Tanz des Aufruhrs XXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 12. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXIV,

Jürgen Klinsmann ist Mr. Germany. Was hat er mit dem Thüringer Debakel zu tun?

Weil es ihm nicht gelang, ein makellos-perfekter Mr. Cleanman zu sein und Bayern München mit einem Schlag zu entzaubern, lässt er Hertha BSC kaltblütig im Abgrund versinken. Er ist nicht perfekt, also zertrümmert er alles hinter sich.

Weil die etablierten Parteien in Thüringen über einen Kieselstein stolperten und sich eine blutige Nase holten, entschieden sie sich, ihrem perfekten Reinheitswahn zu folgen, sich ins Breitschwert zu stürzen und dem sündigen Spuk auf Erden Ade zu sagen.

Was zeichnet die deutsche Nation aus? Ihr dialektischer Wahn, Unverträgliches zu verkleistern und Zusammengehörendes mit der Axt zu spalten.

Unverträglich sind logische und moralische Widersprüche. Im praktischen Leben aber gehört alles zusammen: Widersprüche dürfen nicht zur Heuchelei werden, sondern müssen kritisch in ein kontinuierliches Lernprogramm verwandelt werden.

Werde ich meinem theoretischen Tugendideal nicht gerecht, verleugne aber meine Defizite, indem ich mich perfekter gebe, als ich bin, werde ich zum Heuchler.

Sage ich aber: das Ziel ist utopisch. Vom Ziel bin ich zwar noch weit entfernt, dennoch werde ich meine Handlungen lebenslang an diesem Ideal orientieren, dann nähere ich mich kontinuierlich dem Ideal – in Versuch, Irrtum und kontinuierlichem Gelingen.

Die Theorie ist perfekt. Das praktische Leben sollte sich in fröhlicher Unverdrossenheit dem theoretischen Ziel nähern.

Nur so entgehe ich der Gefahr, Theorie durch Widersprüche zu torpedieren, die lernfähige Praxis menschlicher Entwicklung zu Fall zu bringen.

Entweder sind eins und eins gleich zwei – oder das Ergebnis ist falsch. Nein, sagt ...

... der blasierte Deutsche. Im Leben gibt es viele Wahrheiten. Entweder-Oder ist ein Höllenspuk.

Das war die Verleugnung der widerspruchslosen Wahrheit in der logischen Theorie.

In der theoretischen Ethik gibt es nur Gut und Böse, ein Drittes gibt es nicht. Nein, sagt der moralüberdrüssige Deutsche. Wie es viele theoretische Wahrheiten gibt, so gibt es auch viele moralische Wahrheiten, die sich durch simples Gut oder Böse nicht erfassen lassen. Im Leben gibt es nicht nur Hell oder Dunkel, Weiß oder Schwarz. Das Leben ist ein Panoptikum schillernder Grautöne, bunter Unbestimmtheiten und willkürlicher Beliebigkeiten.

Das war die Verleugnung der widerspruchslosen Wahrheit in der Theorie der Moral.

Verlassen wir die Theorie und kommen ins Leben – zu Conrad Ferdinand Meyer:

„Der Mensch ist kein ausgeklügelt Buch, sondern ein Wesen in seinem Widerspruch.“

Kein Mensch wird als Teufel oder Engel geboren. In jedem Menschen kämpfen gute und böse Motive um die Vorherrschaft.

Was die Theorie Widersprüche nennt, bezeichnet die Praxis als Ambivalenzen, Doppeldeutigkeiten, Zweiwertigkeiten.

Will der Mensch nicht nur ein theoretisch Wissender, sondern ein tugendhaftes Wesen sein, muss er rückhaltlos seinen ambivalenten Ist-Zustand wahrnehmen, dessen Ursachen durch Erinnerung erforschen und durch Verstehen zu überwinden suchen, um sich in vielen Erkenntnisschritten seinem moralischen Ideal zu nähern.

Das ist die Bedeutung der uralten Sätze: „Erkenne dich selbst“ und „Ein unüberprüftes Leben ist nicht lebenswert.“

Seine Moral erfindet der autonome Mensch in Selbsterkundung und in Auseinandersetzung mit seiner Sippe oder Gemeinde. Beruht die Moral auf dem Glauben an die Gleichwertigkeit aller Menschen, kann die Gemeinde zur demokratischen Polis werden. Der Mensch, der seiner selbsterfundenen Moral gehorcht, gehorcht keinem Priester, keiner fremden Autorität, sondern nur sich selbst.

Indem die verwirrenden Vieldeutigkeiten im Inneren des Menschen ins Licht der Theorie gerückt werden, verwandeln sie sich in Widersprüche, die durch Selbsterkundung überprüft und peu à peu eindeutiger und widerspruchsloser werden können: der Mensch kann seiner Torheit und Dumpfheit entkommen und klug und weise werden.

Für die Moderne sind Klugheit und Weisheit nicht nur lächerliche, sondern hinderliche Vorstellungen. Sie blockieren den technischen Fortschritt, der Moral für eine Erfindung der Steinzeit hält. Fortschritt und Erfolg wollen frei sein von allen Behinderungen durch moralische Bedenken. Die Moderne ist identisch mit dem faustischen Prinzip: grenzenlose Macht und technisches Wissen durch den Motor des Bösen, unter Ausschaltung alles hinderlichen Guten.

Die Deutschen haben Theorie und Praxis auf den Kopf gestellt. Theorie behandeln sie wie Praxis, Praxis wie Theorie. In der Theorie dulden sie kein strenges Wahr oder Unwahr, in der Praxis weder Verstehen des Ambivalenten noch die Fähigkeit, seine Unvollkommenheit anzuerkennen, um sie lernend zu überwinden.

Doch plötzlich gilt hier ein Entweder-Oder – seit dem Thüringer Sündenfall.

Vor Thüringen dominierten die Moralgegner, indem sie die vermeintliche Moralität der Mehrheit als Gutmenschentum verhöhnten. Schon die Selbsteinschätzung als moralische Nation war abwegig.

Außer Kant und einigen Aufklärern – die man seit der Romantik in toten Bildungsballast verwandelte – gibt es fast keine deutschen Geistesriesen, die eindeutige Moralbefürworter gewesen wären. Schon gar nicht der demokratischen oder politischen Qualität.

Die deutschen Idealisten kennen kein moralisches Ideal. Unter Ideal verstehen sie das Wirken eines religiösen oder religiös angehauchten Geistes, mit dem die Deutschen besonders gesegnet seien, um andere Völker zu dominieren. Sei es mit philosophischer, künstlerischer und wissenschaftlicher Tiefenerkenntnis oder – wenn nicht anders – mit der Macht der Waffen.

Schon hier erkennt man, dass die nationale Selbsterkenntnis defekt ist. Sonst hätte der Dauerkrieg gegen deutsche Gutmenschen nie entstehen können. Wenn sie in den Spiegel schauen, sehen sie ein spießiges Gutmenschen-Zerrbild. Anstand im Privaten versteht sich bei ihnen von selbst, im Politischen aber herrsche Machiavelli, das politische Idol der Deutschen spätestens seit Hegel. Selbst Schiller, der in seiner feurigen Jugend das Theater zur moralischen Anstalt machen wollte (nachdem er sich von der amoralischen Französischen Revolution distanziert hatte), verabschiedete sich von seiner betulichen Pädagogik und deklarierte die Kunst zum Reich absoluter Freiheit.

Noch heute treten die Künstler als die Freiesten der Freien auf, die ihre gottgleiche Ästhetik durch Negieren aller Normen unter Beweis stellen. Das hat nicht nur auf Wagner und Hitler abgefärbt, sondern auf jene Politiker der Gegenwart, die sich als regelfreie Genies verstehen.

Auch die neoliberale Ökonomie versteht sich als Propagandistin unbegrenzter Freiheit – aber nur auf der Grundlage eherner wissenschaftlicher Gesetze. Kunst hingegen lässt keine Gesetze gelten, weder in der Natur, noch in allen menschlichen Bereichen. Sie ist zur Päpstin der Regellosigkeit, pardon, der Freiheit, geworden. Wer sie mit Regeln der ratio beurteilen wollte, der ist ein Kretin.

Die Gründe für die Bewunderung des italienischen Machtideologen liegen auf der Hand. Da die Deutschen zu spät in die europäischen Machtspiele eintraten, entwickelten sie heftige Minderwertigkeitsgefühle. Allzu lange – sagen sie sich – hätten sie moralische Bedenken gegen Machtdemonstrationen gehabt. Ergo seien sie beim Verteilen des Kuchens zu kurz gekommen und hätten sich nicht unverdient das zweifelhafte Kompliment eines Volkes der Dichter und Denker eingehandelt. Deshalb entschlossen sie sich, Weltpolitiker zu werden – mit allen Konsequenzen.

Plötzlich und über Nacht hat sich, seit Thüringen, der Wind gedreht. Selbst jene, die den Zeitgeist der Deutschen nicht genug als moralistisch diffamieren konnten, schäumen jetzt über das moralische Versagen der Politik. Noch ein Tag zuvor galt, dass Politik mit Moral nichts zu tun haben kann.

Ulf Poschardt, bislang einer der eifrigsten unter den ästhetischen Kriegern gegen alles, was nach Moral riecht, konstatiert:

„Die CDU braucht jetzt einen mutigen Neuanfang – und muss ihren moralischen Kompass wieder einstellen.“ (WELT.de)

Poschardts WELT-Kollegin Susanne Gaschke konkretisiert die Moral:

„Es geht bei der Bekämpfung des Rechtspopulismus nicht in erster Linie um „Inhalte“, um Rechts- oder Linksrucke. Es geht um glaubwürdige politisches Führung, um authentisches Führungspersonal, das Autorität aus Sachkenntnis, argumentativer Kraft und Selbstlosigkeit schöpft.“ (WELT.de)

Selbstlose Politik? Selbst Mutter Theresa wäre da bleich geworden. Argumente und Sachkenntnisse ohne Inhalte? Authentische Selbstlosigkeit in der Arena der Hyänen? Die WELT muss die Gnade einer kollektiven Konversion erfahren haben.

Was ist geschehen? Plötzlich muss die Politik strengsten moralischen Anforderungen genügen. Die anerkannten Parteien dürfen nur noch von politisch korrekten Menschen gewählt werden. Zur Korrektheit gehört strengste Gesinnungsprüfung. Nicht die Tat zählt, sondern die vermutete Gesinnung.

Ausgerechnet im Bereich moralischer Praxis entsteht ein rigides Entweder-Oder. Grautöne oder sonstige Schlampereien – verboten! Deutschland ist bestürzt über seine moralische Verlotterung. Wie konnte es soweit kommen, dass anständig-moralische Kräfte sich von räudigen Amoralisten wählen lassen mussten?

Frage nebenbei: Was unterscheidet politische von feuilletonistischen Moralverächtern? Oder: Wie kompatibel sind BILD und WELT mit der AfD? Wie viele AfD-Häuptlinge entstammen der bürgerlich-mittigen Presse?

Man kann, man muss die Wahl als Makel betrachten. Wie groß aber ist der? So groß, dass Deutschland über Nacht zu einem faschistischen Staat wurde? Mit Fehlern kann man viele Fehler machen. Man kann sie verharmlosen oder aufbauschen.

Ich habe einen Fehler gemacht, sagte der Landwirt. Ich habe mein Weizenfeld nicht genug mit Gift besprüht. Jetzt wuchert überall das Unkraut. Mir bleibt nichts anders übrig: ich muss die ganze Ernte vernichten.

Ich habe einen Fehler gemacht, sagte der Hundefreund. Ich bin meinem tierischen Freund versehentlich auf die Pfoten getreten. Jetzt muss ich ihn töten, um ihn von seinem Leiden zu erlösen.

Ich habe einen Fehler gemacht, sagte der Neurotiker, als er auf der Couch des Therapeuten lag. Ich habe meine Frau beleidigt. Was soll ich tun? Du bist ein hoffnungsloser Fall, sagte der Seelenhirt: stürz dich aus dem Fenster.

Wie groß ist der Schaden des „Thüringer-Syndroms“? Wird die Nation auseinanderbrechen?

Diese therapeutische Frage wird nicht einmal gestellt, geschweige, dass man sie nüchtern beantwortete. Dass Hysterie in der selbstgefälligen Wohlstandsgesellschaft ausbricht: nicht der geringste Anlass, über die Gründe der Massenneurose nachzudenken.

Da Jour-nalismus nur dem Tage verpflichtet ist – jeder Tag bringt seine eigene Plage und morgen erfindet er sich neu – ist der gestrige Tag längst vom Schirm verschwunden. Ab gestern beginnt das Reich der Historiker, die jedoch den heutigen Tag nicht auf dem Schirm haben. Ergo: für das Verstehen des Heute aus dem gestrigen Werden fühlt sich niemand zuständig. Das erklärt die Desorientiertheit nach Thüringen. Wenn niemand den Überblick hat, wenn Gestern und Heute scharf getrennt sind, kann niemand Rechenschaft ablegen über die endlos lange Entstehung der AfD.

Beobachter der Zeit erkennen züngelnde Feuerzeichen an der Wand:

Bundespräsident Steinmeier ist der oberste der Unheilsprediger:

„Ungewöhnlich deutlich hat sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu dem Fiasko um die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen geäußert. Bereits zuvor hatte er betont, welche Verantwortung Abgeordnete 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz für die Demokratie und eine menschenwürdige Gesellschaft hätten. Dass eine rechte Partei in Deutschland wieder zum machtpolitischen Zünglein an der Waage werden konnte, wurde im In- und Ausland weithin als gefährlicher Dammbruch kritisiert.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Von Steinmeier will sich Ex-Außenminister Gabriel alarmistisch nicht übertreffen lassen:

„Die AfD bestimmt die politische Tagesordnung in Deutschland. Sie schafft es, in Thüringen die Falle für CDU und FDP zuschnappen zu lassen, in welche diese beiden Parteien aufgrund ihrer Machtversessenheit nur allzu bereitwillig hineingetappt waren. Danach ging es zu wie auf einer mexikanischen Hochzeit, bei der jemand in die Luft schießt und anschließend alle durcheinanderlaufen und nach dem Ausgang suchen. Gefunden wurde er in Thüringen bis heute nicht. Die Akteure machen sich und die parlamentarische Demokratie weiter lächerlich, ohne dass die AfD dazu noch einen Beitrag leisten muss.“ (TAGESSPIEGEL.de)

„Angeblich respektierten die FDP und die CDU in Thüringen nur den Wunsch der Wählerinnen und Wähler, als sie eine Regierung der „bürgerlichen Mitte“ ermöglichen wollten. In ihrem Selbstbetrug haben sie nun die Demokratie beschädigt.“ (Frankrurter-Rundschau.de)

Wurde irgendetwas beschädigt, was nicht schon lange permanent beschädigt wird?

Je schriller die Sirenen heulen, umso mehr jauchzt die AfD im Siegerrausch. Alarmisten tragen nicht nur nichts zur Analyse bei, sie verkünden am lautesten den Sieg der Demokratiefeinde in der ganzen Republik. Mephisto schaffte das Gute mit bösen Mitteln, die AfD das Böse mit guten Mitteln. Das ist der dialektische Fortschritt des faustischen Prinzips, das nur noch überholt werden könnte mit militantem Terror auf der Straße: Böses mit Bösem.

Wie erklären wir uns diese nationale Hyperventilierung?

Unvermutet sind die Deutschen ihrer Geschichte begegnet. Dabei glaubten sie, ihre Vergangenheit längst bewältigt zu haben. Plötzlich stand sie wie ein Menetekel vor der Tür.

These: Aus Angst vor Wiederholung ihrer Geschichte, wiederholen die Deutschen ihre Geschichte – durch Reaktionsbildung. Will ich etwas vermeiden, indem ich das Gegenteil dessen tue, was ich tun müsste, um das Unheil zu verhindern, wiederhole ich das Unglück. Denn ich reagiere ohne Überlegung und Einsicht. Ich handle im Auftrag meiner dumpfen Gefühle.

Zuerst: Die Parteien sind selber schuld am Aufkommen der AfD. Hätten sie seit Jahr und Tagen eine andere Politik betrieben, wäre die AfD eine bedeutungslose Krawalltruppe geblieben. Bei allen Problemen sofort in Richtung der AfD zu zeigen, anstatt die Ursachen der Probleme bei sich zu suchen, zeugt von Geistesabwesenheit.

Mit der AfD wird umgegangen wie mit Kriminellen. Nicht freiwillig sind sie kriminell geworden, zu Verbrechern wurden sie von ihrer Umgebung gemacht. In gewisser Hinsicht sind sie Opfer der Gesellschaft, die in ihrer Selbstgefälligkeit jede Schuld von sich weist und sie den Schwächsten der Gesellschaft aufbürdet. Schaut auf eure Gefängnisse und ihr erkennt den humanen Stand eurer Gesellschaft.

Sodann: Vor allem die CDU hat die Falle gestellt (die die AfD nutzen konnte), indem sie den Linken die rote Karte zeigte und den Demokraten die notwendige Solidarität verweigerte.

Insofern war das Debakel gewollt. Mag sein: unbewusst. Wenn Deutsche unbekannte Gefahren wittern, sind sie unfähig zur nüchternen Diagnose. Sie agieren in nervöser Blindheit, um eine Detonation zu erzeugen. Haben sie die fiebrig erwünschte Katastrophe ausgelöst, sind sie endlich am erwünschten Punkt angekommen: in der Not, in der brennenden Not.

In der Not: das war jener Punkt, an dem ein gläubiges Volk sich unmittelbar an seinen Gott wenden konnte. In der Not gelten keine irdischen Vernunftregeln, sondern nur die direkte Kontaktaufnahme mit dem Herrn der Heerscharen – oder einem vom Himmel geschickten Sohn der Vorsehung:

„Im Angesicht der brennenden Not, in der Volk und Staat gegenwärtig stehen, im Angesicht der riesenhaften Aufgaben, die der deutsche Wiederaufbau an uns stellt, im Angesicht vor allem der Sturmwolken, die in Deutschland und um Deutschland aufzusteigen beginnen, reichen wir von der deutschen Zentrumspartei in dieser Stunde allen, auch früheren Gegnern, die Hand, um die Fortführung des nationalen Aufstiegswerkes zu sichern. Die deutsche Zentrumspartei, die den großen Sammlungsgedanken schon seit langem und trotz aller vorübergehenden Enttäuschung mit Nachdruck und Entschiedenheit vertreten hat, setzt sich zu dieser Stunde, wo alle kleinen und engen Erwägungen schweigen müssen, bewusst und aus nationalem Verantwortungsgefühl über alle parteipolitischen und sonstigen Gedanken hinweg. Die gegenwärtige Stunde kann für uns nicht im Zeichen der Worte stehen, ihr einziges, ihr beherrschendes Gesetz ist das der raschen, aufbauenden und rettenden Tat. Und diese Tat kann nur geboren werden in der Sammlung.“

Also sprach Ludwig Kaas, Reichstagsabgeordneter und Vorsitzender des Zentrums, der nicht nur dem Ermächtigungsgesetz zustimmte, um Hitler einen gesammelten Reichstag zu übergeben. Sondern auch jene Verhandlungen mit dem Vatikan führte, die den Papst zum schweigenden, ja bewundernden Konfrater des Unheils machten.

Nicht nur die Vorläufer der Christenpartei wählten Hitler, sondern auch Heuss und andere Liberale. Altmaiers Fehlleistung war richtig, als er bedauerte, dass Mitglieder seiner Überzeugungstruppen an der Machtergreifung Hitlers mit schuldig waren.

In der Stunde der Not setzt bei den Deutschen jede Vernunft aus. Sie regredieren in einen Zustand absoluter Hilflosigkeit, indem sie an den Himmel appellieren: Vater, übernimm, wir haben versagt.

Thüringen erinnert die Deutschen an die dunkelste Stunde Weimars, als fast alle Parteien ihre demokratische Wehrhaftigkeit in den Dreck warfen und vor einem selbsternannten Führer in die Knie gingen.

Nur einer wehrte sich. Es war der Handwerker Otto Wels, der im Namen der SPD das letzte Fünklein Ehre des Reichstags rettete:

„Wir deutschen Sozialdemokraten bekennen uns in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus. Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten. […] Auch aus neuen Verfolgungen kann die deutsche Sozialdemokratie neue Kraft schöpfen. Wir grüßen die Verfolgten und Bedrängten. Wir grüßen unsere Freunde im Reich. Ihre Standhaftigkeit und Treue verdienen Bewunderung. Ihr Bekennermut, ihre ungebrochene Zuversicht verbürgen eine hellere Zukunft.“

Heute appelliert niemand an die demokratische Widerstandskraft der Deutschen. Weshalb sie übertreiben im Aufbauschen der Gefahr, im Dämonisieren der Katastrophe.

Die AfD wäre längst erledigt, wenn alle Parteien sich auf die Diagnose einigen würden: Okay, ein Warnsignal. Doch den Trick der Falschen münzen wir um in einen Sieg der Richtigen und verurteilen die Brandstifter zu wirkungslosen Zündlern. So aber erschallt der Triumph der AfD aus allen Gazetten – als Warnrufe vor einer unermesslichen Gefahr.

Und schau, wie es der Zufall will, gab es schon damals einen, der es sich verbat, von den Falschen gewählt zu werden:

„Deutschland soll frei werden, aber nicht durch Sie!“

Es war der kommende Führer persönlich, der Wert legte auf die Gesinnungsreinheit seiner Sturmtruppen:

„Daraufhin betrat Hitler erneut das Rednerpult. Hasserfüllt und immer wieder von stürmischem Beifall seiner Anhänger unterbrochen sprach er der Sozialdemokratie den Anspruch auf nationale Ehre und Recht ab und hielt Wels unter Anspielung auf dessen Worte die Verfolgungen vor, die die Nationalsozialisten in den 14 Jahren seit 1919 erlitten hätten. Die Nationalsozialisten seien die wahren Fürsprecher der deutschen Arbeiter. Er wolle gar nicht, dass die SPD für das Gesetz stimme.“

Welch ein Parallelismus, welch eine Wiederholung der Geschichte. In der Stunde der Not, der brennenden Not, wankt das demokratische Selbstbewusstsein der Nation. Schon kokettieren sie mit Trump, ja mit China: könnte es sein, dass wir die Demokratie überschätzt haben? Wäre es nicht dringend an der Zeit, uns auf straffere Regimente einzustellen?

Schaut auf Trump! Verletzt er nicht immer mehr die demokratischen Spielregeln und siehe, er wird mächtiger von Tag zu Tag.

Je mehr die Medien Angst haben, Geschichte zu wiederholen, je mehr lassen sie sich von ihren Historikern versichern: Wiederholung der Geschichte? Ach was. Geschichte wiederholt sich nicht.

Alles steht unter Wiederholungszwang, was nicht psychisch bearbeitet ist, sagt hingegen Freud. Was für Einzelne gilt, gilt erst recht für viele Einzelne, für die ganze Gesellschaft.

Verschont uns mit eurer Küchenpsychologie, reagieren angewidert die Historiker. Eine Gesellschaft ist kein Organismus wie eine Person, sondern ein System sui generis. Hier gelten andere Gesetze.

Und welche? Die Gesetze der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit aller Dinge. Jeder Tag bringt das Neue und Unvorhergesehene. Es gibt das Gesetz gesetzloser Unvergleichlichkeit.

So bringen Historiker das Kunststück fertig, Gesetze und Individualität miteinander zu vermählen. Das Allgemeine und das Besondere stoßen sich nicht ab, sondern werden zur dialektischen Einheit.

Was sich wiederholt, sind nicht detaillierte Ereignisse, sondern kollektive Stimmungen, die sich ihre Ereignisse erst schaffen. Die wichtigste Wiederholung ist die polare Schwankung zwischen selbstbewusstem Stolz der Völker, die vor keinem Tyrannen das Haupt beugen – und kraftloser Unterwerfungssehnsucht unter den Willen von Despoten, Heilsgeschichten und Fortschrittsfanfaren.

Jede Regression in eine Lage brennender Not verstärkt die Sehnsucht nach einem starken Mann. Nicht zufällig wird in vielen Kommentaren betont: was die Parteien jetzt brauchen, ist keine Beschäftigung mit sich selbst, sondern sachkundige Führungskräfte.

Führungskräfte sind Vorformen der Führer, die gedankenlose Parteien ihres Wegs führen. Wie können Parteien die Ursachen ihrer Malaise erkennen, wenn sie sich nicht mit sich selbst beschäftigen?

Was für den Einzelnen gilt, gilt erst recht für Gesellschaften: was euch kaputt macht, ist eure Flucht vor euch selbst. Vor eurer Vergangenheit. Vor den Widersprüchen eurer Entstehung, deren Konfliktmomente ihr noch heute in euch tragt. Ihr belügt euch mit der Losung aller Vergangenheitsleugner: wir schauen nicht zurück, wir schauen nach vorne. Vorne seht ihr nichts, denn da ist noch nichts – außer den Ausdünstungen eurer gottgleichen Gigantomanie. In die Vergangenheit müsst ihr schauen, um euch auf die Spur zu kommen.

Und nicht zuletzt: das paradoxe Hochjubeln der AfD beruht auf der Verstümmelung rationaler Moral durch christliche Moralzerstörung, die die sündige Gesinnung des Menschen von seiner objektiven Tat trennt.

Einer, der aus bösen Gründen einen Menschen rettete, wäre erst recht ein Böser. Da könnte er sich verteidigen, wie er will. Ein anderer hingegen, der aus guten Motiven Böses täte, was wäre der? Ein deutscher Völkerverbrecher, der sich auf die Reinheit seines Anstands beruft, um sich selbst seine bösen Taten zu verhehlen.

Die objektive Tat, das gute Werk: sie gelten nichts bei Christen. Ja, sie sind die schlimmsten aller Sünden, denn sie begehren, moralisch autonom und von keiner Gnade und Barmherzigkeit abhängig zu sein.

Moralische Taten der Heiden waren für Augustin goldene Laster. Rechte Christen hingegen werfen sich vor Gott, um Erlösung zu erbetteln. Sie verraten die moralische Lernfähigkeit der Vernunft.

Nicht anders als das Christentum verbannte auch Marx die Moral der Vernunft. Mit der Begründung: Menschenrechte seien die infame Heuchelei der Bourgeoisie, also taugten sie nichts. Marx konnte nicht unterscheiden zwischen dem Ideal der Moral, und den vielen Möglichkeiten, im Namen der Moral zu heucheln. Heucheln aber spricht nicht gegen die Moral, sondern gegen jene, die sie missbrauchen – indem sie sich auf sie berufen.

Der Wahlakt der AfD ist nach ihrer objektiven Tat zu beurteilen, nicht nach vermuteten Gesinnungen in ihrem bösartigen Innern.

Nach dem Debakel fällt deutschen Parteien nichts Besseres ein, als zur besinnungslosen Suche nach Führern aufzurufen. Es gibt nur eine Möglichkeit, sich mit der AfD zu fetzen: sich mit der Inhumanität in der eigenen Brust auseinanderzusetzen.

 

Fortsetzung folgt.