Philosophische Tagesmails

Tanz des Aufruhrs IX

Tagesmail - Mittwoch, den 08. Januar 2020

Tanz des Aufruhrs IX,

„Trumps Amerika vergeudet nicht Krisenzeit mit Verbündeten, die außer wohlfeilem Rat wenig beizutragen haben, wenn etwas als Ernstfall empfunden wird.“ (WELT.de

WELT-Trumpisten vergeuden keine Zeit mit Friedensgesäusel – das man ohnehin nirgendwo hört. Man hört Warnungen oder nichts. Ist das Kind in den Brunnen gefallen, kommen wohlfeile Ratschläge immer zu spät.

Wohlfeil ist nicht nur „billig“, sondern „geistlos, ohne intellektuelles Niveau“. Und siehe, das macht Sinn, denn Trumps Kreuzzug zur Rettung von Gods own country ist teuer, wird jeden Tag teurer und ist vor allem von höchstem Niveau. Nicht zuletzt beim erhöhten Ausstoß von CO2. Gegen Trumps geistsprühenden Intellekt kommt Europa nicht an.

Schon gar nicht Deutschlands fromme Alt-Mädels, die nichts sehen, nichts hören und nichts zu sagen haben: Ursula, Angela und Annegret. Sie gehen nicht vor die Kameras, erklären nichts, nehmen keine Stellung und verraten nicht, was sie zu tun gedenken. Angela telefonierte gar mit Donald, verschwieg aber, was sie ihm zu sagen hatte.  

Hier ein billiger, pardon, wohlfeiler Vorschlag:

„Meinet nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf Erden zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.“

Und also machten sie sich auf in den Vorderen Orient, um die heiligen Lande der Weltgeschichte vor den Ungläubigen zu retten. Sie wollten ihr Leben finden, weshalb sie es verlieren mussten.

Deutschland hatte den Frieden von seinen Befreiern als Geschenk erhalten, weshalb er ihnen von Jahr zu Jahr wohlfeiler wurde. Was nichts kostet, kann nicht viel ...

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Tanz des Aufruhrs VIII

Tagesmail - Montag, den 06. Januar 2020

Tanz des Aufruhrs VIII,

’s ist Krieg! ’s ist Krieg
Gottlob, ‘s ist Krieg,
und wir begehren,
daran beteiligt zu sein.
’s ist gottlob Krieg und wir begehren,
Schuld daran zu sein.

Ohne Schuld ertragen wir das Leben nicht. Welch eine Qual, mit einem schuldlosen Leben bestraft zu werden. Nur Feinde können uns frohgemute irdische Tage wünschen. Wer sein Leben in Schuld verbringen darf, um mit Gott in Verbindung zu treten, der muss das Schlimmste fürchten, wenn er zu einem unbeschwerten Erdendasein verurteilt wird.

Wer seine Last tragen darf, um sie vor dem Himmel zu bereuen, der ist ein Begnadeter: in seinem Leben muss er sich mit seelischem Ballast nicht länger auseinandersetzen.

Schuld war ursprünglich ein Gefühl des Versagens. Wir hätten ein besseres Leben führen können, warum führten wir es nicht?

Wer ein besseres Leben führen will, muss die Ursachen seiner Schuld ergründen und lernen, immer schuldloser zu leben. Wer seinem Lernen nicht vertraut, der muss zu Priestern und Göttern gehen, um seine Schuld loszuwerden: durch erkenntnislose Opfer oder Selbstkasteiung.

Wer seine Fehler erkennen und aus eigener Kraft verändern will, der braucht keine Altäre und Götter. Er muss autonom erkennen, wo er seinen Mitmenschen ...

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Tanz des Aufruhrs VII

Tagesmail - Freitag, den 03. Januar 2020

Tanz des Aufruhrs VII,

Nu denchent wib unde man, 
war ir sulint werdan. 
Eine churza wila sund ir si han.
Ir wanint iemer hi lebint. 
Tu muozust uns gebin ten sin           
Daz wir die sela bewarin. 
Wanda wir dur not hinnan solen uarn. 

Nun, denket alle, Weib und Mann,
Was aus euch soll werden dann.
Nur kurze Frist ist euch gewährt.
Ihr wähnt hier immer zu leben.
Du müssest uns geben den rechten Sinn
Dass wir die Seele bewahren. 
Wenn wir aus Not von hinnen fahren.

 

 

(Memento mori von Notker, 11. bis 12. Jahrhundert,

(Memento mori von Notker, 11. bis 12. Jahrhundert, alemannisch)

Ein göttliches Du, welches uns den rechten Sinn geben kann, existiert nicht und die Bewahrung der Seele wird nicht genügen, denn sie hängt hartnäckig am Fleisch.

Dennoch muss die nächste Dekade unter die schärfsten aller Kriterien gestellt werden: Memento mori und sub specie aeternitatis: „Gedenke des Todes“ und „Unter dem Blickwinkel der Ewigkeit“.

Tod nicht als individuelles Ende, Ewigkeit nicht als Jenseits, das die irdische Vergänglichkeit als Vanitas lästert.

Vanitas („leerer Schein, Nichtigkeit, Eitelkeit“; auch „Lüge, Prahlerei, Misserfolg oder Vergeblichkeit“) ist ein Wort für die jüdisch-christliche Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen, die im Buch Kohelet (Prediger Salomo) im Alten Testament ausgesprochen wird: „Es ist alles eitel.“

Menschen, lebet, als ob Ihr bald sterben müsstet. Der Tod des Einzelnen ist zur nostalgischen Belanglosigkeit geworden. Es geht um uns alle.

Gevatter Tod ist technisch versiert und auf der Höhe des Fortschritts, er lauert auf die Menschheit als Gattung. Als ob wir bald sterben müsstenheißt, niemand weiß ...

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Tanz des Aufruhrs VI

Tagesmail - Montag, den 30. Dezember 2019

Tanz des Aufruhrs VI,

„Warum es so viel Leiden, so kurzes Glück nur gibt?
Dass nicht vergessen werde, was man so gerne vergisst:
Dass diese arme Erde nicht unsere Heimat ist.“ (B: Gesius 1603)

Es gibt keine Rechte, keine Linke und keine Mitte.

Es gibt Demokraten und Nichtdemokraten, Menschenfreunde und Menschenfeinde, Selbstbestimmte und Ferngelenkte, Liebhaber der Heimat Erde und Feinde der Erde, die nach dem Himmel schmachten und sich fieberhaft auf Kosten der Erde davonmachen.

Entweder ist es wahr, dass die Erde bedroht ist oder es ist nicht wahr.

Ist es nicht wahr, lasst uns weiter prassen und schwelgen, kreativ und produktiv, fortschrittlich und futuristisch sein, bis alle Wälder der Erde brennen und der Rauch uns die Sinne benebeln wird – und Elon Musk sich freuen darf, dass er es auf den Mars geschafft hat, um das gleiche Spektakel von vorne zu beginnen.

„Es gibt drei Arten von Feuer. Das australische Sydney ist schon seit Wochen in dichten Rauch gehüllt; viele haben sicherlich Bilder der Buschbrände gesehen und auch das berühmte Opernhaus unter dieser Dunstglocke. In vielen Häusern gehen die Rauchmelder an, die Menschen können so buchstäblich das Feuer hören. Aber es sind nicht die Gebäude, die brennen, es ist der Rauch, der in das Gebäude eindringt und den Alarm auslöst. Wenn das keine Metapher dafür ist, dass „unser Haus in Flammen steht“, dann weiß ich es auch nicht.“ (Naomi Klein in freitag.de)

Ist es aber wahr, dass die Erde bedroht ist: lasst uns zusammenstehen, die beglückende Gegenwart der Natur gemeinsam suchen und alle Kräfte einsetzen, um das planetarische Malheur in der letzten Sekunde abzuwenden.

Wir können die Erde nur retten, wenn wir die Wahrheit ihrer Bedrohung anerkennen.

Wir können die Wahrheit nur anerkennen, wenn wir ihre Sprache sprechen. Die Sprache der Wahrheit formuliert die Erkenntnis der Dinge schnörkellos, direkt und ...

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Tanz des Aufruhrs V

Tagesmail - Freitag, den 27. Dezember 2019

Tanz des Aufruhrs V,

„Für Deutschland ist die Kritik der Religion im Wesentlichen beendigt.“

Marxens prophetische Künste waren begrenzt. Längst hat sich Religion zur westlichen Kultur erweitert, die den ganzen Planeten beherrscht. Religiöse Merkmale wurden zu Merkmalen einer Weltherrschaft, die alle Phantasien der Religion in politische Macht verwandelt. Heilsgeschichte wurde zur Geschichte des weltlichen Fortschritts.

An Weihnachten legt die Weltmaschine eine opiate Pause ein, damit das Räderwerk sich nicht völlig überhitzt und an sich selbst entzündet. Nur an Weihnachten ist Religion ein schlaf- und apathieförderndes Opium.

Gewöhnlich wirkt Religion nicht als Opium, sondern als Aufputschmittel und rücksichtsloser Aktivitätsbeschleuniger – der an Weihnachten eine winzige Atempause einlegen muss, um zu neuen Kräften zu gelangen. Einmal im Jahr wünscht Menschheit sich, was sie dem heiligen Kinde wünscht: Schlaf in himmlischer Ruhuh, schla-af in himmlischer Ruh.

Die zwei konträren Zeiten – rasende Hatz und Erholung – entsprechen dem weltlichen und himmlischen Staat, die sich durch Rivalität ergänzen. Rasende Hatz ist das weltliche Pendant zur Parusiebeschleunigung, Ruhe die Vorwegnahme der jenseitigen Ankunft. Erlösungsreligion besteht aus beiden Elementen: aus der Vorwegnahme des Gartens Eden aus eigener Kraft und der Erwartung des Herrn in passiver Ergebung.

Amerika steht eher für die erste Version, Deutschland für die zweite. Während Deutschland alle Parusieerwartungen offiziell verachtet, kann es den Amerikanern nicht schnell genug gehen, Gottes eigenes Land als vollendeten Garten Eden zu realisieren. America first ist die politische Kurzformel für amerikanische Erfüllungssehnsucht.

Sehnsucht nach Ruhe ist ein heidnisches Erbe mitten im Christentum: eine ...

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Tanz des Aufruhrs IV

Tagesmail - Montag, den 23. Dezember 2019

Tanz des Aufruhrs IV,

ein Kindelein gibt sich für uns verloren;
gelobet muß es sein.

Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muß vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter vieldanach mit ihm auch sterben.

Gebt euch verloren, oh wackere Christenheit! Dann tretet an zum Leiden und Sterben: rüstet euch für eure Weihnachtsbotschaft.

Ihr führt einen Vernichtungskrieg gegen die Welt. Doch sterbt für euch, lasst uns und die Erde in Ruhe. Schwirrt ab zu eurem himmlischen Vater, wenn ihr die böse Welt nicht ertragt.

Einen Tag lang werden wir euch scheinheilig betrauern, danach in wochenlange Freudentänze ausbrechen.

Warum besiegten die Christen die Alte Welt? Ein sterbendes Weltreich übernahmen sie mit jenseitigen Sirenengesängen. Als ihnen die Herrschaft zufiel wie ein Leichenbegräbnis, entpuppten sich die Heiligen als unfehlbare Tyrannen und erbarmungslose Zerstörer der heidnischen Welt.

Es war nicht die Kraft der Worte, die dem Christentum zum Sieg verhalf. Es war rohe Gewalt, die sich bis zum Furor der Zerstörung und zum Blutrausch steigern konnte:

„Nicht nur im ausgehenden 4. Jahrhundert, sondern noch Jahrhunderte später wurden heidnische Tempel zerstört. Es herrschte lange Zeit ein Vandalismus, wie es ihn bis dahin in der Geschichte der Menschheit nicht gegeben hatte. (Manfred Clauss, Ein neuer Gott für die Alte Welt)

Heute jammern die Kirchen über wenige Opfer, die sie anfänglich im Römischen Reich erleiden mussten. Sie unterschlagen, dass viele Opfer freiwillige Märtyrer ...

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Tanz des Aufruhrs III

Tagesmail - Freitag, den 20. Dezember 2019

Tanz des Aufruhrs III,

„Wir sollten nicht in Staaten und Bevölkerungen leben, die ihr je besonderes Recht haben, sondern glauben, dass alle Menschen unsere Volksgenossen und Mitbürger sind; es sollte nur eine Lebensform und eine Staatsordnung geben, gleichwie eine zusammenweidende Herde nach gemeinsamem Gesetz aufgezogen wird. Der Gott, der diesen Staat zusammenhält, in dem es sonst keine Tempel, Götterbilder oder Weihegeschenke gibt, ist die Liebe. Sein Ziel muss die Erziehung aller Menschen zur Rechtschaffenheit sein, so dass auch das Geld und die Gerichtshöfe überflüssig werden. Nur der Grad der Rechtschaffenheit, den der Einzelne jeweils erreicht hat, kann noch Unterschiede zwischen den Menschen begründen.“ (Stoiker Zenon)

Wie entkommen wir der Scham, dass wir solchen Friedensperspektiven nicht mehr gerecht werden? Dass wir das Kostbarste der Geschichte, was Hellenen vor mehr als 2000 Jahren erdachten und lebten, verraten haben: in Theorie und Praxis?

Dadurch, dass wir die Perspektiven zu Utopien und fahrlässigen Träumereien degradieren.

Dass wir den abendländischen Verfall in Fortschritt verfälschen und uns als Spitze der Menschheitsentwicklung empfinden.

Dass wir jegliches Erinnern an frühere Zeiten in den Müll werfen. Bestünde doch die Gefahr, dass wir unsere Verzwergung und Verhässlichung im Spiegel der Vergangenheit wahrnehmen müssten.

„Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir gekommen sind, die sind Diebe und Mörder; aber die Schafe haben ihnen nicht gehorcht. Ich bin der gute Hirte und erkenne die Meinen und bin bekannt den Meinen, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Aber ihr glaubet nicht; denn ihr seid nicht von meinen Schafen, wie ich euch gesagt habe. Warum kennet ihr nicht meine Sprache? Ihr seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang und ist nicht bestanden in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ...

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Tanz des Aufruhrs II

Tagesmail - Mittwoch, den 18. Dezember 2019

Tanz des Aufruhrs II,

wer freut sich, wenn die Welt verloren geht – und singt O du Fröhliche?

Welt ging verloren,
Christ ward geboren,
Freue, freue dich, o Christenheit!

Man kann die Welt verloren geben, Trauer tragen – oder sich mit Zynismus tarnen.

Man kann sie zu retten versuchen, die Ärmel hochkrempeln und mit gutem Willen die Spötter zur Höchstform reizen.

Man kann sie vollends zertrümmern, eine nagelneue erhoffen, von Oben erbeten oder in eigener Regie erschaffen.

Die Deutschen, jahrhundertelang dem Zug der Zeit hinterherhinkend, überholten alle und realisierten vor einigen Jahrzehnten eine uralte Variante – in selbsterfüllender Potenz. Sie entlarvten das Geheimnis der Religion als Erfindung des Menschen zum Zweck einer triumphalen Selbstdarstellung.

Zeige mir, welche Religion du nötig hast und ich sage dir, was dir fehlt.

Abendländische Religion ist Charakter- oder Lebensergänzungsmittel, Sättigungsbeilage für Unersättliche, Verhungernde und Verzweifelte, Betäubungsmittel für Lebensunfähige.

Naturreligion ist überschwängliche Verbundenheit mit allem, was da kreucht und fleucht.

Man kann die Welt auch zu retten versuchen, indem man die Menschen in lebenswerte und -unwerte aufspaltet, die letzteren vernichtet, um den ersten ...

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