Tanz des Aufruhrs VI

Tagesmail - Montag, den 30. Dezember 2019

Tanz des Aufruhrs VI,

„Warum es so viel Leiden, so kurzes Glück nur gibt?
Dass nicht vergessen werde, was man so gerne vergisst:
Dass diese arme Erde nicht unsere Heimat ist.“ (B: Gesius 1603)

Es gibt keine Rechte, keine Linke und keine Mitte.

Es gibt Demokraten und Nichtdemokraten, Menschenfreunde und Menschenfeinde, Selbstbestimmte und Ferngelenkte, Liebhaber der Heimat Erde und Feinde der Erde, die nach dem Himmel schmachten und sich fieberhaft auf Kosten der Erde davonmachen.

Entweder ist es wahr, dass die Erde bedroht ist oder es ist nicht wahr.

Ist es nicht wahr, lasst uns weiter prassen und schwelgen, kreativ und produktiv, fortschrittlich und futuristisch sein, bis alle Wälder der Erde brennen und der Rauch uns die Sinne benebeln wird – und Elon Musk sich freuen darf, dass er es auf den Mars geschafft hat, um das gleiche Spektakel von vorne zu beginnen.

„Es gibt drei Arten von Feuer. Das australische Sydney ist schon seit Wochen in dichten Rauch gehüllt; viele haben sicherlich Bilder der Buschbrände gesehen und auch das berühmte Opernhaus unter dieser Dunstglocke. In vielen Häusern gehen die Rauchmelder an, die Menschen können so buchstäblich das Feuer hören. Aber es sind nicht die Gebäude, die brennen, es ist der Rauch, der in das Gebäude eindringt und den Alarm auslöst. Wenn das keine Metapher dafür ist, dass „unser Haus in Flammen steht“, dann weiß ich es auch nicht.“ (Naomi Klein in freitag.de)

Ist es aber wahr, dass die Erde bedroht ist: lasst uns zusammenstehen, die beglückende Gegenwart der Natur gemeinsam suchen und alle Kräfte einsetzen, um das planetarische Malheur in der letzten Sekunde abzuwenden.

Wir können die Erde nur retten, wenn wir die Wahrheit ihrer Bedrohung anerkennen.

Wir können die Wahrheit nur anerkennen, wenn wir ihre Sprache sprechen. Die Sprache der Wahrheit formuliert die Erkenntnis der Dinge schnörkellos, direkt und ...

... für jeden verständlich – der sie verstehen will.

Wer Wahrheit verleugnet, der hat die Menschheit schon aufgegeben.

Wer die Sprache der Wahrheit verlacht und durch minderwertige Begriffe des Verdrehens, Verleugnens und Verfälschens ersetzt, der hat die Menschheit abgeschrieben.

Solange Begriffe nicht wahr sein wollen, können sie die Wirklichkeit nicht beschreiben.

Solange Begriffe nicht richtig sein wollen, können sie nicht erklären, wie eine bedrohte Wirklichkeit gerettet werden kann.

Erkenntnis des Wahren ist Vorbedingung der Bekämpfung des Bedrohlichen.

Aufklärung des Kopfes und Erhellung des Gemüts sind Vorbedingungen für das Überleben der Menschheit.

Die Zeit drängt. Die Arbeit des Menschen an sich selbst muss parallel verlaufen mit seiner Rettungsarbeit an der Natur. Selbstbesinnung des Menschen und Erkenntnis der beschädigten Natur müssen Hand in Hand gehen, damit sie den Weg erkennen zum Frieden mit der Natur.

Gegen große Worte sind wir allergisch geworden, weil wir das Große ausgelagert haben. Das Grundsätzliche haben wir dem Heiligen, Jenseitigen, Übermenschlichen überlassen, um für unser Geschick nicht verantwortlich zu sein.

Je schuldiger wir werden, indem wir nicht sehen, was wir tun, je mehr verdrängen wir die Schuld durch Ausblenden unserer Verantwortung.

Große, prinzipielle Worte beschreiben den Kern unserer Verantwortung. Also weg mit Worten und Verantwortung, damit wir in erschlichener Unbefangenheit den Weg des Verderbens fortsetzen können.

Die Moderne kennt nur die Raserei des Tuns: erfinden, propagieren, produzieren, arbeiten und werkeln, kaufen und verzehren, abnützen, verderben und wegwerfen. Nachdenken und kritisches Bewerten der blinden Hatz sind streng verboten.

Retten der Natur erfordert den Zweiertakt aus Denken und Tun, Meditieren und Beratschlagen, Handeln und Prüfen des Handelns. Bloßes Malochen und Hart Arbeiten ist Abgeben des Urteilens an der Stechuhr der tyrannischen Maschine.

Um Natur zu retten, müssen wir die Grundelemente der Moderne verändern.

Die Zeit in Form einer übermenschlichen Geschichte, Heilsgeschichte, Evolution muss verändert werden in eine synchrone Zeit mit der Natur.

Der Mensch muss die Lenkung seines Geschicks den Göttern, Heilanden, Erlösern und materiellen Verhältnissen entreißen und in die eigenen Hände nehmen.

Zeit darf keine übermenschliche Leitungsinstanz des Menschen sein, sondern die schlichte Dauer natürlicher Abläufe.

Der Mensch bestimmt seine Geschichte, nicht die Geschichte den Menschen. Kein Fortschritt schreibt dem Menschen vor, was er zu tun und zu lassen hat.

Menschen, die ihre Gegenwart nicht ertragen, können sich vieles Künstliche ausdenken, was sie für notwendig halten: ob die Menschheit ihre Erfindungen für lebensnotwendig hält, bestimmt sie selbst.

Zukunftsschwärmer, die sich für genial halten, können Angebote machen – die Menschheit bestimmt allein, welche Angebote sie übernehmen will.

Technischer Fortschritt ist kein Fortschritt im Humanisieren politischer Verhältnisse. Auch kein Fortschritt in der Beziehung zur Natur. Im Gegenteil: die meisten Fortschritte, anfänglich mit Engelszungen gepriesen, erwiesen sich als desaströse Beschädigungen der Natur.

Die dunklen Seiten des Fortschritts wurden nie akkurat aufgearbeitet, man hatte sich an sie zu gewöhnen. Denn nichts Gutes gäbe es ohne Kosten. Fortschritt ohne Treibmittel des Bösen sei undenkbar.

Zieht man die Summa des fortschrittlichen Soll und Habens, ergibt sich ein apokalyptisches Ergebnis: der blind angebetete Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Ökonomie ist die Ursache der jetzigen Untergangsgefahr. Was bedeutet: die Nachteile des Fortschritts löschen alle Vorteile aus.

Natur kann nur gerettet werden, wenn die Menschheit die erwiesenen Vorteile des Fortschritts auswählt und die erwiesenen Nachteile ohn‘ Erbarmen löscht.

Debatten zwischen Fortschrittstyrannen und Völkern hat es nie gegeben. Fortschritt wurde als Schicksalsmacht dargestellt, an der niemand rütteln kann.

Fortschritt wurde als Machtinstrument gepriesen, das im Wettkampf der Völker die entscheidende Rolle spielt. Ehrgeizige Politiker waren am meisten erpicht auf immer neue technische Machtinstrumente, mit denen sie ihre nationalen Eitelkeiten   befriedigen konnten.

Wettbewerb der Völker wurde zum destruktivsten Element der Moderne. Wichtig ist er allein um seiner selbst willen. Er kennt weder Ziel noch einen humanen Zweck. Grenzenlos und ewig ist er, wie Gott grenzenlos und ewig ist.

Ohne Antrieb, den Anderen zu überwinden und in den Schatten zu stellen, gibt es keinen Fortschritt. Da Fortschritt notwendig ist wie das Amen im Gebet, darf er prinzipiell nicht in Frage gestellt werden.

Kommt eine neue Erfindung auf den Markt, immer als Nonplusultra menschlicher Entwicklung, werden alle Kritiker mit dem Standardargument vom Tisch gefegt: könnt ihr eure uralte Fortschritts-Skepsis nicht mal lassen und dem Ingenium der Fortschrittspropheten vertrauen? Ihr nervt, ihr Ewiggestrigen. Weil ihr nicht mitkommt, wollt ihr immer die Notbremse ziehen. Ihr seid Loser, die nicht fähig sind, den Erfolgreichen den Sieg zu gönnen.

An dem alles zermalmenden Fortschritt sind nicht nur Techniker beteiligt, die die Erkenntnisse der Wissenschaft in Instrumente der Macht übertragen. Auch die Wissenschaft weiß nicht mehr, was sie tut und wo ihr der Kopf steht.

Theoretisch ist sie in Absurditäten gestrandet, die sie nur durch Vertrösten in zukünftige Erkenntnisse rechtfertigen kann.

„Der amerikanische Kosmologe Sean Carroll spricht über seine vielen Ichs in Paralleluniversen. Er erklärt, warum der Raum wahrscheinlich nur eine Illusion ist. Irgendwo bin ich auch Papst oder fliege als Astronaut zum Mars. Und dann gibt es noch die wirklich merkwürdigen Universen, in denen magische Dinge passieren. Nun, Atome haben wundersame Eigenschaften. Das gilt auch für alles, was aus Atomen gemacht ist. Jedes Mal, wenn ich eine Tasse auf meinem Tisch abstelle, besteht eine geringe Chance, dass sie hindurchfällt, einfach so. Es ist extrem unwahrscheinlich, aber physikalisch möglich. Und alles, was geschehen kann, wird nach der Vielweltentheorie in einem der Myriaden von Universen auch geschehen.“ (SPIEGEL.de)

Einwände des „gesunden Menschenverstandes“ werden prophylaktisch durch kokettes Betonen wunderähnlicher Abstrusitäten niedergeschmettert.

Das Aufkommen der Naturwissenschaften war ein Kampf gegen die Wunder des Glaubens. Inzwischen sind die Wissenschaftler in den Wundern ihres eigenen Fortschritts untergegangen. Der Interviewer stellt keine kritische Frage und spielt die pflichtgemäße Rolle des staunenden Toren.

Der Plebs nimmt die Wissenschaft nicht zur Kenntnis, sodass sie sich endlos selbst bewundern und den geringsten Zweifel als Dummheit des Pöbels verwerfen kann. Ein Diskurs zwischen populus und scientia findet nicht statt. Wissenschaft ist dazu da, um unverstanden bewundert zu werden.

Was geschähe, wenn das Volk – von dem angeblich alle Staatsgewalt ausgeht – sich entschiede, solchen wissenschaftlichen Phantastereien die finanziellen Mittel zu entziehen? Das Geschrei gegen wissenschaftsfeindliche Einschränkung der Forschung stiege endlos gen Himmel.

Auch Sokrates hatte sich als junger Mann mit den Erkenntnissen der Naturphilosophie eingelassen. Als er bemerkte, dass die Natur ihn nichts mehr lehren könne, entschied er sich für einen Bruch – und gesellte sich unter die Menschen, um im Dialog herauszukriegen, welche Weisheit die Menschen im täglichen Zusammenleben und im „Erkenne dich selbst“ benötigten. Es hieß: Sokrates holte die Philosophie vom Himmel auf die Erde.

Zwar gab es im hellenischen Alexandrien ein Aufblühen diverser Einzelwissenschaften, doch im Grunde war das Band zwischen Naturwissenschaft und Philosophie zerschnitten.

Das änderte sich auch nicht im Abendland, als mittelalterliche Mönche sich von Aristoteles anregen ließen, die Naturwissenschaft aufzunehmen und auf neuer Basis in ungeahnte Höhen zu treiben. Was aber war der Motor des Fortschritts über die Griechen hinaus? Nicht das Wissenwollen um seinetwillen, sondern – als Wille zur Macht. Roger und Francis Bacon wollten mit Hilfe neuer Wissenschaften unerhörte Machtmittel erwerben, um Feinde des Glaubens niederzuschlagen und die Welt der Heiden zur Ehre Gottes zu erobern.

Diese Motivation, zwischen rationaler Macht und irrationalem Bösen, blieb die von allen Zweifeln befreite Antriebsbasis der Wissenschaft – bis zum heutigen Tage.

Demokratie heißt Volksherrschaft. Die Wissenschaft aber hat es geschafft, sich der Urteilsfähigkeit des Volkes durch Genialität ihrer Forschungsarbeit zu entziehen. Schulen und Universitäten unterlassen nichts, um Kritikimmunität durch staunendes Verstummen des Volkes zu verabsolutieren.

Wissenschaft und Technik sind unfehlbarer geworden als der Papst. Gibt eine Kanzlerin die Losung aus: wir müssen die Digitalisierung der Gesellschaft vorantreiben, um im Wettbewerb der Völker nicht zurückzufallen, fehlt nur noch das göttliche „So sei es“, um die Untertanen verstummen zu lassen. Das erklärt auch das Schweigen der Kanzlerin – der „Frau an unserer Seite“ – die ihrem Volk per Modelling die Fähigkeit zur Kritik abgewöhnt hat.

Über das Volk wird in fundamentalen Dingen bestimmt, ohne dass irgendjemand die Tyrannei der Wissenschaft als befremdlich empfände. Streng genommen leben wir in keiner Demokratie, sondern in einer Sophokratie, die sich die Herrschaft friedlich teilt mit einer Plutokratie oder einer Oligarchie.

Seit 500 Jahren lebt Wissenschaft in Unzucht mit der Macht und rechtfertigt ihren Verrat mit der Auskunft, grenzenloser Fortschritt werde alle Unklarheiten in Zukunft aufklären. Auch sie warten auf das Wunder der Parusie.

Während Wissenschaft den Populus als törichten Pöbel behandelt, traktiert Technik ihn als charakterlich verkommenes Wesen, das durch technischen Einfluss nicht humanisiert werden könne. KI verdonnert den Bösewicht zu bösen Taten, die den Herrschern der KI zugute kommen sollen:

„Leider stößt ein positives Menschenbild bei Digitalisierungsfans und Zynikern auf Granit. Der Mensch, so wird oft insistiert, ist nun mal ein egoistischer, unberechenbarer, geiziger Präferenzoptimierer. Er sei vor allem ein suboptimales "System", das im Vergleich zu Computerschaltkreisen unausweichlich dümmer sein muss als die ach so "intelligenten" Maschinen.“ (Sueddeutsche.de)

Das ist das Gegenteil zu einer vitalen Demokratie, die sich zusammengetan hat, um gemeinsam Humanität zu lernen. Humanität kann man nur lernen, wenn man Goethes Erkenntnis folgt:

„Wenn wir Menschen behandeln, wie sie (scheinbar) sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie so behandeln, wie sie sein sollten (wenn wir das Gute in ihnen bejahen), so machen wir sie zu dem, was sie werden können.

Die wild wuchernde Roboterei folgt der entgegengesetzten Devise eines Hobbes. Wir müssen die Menschen so behandeln, wie sie sind: „das menschliche Leben ist einsam, armselig, ekelhaft. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.

Wissenschaft hat sich nicht nur dem Ehebruch mit der Macht ergeben, seit Galilei versucht sie, durch Quantifizierung aller wichtigen Phänomene das nicht quantifizierbare Denken der Philosophie auszuradieren. Mit riesigem Erfolg.

Fast alle geisteswissenschaftlichen Fakultäten haben den Geist hinter sich gelassen, um soziologisches, pädagogisches oder psychologisches Verhalten nicht mehr empathisch zu verstehen, sondern mit Zahlen zu berechnen – und zu zensieren. Barbarische Noten und IQ-Tests in den Schulen sind die räudigen Abkömmlinge dieser Wissen-ist-Macht-Despotie.

Mit der Mathematisierung wollten sie vor allem eins: die moralische Autonomie des mündigen Menschen brechen. Moral sei nicht begründbar, sei nur subjektiv-haltloses Geschwätz, das ersetzt werden müsse durch objektive Fernlenkung des Verhaltens. Das war der Tod der Innerlichkeit und der reflexiven Selbstbestimmung der Menschen.

Lange vor Entdeckung der Roboter wurde der Mensch zur ferngelenkten Gesellschaftsmaschine. Ursprünglich von Gott, später von seinen wissenschaftlichen Stellvertretern in beliebige Richtungen gelenkt. Skinners Verhaltenstherapeut wird zum Papst einer futuristischen Verhaltensdespotie.

Wissenschaft wollte Moral überflüssig machen durch Umformung allen menschlichen Tuns in moralfreie Gesetzeserkenntnisse. Nicht nur Marx verfiel dem Sirenengesang der Menschenherrscher per Berechenbarkeit, auch Hayeks Neoliberalismus traktiert menschliche Dinge, als sei homo sapiens ein minderwertiges Rädchen im Räderwerk der Natur.

Die theologische Vorherbestimmung des Menschen bei Calvin und Luther wurde zur Vorherbestimmung des Menschen durch eine kalte, egoistische, ja böse Natur, die man zwar berechnen, aber nicht verstehen kann.

Indem Wissenschaft die Moral dekonstruierte, wollte sie sich aller moralischer Verantwortlichkeit entledigen: das war der Grund, warum es ihr bis zum heutigen Tag nicht gelang, die Folgen ihres Tuns zu rechtfertigen und ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse unter die Menschen zu bringen.

So kam eins ins andere. Der Amoralismus der Wissenschaft verband sich mit dem Amoralismus der Politik, dessen Machiavellismus noch heute die Außenpolitik der Demokratien bestimmt – und die abendländischen Wertebeteuerungen als Phrasen entarnt.

Wen wundert es, dass auch die Medien diesem Amoralismus anheimgefallen sind? Sich mit einer guten Sache gemein machen: auf eine solch perfide Formulierung muss man erst mal kommen.

Nun das große Problem. Die Klimakatastrophe kann nur vermieden werden durch moralisches Verhalten der Gesellschaft und jedes Einzelnen. Es entspricht deutscher Dialektik, alles auseinanderzudividieren, was zusammengehört und alles zusammenzuschrauben, was unvereinbar ist. Nicht nur der Einzelne, auch die Politik muss humanen Grundsätzen folgen, wenn sie die Welt menschlich machen wollen. Will sie nicht: lasst militärische Weltstrategen ans Ruder, um China und Nordkorea atomar zu bedrohen.

Die Menschheit hat nur eine Überlebenschance, wenn sie ihre Probleme mit moralischer Weisheit zu lösen beginnt. Alle Versuche, durch Machtdemonstrationen, Einsatz von KI und wirtschaftlicher Überlegenheit die Feinde an die Leine zu legen, werden vergeblich sein.

Das gilt vor allem für die Klimagefahr. Ablassgelder für CO2-Sünden werden nichts verbessern, sondern nur verschlimmern, weil man glaubt, seine Vergehen gegen die Natur durch berechenbaren Moralersatz getilgt zu haben. Nicht wissenschaftliche Einsicht ist die Basis allen Tuns, sondern noch immer das Profitinteresse blindwütiger Ausbeuter. Papistisches Ablassdenken bestimmt die demokratische Politik des 21. Jahrhunderts!

Die repräsentative Demokratie ist gescheitert. Ein Parlament kann man repräsentativ wählen. Eigenes Denken und Verantworten kann man durch Fremde nicht ersetzen lassen. Demokratie ist Summa der Autonomie aller Einzelnen.

Niemand darf sich damit begnügen, dass er alle vier Jahre zur Wahlurne geht. Wo immer ein Problem auftaucht in seiner Nachbarschaft: er ist verantwortlich, der Sache nachzugehen. Und da alle Probleme mit allen Problemen der Welt zusammenhängen, muss man nichts weniger als Verantwortung für die ganze Welt auf sich nehmen. Um der erwartbaren Idiotie zuvorzukommen: Nein, gottähnlich und allmächtig ist niemand, dennoch …

Alle Elemente, die sich anmaßen, den Menschen nach Belieben fernzulenken, für ihn zu denken, müssen ersatzlos eliminiert werden. Dazu gehört das prophetische Einhämmern einer Zukunft, der wir angeblich nicht entkommen. Zukunft sei etwas, das wir widerstandlos über uns ergehen lassen müssen:

„In den Zwanzigerjahren werden sich Deutschland und die Welt wohl stärker verändern als je zuvor. Was werden die neuen Zwanziger mit den Deutschen machen? Werden sie verloren zurückbleiben, eine verunsicherte Nation, taumelnd wie vor hundert Jahren? Es geht um viel für Deutschland. Um die Grundlagen des Wohlstands, seinen Platz in der Welt, womöglich um die Widerstandsfähigkeit seiner Demokratie. Kann Deutschland noch Schritt halten mit dem irren Tempo an Innovation, das die USA und China vorlegen werden? Kann es mithalten mit deren wachsender ökonomischer Dominanz?“ (SPIEGEL.de)

Der SPIEGEL hat eine Fleißarbeit vorgelegt, um zu illustrieren, was alles auf die Deutschen zukommen soll. Er hat sich nicht die Frage gestellt, was die Deutschen zu diesen bedrohlichen und angeblich unveränderbaren Zukunftsvisionen zu sagen haben. Sie haben nichts zu sagen. Sie haben sich schweigend unterzuordnen.

Alttestamentarische Propheten hatten oft genug Ärger mit den Kindern Israels, wenn sie ihnen ihre Offenbarungen als Stimme Gottes verkünden sollten. Moderne Propheten werden als unfehlbare Instanzen schweigend akzeptiert. Um demokratische Selbstbestimmung zu unterlaufen, haben moderne Eliten die Heilsgeschichte umgewandelt in Geschichte mit grenzenlosem Fortschritt, der niemand widerstehen kann.

In der platonischen Zwangsbeglückung regierten die Weisen, weil sie der Wahrheit am nächsten waren. Heute regieren die Weisen der Wissenschaft, Technik und der wirtschaftlichen Raffkunst, weil sie Virtuosen der Macht geworden sind.

Und was wird auf uns zukommen? Ein kleiner Ausschnitt:

„"Echte und virtuelle Welt werden verschmelzen." Algorithmen und künstliche Intelligenz erschaffen synthetische Inhalte, nicht nur Filmdarsteller, auch Charthits oder Bücher. Die Zuschauer, Hörer, Leser werden sich daran gewöhnen, nicht hundertprozentig zu wissen, ob sie gerade ein Mensch oder eine Maschine unterhält. Vielleicht wird es uns egal sein. Neue soziale Netzwerke kommen in den nächsten zehn Jahren aus China. Dort achten automatisierte Zensoren darauf, dass die Unterhaltung federleicht und unpolitisch bleibt. Was uns belustigt, zum Weinen bringt oder auf die Straße, entscheidet die unsichtbare Hand des Kurators, geführt von Google, dem mächtigsten Unternehmen der Welt. KI hat das Ziel, Sprachsignale aus dem Gehirn zu erkennen, die mit einer Geschwindigkeit von hundert Wörtern pro Minute direkt in Text umgewandelt werden. "Wir wollen diese Signale auffangen, kurz bevor man sie ausspricht, sodass man sie nicht mehr laut sagen muss". Selbst mit dem Computer zu sprechen sei zu langsam und ungenau, argumentiert Musk, der einzig richtige Weg sei die direkte Verdrahtung, ein Implantat im Gehirn. Nur so könne sich der Mensch mit der künstlichen Intelligenz vereinen und dadurch die eigene steigern, nur so ließe sich ein klügerer, effizienterer und auch körperlich besserer Menschen schaffen. Alexa soll schon in der ersten Hälfte der Zwanzigerjahre zu einer Art allgegenwärtigem Begleiter werden. Die Maschine soll die Wünsche ihres Nutzers erkennen oder orchestrieren.“

Echte und künstliche Welten sollen wir nicht mehr unterscheiden können. Was Wahrheit und Fiktion ist, sollen wir nicht erkennen können. Was uns zum Lachen und Weinen bringt, soll Google entscheiden. Maschinen und Menschen werden verwechselbar sein. Unsere Unterhaltung soll substanzlos („federleicht“) und unpolitisch werden, damit wir federleicht überwacht werden können. Bevor wir selbst wissen, was wir sagen wollten, soll die Maschine stellvertretend für uns sprechen, indem sie direkt das Gehirn anzapft. Durch Verschmelzen mit der Maschine sollen wir klüger und effizienter werden.

Mit einem Wort: die Wiedergeburt des Menschen zum homo novus in Gestalt einer Maschine steht kurz bevor. Kniet nieder vor der technischen Ausgießung des Heiligen Geistes im neuen Jahr.

Der nächste SOMA-Text wird unvergleichlich besser, klüger und china-kompatibler werden – geschrieben von einem Quantenroboter, der Konfuzius, Jesus, Gandhi und Albert Schweitzer zur Einheit verschmolzen hat. Ade, meine Geschwister, wir sehen uns im Himmel engelgleicher Roboter. Die Erde, unsere Heimat, haben wir erfolgreich überwunden.


Fortsetzung folgt.