Tanz des Aufruhrs X

Tagesmail - Freitag, den 10. Januar 2020

Tanz des Aufruhrs X,

„Niemand will Krieg und trotzdem könnte es dazu kommen.“ (Sigmar Gabriel)

Jeder will Krieg, der nicht alles unternimmt, um den Krieg zu verhindern.

Jeder will Krieg, der nicht alles für den Frieden tut.

Jeder will Krieg, der es darauf ankommen lässt, um nach der Katastrophe - wenn er sie überlebt - mit den Schultern zu zucken: Sorry, das wollten wir nicht.

Jeder will Krieg, der sich als schuldunfähiger Schlafwandler definiert und dazu singt: Que sera, sera.

Was wird sein?
Was auch immer sein wird, wird sein.
In die Zukunft zu schauen, ist nicht unsere Sache.
Was wird sein?
Was sein wird, wird sein.

Jeder will Krieg, der Zukunft als unbeeinflussbares Geschick betrachtet und nicht als Ergebnis menschlicher Taten. In die Zukunft können wir nicht schauen, aber wir können handeln, als ob wir sie bestimmen könnten. Das können wir, wenn wir unsere Gegenwart bestimmen und nichts dem Zufall überlassen. Dann hat die Zukunft keine Chance mehr, sich anders zu entwickeln, als wir wollten.

Jeder will Krieg, der an Zufall oder höhere Mächte glaubt, um sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Jeder will Krieg, der den Menschen als heillos-kriegerisches Wesen betrachtet, ...

... unfähig, sich für Frieden einzusetzen.

Jeder will Krieg, der nicht an das Thomas-Theorem oder an die selbsterfüllende Prophezeiung glaubt: „Wenn die Menschen Situationen als wirklich definieren, sind sie in ihren Konsequenzen wirklich.“ Wer den Menschen für eine unveränderbare Kampfmaschine hält, ist überzeugt, dass sie immer wieder zuschlagen wird. Das ist sein Credo.

Jeder will Krieg, dessen Credo Tod und Verderben für unvermeidlich hält.

Jeder will Krieg, der den Menschen für lernunfähig hält. Er raubt ihm die Vernunft, das Organ des Lernens und friedlichen Entwickelns.

Jeder will Krieg, der friedliche Verhältnisse für langweilig und spießerhaft hält und sich für Neues einsetzt, auch wenn es Friedlosigkeit bringen könnte. Das altenvernichtende Neue kann nur Unfrieden stiften, wenn das Alte und Bekannte friedlich war. Wer nicht nachweisen kann, dass das Neue friedlicher wird als das Alte, der legt Tellerminen unter die Wege der Menschen.

Jeder will Krieg, der das Leben als Risikospiel gestaltet, dessen Ausgang offen ist: offen für Krieg oder Frieden. Den Ausgang des Spiels überlässt er dem Zufall oder höheren Mächten.
Wer Risiko als Gottesurteil betrachtet, das nicht mehr beeinflusst werden kann, der degradiert sich zur Marionette eines höheren Geschicks. Der nimmt Abschied von der Menschheit, die er als Material seiner Abenteuersucht betrachtet.

Nehmt Abschied, Brüder, schließt den Kreis!
Das Leben ist ein Spiel;
und wer es recht zu spielen weiß,
gelangt ans große Ziel.

Und wer es nicht zu spielen weiß, der guckt in die Röhre. Das Leben ist nichts, was wir uns durch Abenteuerei verdienen, sondern ein Geschenk der Natur, dem wir durch Friedensgesinnung gerecht werden können.

Jeder will Krieg, der das Spiel nicht als Mittel neugierigen und staunenden Lernens betrachtet, sondern als Instrument eines erbarmungslosen Wettkampfs um Sein oder Nichtsein. Aus homo ludens, dem spielenden Wesen, macht er homo faber, das werkzeugherstellende Wesen, dessen Werkzeuge nichts als Waffen sind. Waffen gegen Mensch und Natur.

Risikospiele, deren Ausgang Krieg oder Frieden offen lassen, sind genau so verderblich wie Gesellschaften, deren Offenheit darin besteht, durch waghalsigen Fortschritt Sein oder Nichtsein zu riskieren.

Jeder will Krieg, der Zukunft und Fortschritt des Menschen offen lässt für Frieden oder Verderben.

Jeder will Krieg, der Geschichte als Auswahlverfahren höherer Mächte betrachtet, die den Gewinnern sagen: auf euch sind wir stolz. Und den Losern: verschwindet vom Erdboden, um euch ist‘s nicht schade.

Jeder will Krieg, der Konkurrenz und Fortschritt als Selektion der Evolution definiert, um den Kampf ums Dasein zu gewinnen oder zu verlieren. Das Leben ist kein mörderisches Rankingverfahren. Darwin, der Theologe, hat Heilsgeschichte auf die Natur übertragen. Erwählung verwandelte er in Überleben, Verfluchung in Untergang.

Jeder will Krieg, der den Feldzug gegen die Natur und zwischen den Menschen nicht rigoros beendet. Den Klimawandel als Vernichtung der Natur wird der Mensch nicht stoppen, wenn er die Klimavergiftung zwischen den Menschen nicht abstellt.

Adam Smith wollte mit dem Kapitalismus eine neue humane Moral auf evidenter Grundlage schaffen. Was war sein Denkfehler? Weshalb musste sich seine ideale Vorstellung ins grauenhafte Gegenteil verkehren? Die Grundlage seiner Moral war das wohlverstandene Eigeninteresse – in Abkehr von einem bigotten Altruismus, der nichts anderes war als ein unerbittlicher Heilsegoismus.

Seine Rechnung wäre aufgegangen, wenn die Gesellschaft tatsächlich aus Bäckern und Metzgern bestanden hätte, die ihren Tausch auf gleichberechtigter Ebene hätten durchführen können.

Smith übersah, dass seine Voraussetzung nicht mehr existierte: die Gesellschaft bestand aus Reichen und Armen, Unabhängigen und Abhängigen, Mächtigen und Ohnmächtigen. Arme, Abhängige und Ohnmächtige sind unfähig, ein wohlverstandenes Eigeninteresse zu entwickeln, das mit dem Eigeninteresse der Reichen, Unabhängigen und Mächtigen auf gleicher Ebene sein könnte.

Das freie Spiel der Kräfte wäre harmonisch verlaufen, wenn die Einzelnen die gleiche Fähigkeit besessen hätten, ihre Interessen mit den Interessen der Anderen ins Gleichgewicht zu bringen. Die Wirklichkeit war schon zu Lebzeiten von Smith gänzlich anders.

Mächtige denken nicht daran, Ohnmächtige als Gleichberechtigte anzuerkennen: die Arbeits- und Lohnbedingungen, die sie ihnen aufzwangen, waren nicht von wohlverstandenem Egoismus, sondern von gnadenloser Selbstsucht. Subjektives Eigeninteresse, das den Ausgleich sucht mit dem des Tauschpartners, wurde zur Eigensucht, die niemanden neben sich als gleichwertig anerkennt.

Der gesellschaftliche Ausgleich sollte funktionieren, ohne dass die Akteure es wollten. Heute heißt es: niemand will den Krieg, dennoch entsteht er. Damals in umgekehrtem Sinn: niemand will Harmonie, dennoch entsteht sie. Damals zweifelte kein Aufklärer am guten Ausgang der Dinge, obgleich er kaum das Werk der Menschen sein konnte, heute zweifelt niemand mehr am schlechten Ausgang der Dinge, obgleich niemand ihn wollen darf – der nicht als Utopist verfemt werden will.

Der Glaube an eine moralfreie, alles bestimmende Geschichte war die Tür ins neoliberale Verderben, das Adam Smith gelegentlich ahnte, aber nicht mehr bekämpfen konnte. Um seine Theorie zu retten, flüchtete er zu einer unsichtbaren Hand, die retten sollte, was nicht mehr zu retten war. Als die Hand unsichtbar im Universum verschwand, fiel der Versuch, eine neue Moral auf der Grundlage einer quantitativen Gesellschaftsmaschine zu gründen, ins Wasser.

Die neue Ökonomie wollte sich lösen vom schwankenden Untergrund einer religiösen Ethik, die in zahllosen Religionskriegen bewiesen hatte, dass sie zur vernünftigen Lösung nicht fähig war. Die neue Moral sollte nicht mehr auf Glauben, sondern auf Erkennen beruhen: auf dem verlässlichen, jederzeit überprüfbaren Erkennen der mächtig aufgekommenen Naturwissenschaften.

Kepler, Galilei und Newton waren die drei Giganten der neuen Wissenschaft, die es schafften, sich von biblischen Schöpfungsberichten loszureißen. Der Stolz des modernen Europa wuchs ins Unermessliche. War es möglich, die heilige Offenbarung zu besiegen, so musste es auch möglich sein, die Moral der Heiden durch Wissenschaft zu ersetzen.

In einem Interview mit der FFF-Aktivistin Pauline Brünger wundert sich Jakob Augstein über die „Wissenschaftsgläubigkeit“ der jungen Bewegung:

„Ich selbst bin in einer Generation großer Wissenschaftsskepsis groß geworden, wir haben „Die Physiker“ von Dürrenmatt gelesen, die erfinden die Atombombe, und hinterher will es keiner gewesen sein. Da finde ich diese totale Wissenschaftsgläubigkeit junger Leute jetzt sehr interessant. Die wissenschaftlichen Prognosen der 1970er haben sich nicht bewahrheitet – aber jetzt will Ihre Generation auch wieder wissen, wie die Zukunft aussieht.“ (der-Freitag.de)

Augstein unterliegt mehreren Irrtümern. Die Prognosen der 70er-Jahre waren – aus alarmierenden Gründen – quantitativ oft übertrieben, qualitativ aber in einem Maße zutreffend, dass wir uns nachträglich nur wundern können über die Verstocktheit der Menschen, die die Warnungen nicht hören wollten. Die Skepsis beruhte nicht, wie Augstein unterstellt, auf wissenschaftlichen Argumenten, sondern – auf einer Mixtur aus überheblichem Glauben an den Fortschritt und verdrängten Ängsten gegen etwas, was niemals wahr werden durfte.

An der Wissenschaftsgläubigkeit ist die Wissenschaft nur schuldig, wenn sie ihren wissenschaftlichen Charakter vergisst und als Religionsersatz auftritt. Sie verlangt keinen Glauben, sondern Überprüfung. Wer Einwände und Kritik vorzubringen hat, kann sie jederzeit äußern – mit logischen und wissenschaftlichen Argumenten.

Frappantere Beweise ihrer Erkenntnisse als solche, die sich seit mehr als einem halben Jahrhundert (manche glauben, seit Alexander von Humboldt) immer mehr präzisierten, kann es nicht geben. Verifizierbaren Erkenntnissen die Zustimmung zu verweigern: das wäre paradoxe Wissenschaftsgläubigkeit.

Dürrenmatts Stück „Die Physiker“, an die Augstein erinnert, ist kein Beleg für eine kritische Einstellung gegenüber wissenschaftlichen Methoden, sondern gegenüber moralischen oder unmoralischen Konsequenzen aus ihren Erkenntnissen. Die schwache Stelle der Wissenschaften ist ihre moralische Inkompetenz. Sie benutzen gern den Vergleich mit einem Messer, das Brot schneiden – oder jemanden den Hals durchschneiden kann. Wozu man sich aber mit welchen Gründen entscheiden soll, das sagen sie nicht.

Flagrante Beispiele, dass es nicht genügt, zu konstatieren, was ist – wie sich die Medien heute noch immer betrügen. Nach der Wiedergabe dessen, was ist, folgt erst die entscheidende Frage: was machen wir mit dem „Ist“? Was soll aus dem Ist werden? Vor dieser moralischen Frage schrecken die heutigen Medien zurück.

Auch Atomwissenschaftler waren überfordert, die notwendige Debatte zu führen, ob man die Atombombe im Krieg gegen die Japaner einsetzen darf. Aus der damaligen Zeit stammt Einsteins Diktum: „Wissenschaft ohne Moral ist blind, Moral ohne Wissenschaft ist lahm.“

Wissenschaft ohne Moral ist blind: hätte die Wissenschaft sich Einsteins Einsicht zu eigen gemacht, hätte sie keine Probleme gehabt, mit ihren Erkenntnissen auf die Straße zu gehen und die Öffentlichkeit zu warnen. Zwar lernten sie in der ersten Ökologiebewegung, sich mit Büchern und Artikeln zu Worte zu melden. Doch ihre Warnrufe blieben zu schwach und akademisch. Die Öffentlichkeit spürte ihre Schwäche und vermutete hinter ihrer Unbeholfenheit mangelhafte Erkenntnisse. Zu Unrecht.

Heute wird die Theorie bestätigt durch eine Unsumme angsterregender Katastrophen, die Zweifel an ihnen entlarven sich als gezinkte Falschmeldungen bestimmter Industrien.

Moral ohne Wissenschaft ist lahm: das klingt gekünstelt. Denn Moral beruht auf autonomen Denkakten, die erst im zweiten Akt überlegen, mit welchen Methoden sie ihre Überlegungen zu konkretisieren gedenken. Das Wichtigste ist, dass Wissenschaft überhaupt zur Einsicht kommt, moralische Verpflichtungen zu haben. Dem war lange nicht so und wird heute erst zur Selbstverständlichkeit. Warum?

Die Naturwissenschaften waren überzeugt, nicht nur die biblische Genesis, sondern auch die griechische Moral überwunden zu haben – nachdem sie bereits die griechische Naturwissenschaft in den Schatten gestellt hatten. Die Griechen, so das Argument, hätten es zu logischen, mathematischen und naturphilosophischen Einzelerkenntnissen gebracht, aber nicht aber zur Einheit der drei Wissensarten.

Das Selbstbewusstsein der frühen Moderne schnellte derart in die Höhe, dass es zur grundsätzlichen Abrechnung mit der Antike kam: in den querelles des ancients et des modernes, den Streitigkeiten zwischen den Alten und den Modernen. Nicht nur in Naturwissenschaft, Architektur und Waffentechnik, sondern auch im Bereich der Literatur, Malerei und aller schönen Künste hätten die Modernen die Alten überrundet. Vor allem in der Moral.

Wer nachweisen kann, dass Ökonomie eine quantitative Wissenschaft und auf hinterwäldlerische Moralvorschriften nicht mehr angewiesen ist, hat den Wettbewerb mit den Griechen gewonnen. Das ist die Meinung der Gegenwart, die die Griechen in jeder Hinsicht begraben hat: im Wissenschaftlichen, Technischen, Künstlerischen und Demokratischen.

Doch der Beweis ist – mit Ausnahme des Naturwissenschaftlichen und Technischen – erschlichen. Er beruht auf der falschen Annahme, Natur und Mensch in automatische Maschinen verwandelt zu haben, die auf moralische Interventionen verzichten könnten.

Bei Descartes war der Mensch eine halbe Maschine. Bei La Mettrie war die Maschinisierung des Menschen komplett. Menschen wurden zu automatischen Maschinen, die – wie die heutigen digitalen Autos – auf geistige Weisungen verzichten konnten. Geist als Sitz des freien Denkens wurde überflüssig. Mach Dir keine Gedanken, Dein Hypothalamus denkt für Dich.

Das Gehirn wurde zur somatischen Schaltzentrale des Menschen, der auf bewusste Gedankenbildung verzichten konnte. Bei Neurologen wird der Mensch vom Gehirn, bei Behavioristen von außen: von Werbung und Gesellschaft, bei Marxisten von materiellen Verhältnissen ferngelenkt. Der Geist, das Selbstdenken, worauf die Griechen und die späteren Aufklärungsbewegungen so stolz waren, ist dabei, in der Versenkung zu verschwinden.

„Die Verbindung zwischen ökonomisch-technischem Fortschritt und der kontinuierlichen Vervollkommnung der Moral ist zu einem Topos der aufklärerischen Geschichtsphilosophie geworden. Voltaire war überzeugt, dass die Menschheit mit den Fortschritten in Wissenschaft, Technik und Handel zugleich auch die Moral vervollkommne. Am eindeutigsten versucht Turgot, eine direkte Verbindung zwischen den ökonomisch-technischen Geschichtsstadien und der moralischen Zivilisierung der Menschheit nachzuweisen.“ (J. Rohbeck, Die Fortschrittstheorie der Aufklärung)

Rohbeck wundert sich über diese Parallelisierung des moralischem Fortschritts mit dem damaligen imperialen Unterjochen der nichtchristlichen Welt.

„Angesichts der kolonialen Eroberungen und der unverminderten Handelskriege in Europa mag es unverständlich erscheinen, von einem friedebringenden Handel zu reden.“

Der wahnhafte Gleichklang zwischen Moral und welterobernder Wirtschaft aber blieb das Fundament der bis heute gültigen Ideologie, dass wirtschaftliche Beziehungen die Kriegsgefahr zwischen den Völkern vermindere und ihre friedliche Kooperation fördere. Erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass grenzenloser Wettbewerb die Ausbeutung der schwachen durch die starken Staaten verstärkt – und in einem militärischen Endkampf entschieden werden könnte. Die Deutschen, die vor allem vom Export in die ganze Welt leben, werden noch lange brauchen, um diese Erkenntnisse zuzulassen.

Nur wenige Philosophen wie Habermas und Hannah Arendt haben diese verhängnisvollen Zusammenhänge erkannt. Sie warnen vor der Ersetzung des ethisch Guten durch technisches und wirtschaftliches Agieren. An die Stelle dialogischer Verständigung sei die technisch-instrumentelle Vernunft getreten.

Mit anderen Worten: Mit Hilfe seines technischen Fortschritts, inklusive der KI, ist der Mensch dabei, sich politisch-moralisch zu entmündigen. Hobbes war es, der den Staat in ein mechanisches Ungeheuer, ein Behemot, verwandelt hatte, das von einem allmächtigen Tyrannen dirigiert wurde. Das war der Beginn des modernen Totalitarismus.

Der Streit der Moderne mit den Alten geht subkutan weiter. Die Moderne ist nicht nur stolz auf ihre technische Dominanz, sondern auch auf ihre moralische Überlegenheit über die Griechen – durch Überflüssigmachen oder Ersetzen der Moral mittels wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Die Ökonomie benötigt nur ein psychologisches Grundgesetz, das sie wissenschaftlich für bewiesen hält – der Mensch ist ein egoistischer homo rationalis. Auf diesem Fundament erbaut sie die unwiderleglichen Erkenntnisse ihrer Formel und Zahlen: c’est ca.

Über Moral und Gerechtigkeit muss nicht debattiert werden, darüber kann nicht debattiert werden. Wo Moralisten mit weitschweifigen Reden das Unbeweisbare zu beweisen suchten, sprechen heute nüchterne Zahlenkolonnen.

Worauf beruht die vermeintliche Überlegenheit der Neuen über die Alten aus philosophischer Perspektive? Auf der wachsenden Unabhängigkeit der Moderne von der Natur.

Die Griechen verdankten alles der Natur. Was sie erkannten, waren Erkenntnisse der Natur. Was sie künstlerisch gestalteten, beruhte auf Nachahmung der Natur. Was sie für moralisch hielten, war Erinnerung an die Natur. Natur hatte sie erschaffen, die Natur verehrten sie mit ihrer Anschauung und mit ihrem Erkenntniswillen, die Natur imitierten sie mit guten Taten. Selbst die Amoralisten fühlten sich dem Naturrecht der Starken verpflichtet. Worüber man immer stritt, der Streit ging um die rechte Würdigung der Natur.

Das Generalmotto war mimesis, imitatio, die Nachahmung der Natur in allen Bereichen des Lebens.

Harter Schnitt, das Christentum betritt die Bühne.

Aus der Natur als Vorbild aller Dinge wird ein minderwertiges Ding, das in allen Dingen überwunden werden muss. Die Imitation der Natur wird geächtet, an ihre Stelle tritt – die inventio, die Neuschöpfung der Natur aus dem Genius des Menschen. Der Mensch wird zum gottgleichen Genie, dessen ganzes Tun und Lassen nichts anderes bewirken will, als die Natur überflüssig zu machen. Das Geschöpf muss seinen Creator imitieren, indem es zwanghaft kreativ werden muss. Geniale Kreativität wird zur Religion der fortschrittsversessenen Moderne.

Gottgleiche Schöpfer erschaffen alles aus Nichts, indem sie die vorhandene Natur ins Nichts zurückstoßen. Das ist der innerste Grund der naturfeindlichen Einstellung der gottähnlichen Moderne.

Ein französischer Vertreter der „Querelles“ hatte bereits bemerkt, die Überlegenheit der christlichen Dichtung gegenüber der Antike bestünde darin, dass der Künstler nicht mehr die Natur, sondern den Gott als Schöpfer nachahme.

„Die Modernen waren der Antike überlegen, dass sie im Epos und in der Malerei Erfindungen hervorbringen würden, für die es in der Natur kein Vorbild gebe. Die Natur bleibe sich immer gleich, weshalb das Nachmachen ihrer mangelnden Kreativität zu nichts Neuem führen könne.“ (Rohbeck)

Der englische Aufklärer H. Th. Buckles bestätigt die Meinung, dass Moral seit der Antike stehengeblieben sei, während Technik und Wissenschaft den glänzenden Fortschritt der abendländischen Kultur hervorgebracht hätten. Auch das Christentum habe kein Tüttelchen Neues hinzuerfunden.

„Das Moralsystem des Neuen Testaments enthält keine einzige Maxime, die nicht schon früher ausgesprochen wurde. Die Hauptsätze der Moral seien seit Jahrtausenden bekannt und nicht ein Tüttelchen sei ihnen seitdem hinzugefügt worden durch alle Predigten und Textbücher, welche die Theologen sich aus den Fingern gesaugt hätten.“ (Geschichte der Civilisation in England)

Jeder will Krieg, der seine Ursachen in der Geschichte des Abendlandes nicht zur Kenntnis nehmen will. Ohne Einsicht kein Frieden mit sich selbst.

Jeder will Krieg, der die Kausalität zwischen seinem Tun und Denken mit den weltpolitischen Verwerfungen negiert, um seine Verantwortung zu verleugnen.

Wer nicht schuld sein will an seinen destruktiven Taten, kann kein Verdienst haben an seinen humanen Taten.

Jeder Mensch will Krieg, der sich nicht an vorbildlichen Friedensmenschen orientiert, um seiner eigenen Friedlosigkeit bewusst zu werden. Es geht nicht um Imitation, es geht um Lernen durch selbstbestimmtes Denken:

„Nur organisierte Gewaltlosigkeit kann es mit der organischen Gewalt der englischen Regierung aufnehmen. Diese Gewaltlosigkeit wird in zivilem Ungehorsam ihren Ausdruck finden. Mein Ehrgeiz geht dahin, das englische Volk durch Gewaltlosigkeit davon zu überzeugen, dass man dem indischen Volk Unrecht tut. (Gandhi)

Gandhis Worte müssen nur ein wenig variiert werden, um dem Hier und Jetzt als Weisung zu dienen:

Friedensfreunde sollten versuchen, die Welt davon zu überzeugen, dass sie Mensch und Natur Gewalt antut. So viel Gewalt, dass das Überleben der Menschheit gefährdet ist.

Warum gefährden wir unser eigenes Überleben? Weil wir „mehr über Krieg als über Frieden wissen, mehr über das Töten als über das Leben.“ (Ein amerikanischer General)

Wer keinen Krieg will, muss die Perversion ins Gegenteil verkehren: unsere gesamte Vitalität, Denkkraft und moralische Verantwortung sollten einzig dem Leben dienen und nichts als dem freudigen Leben.

 

Fortsetzung folgt.