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Kapitalismus der Muße

Hello, Freunde der selektiven Zurechnung,

Sascha Lobo schrieb über die Tricks der Überwachungslobby, doch unversehens hatte er den Urtrick der Religionslobby entdeckt: „Wenn kein Anschlag passiert, liegt es an der Überwachung. Wenn ein Anschlag passiert, liegt es an mangelnder Überwachung“.

Wenn Gutes in der Welt geschieht, liegt es an der Religion. Wenn Böses, an mangelnder Religion.

Wenn Armut überwunden wird, liegt es am Kapitalismus. Wenn sie erzeugt wird, liegt es an mangelndem Kapitalismus.

Wenn Demokratie für Ruhe und Ordnung sorgt, entstammt sie der Religion. Wenn sie Anarchie und Pöbelherrschaft ist, stammt sie aus Griechenland.

Wenn Menschenwürde demokratisch ist, ist sie Gottebenbildlichkeit, wenn gottgleiche Übermenschen Führer und Menschheitsverbrecher sind, sind sie eine Erfindung des gottlosen Nietzsche.

Wenn Vorbildliches die Frucht des Glaubens ist, gibt es eine Kausalität. Wenn Naturzerstörung auf einen apokalyptischen Gott zurückgeführt wird, ist Kausalität ein Mythos.

Wenn Wirtschaft floriert, ist sie das Werk ökonomischer Freiheit, die vom Staat unbelästigt ist. Stellt sich heraus, dass Banken Institutionen des kollektiven und verschwörerischen Verbrechens sind, ist der Staat daran schuld: warum hat er die Meister des Universums nicht

an die Kette gelegt?

Wenn Menschen gute Kumpels sind, stammen sie vom himmlischen Vater, sind sie Teufelsbraten, vom Teufel: „Ihr stammt vom Teufel als eurem Vater. Der war von Anfang an ein Menschenmörder. Ihr glaubt nicht, denn ihr gehört nicht zu meinen Schafen“.

Das ist der Vorteil des Gott-Teufel-Spiels. Die Guten sind Kinder Gottes, die Bösen die Ausgeburten der Hölle. Ein unwiderlegbares System.

Die selektive Zurechnung ist in jede Familie vorgedrungen. „Diesen Unsinn hast du von deinem Vater, nicht von mir“, sagt Mami. Papa schweigt vornehm, denkt aber umgekehrt dasselbe. Das Gott-Teufel-Spiel ist zur abendländischen Familienpsychologie geworden.

Vor Zeiten kam der Unsinn auf – leider von Rudolf Augstein initiiert, von allen sofort abgeschrieben –, dass das ordinäre Schwarz-Weiß-Denken nicht dem Christentum entstammt, sondern dem Manichäismus, einem Abkömmling des dualistischen Zoroastrismus, der Religion des persischen Zarathustra. Der hat zwei unversöhnbare Urprinzipien angenommen, die ihren Kampf durch die ganze Geschichte hindurch bis zum finalen Kampf am Ende aller Tage führen, wo das Gute siegen wird.

Doch Christentum – und Judentum – sind vom persischen Zoroaster nicht wenig beeinflusst worden. (Daran denkt Netanjahu täglich mit Grauen. Diese Schmach will er nachträglich mit einem exquisiten Bombenangriff auf das Land Zarathustras aus dem Gedächtnis der Menschheit tilgen.)

Es stimmt: die drei Monotheismen kennen nur einen Gott (deshalb Mono-Theismus). Die Erfindung des Teufels aber – des Alter Ego Gottes – hat den Monotheismus ausgehöhlt. Die alltägliche Realität der Gläubigen ist dualistisch: es gibt erwählte Kinder des Lichts und die Verworfenen des Beelzebubs.

Dieses grelle Licht-Schatten-System hat nichts mit Eindeutigkeit der Moral zu tun. Die Kinder des Lichts handeln immer gut, auch wenn sie böse handeln. Die Herkunft bestimmt die Qualität der Taten, nicht die Qualität der Taten selbst. Die Erwählten können gar nicht sündigen, selbst wenn sie wollten (non posse peccare). Spiegelbildlich können die Verworfenen nichts Gutes tun, auch wenn sie Mutter Theresa und Franziskus in einer Person wären (non posse non peccare).

„Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken. Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung“. Dem Gläubigen wurde ein neues, unfehlbar gutes Herz implantiert, er kann nichts falsch machen. Der Ungläubige kann umgekehrt nichts richtig machen, sein Herz ist das alte böse. Selbst wenn er Gandhi oder Albert Schweitzer wäre, seine Taten wären nur goldene Laster. ( So Augustin)

Hier sehen wir den Grund, warum die Moderne nicht die Taten der Menschen beurteilt, sondern das Herz anschaut, das normalen Augen verborgen ist. Eben dies ist der Furor der NSA und anderer Herz-Erforscher: sie wollen den Menschen nicht nach seinen äußeren Taten beurteilen, sondern die versteckte Qualität seines Innern ausspähen. Der Mensch sieht, was vor Augen ist, die NSA sieht das Herz an.

Das globale Überwachungssystem ist ein globales Herzerforschungssystem. „Darum richtet nichts vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen wird und dann wird das Lob einem jeden zuteil werden.“ (1.Kor. 4,5)

Die viel gerühmte Bergpredigt ist die Quelle der abendländischen Gedankeninquisition: „Jeder, der eine Ehefrau ansieht, ihrer zu begehren, hat ihr gegenüber in seinem Herzen schon Ehebruch betrieben.“ Nicht Taten zählen, sondern die zu erratenden und durch Folter zu erpressenden Gedanken. Indem Folterer das Innere der Menschen mit Gewalt erbrechen, sind sie gottgleich geworden.

Je mehr die NSA das Finstere und Verborgene der Menschheit durchdringt, je mehr ist der Messias erschienen. Die Endzeit ist da. Dank NSA. (Reimt sich, Sido, wie wär‘s mit einem Rappersong?)

Aus der Sicht der Juden und Muslime sind Christen ohnehin keine Monotheisten, denn sie hätten drei Götter: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das schert die mathematisch hochbegabten Christen nicht, die in ihrem Credo beteuern: drei = eins. Das entspricht der biblischen Zeitrechnung: 1000 Jahre sind vor Gott wie ein Tag. (Wenn drei eins, tausend auch eins sind, müsste tausend dann nicht drei sein? Mathematische Kabbalisten, bitte vortreten!) Die Gläubigen beanspruchen, separate Messsysteme zu entwickeln, die denen der normalen Menschen überlegen sind.

Womit wir bei den Banken wären. Die haben esoterische Zinssysteme erfunden, um die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen. Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall. In diesem Sinn sind die Banker die konsequentesten Vertreter der Postmoderne. Allgemeine Maßstäbe, allgemein verbindliche Moral? Abrakadabra!

Mit ihrer multiplen Buchführung bescheißen die ehrbaren Verwalter des internationalen Geldes die ganze Welt. Das Geld, das sie sich durch Betrug zusammengerafft haben – ist das ihr Geld? Wer also durch Steuern die Reichen schröpfen will, will keine Umverteilung, sondern eine längst überfällige Berichtigung und Wiedergutmachung.

Der Reichtum der Welt ist gemeinsam erarbeiteter Reichtum. Gemeinsam muss er allen zukommen. Die Verteilungskanäle des nationalen Profits sind von Anfang an so eingestellt worden, dass die Mächtigen überproportional absahnen konnten. Wie lange schon geht diese schiefe Hackordnung, über die schon Adam Smith klagte?

Man stelle sich vor, die jetzige Verteilung des Weltreichtums wäre gerecht, die materielle Ausstattung des Einzelnen entspräche seiner geistigen Menschenwürde, dann wäre Bill Gates ein Gott, ein Slumbewohner in Kalkutta weniger als ein Nichts. Und dann tönen sie noch im höhern Chor: Vor Gott sind alle Menschen gleich.

Selbst hartnäckigen Vertretern des Kapitalismus bleibt momentan die Spucke weg, wenn jeden Tag deutlicher wird, in welchem Maß die Zentren des Neoliberalismus Zentren des Verbrechens sind. Vom Versagen des Kapitalismus aber sprechen sie nicht. Es waren immer nur einzelne Bösewichter.

„Banker bedrohen das Wirtschaftssystem“, überschreibt Marc Beise seinen SZ-Kommentar. Sind Banker nicht fleischgewordene Repräsentanten des Wirtschaftssystems?

Die Banker, so Beise, „bringen eine ganze Branche mit Hunderttausenden Arbeitnehmern in Verruf, und – schlimmer noch – das ganze Wirtschaftssystem dazu, die vielen Akteure der produzierenden Wirtschaft, die verantwortungsvoll und dem Gemeinwohl verpflichtet sind. Weil aber die Finanzwirtschaft eine so zentrale Rolle im Wirtschaftskreislauf spielt, weil Geld das Schmiermittel jeder modernen Wirtschaft ist, infiziert das kranke System die Wirtschaft insgesamt.“

Mal langsam, zum Mitschreiben: ist Kapitalismus dem Gemeinwohl verpflichtet? Das System ist pumperlgesund, nur eine Horde wildgewordener Börsianer und Zocker hat die gute und schöne Jungfrau missbraucht? Nun liegt sie moribund auf dem Totenbett?

Selbst FDP-Neuerfinder Christian Lindner will seitdem kein Kapitalist mehr sein. Will er die schäbigen Reste seiner Partei dem fidelen Gregor Gysi andienen?

System, System, System – was ist denn ein System? Jeder zigarettendrehende Ex-Marxist weigert sich, spontan was Sinnvolles zu tun, weil das System Einwände hätte. Wenn diese garstige Tante die braven Postrevolutionäre daran hindert, die Welt zu verändern, warum wurde sie nicht längst zur Fahndung ausgeschrieben?

Vorsicht: System gesucht. Hindert alle Möchtegernweltverbesserer hinterfotzig am praktischen Gutsein. Kennzeichen: System trägt Bart à la Marx, spricht systemtheoretisch aalglatt wie Luhmann, läuft im ökumenischen Talar aller Rechtgläubigen herum und bläut jedem ein, ohne sie ginge nichts auf der Welt. Normalerweise müsste man sagen: wie ick den Laden hier kenne, müsste die geschlechtsneutrale Dame das liebe Jesulein sein.

Beise hilft uns weiter fort: „Kapitalismus“ – bei dem Wort soll eigentlich keiner an Raubtier, Gier, Kasino denken. Sondern an eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln sowie der Steuerung von Produktion und Konsum über den Preis beruht. Das aber haben die Banker erreicht: dass man sich nicht mehr Kapitalist nennen mag, auch wenn man für ein solches, sozial abgefedertes System ist.“

Hurra, wir haben eine neue Menschengattung: die Ex-Kapitalisten. Beise war leidenschaftlicher Vertreter des Systems, jetzt hat er’s beerdigt. Den Ex-Marxisten folgen die Ex-Kapitalisten. Wir werden ein Volk aus lauter Exen. Die allgemeine Depression kann nur noch wachsen. Woran soll man da noch glauben, wenn Horden von Ex-Post-Gläubigen mit niedergeschlagener Miene das Boomen der deutschen Wirtschaft unterminieren? Müssen wir auf agrarische Tauschgesellschaft regredieren und China die Trophäe der potentesten Wirtschaftsnation überlassen?

Da sei Beise vor. Wir sollen beim Begriff Kapitalismus nicht an Schlechtes und Korruptes denken, sondern an das Gemeinwohl. Klingt gut, nur: sollten wir die Wirklichkeit nicht sehen, wie sie ist? Und nicht, wie sie sein soll? Etwas beschönigter wahrzunehmen als es ist, wäre gefährliches Wunschdenken. Beise nimmt Abschied vom einstmals geliebten System, indem er es nachträglich verklärt. Über Tote nur Gutes.

Solche postmortalen Verklärungen kennen wir aus dem Bereich der Traumatologie. Der Schock des Verlustes, die Unfähigkeit, die neue Realität desillusioniert wahrzunehmen, verleiten die Enttäuschten, ihre Vergangenheit zu idolisieren. Beise ist nicht der einzige mit posttraumatischen Symptomen. Frank Schirrmacher gehört dazu.

In einem Gespräch mit Gabor Steingart fühlt sich Schirrmacher in den Schlingen allmächtiger Algorhitmen gefangen, während Steingart ein bisschen zum Widerstand aufruft. (Frank Schirrmacher und Gabor Steingart in der FAZ)

Der deutsche Pessimismus, am Ende des 19. Jahrhunderts bewusstseinsloser Vorbereiter der auftrumpfenden Gewalt deutscher Übermenschen (siehe Fritz Stern „Kulturpessimismus als politische Gefahr“): dieser deutsche Pessimismus steht uns wieder ins Haus. „Entscheidend sind doch der totale Autonomieverlust von Politik auf der einen Seite und die Ökonomisierung des Geistes, also von Dingen, die sich bisher der Ökonomisierung widersetzten, wie Denken, Planen oder Fühlen, auf der anderen Seite.“ (Schirrmacher)

Schirrmacher sieht sich nur als Opfer anonymer Mächte. Hat er als Vordenker der deutschen Edelschreiber diese Mächte nicht heraufkommen sehen? Der Frühkapitalismus ist schon mehr als 200 Jahre alt, das christliche Abendland mit seinen Träumen vom Übermenschen schon mehr als 2000 Jahre.

Ein System als Gebilde vom Himmel oder der Evolution gibt es nicht – außer im Gefühl derer, die daran glauben. Kein Gott hat einen Käfig heruntergelassen, um die armen Menschlein zu kasernieren. Das System ist eine Machenschaft des Menschen, im Baukastensystem über lange Zeiten zusammengebacken. Sei es logisch, konsequent und passgenau aufeinander abgestimmt, sei es schief, unförmig, zufällig und widersprüchlich übereinander getürmt, zusammengeleimt und mit eisernem Kitt der Macht zusammengepresst.

Und dies nicht nur in der Realität, sondern im Innern der Menschen, die über viele Generationen hinweg das monströse Unding als Turmbau zu Babel zusammengepfuscht haben. Es gäbe kein äußeres System, wenn es nicht dem psychischen seiner Erbauer entspräche. Wir kämpfen gegen uns selbst, wenn wir gegen das System kämpfen. Oder anders: wenn wir nicht das internalisierte System in uns zum Einsturz bringen, werden wir auch gegen das äußere nichts ausrichten. Systemhasser sind eigentlich Systembewunderer, denn sie glauben an die Unverwundbarkeit des Systems.

Wir müssen zeigen, dass wir uns hinter Jahwe nicht verstecken müssen, der mit Hohn und Spott das hybride Gemächte der Menschen zum Einsturz brachte – doch Jahwes Teile-und-Herrsche-Strategie müssen wir ins Gegenteil verkehren. „Wohlan, lasst uns hinab fahren und daselbst ihre Sprache verwirren, dass keiner mehr des andern Sprache versteht.“

In vollem Widerspruch müssen wir dafür sorgen, dass die Menschen sich verstehen lernen, ihre verschiedenen Sprachen ineinander übersetzen und die allen gemeinsame Sprache der Vernunft sprechen. Den Turmbau zu Babel müssen wir zur Revision bringen. Der monströse Turm hängt windschief und brandgefährlich über der Menschheit.

Sorgfältig, Stein für Stein, müssen wir ihn abtragen, um menschliche Wohnungen aus ihm zu machen. Ein revolutionärer Knall könnte ihn mit einem Schlag zu Fall bringen. Doch dann würde er die Menschheit unter sich begraben.

Der Turm ist ein Flickwerk aller Ideologien und Theologien des Abendlandes. Nur mit scharfer Kritik können wir Element für Element ins Visier nehmen und peu à peu abtragen. Alles andere wäre suizidal. Nicht im Austausch von Wachstumskurven und BIP-Zahlen, nur im Streit um das beste Leben können wir jene Wirtschaft entwerfen, die wir nicht als Feindin der Majorität der Menschen erleben.

Es gibt keinen monolithischen Kapitalismus. Er begann als Versuch, das Los der Menschen materiell zu verbessern, um sie geistig voran zu bringen, ihre Autonomie im gleichberechtigten Tausch zu stabilisieren und das Gemeinwohl der Völker zu fördern, indem jeder sein eigenes Wohl anstrebt. Ein solcher Egoismus wäre nicht selbstsüchtig, sondern die Voraussetzung, dass jeder den Beitrag leisten kann, zu dem er fähig ist.

Die Notwendigkeit caritativer Gnadenwerke wäre ein Beweis, dass die Gesamtpolitik versagt hat. Menschliche Politik ist die Herstellung menschlicher Verhältnisse. Ein einziger Obdachloser, Armer und Ausgeschlossener wäre die Falsifikation des Gesamtsystems.

Die Verbesserung des Wohlstandes sollte im aufgeklärten Urkapitalismus die Grundlage des moralischen Fortschritts der Menschheit sein. Das ist das genaue Gegenteil des heutigen Finanzkapitalismus, der mit Arbeiten, Herstellen und gerechtem Tauschen nichts zu tun hat.

Schrecklich, wenn unverträgliche Systeme als einziges System vorgestellt werden. Deutsche Kapitalismusverteidiger meinen immer den ursprünglichen Kapitalismus, verteidigen damit aber die modernen Finanzverbrechen. Wer nicht sagen kann, welchen Kapitalismus er meint, sollte erst mal die beiden Bücher von Adam Smith lesen. Bis dahin aber über Kapitalismus schweigen.

Jede Wirtschaftsform ist die Konkretisierung einer Philosophie. Soll der Mensch frei sein von materiellen Nöten, damit er in Muße homo politicus sein kann? Oder soll er Sklave der Eliten und Maschinen werden?

Wann begann die Verformung der sozialen Marktwirtschaft, die sich in der Nachkriegszeit als Musterkapitalismus vorstellte, doch dann, kaum war der Sozialismus kollabiert, zu einem monströsen Leviathan mutierte?

Steingart: „Als die Wachstumsraten aller westlichen Staaten in den siebziger Jahren abflachten, begann man damit, Wohlstand an den Kapitalmärkten dazuzukaufen. Es war eine Verschwörung ohne Verschwörungstheorie. Ein Angriff ohne Angriffsplan mit dem nie erklärten und gleichwohl konsequent verfolgten Ziel, den echten Wohlstand durch ein synthetisches Produkt, das auf den Namen „Kredit“ hört, zu ersetzen. Getrieben von der Gier nach Gegenwart, hat man so in Amerika aus dem Nichts einen Immobilienboom entfacht. Die Märkte haben sich allerdings nicht selbst entfesselt. In diesem Fall war es Präsident Bill Clinton, der die bis dahin gültige konservative Kreditvergabe suspendierte.“

Das Unheil begann in Amerika, als urbiblische Instinkte nach Gottgleichheit die Wallstreet verleitete, die Meister des Universums zu spielen. Die ganze Welt zog hinterdrein, um nicht unter die Räder zu kommen. Deutschland und Europa vorneweg. Die gesamte deutsche Elite – darunter alle Schröders und Steinbrücks – sind blind gefolgt. Alle Linken Europas wollten zeigen, dass sie mit Geld umgehen könnten und wurden zu Marionetten der Wallstreet.

Bei Adam Smith hatte das neue Wirtschaftssystem den Zweck, die natürliche Freiheit der Menschen durch ausreichenden Besitz zu sichern. Eigentum ist Diebstahl? Proudhons Satz sollte nur bedeuten, dass selbsterarbeitetes Eigentum die Voraussetzung der Freiheit jedes Einzelnen ist. Nur jenes Eigentum, das auf der Arbeit anderer beruht, ist Raub und Diebstahl.

Will irgendein Gnom behaupten, die Tycoons hätten ihren wahnsinnigen Besitz durch ehrliche Arbeit erworben? Man müsste schon neucalvinistischer Zyniker sein, Zocken und Spekulieren als Arbeit zu bezeichnen. Ebenso gut könnte der Auftragskiller seinen Job als ehrliche Arbeit betrachten.

Hard work ist keine Garantie ehrlicher Arbeit. Es muss eine Arbeit sein, die dem Gemeinwohl dient.

Inzwischen verstehen wir den Freiheitsbegriff der amerikanischen Weltbeherrschungsökonomie. Sie benützen ihre grenzenlose Freiheit, um mit unbegrenzter Macht die Freiheit aller anderen einzuschnüren und zu erdrosseln.

Wie man ein System benennt, ist gleichgültig. Eine demokratische Wirtschaft erkennt man daran, dass unkontrollierbare Supermächte nicht geduldet werden, jeder Mensch einer selbstgewählten Arbeit nachkommt, die ihm Freude bereitet, ihn ernährt und ohne äußere Sorgen leben lässt.

Ein solches System wäre Sozialismus der Freiheit, ein Kapitalismus der Muße.