Tanz des Aufruhrs XXIII

Tagesmail - Montag, den 10. Februar 2020

Tanz des Aufruhrs XXIII,

in organischen Gebilden gibt es keine Dammbrüche. Da brüchelt es kontinuierlich, bis es zum großen Schlag kommt. Will man an diesem Donnerschlag unschuldig sein, muss man sich einbilden, er sei unvorhersehbar vom Himmel gefallen.

Hätten in der Endzeit Weimars die Anhänger Hitlers – aus welcher List und Tücke auch immer – demokratische Parteien gewählt, wäre Deutschlands Katastrophe verhindert worden.

Es gibt Niederlagen und Niederlagen. Aus einer kleinen Niederlage kann man eine große, ja, irreversible machen, wenn man sich die eigene Niederlage durch Überbetonung des gegnerischen Triumphs zu einer desaströsen aufbauschen lässt. Aus einem faux pas wird dann ein Dammbruch mit unkalkulierbaren Folgen.

AfD, AfD, AfD, AfD: da capo al fine. Alles, was schief läuft, wird – anstatt vor der eigenen „bürgerlichen“ Türe zu kehren – rechtsradikalen Schwachköpfen angelastet, die zu dämonischen Geistern aus der Flasche hochstilisiert werden.

Die Dämonen wissen gar nicht, was ihnen geschieht: über Nacht sind sie zum Dschinn aus der Flasche, zum Homunculus aus der Phiole avanciert. Die Büchse der Angela (einst der Pandora) ist geöffnet, die bislang unterdrückten Plagen der Republik schwirren ins Freie und verdüstern den Horizont.

Ausgerechnet die deutschen Liebhaber des politisch Inkorrekten und Anrüchigen beginnen zu zetern, weil einige Falsche – aus durchsichtigen Gründen – das Richtige taten. Eine Wahl muss korrekt durchgeführt werden. Sonst nichts. Die Wähler müssen keine unschuldigen Chorknaben sein. Es genügt, dass sie formell keine Faschisten sind – was sie nicht sein können, sonst wären sie von Karlsruhe ...

... verboten. Sind Wahlen nur akzeptabel, wenn die Gesinnung der Wähler adäquat ist, wird es demnächst vor jeder Wahl pflichtgemäße Gesinnungstests geben.

Die Frage, die bei Anne Will aufkam: Wie kann ich verhindern, von den Falschen gewählt zu werden, ist in demokratischer Selbstruinierung kaum zu überbieten. Noch zwei solcher, in kollektivem Wahn durchexerzierter Selbstamputationen – und unsere Demokratie liegt in Scherben.

Was hätte man stattdessen tun sollen? Den Makel der Wahl selbstkritisch anerkennen, mit dem Vorsatz, ihn durch eine besonders vorbildliche Politik nachträglich auszuradieren. Gemäß dem Götterspruch aus jenem heiligen Buch, an das alle Deutschen glauben und das kein Deutscher kennt – geschweige, dass er von ihm beeinflusst worden wäre, obgleich die Germanen nur lumpige 2000 Jahre lang von ihm infiziert wurden. Was ist schon der harmlose Coronavirus im Vergleich zum staaten- und kulturschädigenden Ecclesiavirus?

„Ihr gedachtet es böse mit uns zu machen, wir aber gedenken es wieder gut zu machen, dass wir das Volk demokratisch erhalten.“

Erstens, die Chose kündigte sich schon lange an. Zweitens, wenn man nicht unterscheiden kann zwischen unverhüllten Volksverderbern – und Linken mit einer zwar dubiosen Vergangenheit, aber respektablen Konversion zu einer verlässlich demokratischen Partei, dann sollte man sich in einen Vorstandsposten der Industrie verabschieden und die Pfoten von der Politik lassen.

BILD &CDU, im Rausch der Selbstzerstörung, können nicht mehr bis drei zählen:

„Ausgerechnet die Nachfolgepartei der SED, die Partei der DDR-Diktatur, gibt sich als Opfer einer undemokratischen Intrige. Der nette Bodo Ramelow ist Mitglied einer Partei, die die Heimat von SED-Kadern ist, ihre Vergangenheit schönredet und mit Diktatoren von Russlands Putin bis Syriens Assad gemeinsame Sache macht.“ (BILD.de)

Die CDU, die nicht oft genug den heiligen Kompromiss predigen kann und dennoch auf Unverträglichkeitsabgrenzungen von demokratischen Parteien besteht, diese CDU ist die Hauptverantwortliche für die Thüringer Falle, in der sich alle Parteien verfingen. Das war kein Dammbruch, sondern das Ergebnis einer langen und prognostizierbaren Entwicklung.

Wenn die Linken die Nachfolgepartei der SED sind, ist die CDU die Nachfolgepartei jenes katholischen Zentrums, das nur die kleine Sünde beging, den Führer auf den deutschen Thron gewählt zu haben.

„Altmaiers Antwort: „Wenn Sie sagen, die AfD ist ermächtigt worden, dann spielen Sie an auf das Ermächtigungsgesetz unter Hitler, wo Teile meiner Partei, leider Gottes, anders als Ihre Partei, für Adolf Hitler und sein Ermächtigungsgesetz gestimmt haben. Das war eine Katastrophe.“ (BILD.de)

Niemand scheint die ungewollte Selbstkritik des Christen Altmaier erkannt zu haben. BILD strotzt vor selbstgefälliger Dummheit:

„Nein, das war kein Vergleich. Es war eine völlig halt- und sinnlose Behauptung. Die CDU bildete sich Ende 1945, der erste Parteitag fand 1950 statt.“

Die CDU ist die Nachfolgepartei des katholischen Zentrums, das sich nach Kriegsende den Protestanten öffnete, auf dass sie in ökumenischer Geschlossenheit ihre gemeinsame Schuld am NS-Reich am wirksamsten verleugnen konnten.

Im Vergleich zu dieser Holocaust-Vergangenheit der vereinigten Christen ist die sozialistische Vergangenheit der Linken ein fast Nichts.

Neueste Meldung aus dem Ticker: AKK wird freiwillig zurücktreten – bevor sie von ihren Brüdern und Schwestern zurückgetreten wird:

„CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer verzichtet auf eine Kanzlerkandidatur und wird auch den Parteivorsitz abgeben. Das habe Kramp-Karrenbauer am Montag im CDU-Präsidium mitgeteilt, erklärte ein CDU-Sprecher in Berlin.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Ein Meisterstück ihrer Ober-Schwester Angela, die sie in fürsorglicher Selbstrettung zu ihrer Stellvertreterin erkor, damit sie alle Schuld auf sich lädt, Merkel hingegen alle Verdienste kassiert. Die Pastorentochter kennt die Taktik ihres himmlischen Vaters in- und auswendig und erwies sich als lernbegierige Magd:

„Denn Gott machte Christus, der nie gesündigt hat, zum Opfer für unsere Sünden, damit wir durch ihn vor Gott gerechtfertigt werden können.“

AKK ist eine saarländische Ortsvereinsvorsitzende, kein republikanisches Talent. Eben das war die Voraussetzung, warum Merkel sie zu ihrem Sidekick berief: zu ihrer stellvertretenden Schuld-Empfangs-Dame. Den täglichen Shitstorm sollte die Einfältige vom Lande abkriegen, damit die Herrin zur schuldlosen Göttin ins Numinose aufsteigen kann.

Wie ihr Meister Luther zwischen deus revelatus und deus absconditus – dem offenbarten und verborgenen Gott – unterscheidet, so Angela, die sich ins Unerkennbare verabschiedete und das Ordinäre und Bekannte ihrer Stellvertreterin überließ. AKK ist für die lang köchelnde Giftsuppe in Berlin nicht verantwortlich. Gerade deshalb soll sie die Schuld ihrer Meisterin stellvertretend auf ihre zarten Schultern nehmen, damit die wahre Göttin aus unerkennbarer Höhe umso wirksamer donnern und blitzen kann. Die Annegret ist die wahre Putzfrau, die den Dreck ihrer Herrin wegputzen muss, damit Angelas Gloriole umso heller scheint.

Merkel spielt die dea abscondita, die unerreichbare und unerkennbare Göttin aus der Ferne. So ähnlich verlief der Aufstieg Jahwes vom Stammesgott zum Gott aller Völker, welcher Propheten und Mittelsmänner benötigte, um in Verbindung zu bleiben mit seinem Volk. Am Schluss zeugte er noch einen Sohn, der sich aller Hoheit entäußerte, um Mensch zu werden, der die Schuld aller Sünder auf sich lud – damit die Allmacht seines Vaters gerettet würde.

Fürwahr, du bist eine verborgene Göttin, du Göttin der Deutschen.

Schon früh hatte es geheißen: Du sollst dir kein Bildnis noch Gleichnis von Gott machen. Die Menschen sollten mehr ahnen als wissen, an wen sie glaubten, damit sie sich nicht hoffähig anmaßten, den Gott um den Finger zu wickeln.

All das wäre unmöglich gewesen, wenn Angela & ihre Deutschen nicht zur Hegel‘schen Synthese verwachsen wären. Merkel kann sich inzwischen alles erlauben: sie bleibt die Herzenskönigin der Deutschen. Wie gelang ihr das? Weil sie keine Politikerin, sondern eine Predigerin ist.

Von zwei Zufallserleuchtungen abgesehen, hat sie nie ein erkennbares politisches Konzept vorgelegt. Alles, was sie tut, ist: sie springt auf den fahrenden Zug, lässt sich von den Schaffnern sagen, wohin die Reise geht – und ebendort will sie auch hin.

Dabei wählt sie keinen Platz an der Spitze des Zuges. Sie bevorzugt das vorsichtige Ende, die Ejaculatio retarda, den verzögerten Samenerguss. Erst muss sie schauen, wie die Erregungsmomente im Land ablaufen, bevor sie für die nötige Triebabfuhr sorgt. Diese Strategie braucht gute Nerven, um die gestaute Spannung so lange wie möglich aufrecht zu erhalten:

„Insgesamt wird hierunter verstanden, dass der Mann sehr lange braucht, um zum Höhepunkt zu kommen. Dieses wird häufig sowohl vom Mann als auch seiner Partnerin als „quälend“ und „mühsam“ empfunden.“

Das Verzögern und Verziehen ist auch eine typische Eigenschaft des Heilands:

„Wenn aber mein Herr verzieht zu kommen und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen. Doch als der Bräutigam verzog, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.“

Obwohl Jesus sein baldiges Kommen prophezeit hatte, spannte er die Seinen auf die Folter: Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallet. „Was aber die Zeiten und Fristen betrifft, Brüder, so habt ihr nicht nötig, dass man euch darüber schreibe. Denn ihr wisst selbst sehr wohl, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht“.

Petrus erklärt das Nichtkommen der Parusie mit der Langmut Gottes, die dem Sünder Gelegenheit zur Buße geben will. Bei Gott sind tausend Jahre wie ein Tag. Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb.

Was bedeutet: Merkel betreibt keine weibliche Politik, sondern eine männliche – mit mütterlichen Segnungsgesten. Eine aparte Mischung, die im Lexikon der queeren Geschlechter noch nicht angekommen ist.

Der Thüringer Eklat widerlegt die Phrase der Medien, dass ist, was ist. Was ist, hat einen objektiven Kern – der durch Deutung der Beteiligten erst zu jenem Ereignis gemacht werden kann, das die Menschen bewegt. Politiker und Edelschreiber sollten mehr Spieltheorie studieren – oder praktisches Pokern einüben. Dann hätten sie das simple Schema der Dumpfbrüter schnell durchschaut.

Solange sie aber dem Unsinn folgen, falsche Wähler machten eine falsche Wahl, solange hätten sie vor den Falschen kapituliert. Und Gauland recht gegeben, der seinen Parteigenossen den zynischen Rat gab: wählt Ramelow – und er ist erledigt. Alle korrekten Wahlen wären für alle Zeiten korrumpiert, wenn man Gauland Recht gäbe. Nicht, wie das Neue Testament lehrt, macht Gesinnung die Tat, sondern die Tat macht die Gesinnung.

Wenn die faschistische Gefahr wirklich so groß war, wie überall behauptet: warum war die CDU nicht willens , in der Stunde der Not mit allen demokratischen Parteien einen Cordon sanitaire zu bilden?

In der Stunde der Anfechtung haben alle Gutwilligen zusammenzustehen. Was aber macht die gotterwählte CDU? Sie ziert sich und fühlt sich für nichts verantwortlich. Hat man schon Bigotteres erlebt?

Merkel mimt eine Politikerin, sie ist keine. Das Einzige, was sie meisterhaft beherrscht, ist machiavellistische Machtpolitik – um der Macht willen. Inhalte auswechselbar und belanglos. Ihr Pfuschen und Stümpern ist deutsche Apokalypse-Politik – unter Vertuschung der Apokalypse.

Denn die letzten Dinge des Credos sind im aufgeklärten Deutschland tabu. Also handelt Merkel stumm. Sie gibt ihren gläubig zu ihr aufschauenden Untertanen das Gefühl: nichts kann euch passieren, solange ihr an mich glaubt.

Und also lässt sie die Dinge laufen, wie sie laufen. Die Menschheit wird schon sehen, wo sie landet. Glaubt sie dem Erlöser, wird es ihr gut gehen. Glaubt sie nicht, hat sie sich ihr Ungemach selbst zuzuschreiben. Sie jedenfalls, die Mutterkönigin, wäscht ihre Hände in Unschuld.

Natürlich hat sie keinen Fahrplan in die Zukunft. Ist doch Zukunft das unberechenbare Kommen des Herrn. Merkel ist nur Hausverwalterin. Sie macht Business as usual. Ihre zwei Genieblitze waren Erleuchtungen. Erleuchtungen sind kein rationaler Fahrplan ins Humane.

Prokrastination ist Verzögerungspolitik: komm ich heute nicht, komm ich morgen. 1000 Jahre sind vor dir wie ein Tag.

Was der französische EU-Abgeordnete Pascal Canfin äußert, gilt für die gesamte Politik Merkels:

„Als ich von 2009 bis 2012 zum ersten Mal Europaabgeordneter war, galt Deutschland als Pionier – wegen seiner Förderung von erneuerbaren Energien, seiner energieeffizienten Häuser, seiner umweltfreundlichen Städte. Inzwischen aber ist Deutschland an keiner Front des Umweltschutzes mehr unter den Wortführern. Egal, ob bei der grünen Finanzierung, bei der Klimagesetzgebung, CO2-Zielen oder den Handelsregeln: Aus Berlin kommen keine Ideen mehr. Das Image Deutschlands hat sich innerhalb weniger Jahre komplett verändert.“ (SPIEGEL.de)

Deutschland verkommt und verrottet unter Merkel und keiner will‘s wahrhaben. Auf Muttern lässt man nichts kommen. Das schlechte Männergewissen der Schreiber – die ihre Privilegien nicht erklären können – stellt sich vor die Schützerin des heimischen Herdes, damit den Söhnen vergeben wird.

Die politische Reife der Deutschen ist dermaßen unterentwickelt, dass sie grade noch das religiöse Ahnen der Romantik erreicht. Einerseits weiß niemand, wie es weitergehen soll, andererseits blicken sie aufwärts froh den Blick gewandt.

Als Heranwachsende erlebte Angela den von ihrem Vater auserwählten (dem besten unter allen sündigen Systemen) sozialistischen Staat im unaufhaltsamen Verfall. Als Karrieristin im Westen wurde sie ihrem Vater untreu und verdingte sich als Promoterin des sündigsten aller Systeme: des Kapitalismus. Ihrem Vater wollte sie beweisen, dass er falsch lag.

Die ersten Erfolge sprachen für sie. Doch je länger sie im westlichen Fortschritt mitschwamm, je mehr dämmerte ihr, dass etwas faul war im Staate Dänemark. Wie eine Mutter, die ihre Kinder schützen will, indem sie ihnen die Schrecken der Wirklichkeit vorenthält, versank sie von Jahr zu Jahr mehr in Stummheit und Schwermut. Immer gut getarnt mit intermittierendem Lächeln und segnender Gebärde:

Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind, in dürren Blättern säuselt der Wind.

Nicht einmal sich selbst traut sie zu gestehen, dass sie pessimistisch geworden ist. Ihr Gesicht wird täglich grauer, ihre Zufriedenheitsgesten scheinen sie viel Kraft zu kosten. Es muss Gründe geben, wenn sie in offiziellen Situationen ins Zittern kommt. Wie Kinder, die – aus Angst, verlassen zu werden – den Verfallsprozess ihrer Eltern nicht wahrhaben wollen, verdrängen die Deutschen den Verfallsprozess ihrer Matrone.

Sie, die meistphotographierte Frau Deutschlands, wird am wenigsten wahrgenommen. Wenn sie keine unübersehbaren Krankheitssymptome aussendet, bleibt sie Dea inkognita. Je öffentlicher ihr Status, je unbekannter ihr Gemüt. Sie muss eine funktionierende Maschine sein und wehe ihr, wenn nicht. Erwachsene Kinder können grausam sein.

Der Schutz des Nichtwahrgenommenwerdens soll nicht sie, die Kanzlerin, schützen, sondern jene, die nichts sehen wollen – außer der Kraft und Zuversicht, dass ihr Volk den Wettbewerb der Zukunft bestehen kann.

Wie sie etwa die Zukunft der Digitalisierung in höchsten Tönen beschreibt. Mit üblichen Floskeln: Welch eine Herausforderung! Deutschland geht einer glänzenden Zukunft entgegen!

Nie muss sie in einem echten öffentlichen Streitgespräch antanzen, um ihr Raunen zu rechtfertigen. In Wirklichkeit verhält es sich völlig anders:

„Vor allem Routineaufgaben werden gewissermaßen mcdonaldisiert. Im Paketversand, im Callcenter oder an der Supermarktkasse arbeiten Menschen in gleichförmigen Prozessen. Sie sind digital überwacht, ihre Leistung wird kontinuierlich gemessen. Sie sind nur noch Räder im Getriebe der Geschäftsabläufe. Sie werden zu Sklaven der Prozesse. Aber es wird eben nur das gemessen, was messbar ist. Es lässt sich nicht quantifizieren, ob die Chemie zwischen Mitarbeiter und Kunden stimmt: Vertrauen braucht Zeit. Stattdessen wird ausgerechnet, wie viel Umsatz pro Monat ein Mitarbeiter erwirtschaftet. Die Mitarbeiter konzentrieren sich nur noch auf das Tagesgeschäft, ihnen fehlt die Zeit für andere Dinge, zum Nachdenken, zum Herumspinnen. Wird alles in Normen und Regeln gepresst, verhindert das zuverlässig jede Innovation. Gute Ideen kommen beim Spazierengehen oder bei der Gartenarbeit: in Muße, aber nicht im Meeting. Unter Zeitdruck lassen sich keine Softwareprogramme schreiben, genauso wenig wie Gedichte.“ (SPIEGEL.de)

Das Rädchengefühl kennt jeder Mensch der Gegenwart. Er darf sich sein Spüren nur nicht bewusst machen. Stattdessen gilt es, sich vom Räderwerk zu befreien, indem man durch die Welt tigert.

Ein Jahr lang quer durch Asien. Früher war es Australien, doch Australien ist abgebrannt. China war das geheimnisvolle Land kommender Weltführer: durch Viren bedroht und gefährdet. Trump triumphiert: der gefährlichste Konkurrent beginnt am Krückstock zu laufen.

Wegen einer Petitesse entließ Merkel den Ostbeauftragten. Nie wollte sie sehen, wie ihre einstige Verteidigungsministerin endlose Gelder verschleuderte, wie ihr spätpubertierender Verkehrsminister bei Markus Lanz sagen konnte: ich habe eine andere Rechtsauffassung als das EuGH. Mit anderen Worten: er setzte sich über das Gesetz hinweg.

Lanz schwieg. Wenn jugendliche Demonstranten zivilen Ungehorsam anmelden und Schule schwänzen, werden sie als Gesetzesübertreter geächtet. Wenn ein Minister sich selbst zum Gesetz erklärt, geschieht nichts. Kein Minister muss gehen, kein Moderator wird entlassen, weil er es unterließ, dem Minister ins Angesicht zu widerstehen: mit Verlaub, Herr Minister, Sie sind ein Gesetzesbrecher und Feind der Demokratie.

Die Atmosphäre der Gesellschaft wird täglich defizienter. Faulige Gerüche des Niedergangs durchziehen die Republik. Alleingelassene Mütter werden täglich depressiver, junge Männer sind psychisch nicht mehr vorhanden – entweder müssen sie malochen oder Killerspiele spielen. Ansprechen verboten. Auf den Kinderspielplätzen stehen sie stumm um die Wippe herum.

Auch in der Flüchtlingsfrage macht Berlin gern Zusagen, ohne sich ans eigene Wort zu halten:

„Unser Eindruck ist, dass man in Berlin zwar Zusagen macht, dann aber versucht, möglichst wenig davon umzusetzen“, sagte Neugebauer dem Tagesspiegel. Der Verweis auf lange Prozeduren sei unverständlich.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Das sind die zwei steil wachsenden Kurven der Befindlichkeit: Schwermut, isoliertes Verzweifeln – und aggressives Geplärr.

Fehlen noch – die Historiker, die Langzeitgenossen der Tagesschreiber. Doch auch sie verharmlosen, indem sie abwinken: nein, Geschichte wiederhole sich nicht. Das ängstliche Erinnern an Weimar nerve.

„Heinrich August Winkler: Der Unterschied zwischen der heutigen Situation und der der frühen 30er-Jahre ist eklatant. Es ist absurd, ständig den Untergang der Weimarer Republik zu beschwören. Das, was in Erfurt geschehen ist, ist alarmierend genug. Aber mit falschen Analogien wird die gegenwärtige Situation der deutschen Demokratie in ein völlig falsches Licht gerückt.“ (WELT.de)

In der Tat, niemand weiß, was die Zukunft bringen wird. Denn sie ist in keinem göttlichen Geschichtsbuch vorgezeichnet. Sie wird, wie die Menschheit sie gestalten – oder verkommen lassen wird. Denn niemand weiß, ob das wankelmütige Geschlecht zur Vernunft kommen wird.

Und so besteht die Gefahr der Wiederholung. Denn alles Seelische, das nicht verstanden und aufgearbeitet wird, steht unter Wiederholungszwang.

Über Freud gehen die Historiker verächtlich hinweg: soll Geschichte nichts anderes sein als eine singuläre Biographie? Historiker wollen das Einmalige, das Unvergleichliche. Keine lähmende Repetition des Gleichen.

Wiederholung der Geschichte bedeutet nicht, alles wiederhole sich als empirisches Plagiat des Früheren. Sondern: das Wesentliche, die Grundströmung einer Epoche muss wiederkehren, da sie ihr Gedächtnis nicht verloren hat. Einer stolzen Zeit würde – wenn sie ihre Schattenseiten nicht aufarbeitet – unvermeidlich eine lähmende und trostlose folgen.

In Weimar explodierte die Lebenslust der Deutschen, die unter der wilhelminischen Obrigkeit, vor allem im Weltkrieg, erdrosselt worden war. Als die Lebenslust aber von den realen Verhältnissen im Stich gelassen wurde, sackte sie zusammen, kippte ins Gegenteil und bedrohte die Welt. Das sind psychologische Gesetze in historischen Varianten, die für Einzelne und Epochen gelten.

Ob aus dem Niedergang der Lebenslust ein Drittes Reich entstehen muss, kann niemand sagen. Das Gegenteil aber auch nicht: dass wir vor solchen Katastrophen für immer gefeit wären.

Unserer Zeit drohen globale Katastrophen. Keine Nation wird solistisch überleben. Possible Weltuntergänge müssen in realistischer Bedrohung durchdacht werden. Nicht, damit man die Hände in den Schoß legen und Gott einen guten Mann sein ließe. Sondern im Gegenteil. Realistische Gefahrenprognosen sind notwendig – um ihre Wahrscheinlichkeit zu verringern und Gefahren von der Menschheit abzuwenden.

Was bezweckt der amerikanische Autor Jonathan Franzen, wenn er missionarisch die Welt bereist mit der Botschaft:

„Die drakonischen Maßnahmen, die notwendig wären, die Klimakatastrophe zu verhindern, seien gesellschaftlich nicht durchsetzbar. Sie würden die Menschen überfordern. Deshalb sei der Zeitpunkt, die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu beschränken, leider vorbei: Die Menschheit habe zu lange geschlafen. Das Spiel ist aus, wer das leugne, sei entweder ein uninformierter, unrettbarer Optimist oder er sei als Klimaforscher Aktivist mit einer politischen oder wirtschaftlichen Agenda.“ (Deutschlandfunk.de)

Will er den Menschen sagen: Macht euch nichts vor, das Spiel ist aus? Bereitet euch vor zum Sterben? Woher weiß er, wozu die Menschheit noch fähig sein wird? Im Mittelalter der Inquisition hätte sich niemand eine Renaissance des freien Geistes, eine Epoche der Aufklärung vorstellen können. Als der Neoliberalismus alles überrollte, hätte sich niemand eine weltumspannende Kritik dieses suizidalen Systems vorstellen können. Rund um den Globus rebellieren inzwischen die Menschen gegen Naturzerstörung und menschenfeindliche Wirtschaft.

Und vor allem: wer hätte vor zwei Jahren die jugendlichen Klimarebellen in allen Völkern vorhersehen können? Wie viele wunderbare Jugendliche hellster Intelligenz und politischer Verantwortung haben mittlerweile entschlossenen Widerstand angemeldet?

Wie üblich, begrüßt die deutsche Kanzlerin pflichtgemäß das Engagement der Jugend – um sie gelangweilt vom Tisch zu wischen. Sie kann nur predigen. Predigen heißt Hoffnung erwecken auf ein Jenseits – um das Diesseits kaltschnäuzig dem Abgrund zu überlassen.

Merkels Zeit ist abgelaufen. Das walte der Geist der Natur, der die Jugend befähigt, die Wiederholung der Schrecken zu verhindern – damit die Wiederholung der frohgemuten und lebenswerten Geschichte pralle Wirklichkeit werde.


Fortsetzung folgt.