Von vorne XCVIII

Tagesmail - Montag, den 09. Dezember 2019

Von vorne XCVIII,

Es wird scho glei dumpa,es wird ja scho Nacht,
drum kimm i zu dir her, mein Heiland, aufd’Wacht.
Will singa a Liadl dem Liabling, dem kloan,
du magst ja net schlafn, i hör’ di nur woan.
Hei hei, hei hei! Schlaf süaß, herzliabsKind!

Vergiß jetzt, o Kinderl, dein Kumma, deiLoad,
dass du da muasst leid’n im Stall auf daHoad.
Es ziern ja die Engerl dei Liegestatt aus,
möcht schöner net sein drin an König seinHaus.
Hei hei, hei hei! Schlaf süaß, du liabsKind!

Ja Kinderl, du bist halt im Kripperl soschön,
mi ziemt, i kann nimmer da weg von dir gehn.
I wünsch dir von Herzen die süaßeste Ruah,
die Engerl vom Himmel, die decken di zua.
Hei hei, hei hei! Schlaf süaß, du schönsKind!

Schließ zu deine Äugerl in Ruah und in Fried
und gib ma zum Abschied dein Segn nur gradmit.
Aft wird a mein Schlaferl a sorgenlos sein,
aft kann i mi ruahli aufs Niederleg’nfreu’n.
Hei hei, hei hei! Schlaf süaß, mein liabsKind!

Es wird schon gleichdunkel, es wird ja schon Nacht,
Drum komm’ ich zu dir her, mein Heiland aufd’Wacht.
Wir singen ein Liedlein dem Kindlein, demkleinen.
Du magst ja nicht schlafen, ich hör’ dichnur weinen.
Ei, ei, ei, ei, schlaf süß, herzlieb’s Kind.

Vergiss jetzt, o Kindlein, dein’ Kummer,dein Leid,
Dass du da musst leiden im Stall auf derHeid’.
Es zier’n ja die Engel dein Krippelein aus,
Möcht’ schöner nicht sein in dem vornehmstenHaus.
Ei, ei, ei, ei, schlaf süß, herzlieb’s Kind.

O Kindlein, du liegst dort im Kripplein soschön;
Mir scheint, ich kann niemals von dir dortweggehn.
Ich wünsch’ dir von Herzen die süßeste Ruh’;
Die Engel vom Himmel, die decken dich zu.
Ei, ei, ei, ei, schlaf süß, du schön’s Kind.

Schließ zu deine Äuglein in Ruh’ und inFried’
Und gib mir zum Abschied dein’ Segen nurmit.
Dann wird auch mein Schlafen ganz sorgenlossein,
Dann kann ich mich ruhig aufs Niederleg’nfreun.
Ei, ei, ei, ei, schlaf süß, herzlieb’s Kind.

 

Einschmeichelnd die Melodie, barbarisch der Text.

Die Idylle – ein Todesurteil: herzliebes Kind, du bist nicht lebensfähig, für dich ist kein Platz auf dieser Welt. Ich hör dich nur weinen, dein Kummer, dein Leid, die du musst leiden im Stall auf der Heid, die Engel vom Himmel decken dich zu, schließ ...

... zu deine Äuglein in Ruh und in Fried. Und gib mir zum Abschied deinen Segen mit, dann wird mein Schlafen sorgenlos sein und ich kann mich ruhig aufs Niederlegen freuen.

Das Kind muss sterben, damit die Eltern sorgenlos schlafen können. Das heilige Kind wird geopfert zum Wohle der Erwachsenen. Die abnorme Tat wird verschleiert durch das Tun der Engel, die das Krippelein zieren. Das Heilige wird zur Dekoration des Diabolischen, Göttliches und Teuflisches, Gutes und Böses verschmelzen. Rührendste Menschenliebe und tödlichster Hass sind eins. Wer glaubt, die Menschen zu lieben, darf sie vernichten – zu ihrem eigenen Wohl.

Wir befinden uns nicht nur im Stall von Bethlehem und auf Golgatha, wir befinden uns im Jahre des Herrn und des grenzenlosen Fortschritts zweitausendneunzehn. Verzweifelt kämpft die Jugend um ihre Zukunft, die Erwachsenen wischen sie ungerührt beiseit.

Die rebellischen Kinder müssen geopfert werden, damit ihre Eltern wie gewohnt bis zum Jahre 2050 schlampampen können. Nach ihnen die Sintflut. Noch 31 Jahre, so Klimaexperten, bis zum Abgang der Menschheit – wenn nichts Entscheidendes geschieht.

In Madrid geschieht nichts Entscheidendes. Wieder einmal blockieren die Regierungen das Bemühen der Naturschützer, die alle Kompromissformeln für verkappte suizidale Erdrosselungsmaßnahmen halten.

Ohne Kompromisse geht es nicht? Im Gegenteil: Kompromisse sind unser Tod.

Warum sollte die Menschheit unfähig sein, hier und jetzt einen Schnitt zu machen? Turbulenzen wird es geben. Warum sollte die Menschheit unfähig sein, sie in außerordentlicher Anstrengung gemeinsam zu lösen?

Die Menschheit ist intelligent genug, sie ist reich genug, sie besitzt unendlich viele Möglichkeiten, Risiken und Lasten gerecht zu verteilen, ihre Reichtümer allen zukommen zu lassen – damit die Menschheit ohne Wahn und aufgeblähte Begierden sich verständigen kann, wie sie in Eintracht mit der Natur einen Neuanfang beginnen kann.

Der neue Mensch ist kein Wiedergeborener aus göttlichem Geist, sondern ein Heimkehrer zur Vernunft. Irdische Vernunft, keine jenseitige Phantasiewelt, ist die wahre Heimat aller Menschen.

Schwestern und Brüder, lasst uns heimkehren zur Vernunft, die uns die Natur mitgegeben hat.

Wir haben sie im Stich gelassen, als wir glaubten, unserer Probleme nicht anders Herr zu werden – als durch Hoffen auf ein Jenseits. Wir haben sie verraten, als wir in Niedergeschlagenheit versanken. Als das Werk unserer Hände zum Fluch unseres Geschicks wurde. Lieber wollten wir von Gestalten unserer Fieberträume erlöst werden, als selbst Hand anzulegen.

Menschen, wir sehen uns – am Treffpunkt Vernunft. Ohne Vernunft werden wir uns für immer aus den Augen verlieren.

Zwischen dem Guten und Bösen hat die Natur uns die Wahl gelassen. Das Heilsame ist nicht das Verderbliche. Wer beides zur Einheit zwingt, will sich nicht entscheiden, womit er die Vernunft verrät, die Gabe der Natur. Er schaltet sein Gehirn aus und folgt den Einflüsterungen seiner Furcht.

Gegenwärtig entscheidet sich, was für ein Wesen der Mensch ist. Ist er, was er immer gepriesen, aber kaum jemals zur Orientierung seines Lebens benutzt hat – ein geistiges Wesen? Geist ist nichts Übernatürliches, sondern ein Kompass der Vernunft, die wählt und entscheidet, welchen natürlichen Perspektiven der Mensch folgen soll. Natur ist alles, der Mensch nur ein kleiner Teil von allem.

Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös und Gute,
Und dem Verbrecher
Glänzen wie dem Besten
Der Mond und die Sterne.

Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.

Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.

Das ist keine Überlegenheit über die Natur, auch keine Demut, das ist Einsicht in das Beste, was die Natur dem Menschen angeboten hat. Schlägt er das Angebot aus, wird er keinen Platz mehr in der Natur finden. Er war lange genug auf der Erde, um sich zu erproben und zu finden. Nun muss er sich entscheiden. Entscheidet er sich nicht, hat er sich bereits entschieden: gegen sich.

Erlöser verlocken ihn zur Unmündigkeit, sich ihrer trügerischen Allmacht anzuvertrauen. Das wäre ein Verrat an den Vernunftgaben der Natur. Der Mensch ist das Wesen, das sich entscheiden muss: wählt er das Förderliche und Gute, so wählt er das Leben. Flüchtet er vor der Wahl, hat er sich für seinen Untergang entschieden.

Madrid muss die letzte dieser sinnlosen Raufereien sein zwischen denen, die wirkliche Entscheidungen treffen und jenen, die allen Entscheidungen aus dem Weg gehen – um ihre lächerlichen Pfründe noch dreißig Jahre lang zu retten.

Die ernsthaften Naturschützer müssen sich rund um den Globus vernetzen, ihre Forderungen in Manifesten niederlegen und ihren Regierungen solange einheizen, bis sie Vernunft annehmen oder freiwillig ihre Machtpositionen räumen.

An die Stelle vernunftloser Regierungen müssen regionale Bürgerparlamente treten, die sich weltweit koordinieren und das Notwendige realisieren. Demokratien sind keine nationalen Interessentorheiten, die vor allem den Eliten dieser Nationen dienen. Nationale Regierungen haben sich als ungeeignet erwiesen. Ihre letzte Stunde hat geschlagen, sie müssen abtreten.

Die Menschheit ist nicht länger in Nationen getrennt. Sie organisiert sich nach praktischen Nützlichkeitserwägungen, um das Netz der Menschheit mit vitalen Impulsen zu beleben. Das digitale Netz hat keinen Machtinteressen zu dienen, sondern dem Überleben der Menschen.

Die Geschichte nationaler und religiöser Wettbewerbe, um die Stärksten zulasten der Schwachen noch mehr zu stärken, damit sie als globale Oberschicht die Geschicke der Erde bestimmen, muss ad acta gelegt werden. Ober- und Unterschichten müssen aufgelöst und in eine Schicht gleichwertiger Erdenbürger verwandelt werden. Jedes Individuum muss unmittelbar zur Autonomie und Würde des homo sapiens sein. Aufstieg zur Macht und Abstieg in die Demütigung müssen der Vergangenheit angehören.

Die zukünftige Geschichte kann keine Heils- oder Unheilsgeschichte sein. Sie kann nichts anderes mehr sein als die Summa aller Menschentaten. Kein Abfall von einem goldenen Anfang, keine Bestrafung für das Märchen eines Sündenfalls, kein Erwarten eines neunen Himmels und einer neuen Erde.

Verglichen mit dieser gottgeleiteten Geschichte, die für unberechenbare Dramatik, wechselnde Überlegenheit und Absturz ins Bodenlose sorgte, wird die Geschichte der Vernunft langweilig und ohne besondere Vorkommnisse sein. Den Sinn ihres Lebens werden die Menschen nicht aus politischer Macht und Ohnmacht beziehen, sondern aus dem Glück ihres selbstbestimmten Alltags.

„Alles lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen“: Flucht in die Geschichte entspringt der Lustangst vor dem erfüllten Augenblick.

„Süßes Leben! schöne freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens!“ Kann es für Abenteurer und Risikosüchtige schlimmeres geben als die Einfachheit eines erfüllten Lebens? Sie ängstigen sich vor dem Ankommen, in einer Geschichte, die immer unterwegs ist und nie ankommen darf. Heilsgeschichte ist selbst Lustangst, die stets das Ende verheißt und stets ihre Verheißungen ins Unerfüllbare verschieben muss.

Die Moderne ist Imitation der Heilsgeschichte mit erfundenem Anfang und endlos flüchtigem Ende. Ihr vernunftbestimmtes Leben sollen die Menschen als wertlos betrachten, wenn sie ihre Leere nicht mit Götter- und Teufelsgeschichten aufputschen.

Das Opium des modernen Lebens begnügt sich nicht mit einzelnen Religionen, sondern hat sich ausgeweitet zur Gesamtgeschichte der Moderne. Mit Fortschritt ins Unendliche, technischer und wirtschaftlicher Machtballung, mit Naturschändung und ständig präsenten Untergangsdrohungen. Das Leben muss spannend sein. Wer süchtig ist nach Risiken und Unsicherheiten, für den ist die schöne freundliche Gewohnheit des Daseins unerträglich.

Will die Menschheit davonkommen, muss sie nicht nur die gegenwärtige Krise als Akkumulation aller bisherigen Krisen bewältigen, sondern ihre Unfähigkeit zum einfachen Leben überwinden. Nicht neue Maschinen werden den Menschen retten, sondern seine eigenen Selbstheilungskräfte per Denken und durchdachtem Handeln.

Mit dem Denken oder Philosophieren ist es schlecht bestellt. Seit der Denunziation der Weisheit dieser Welt als Torheit vor Gott wird die Vitalität des Denkens mit inquisitorischer Energie ramponiert.

Aufklärungsbewegungen sorgten für die Rehabilitierung des Denkens. Gleichwohl gelang es der Ächtung des Denkens, sich in bestimmten Disziplinen – getarnt als Wissenschaft – systematisch einzunisten.

Im Gefolge der erfolgreichen Naturwissenschaften seit Galilei und Newton wurde alles, was nicht quantifizierbar war, als minderwertig aus dem Kanon der Wissenschaften ausgeschieden.

Dazu gehörte alles „nicht Beweisbare“, vor allem die Moral als Lebensgestalterin der Vernunft. Was nicht mit Zahlen und Figuren nachrechenbar, mit empirischen Fakten eindeutig belegbar war, schied aus dem Kanon des Seriösen und Ernsthaften aus.

Alle Wissenschaften befreiten sich von der Moral. Die Psychologie wandte sich ab von der Unergründlichkeit des Fühlens und Denkens und verwandelte „Seele“ und „Geist“ in berechenbare Reize und Reaktionen der Verhaltensökonomie. Das Innere wurde zur black box, die Vernunft zur außengeleiteten Marionette, die den Manipulationen der Werbung und autoritärer Politsysteme willenlos folgte.

Je mehr sich die Demokratie durchsetzte, je mehr verlor das Individuum seine demokratische Kompetenz. Heute sind demokratische Gesellschaften feindseligen Faktoren wie Wirtschaftswachstum und Fortschritt wehrlos ausgeliefert. Was auf uns zukommt, kommt wie eine unwiderstehliche Geschichtsmacht über uns.

So ergibt sich das Paradox, dass die progressivsten Demokratien die geringsten Erwartungen an die demokratischen Subjekte haben. Sie sollen ihre Kreuzchen machen, dann die Gewählten als Erwählte Schicksal spielen lassen.

Die Medien folgen der Spur der Macht und konzentrieren sich auf jeden Lufthauch von Oben. Die irdische Basis wird nur interessant, wenn den Spuren der Macht gefolgt werden muss – um die Fernwirkungen der Macht im Schlick des Alltags zu schildern, nicht die Trostlosigkeit des Banalen. Woraus der „Relotius-Effekt“ entsprang: das Gehaltlose der Basis wird zur Kontrastfolie des eigentlich Interessanten und Zukunftsweisenden der führenden Schichten.

Die kapitalistische Ökonomie begann im Namen der Entmoralisierung. Adam Smith wandte sich ab von der stoischen Ethik seines ersten Buches und gründete das rationale Wirtschaften auf dem „lieblosen“ Egoismus der Wirtschaftssubjekte.

Wobei der seltsame Effekt entstand, dass rationale Eigeninteressen sich zum nationalen Wohle aller Egoismen harmonisierten. Seine stoische Ethik wollte Smith ökonomisieren und rationalisieren, aber nicht aufgeben. Der Endzweck aller egoistischen Wirtschaft sollte der Wohlstand der Nationen sein. Smith wollte die heuchelnde Nächstenliebe des Christentums loswerden, nicht aber die Ethik als menschheitsfreundliches Mittel überhaupt.

Erst nach ihm begann die „schwarze, pessimistische Ökonomie“ des Pastors Malthus, des Bankers Ricardo. Die Ökonomie wurde zur Waffe des sich unterschwellig ankündigenden Darwinismus. Das Naturrecht der Starken feierte fröhliche Urständ.

Stärke oder Schwäche zeigen sich am wirtschaftlichen Erfolg. Wirtschaftliche Potenz wird zum sigillum veri, dem Zeichen des Wahren – oder religiös Erwählten wie bei den Calvinisten.

Der spätere Neoliberalismus ist nur die Krönung dieser Erwählungstheorie per zufälligem ökonomischem Erfolg. Nicht mehr die „Gerechtigkeit“ der Leistungsfähigkeit, die sich in adäquatem wirtschaftlichem Erfolg oder Misserfolg niederschlägt, sondern der Zufall des undurchdringlichen Marktgeschehens sorgt für die Scheidung von Spreu und Weizen.

Der Marxismus lässt sich an Vernunft- und Moralfeindschaft von keinem Kapitalismus übertreffen.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein, wobei Bewusstsein für Denken und moralisches Handeln steht.

Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt aber darauf an, sie zu verändern. Marx kann nicht unterscheiden zwischen Philosophen und Schwätzern. Die griechischen Philosophen haben Wissenschaft, Kultur und – die Demokratie erfunden. Dem Abendland brachten sie, im Kampf gegen den Ungeist des Klerus, die Kunde vom selbstbewussten Menschen. Keine universellen Menschenrechte ohne antike Wanderlehrer, Kyniker und Stoiker.

Marx hat den griechischen Genius auf bloße ästhetische Meisterschaft reduziert. In sozialistischen Büchern über Athen wird die Demokratie mit keinem Wörtchen erwähnt. (Siehe A. B. Ranowitsch, Der Hellenismus und seine geschichtliche Rolle). Stattdessen ist permanent von einer Sklavenhaltergesellschaft die Rede. Ja, Sklaven und nicht gleichberechtigte Frauen gab es noch in Athen – am Anfang. Bevor ihre Denkarbeit sie peu à peu zur Gleichberechtigung aller Menschen und Völker trieb.

Hatten die westlichen Demokratien England und Amerika nicht auch noch lange Sklaven, bis sie bereit waren, sie vor dem Gesetz zu egalisieren? Im wahren Leben sind sie bis zum heutigen Tage nicht gleichberechtigt. Auch die Französische Revolution war nicht bereit, die Frauen als gleichberechtigte Wesen anzuerkennen.

Abgesehen von den Bergwerksklaven erging es den meisten Sklaven in Athen besser als heutigen Obdachlosen oder Hartz-Gedemütigten. Viele wurden wie Hausmitglieder betrachtet oder aus der Sklaverei entlassen. Definiert man Sklaverei als Abhängigkeit, sind die Lohnabhängigen von heute nichts als verkappte Sklaven.

Marx wollte die Proleten aus ihrem unwürdigen Schicksal befreien. Aber nicht per politisch-moralischer Eigenleistung, sondern per Überantwortung an eine allmächtige Heilsgeschichte, die sich in nichts von der christlichen unterscheidet außer durch die Ersetzung mythischer Begriffe durch ökonomische.

Der Mensch macht seine Geschichte selbst? Nur durch Unterwerfung unter die marxistische Heilsgeschichte, die ihm stets ansagt, was an der Zeit ist oder nicht.

Ethik der Menschenrechte? Ist Ethik der Bourgeoisie, nicht des realen Menschen. Eine Ethik für alle Menschen zu allen Zeiten seines Daseins? Der reine Irrsinn. Alles ist der wechselnden Zeit unterworfen. Zeit ist stets wechselnde Geschichte, der sich der Mensch unterwerfen muss. Marx, angeblicher Humanist, ist ein Verhängnis für den autonomen Humanismus des selbstbewussten Menschen.

„Jede Philosophie ist untrennbar verbunden mit den Interessen und Bedürfnissen gesellschaftlicher Klassen und Schichten. Jede Philosophie trägt Klassencharakter und ist – bewusst oder unbewusst – parteilich.“ (Marxistisch-leninistisches Wörterbuch)

Kapitalismus und Sozialismus, Hayek und Marx, West und Ost, sind einer Meinung: Ökonomie ist ein Gesetz der Natur oder der materiellen Verhältnisse. Keine Spielwiese für den Fürwitz moralischer Schwätzer.

Im Westen wie einst im Osten herrscht das Gesetz der Arbeit. Was in harter Arbeit getan wurde, ist über allen Verdacht erhaben. Arbeit heiligt alles und macht Moral überflüssig. Erheben sich Zweifel wie beim obszönen Scheffeln der Milliarden, kann ein Satz alles rechtfertigen. Warum müssen Superreiche in Deutschland keine Erbschaftssteuern zahlen? Weil sie hart arbeiten.

˝Unternehmer schaffen und erhalten nun Mal Arbeitsplätze in Deutschland˝, sagt Mittelstandspräsident Mario Ohoven (73). ˝Dazu gehört, dass unternehmerisches Vermögen anders als ihr privates Vermögen von der Erbschaft- und Schenkungsteuer so weit freigestellt wird, dass ihre Erben das Unternehmen nicht verkaufen oder zerschlagen müssen, nur um Steuern zahlen zu können.˝ BMW-Erbin Klatten stört der Neid in der Debatte: ˝Unser Potenzial offenbart sich nun mal in der Rolle, ein Erbe angetreten zu haben und es zu entwickeln. Wir arbeiten jeden Tag hart dafür.˝“ (BILD.de)  

Es muss hart sein, seine täglich zuverdienten, aber unverdienten, Millionen zu sichten und wieder so anzulegen, dass sie morgen wieder ins Endlose wuchern.

Die SPD braucht keine philosophische Anamnese ihrer Biografie, um ihre embryonale Gespaltenheit zwischen Marxismus und Revisionismus, moralischer Entmündigung und kantianischer Autonomie aufzuarbeiten. Diese fundamentale Gespaltenheit bestimmt untergründig noch heute die Zerrissenheit der Partei, die zwischen neoliberalen Anwandlungen der Schrödergeneration und linkeren Nachfolgern hin und her schwankt. Der Fichtner-Essay im SPIEGEL schmückt sich allzusehr mit Relotius-Schmankerln, als dass er sich mit dem philosophischen Kern der Parteigeschichte beschäftigen wollte:

„Die SPD braucht jetzt keine Erneuerungsprozesse, keine kühnen Projekte, keine schlauen Vorschläge, keine neuen Programme – sondern Ruhe, Geduld, Glaubwürdigkeit, neues Vertrauen. Sie braucht seriöses Führungspersonal, dessen Charisma sich im Idealfall mit den Inhalten auf glückliche Weise verbindet.“ (SPIEGEL.de)

Führen statt Denken, Charisma (göttliche Strahlkraft) statt individueller Autonomie. Das ist der Tod der Demokratie.

Bei Anne Will erklärt CDU-Ziemiak:

„Wir brauchen gute Arbeit, nicht eine permanente Selbstbeschäftigung!“ (BILD.de)

Keine Partei will sich mit sich selbst beschäftigen. Das ist bloßes Beziehungsgeschwätz. Von denkerischer Arbeit und Selbstbesinnung halten harte Arbeiter nichts.

CDU-Vize Laschet darf unter den Verächtern der Philosophie nicht fehlen:

„Pseudo-philosophische Betrachtungen sind vielleicht nett für SPD-Parteitage, haben aber auf Regierungshandeln keinen Einfluss!“ (BILD.de)

Philosophieren ist heute zur Pseudo-Philosophie verkommen. Ja, früher gab es noch echte Denker. Heute haben wir diese unwissenschaftlichen Verhältnisse überwunden. Modern sein heißt, malochen, produzieren, schaffen, Chinesen und Amerikaner überholen, den Mond erobern. Fehlt noch die Postmoderne, die die Wahrheit abschaffte zugunsten vieler belangloser Meinungen.

Die Krönung aller Philosophieverachtung ist dem Ökonomieprofessor Henrik Müller Im SPIEGEL vorbehalten.

„Ignoranz und Identität – mit beidem können Demokratien schlecht umgehen. Sie sind auf den Austausch von Fakten gegründet. Interessengegensätze gleichen sie durch Geld (Steuern, Sozialausgaben, Subventionen) aus. Mit dem Umverteilen von Würde und Beachtung tun sie sich ungleich schwerer. Bürgern, die, aus welchen Gründen auch immer, mutlos und ohne Zuversicht sind und die deshalb nach Halt suchen, denen vermag ein Antielitenprojekt wie der Brexit offenkundig wieder ein Stück Würde zu verleihen – sogar wenn sie persönlich Wohlstand und Bewegungsspielräume dabei einbüßen. Identitätsfragen gruppieren sich um Themen wie Zuwanderung oder teuren Wohnraum. So kann Widerstand eine emotionale Rendite abwerfen, selbst wenn diese Haltung ökonomisch objektiv unvernünftig sein mag – ich bin dagegen, also bin ich.“ (SPIEGEL.de)

Ignoranz bezieht sich nur auf Wirtschaft. Die Identität des Menschen, das autonome Ich, der Sitz der Würde, wird zum Tauschplatz von „Fakten“ oder materiellen Werten. Wessen Selbstwertgefühl von immateriellen Werten und nicht von harten Wechselkursen bestimmt wird, der ist auf emotionale Rendite angewiesen, die ihn beim Profitmachen hindert.

Der Mensch wird zum moralfreien Agenten wirtschaftlicher Vorgänge. Wer dagegen Widerstand leistet, um sich noch im Spiegel betrachten zu können (aus welchen subjektiven Gründen auch immer), der ist ein irrationaler Rohrkrepierer: ich bin ein wirtschaftlicher Kretin, also bin ich.

Er kann einem leidtun, der hochrationale Professor, dass er sich mit solch verkrüppeltem Zwergwuchs abgeben muss.

Max Weber vollendete die Entmoralisierung der Wissenschaft durch Preisung der Verantwortungsethik, die alles verantwortet, was Moralisten für verantwortungslos halten. Schnell noch diese hinterwäldlerischen Moralisten zu Gesinnungsanbetern degradieren, dass kein Deutscher mehr auf die Idee kommt, Machtpolitik durch Moral zu schwächen. Die beiden Weltkriege durften kommen.

Den Schlusspunkt der abendländischen Moralausrottung bildet der Positivismus, der nur noch empirische Fakten zulässt, aber keine subjektiven Wertungen dieser Fakten.

Auch die Medien sind als Positivisten zu betrachten, die sich aller Parteinahme – auch für die gute Sache – enthalten.

Auch die deutsche Kanzlerin schweigt positivistisch und handelt nur noch nach unhörbaren Direktiven ihres Gottes. Der Positivismus rottete alles Unbeweisbare und Unberechenbare aus - und landete mit voller Breitseite in der Mystik des Numinosen.

Das moralische Prinzip wurde vom bewundernswerten Philosophen Günther Anders so formuliert:

„Denn moralisch ist derjenige, der die Folgen, und die Folgen der Folgen seiner Tätigkeiten abwägt; und der seine Tätigkeiten auf Grund dieser Abwägungen durchführt, modifiziert oder unterlässt.“ (Die atomare Drohung)

Wittgensteins Schweigeformel war die ehrliche Konsequenz aus dem Sieg der machtgeleiteten quantitativen Wissenschaften über das hohle Moralisieren griechischer Heiden, deren Tugenden nichts als goldene Laster waren.

Die abendländische Moralfeindlichkeit ist eine religiöse Gehorsamsleistung erster Klasse.

Wer nichts zu sagen hat, soll schweigen. Schweigen und schlafen, denn längst ist die Natur verstummt und wird nicht mehr aufwachen.

Schlafe, mein Kindchen! es ruhn,
Schäfchen und Vögelchen nun;
Garten und Wiese verstummt;
Auch nicht ein Bienchen mehr summt
.

Und jetzt strömen die süßen Kindlein auf die Straßen und schreien es in die Welt: die Natur ist tot. Und wir? Wir werden ihr folgen – wenn ihr moraltoten Erwachsenen weiterhin alles Rettende blockiert.

 

Fortsetzung folgt.