“, die kleinste Differenz zwischen deutschen Bischöfen und dem Vatikan erzeugt Schlagzeilen.

Hans Küng, Drewermann, Hasenhüttl und wie sie alle heißen, sind die wahren Erben Luthers. Unruhe an der Basis und unbestrittene Weltmarktführerschaft in devotio ergeben eine Gärungstemperatur, die auf viele narkotisierend wirkt.

Wirtschaft und Religion, das sind die beiden Schlangenköpfe des herrschenden Patriarchats. Sie haben das mittelalterliche Duo Staat und Kirche abgelöst. Dank der staatsfeindlichen ecclesia triumphans ist die säkulare Polis in die Mülltonne getreten, nun kopulieren jene beiden, die füreinander geschaffen, ja, im Innern identisch sind: geistlicher und weltlicher Erfolg. Die endlich in vereinter Harmonie zur Klimax kommen.

Die Tage Hiobs sind gezählt, wo Gläubige getunkt wurden, damit ihre wahre Frömmigkeit unter die Lupe genommen werden konnte. Der Segen des Herrn will sich nicht länger in Materie und Geist aufspalten lassen. Ihren Heiligenschein wollen die Erwählten in Cash ausgezahlt kriegen. Von Anfang an, seit Entthronung der weiblichen Gaias, galt die Schöpfung als privates Eigentum der Macho-Götter. Von den Irdischen konnte es gegen Zins und Zinseszins ausgeliehen und bearbeitet werden, die wahren Eigentümer blieben stets die Geschäftsführer der oberen Herren, die Stellvertreter des allmächtigen TOTEN.

Das Patriarchat hat die Macht, Ungleichheit, die Polarisierung in Arme und Reiche erfunden. Das maskuline Leistungsprinzip, welches Liebe und Anerkennung nur gegen vorauseilende Maloche gewährt. Nach Bachofen beruht das Mutterprinzip auf dem Grundsatz „allgemeiner Freiheit und Gleichheit, das besondere Lob verwandtschaftlicher Gesinnung und einer Sympatheia, die keine Grenzen kennt, alle Glieder des Volkes gleichmäßig umfasst. In der Pflege der Leibesfrucht lernt das Weib früher als der Mann seine liebende Sorge über die Grenzen des eigenen Ich auf andere Wesen erstrecken und alle Erfindungsgabe … auf die Erhaltung und Verschönerung des fremden Daseins richten. Aber nicht nur inniger, auch allgemeinere und weitere Kreise umfassend ist die aus dem Muttertum stammende Liebe. Wie in dem väterlichen Prinzip die Beschränkung, so liegt in dem mütterlichen das der Allgemeinheit; wie jenes die Einschränkung auf engere Kreise mit sich bringt, so kennt diese keine Schranken, so wenig als das Naturleben. Aus dem gebärenden Muttertum stammt die allgemeine Brüderlichkeit aller Menschen, deren Anerkennung mit der Ausbildung der Paternität untergeht.“ (Johann Jakob Bachofen)

Die Linken wissen heute nicht mehr, dass Bachofens Ideen eines uranfänglichen Matriarchats bei Engels und Bebel zu einem Kernstück des Sozialismus geworden sind. Allerdings mit dem gravierenden Webfehler, dass sie zum sekundären Widerspruch degradiert wurden. Sodass die arbeits- und naturfeindlichen Fortschrittsideen des Kapitalismus unangetastet blieben. Die väterliche Über-Ich-Erpressung blieb im Regiment, wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Ohne Leistung keine Liebe, kein gesellschaftlicher Aufstieg, sonst droht Absturz in die Dunkelheit.

Das mütterliche Liebesprinzip hingegen ist unabhängig von Do ut Des, von vorangehender Arbeitsqual und entfremdeter Mühewaltung. Mütter lieben bedingungslos, ihre Kinder bleiben ihre Kinder, und seien sie noch so behindert, auffällig, erfolglos, tumb, faul, skurril oder kriminell. Diese, auf keine Gegenseitigkeit angewiesene, Mutterliebe wurde vom Gott des N.T. plagiiert und als seine beste Erfindung gepriesen. „Die Liebe ist langmütig, sie eifert nicht, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu.“ (1. Kor. 13,4 f) Das war blanke Propaganda, der Vater im Himmel rechnet und zählt penibel Glauben und Unterwürfigkeit nach, um den finalen Daumen zu heben oder zu senken.

Dem mütterlichen Prinzip, das sie nie verinnerlichten, haben die Linken längst abgeschworen. Bebels und Engels Frauenbücher haben sie sich nie zur Brust genommen. Ohne Maloche keinen angemessenen Zaster für ein lebenswürdiges Leben, sondern nur beschämende Sozialknete: auf diesem männlichen Vorleistungs-Prinzip beharren sie hartnäckig. Ohne Arbeit läuft nix, ergo kein BGE.

In fast allen Punkten ist die linke Systemkritik von der Realität überrollt worden. Selbst Angie pfeift heute die Melodie von der Tobinsteuer, von der Bändigung der Bankenboys. Jetzt müsste die Linke sich ihrer matriarchalischen Anfänge besinnen und das Prinzip eines bedingungslosen Einkommens zu ihren Grundforderungen erheben. Solange sie ihre jetzige Ideenarmut einfriert und monoton runterspult, wird sie sich überflüssig machen.