Tanz des Aufruhrs VIII

Tagesmail - Montag, den 06. Januar 2020

Tanz des Aufruhrs VIII,

’s ist Krieg! ’s ist Krieg
Gottlob, ‘s ist Krieg,
und wir begehren,
daran beteiligt zu sein.
’s ist gottlob Krieg und wir begehren,
Schuld daran zu sein.

Ohne Schuld ertragen wir das Leben nicht. Welch eine Qual, mit einem schuldlosen Leben bestraft zu werden. Nur Feinde können uns frohgemute irdische Tage wünschen. Wer sein Leben in Schuld verbringen darf, um mit Gott in Verbindung zu treten, der muss das Schlimmste fürchten, wenn er zu einem unbeschwerten Erdendasein verurteilt wird.

Wer seine Last tragen darf, um sie vor dem Himmel zu bereuen, der ist ein Begnadeter: in seinem Leben muss er sich mit seelischem Ballast nicht länger auseinandersetzen.

Schuld war ursprünglich ein Gefühl des Versagens. Wir hätten ein besseres Leben führen können, warum führten wir es nicht?

Wer ein besseres Leben führen will, muss die Ursachen seiner Schuld ergründen und lernen, immer schuldloser zu leben. Wer seinem Lernen nicht vertraut, der muss zu Priestern und Göttern gehen, um seine Schuld loszuwerden: durch erkenntnislose Opfer oder Selbstkasteiung.

Wer seine Fehler erkennen und aus eigener Kraft verändern will, der braucht keine Altäre und Götter. Er muss autonom erkennen, wo er seinen Mitmenschen ...

... nicht gerecht wurde. Erkennen ist nicht nur ein Akt der Wahrnehmung, sondern ein Therapeutikum: der Erkennende kann sich selbst vergeben, um ein anderer zu werden.

Wer sich zu schwach fühlt, flieht zu höheren Instanzen – die er zuvor erfinden muss. Seine Imagination ist größer als seine Erkenntniskraft.

Hier trennen sich die Wege: Imagination führt zur Erlösungsreligion, Erkenntnis zum Selbstdenken.

Erlösung von Oben beginnt mit der Vernichtung des Unten: zuerst der Psyche, dann des Leibes und der ganzen Natur:

„Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. Alle sind sie abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer. Wir wissen aber: Was das Gesetz sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetz sind, auf dass jeder Mund gestopft werde und alle Welt vor Gott schuldig sei. Denn durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch vor ihm gerecht sein. Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.“

Das ist das Todesurteil von Oben über alles Irdische, über Mensch und Natur. Da ist keiner, der gerecht und verständig wäre.

Die Vollstreckung des Todesurteils war anfänglich der Ausschluss aus Gottes Volk oder der Gemeinde, „der einem Todesurteil fast gleich kam, durch eine über ihm ausgesprochene Bannformel; oder die Gemeinde vollzog unmittelbar an ihm das Todesurteil durch die Steinigung.“ (Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testaments)

Noch gegen Spinoza wurde – wegen seiner religionskritischen Schriften – der Bann ausgesprochen: das jüdische Pendant zu christlichen Ketzerprozessen, Inquisition und Hexenverbrennungen.

Nach der Etappe des Todesurteils kamen die stellvertretenden Strafen: das Volk konnte sich entlasten durch Menschenopfer (zumeist Kinder), später durch stellvertretende Tieropfer. Durch Bestrafen der Natur konnte sich der Mensch von seiner Schuld befreien: das war der Weg des Westens, der die Natur vernichten musste, um seine Schuld zu bekämpfen und seine schöpferische Grandiosität zu beweisen.

Die Schuld der Menschheit aber wuchs im Verlauf ihrer Geschichte derart ins Unermessliche, dass weder Menschen- noch Tieropfer genügten. Gott selbst musste Mensch werden und sich leibhaftig opfern, um der Schuld der Menschen gerecht zu werden. Der Mensch war unfähig zu seiner Entsühnung, die Tilgung seiner Schuld musste er Gott überlassen. Eine Ersetzung des stellvertretenden Gottesopfers war ausgeschlossen: über Gott hinaus ging nichts.

Der Weg der Philosophie zur lernenden Selbsterkenntnis war damit für immer ausgeschlossen: Gott lässt sich durch nichts ersetzen.

Kant bleibt oberflächlich bei Nennung der Ursachen, warum der Mensch unmündig bleibt:

„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch zeitlebens unmündig bleiben. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich bezahlen kann, andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“

Denken ist nur verdrießlich, wenn es gegen Denkverbote ankämpfen muss. Kinder, die ihren eigenen Kopf benutzen dürfen, sind leidenschaftliche Denker. Von den Griechen sagte man, sie seien immer Kinder geblieben.

Homer und Hesiod kannten noch keine elementaren Schuldgefühle. Blutschuld konnte durch Wergeld abgelöst werden. Erst nach Homer und Hesiod verbreiten sich religiöse Schuldgefühle durch eingewanderte Erlösungsmythen. Von Schuldgefühlen konnte man sich entsühnen durch Kathartik. (Katharsis = Reinigung). Nicht selten bediente man sich des orientalischen Brauchs der Schlachtung von Sündenböcken.

Die griechische Aufklärung machte Schluss mit religiösen Schuldgefühlen und stellvertretenden Opfern. Tragödiendichter verstanden sich als Lehrer und Erzieher ihres Volkes. „Sie wollten ihre Volksgenossen zu mannhaften, ihrer staatsbürgerlichen Pflichten bewussten, zur tätigen Mitwirkung am Leben der Polis erziehen. Zum hellenischen Drang nach Erkenntnis gesellte sich ein ethisch-erzieherisches Motiv.“ (Nestle)

Ja, leiden musste der Mensch. Doch Leiden blieb nicht das letzte Wort. „Durch Leiden zur Erkenntnis“ wurde zum Leitmotiv der gesamten griechischen Tragödie. Ohne Erkennen blieb Leiden sinnlos.

Doch die Tragödie – „das große Spiel der Welt“ – blieb nicht das Ende aller Dinge. Der Tragödie folgte das Satyrspiel, dem Ernst der Scherz, nach der Spannung und Entladung der Leidenschaften kam das befreiende Lachen.

Nicht nur über Menschen wurde gelacht, sondern auch über Götter. Beides zusammen: Ernst und Scherz, Weinen und Lachen, machte das vollständige Leben aus. Das Fazit von Weinen und Lachen fasste der Spruch am delphischen Tempel zusammen: „Erkenne dich selbst.“ Erst Selbsterkenntnis als Versenkung in die elementaren Triebkräfte des Geschehens führt den Menschen aus dem Zeitbedingten in die Erkenntnis immer gültiger humaner Ideen.

Heute hat alles kurzatmig und zeitbedingt zu sein, überzeitliche Tugenden sind verboten. Lehren und erziehen ist notwendig als Drill für Kinder, nicht für Erwachsene, die über jede Belehrung erhaben sind. Politik darf überhaupt nicht erziehen wollen. Das setzte eine überlegene Erkenntnis voraus, die per se in Verdacht steht, in Zwangsbeglückung auszuarten.

Das Gleichsetzen von Erziehung und Faschismus ist eine indirekte Enthüllung des gesamten Schulsystems. In vitalen Demokratien gibt es keine selbsternannten Klassen der Weisen und Besserwissenden. Dennoch gibt es Unterschiede des Erkennens, die erst durch öffentliches Streiten sichtbar und von jedem Einzelnen überprüft und beurteilt werden müssen. Jeder Demokrat muss sich bemühen, es besser zu wissen oder durchdacht zu haben als sein Nachbar und dennoch bereit sein, das Echo der Gesellschaft nicht als Gottesurteil, aber als ernst zu nehmende Meinungsvielfalt zu akzeptieren.

Der Glaube an die Überlegenheit der Demokratie ist Vertrauen in eine Gesellschaft, die sich durch öffentliches Debattieren allmählich der Wahrheit nähern kann. Demokratien sind lernende Schwarmintelligenzen. Und sind sie es nicht, können sie keine echten Demokratien sein, sondern isolierte Monadenzellen.

Auch Lachen ist das Ergebnis eines Erkenntnisprozesses, der alle Emotionen des Lebens kennt. Kunst in der Polis war eine pädagogische Disziplin, die der Lernbereitschaft des Volkes diente, das Menschliche zu entziffern. Utopien waren keine himmlischen Offenbarungen, die sich beim irdischen Realisieren in Höllen verwandeln konnten.

„Wehe euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet trauern und weinen“: lautet das Lachverbot in Theokratien. Das Heilige darf nicht verlacht werden, es untersteht nicht der Überprüfung menschlicher Vernunft.

„Wehe euch, die ihr jetzt satt seid“: dem Lachverbot entspricht das Verbot, seine Bedürfnisse zu be-frieden. Weshalb der kapitalistische Mensch sich ständig übersättigen muss, um sich mit der Lüge zufrieden zu geben, nur in scheinbarer Überfülle ein erfülltes Leben zu führen.

Leiden, das nicht zur Erkenntnis seiner Ursachen führt, wird zur Strafe für eine unaufhebbare Schuld. Weshalb alle Politik christlicher Völker nie dem Leiden entrinnen darf. Sie fühlen sich erst stark, wenn sie sich eigenhändig ins Unglück stürzen, das sie als Gottes Liebessignal auffassen. Seht, Gott lebt noch, er lässt uns leiden.

So stehen wir wieder vor einem neuen Krieg, den der Westen durch eine lange Kette von Demütigungen im Nahen Osten provoziert hat. Ein halbes Jahrhundert Frieden mit verlässlicher Fortsetzung ins Utopische hätte bedeutet: Lachen und Sattsein der Völker ohne Schädigen der Natur. Unerträglich.

Kunst ist die Frucht des Abscheus vor der Vernunft. Moderne Kunst kennt keine Wahrheitspflicht, denn sie kennt keine Wahrheit, die universell gültig wäre. Sie kennt nur die Offenbarung der eigenen Einmaligkeit.

„Das Prinzip des künstlerischen Rohstoffes, der Natur, ist nicht die Vernunft, sondern die gesamte „innere Welt“. Nicht die Vernunft, sondern das Leben des Künstlers ist die geheime Quelle der künstlerischen Synthesis. Kunst ist keine Nachahmung der Natur aus dem Leben des Künstlers. Ein Vergleich mit irgendeiner objektiven Norm findet nicht statt, denn Kunst ist eine subjektive Offenbarung, kein Ausdruck eines Objektiven und Rationalen, sondern Eindruck einer unvergleichlichen Persönlichkeit. Ist die letzte Konsequenz der rationalen Kunstauffassung ein künstlerischer Kosmopolitismus, so folgt aus der irrationalen Kunstauffassung der künstlerische Nationalismus. Dem übernationalen Kunstideal der Aufklärung tritt in der Sturm-und-Drang-Zeit folgerichtig die Forderung nach echter deutscher Art und Kunst gegenüber.“ (Korff, Geist der Goethezeit)

In der Religion ist Gott das Subjekt der Offenbarung, in deutscher Kunst ist der völkische Künstler das Subjekt nationaler Offenbarung. Kunst hat keine menschenverbindenden Ambitionen, sondern nur den Ehrgeiz, Nationen zu kämpferischen Einheiten zusammenzuschließen, die den Krieg mit anderen Nationen suchen, um Gott ein Urteil zu entlocken, wer Ihm näher steht: das ist meine geliebte deutsche Nation, an der ich mein Wohlgefallen habe.

Der Rückfall der Deutschen in eine selbstvernarrte Nation, die die Welt nur touristisch und exportmäßig zur Kenntnis nimmt – und die immer stärker werdende Attraktion der Wagner-Festspiele in Bayreuth ist kein zufälliger Zusammenhang. Selbst die Verbindung mit Frankreich hat die Kanzlerin lustlos verschlampt.

„Richard Wagner ist der Komponist, über den die deutsche Gesellschaft bis heute nicht zur Ruhe gekommen ist. Vom Kaiserreich über die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis hin zur Bundesrepublik, der DDR und dem wiedervereinigten Deutschland war und ist Wagners Nachleben ein Brennspiegel der deutschen Geschichte.“

Die internationale Politik verwandelt sich in moderne Kunst, die keine objektiven Normen kennt, sondern nur an nationalen Offenbarungen interessiert ist. Ich bin, der ich bin, sagt Trump im Stil eines schillernden Theaterregisseurs, der nichts begründet, nichts erklärt, alle politische Korrektheit verflucht, seine Schauspielertruppe wie Marionetten behandelt.

Ich bin das Genie, das ich bin. Genies stellen sich dar, offenbaren sich, zeigen ihre Gottebenbildlichkeit. Fragen, was ihre Eitelkeiten zu bedeuten haben, bestrafen sie mit Fluchen und Diskriminieren. Sie kennen keine Rationalität, an der sie sich messen ließen. Das Genie der modernen Kunst und Politik spricht wie Gott zu seinen Untertanen:

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“

Offenbarungen müssen stumm befolgt werden. Nachfragen gelten als Blasphemie. In der deutschen Klassik entwickelt sich die subjektive Kunst des Genies, indem sie die Rationalität der Aufklärung verwirft. An die Stelle der Politik, zu der die zerrissenen Deutschen nicht fähig waren, trat die Ästhetik des Genies. An demokratische Verhältnisse war nicht mehr zu denken.

Warum wurde in der Nachkriegszeit so oft betont: Hitler war ein Kretin, aber kein Genie? Weil fast alle Deutschen kurz vorher überzeugt waren, Hitler sei als Sohn der Vorsehung das Genie der Genies gewesen.

Die Geniereligion hat den Deutschen das Genick gebrochen. Warum zerfällt die Republik? Warum wird nur noch geschludert, gewurstelt und geschlampt? Weil Genies kein Interesse haben an funktionierenden S-Bahnen und an einer zuverlässigen Müllabfuhr. Sie entziehen sich dem gesunden Menschenverstand der Spießer und Krämer.

Nun aufpassen: gleichzeitig gelten die exakt gegenteiligen Kriterien. Denn mit genialen Schlampereien kann man kein Exportweltmeister werden. Hier treffen zwei konträre Selbstdarstellungen aufeinander – und schreddern sich gegenseitig. Führende Autohersteller werden zu führenden Autobetrügern. Eine führende Ökonation wird zum Schlusslicht Europas. Erfinder des Computers werden zu digitalen Kretins.

Die deutsche Genie-Ästhetik anerkennt keine rationalen Normen, weder in der internationalen noch in der nationalen Politik. Genies schwadronieren das Blaue vom Himmel oder sie schweigen. Denn sie haben nichts zu sagen. Ihre Sprache ist eine ständige Neuerfindung der Begriffe, die letztlich unerklärlich bleiben. Erklären hieße doch: dem Plebs etwas beibringen. Welch ein Brechmittel!

Was ist gute Kunst? Schon die Frage verrät den Dummkopf:

„Das Gerede von guter Kunst ist völliger Quatsch. Aktuell ist gute Kunst, was eine kleine Gruppe einflussreicher, alter weißer Männer festlegt. Frauen, Afroamerikaner, Mitglieder der LGBTQ-Community werden dadurch stark benachteiligt. Heute muss gute Kunst vor allem eins sein: teuer. Der Inhalt zählt nicht. Die Banane von Maurizio Catellan, die er auf der Art Basel Miami Beach für 120.000 Dollar verkauft hat, zeigte das kürzlich.“ (SPIEGEL.de)

Was hassen Genies am meisten? Nachprüfbare Kriterien, die in der Lage wären, die Göttergleichen als kleine furchtsame Menschlein zu entlarven.

Götterdämmerung in deutschen Gauen. Zur Abhilfe benötigen wir deutsche Trumps, die sich auf die Bühne trauen mit Sätzen der Selbstbeweihräucherung: Was ich euch zu sagen habe, ist unvergleichlich, denn Ich bin unvergleichlich. Ich argumentiere nicht, das haben nur Heiden und Gottlose nötig. Ich bin der, den Gott der Welt gesandt hat, bestätigen meine fundamentalistischen Prediger – und die müssen es wissen, denn sie haben es von IHM selbst gehört.

„Damals im Flugzeug, ein Jahr vor der Wahl, habe er Trump gesagt, dass Gott etwas Großes mit ihm vorhabe, erzählt Jeffress. Dann schildert er ihr Gespräch so, dass kein Zweifel daran bleibt, wie der Pastor die Welt sieht: mit Gott als Hauptperson, Jeffress als Gottes Sprachrohr und mit Trump als dem Werkzeug Gottes.“ (ZEIT.de)

Weil Trump von Gott gesandt ist, kümmert es seine Schäfchen nicht, wenn er ständig die Zehn Gebote bricht. Gottgesandte sind keine Moralapostel, sie sind Sünder, die Gott in ihrer Verkommenheit liebt. Je sündiger, umso besser, denn das zeigt die Majestät des vergebenden Gottes. Doch welche Politik verfolgt ein Genie Gottes? Das göttliche Risiko – oder das Schlangenspiel:

„Das Snake Handling ist kein heidnisches Ritual, es hat nichts mit der Anbetung oder Beschwörung der Tiere zu tun. Für die Menschen, die die Schlangen anfassen, ist es ein Glaubensbeweis – ein Zeichen, dass sie zu den Seligen gehören, zu denen, die bereit sind, ihr Leben in die Hand des Herrn zu geben. Denn so steht es in der Bibel, und die Bibel nehmen Coots und die Menschen, die in seine Kirche kommen, wörtlich: "Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese", heißt es im Markus-Evangelium, Kapitel 16, Vers 17 und 18. "In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird's ihnen nicht schaden." Und bei Lukas steht in Kapitel 10, Vers 19: "Seht, ich habe euch Macht gegeben zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden." "Sie sind schnell wie ein Blitz, ich habe die Bisse gar nicht gesehen", sagt er. "Und es tut sehr weh." Trotzdem sagt Morrow, dass er nie Angst habe, die Schlangen anzufassen. "Man darf keine Angst empfinden. Nur Liebe." Ein tödlicher Schlangenbiss bedeutet für sie, dass die Zeit, die Gott diesem Menschen gegeben hat, vorbei war. "Wir verlassen diese Erde nicht, bevor Gott nicht bereit für uns ist", sagt Morrow.“ (Sueddeutsche.de)

Gott muss für den Menschen bereit sein. Bereit ist er, wenn er ihn sterben lässt. Das zeigt er durch Zufall: so nennen es die Ungläubigen. Die Gläubigen hingegen wissen, Zufälle gibt es nicht in Gottes Regiment. Es gibt nur den Willen des Herrn der Geschichte, der unerklärbar bleibt für den Menschen.

Das Wagnis mit dem Unvorhersehbaren, das Risiko beim Klettern in der Steilwand, das Pokern mit Milliarden, der Fortschritt ins Grenzenlose, das phantastische Abenteuer im Universum: all dies ist für Genies genau das, was das Schlangenspiel für unbedarfte Gläubige ist.

Es ist dasselbe Spiel, das der arische Sohn der Vorsehung spielte. Vielleicht gewinne ich – und gewinne ich nicht, so habe ich‘s doch versucht. Wer nicht scheitern kann, kann auch nicht spielen – sagen die Meister des Risikos.

Es tut weh. Aber man darf keine Angst haben. Nur Liebe. So meint es auch Trump, der alles, was er tut, für Liebe hält. Denn als Erwählter ist er unfähig, nicht zu lieben. Freilich, die Welt versteht nicht, was Liebe ist. Schon gar nicht die Liebe eines Genies.

Als Trump an die Regierung kam, schäumten die deutschen Medien. Keine drei Jahre sind vergangen – und Trump ist mitten unter uns. Die Deutschen, ohne erarbeitete, stabile Humanprofile, imitieren alles, was sich ihnen mächtig und erfolgreich präsentiert. Und Trump scheint momentan unbesiegbar.

Zeit, sich zu seinen Liebesmethoden rückhaltlos zu bekennen. Aus Liebe zur Welt lässt er den leibhaftigen Gottseibeiuns im Nahen Osten ausfindig machen, um ihn mit einer Superdrohne zu liquidieren.

BILD und WELT jubeln. Reichelt, der die kleinste Gewalttat der Linken gegen das Recht verabscheut, schreit Halleluja über die Selbstjustiz Trumps, der sich an kein Völkerrecht, an keinen UN-Beschluss gebunden fühlt:

Geht’s um heilsgeschichtlichen Bellizismus, darf Ex-Bundeswehr-Historiker Wolffsohn nicht fehlen:

„Soleimani getötet, ein Mega-Terrorist weniger, keine unschuldigen Toten, und wieder wendet sich Deutschland von Amerika ab. Durch diese erneute politisch unmündige Abwendung manövriert sich Deutschland, wie Europa, langfristig in die selbst verschuldete Schutzlosigkeit. Die deutsche Politik und Gesellschaft hat die Lektion der Appeasement-Geschichte von Chamberlain und Daladier auf der Münchner Konferenz von 1938 vergessen: Wer heute Aggression und Expansion „des lieben Friedens wegen“ hinnimmt, riskiert morgen Krieg. Ohne Abschreckung kein Frieden. Zähneknirschend hatten „die“ Deutschen diese Lektion während des Kalten Krieges akzeptiert. Nach dessen Ende wunschträumen sie vom weltpolitischen Paradies. Wenn sie erwachen, könnte die Wirklichkeit albtraumhaft sein.“ (WELT.de)

Der Iran ist das neue Hitlerreich. Muss deshalb ohne Wenn und Aber attackiert werden. Die absehbaren Folgen der Attacke für die gesamte Weltpolitik – liegen in Gottes Hand. Wer Frieden will, ist ein Schlappschwanz, der schon sehen wird, in welchem Abgrund er landet.

Der WELT-Chefredakteur fasst die Kriegslüsternheit der Springerpresse zusammen:

„Wir sind die Guten, tugendstolzt es im neupreußischen Hochdeutsch der Berliner Republik. Deswegen erklärt eine Offizierstochter wie Carola Rackete den Italienern, wie Moral (und Gesetzesbruch) geht, deswegen belehren nun die sächsischen Aktivisten Sebastian Kurz. Deswegen die Hybris gegenüber den „imperialistischen“ USA. Deswegen der Hochmut gegenüber der Siedlungspolitik der Israelis, der Migrationsskepsis der Osteuropäer, der Sozialdemokratie der Dänen, der demokratischen „Idiotie“ der Briten, zunächst Brexit und dann Boris zu wählen, und so weiter und so fort.“ (WELT.de)

Den Hass gegen Menschen- und Völkerrechte nannte man einst Imperialismus oder Faschismus. Warum sagen deutsche Trump-Bewunderer nicht einfach: wir sind   Faschisten und wissen, was die Geschichte will? Wir sind in Gottes Pläne eingeweiht? Wir stehen auf der Seite, nein, nicht der Guten, sondern der Besten und Allerbesten, jenseits von Gut und Böse? Über rationale Moral können wir nur lachen, denn wir sind deutsche Genie-Ästheten-Politiker, die nichts zu begründen haben.

Während Berlins Politiker sich noch zieren, dem amerikanischen Schlangenspieler zu folgen, ist die trumpistische Springerpresse schon voll auf der Begeisterungswelle Washingtons. Sie haben keine Hemmungen mehr, alle rechtlichen und moralischen Errungenschaften der Aufklärung in die Gosse zu schütten. All dies nicht zuletzt, um der völkerrechtswidrigen Annexionspolitik Israels ein moralisches Mäntelchen zu verleihen. 

Für Christiane Hoffmann gibt es keinen Zweifel am völkerrechtswidrigen Tun des amerikanischen Präsidenten. Was für Trump gilt, muss auch für die Beurteilung der Springerpresse gelten:

„Mit seinen Drohungen der vergangenen zwei Tage ist US-Präsident Donald Trump dabei, sich aus der westlichen Wertegemeinschaft zu verabschieden. Er hat Prinzipien, die den Westen bisher ausmachten, offen infrage gestellt. Mit seiner Drohung, iranische Kulturstätten zu zerstören, hat er Amerikas Bekenntnis zur Haager Landkriegsordnung, die seit mehr als hundert Jahren zivilisatorische Grundlagen im Kriegsfall regelt, in Zweifel gezogen. Sollte er sie wahrmachen, wäre das ein Zivilisationsbruch, ein Akt der Barbarei, der an die Zerstörung der afghanischen Statuen in Bamyan durch die Taliban erinnert.“ (SPIEGEL.de)

Ex-Außenminister Gabriel wiederholt die These eines Historikers, eigentlich wolle niemand den Krieg. Krieg sei ein bewusstseinsloses Schlafwandeln ins Verderben.

„Auch wenn es nach wie vor fundamentale Gründe dafür gibt, dass keine der beiden Seiten – Washington und Teheran – in einen vollständigen Krieg eintreten wollen, drohen die Beteiligten durch die nächsten wechselseitigen Eskalationen wie im Schlafwandel in den Krieg zu ziehen. Ein 1914-Moment: niemand will den Krieg und doch kommt es dazu, weil die internationale und regionale Diplomatie versagt und niemand eingreift.“ (TAGESSPIEGEL.de)

Wenn – außer der Springerpresse – die ganze Welt vor einem Krieg warnt: kann es dann noch Schlafwandeln geben? Schlief Trump, als er den Tötungsbefehl gegen Soleimani unterzeichnete? Schliefen die Generäle, als sie den Befehl weitergaben? Schliefen die Soldaten, als sie die roten Knöpfe zum Abschuss drückten?

So verharmlost ein Expolitiker die brandgefährlichen, im grellen Licht der Weltpolitik inszenierten verbrecherischen Taten von Politikern, die sich von keinen Argumenten mehr berühren lassen.

Warum spricht Gabriel immer von "deutscher Politik"? Warum nennt er die hauptverantwortliche Kanzlerin nicht bei Namen? Warum kann Berlin nicht Deutsch sprechen, wenn es Amerika anklagen müsste? Könnte es damit zusammenhängen, dass auch in Berlin der Heilige Geist weht?

Das neue Jahr beginnt. Amerika, aus Angst vor der Klimakatastrophe, stürzt die Welt in zusätzliche Ängste vor einem verheerenden Krieg.

Angst ist die beste Therapie gegen Angst, sagte das Genie – und sprengte sich in die Luft.

 

Fortsetzung folgt.