Philosophische Tagesmails

Von vorne LXI

Tagesmail - Mittwoch, den 11. September 2019

Von vorne LXI,

es gibt noch Wunder. BILD feierte in Berlin ein Fest der Freiheit – mit einem bemerkenswerten jungen Palästinenser, der gegen Netanjahus Annexionspläne des Jordantales mit friedlichen Mitteln protestiert hatte.

„Auf der Dachterrasse des Deutschen Parlaments dann Beifall, Blitzlicht, Begrüßung durch BILD-Chef Julian Reichelt.“ (BILD.de)

Eine Schar illustrer Gäste war erschienen, um den mutigen Gast zu feiern. Unter ihnen AKK, Karl Theodor zu Guttenberg, Bundestagspräsident Schäuble und Influencerin Diana zur Löwen.

Mathias Döpfner hielt eine Grundsatzrede, in der er zerknirscht bekennen musste, dass Netanjahu mit seiner nicht enden wollenden Annexionspolitik die „bedingungslose Loyalität“ des Springer-Verlags überstrapaziert habe.

Loyalität zu Israel? Unbedingt, das sei das moralische Grundprinzip seines Hauses, daran werde sich nichts ändern. Zukünftige Loyalität aber nur auf der Grundlage aller Menschen- und Völkerrechte. Ab jetzt werde das zur verlässlichen, aber auch kritischen Maxime von BILD und WELT.

Döpfner wandte sich direkt an die abwesende Bundeskanzlerin und ermahnte sie, nicht länger ihrer arglistigen Demutshaltung zu Israel zu folgen und sich dem neuen Kurs seines Hauses subito anzuschließen. Starker Beifall, besonders von der Parteivorsitzenden und allen VIPs der CDU und CSU.

Selbst Saudi-Arabien, sonst nicht bekannt für glühende Anerkennung dekadenter westlicher Werte, hatte öffentlichen Protest angemeldet:

„Die Ankündigung sei eine "sehr gefährliche Eskalation", die sich gegen das palästinensische Volk richte und eine "eklatante Verletzung" der UN-Charta und des Völkerrechts darstelle.“ (ZEIT.de)

Unter den Gästen kursierte die klammheimliche Vermutung – manche nannten sie Verschwörungstheorie –, dass Israels Premier mit seiner Ankündigung ...

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Von vorne LX

Tagesmail - Montag, den 09. September 2019

Von vorne LX,

Hongkonger Studenten haben es schwer, sich auf führende Politiker des Westens zu berufen, die ihren bewundernswerten Kampf um Freiheit unterstützen könnten. Ohnehin kämen nur zwei in Frage.

Der eine ruiniert die Demokratie durch polterndes Schreddern, die andere durch demütige Leisetreterei. Der eine – wenn er nicht gerade lügt – redet Stuss, die andere schweigt selbst dann, wenn sie vertraute Worte absondert.

Lange vorbei jene Zeiten, als der Westen die übrige Welt durch demokratische Vorbildlichkeit zu beeindrucken verstand oder zur Nachahmung anregte. Ohnehin war es mit der Bewunderung vorbei, als die militärisch überlegenen Westmächte das demokratische Modell mit Waffengewalt zu exportieren begannen.

Die Faszination des Westens erlosch mit dem Ende seiner Glaubwürdigkeit, die sich als Übereinstimmung seiner Worte und Taten verstand.

Seit Jahrhunderten bereits hatten zwei Faktoren dafür gesorgt, dass nicht-westliche Beobachter die Unglaubwürdigkeit der imperialen Christenstaaten immer schmerzhafter empfanden. Es war die Botschaft eines unfehlbaren Glaubens, der vor keiner Form gewaltsamer Missionierung zurückschreckte – und die kapitalistische Ökonomie, die ihre Überlegenheit in religiöser Heilsgewissheit der Welt aufdrang.

Die Bedeutung der Religion ist mittlerweilen abgeklungen. Die Wirtschaft übernahm ihren missionierenden Dogmatismus, sodass alternative Wirtschaftsformen nirgendwo aufkommen konnten. Die Vertreter der offenen Gesellschaft, die angeblich viel von der Widerlegbarkeit eines Systems halten, bevorzugen die allein seligmachende Ausbeutung der Natur und die alternativlose Bereicherung der Reichen auf ...

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Von vorne LIX

Tagesmail - Freitag, den 06. September 2019

Von vorne LIX,

Bettler werden Fürstenbrüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.

Brüder – überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu seyn;
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur  e i n e  Seele
s e i n  nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund.

Tränen standen den Berlinern in den Augen, als sie die gewaltige Botschaft von der Brüderlichkeit hörten, Schillers Worte in Beethovens Musik. Das muss Kultur sein. Kultur für wahre Menschen, für alle Menschen, für Deutsche, Europäer, für die ganze Welt. Es waren Deutsche, die das Kunstwerk der Menschheit zustande brachten! Muss man sich seiner Eitelkeit schämen, wenn man stolz ist auf solche nationalen Genies?

Als sie, noch ganz benommen, sich auf den Heimweg machten, waren sie entschlossen, jeden Menschen als Bruder, ja, selbst als Schwester, zu betrachten, niemanden mehr zu verachten, nie mehr auf Herkunft und Hautfarbe zu achten, jeden Bettler am Wegesrand zu grüßen und im Geiste zu umarmen, die Natur zu retten, das Elend zu besiegen. Alles schien möglich, nichts konnte sich ihrem geschwisterlichen Vorhaben in den Weg stellen. Was darf den Menschen hindern, Mensch zu werden?

Krankhafte Visionen? Träumereien? Sie fühlten sich stark, ja unbesiegbar, das Gerede Unwürdiger zu verachten. Was müssen das für Kreaturen sein, die ...

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Von vorne LVIII

Tagesmail - Mittwoch, den 04. September 2019

Von vorne LVIII,

„Deutschland außer Betrieb. Endlose Baustellen, brüchige Brücken, verspätete Züge, langsames Internet, marode Schulen, vermurkste Energiewende: Vieles läuft in Deutschland nicht mehr so, wie es sollte. Realität und Wunschdenken driften weit auseinander. Beobachtungen zur Lage der Nation.“ (WELT.de)

„Jeder erlebt in seiner Umgebung, dass Dinge nicht funktionieren. Das fängt bei den Schulen an und geht bei der Justiz weiter. Wenn man in der Zeitung alle paar Tage liest, dass Menschen, die Straftaten begehen, sofort wieder freigelassen werden, versteht das niemand mehr. Oder ein Beispiel hier aus Hamburg: Da haben Reeder Schulden gemacht und Menschen um viel Geld gebracht, leben aber weiter unbehelligt in ihren Villen und haben Yachten. Wir erleben ein Versagen des Staates vor allem im lokalen und regionalen Bereich. Es fehlt vielleicht auch der Mut. Wer in der Flüchtlingskrise sagt: ‚Wir schaffen das‘, muss dafür auch die richtigen Maßnahmen ergreifen. Die Leute müssen erleben, dass Probleme gelöst werden. Im Digitalen – also bei Mobilfunk und Internet – stehen wir auf einem der letzten Plätze Europas, sogar hinter Albanien. Das ist Versagen pur.“ (BILD.de)

Stefan Aust, Ulrich Wickert: die Granden der deutschen Medien rechnen ab – mit einem Staat, auf den sie vor kurzem noch stolz waren. Nun distanzieren sie sich in Widerwillen und Verachtung.

Staat, was erlauben Staat, sich hochdekorierten Beobachtern in diesem bejammernswerten Zustand zuzumuten?

Staat, bist du es überhaupt wert, noch wahrgenommen und beachtet zu werden? Ändere dich oder wir werden in Staaten auswandern, die unseren Ansprüchen genügen. Wohin denn?

Nach England, in die mustergültige Demokratie! Oh, äh, lieber nicht. Nach ...

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Von vorne LVII

Tagesmail - Montag, den 02. September 2019

Von vorne LVII,

was geschah am Wochenende, gemessen an dem, was hätte geschehen müssen? Nichts.

Die einen sprechen vom Klima, weil sie sich gezwungen fühlen – tun aber nichts.

Die anderen sprechen nicht mal vom Wetter – und blockieren noch das, was nicht geschieht.

„Denk' ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen.
Und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich Mutter Natur zuletzt hab gesehn,

Deutschland hat keinen Bestand,
Es ist kein kerngesundes Land;
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd ich es nimmer wiederfinden.

Deutschland simuliert Gesundheit. Ändert das Land nichts, liegt es bereits auf der Bahre. Tage, Wochen und Jahre verrinnen. Erde wird versiegelt, Luft erhitzt, Wälder werden abgefackelt, Lungen der Erde vernichtet, Meere vermüllt, Tiere und Pflanzen ausgerottet.

Welch Aufwand der Kanäle um eine bedeutungslose Wahl. Endlose Wähleranalysen, Diagramme, Tabellen und Kurven; Gesprächsrunden, die keine Gespräche, Fragen, die keine Fragen sind.

Welchen Aufwand trieben sie, als der UN-Klimarat in verzweifeltem Ton zur ...

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Von vorne LVI

Tagesmail - Freitag, den 30. August 2019

Von vorne LVI,

Trump ist Narzisst, Bolsonaro Psychopath, Rechte und Konservative besitzen einen großen Mandelkern und ekeln sich vor der Welt.

Verabscheuenswerte Menschen sind Untersuchungsobjekte der Psychologie, inzwischen der Gehirnforschung. Erfolgreiche Menschen sind Objekte der Berichterstattung, gloriose Siegertypen gehören in die Geschichtsbücher.

Erfolgreiche und verabscheuenswerte sind Lieblingsobjekte bewundernder Medien. Denn das Gute ohne Abgrund ist langweilig, weshalb zwielichtige Erfolgsritter Lieblinge der Gazetten sind. Da alles berechenbar geworden ist, muss das Außergewöhnliche unberechenbar sein. Glanz und Abgrund bedingen sich:

Ich kann nicht verhehlen: Die Bauernschläue des neuen britischen Premiers Boris Johnson imponiert mir. Der Trick, das Parlament in den Zwangsurlaub zu schicken, sich das Placet der Queen zu holen und dann ganz in Ruhe den harten Brexit vorzubereiten, ist höchst verwerflich, aber clever.“ (SPIEGEL.de)

Erfolg ist ein Triumph der Gene. Wer nichts zustande bringt, sollte sich psychologisch untersuchen lassen. Bringen wird es nichts, entweder man hat‘s oder man hat‘s nicht.

Wer nicht nur erfolglos, sondern auch verbrecherisch ist, ist ein Fall für verurteilende, aber nicht für verstehende Seelenforscher. Denn Verstehen des Verruchten wäre Verzeihen. Wer verstehen will, ist ein Weichling, der dem Bösen nicht widerstehen kann. Anständige Menschen schäumen gegen Verbrecher – nicht aber, wenn sie Politiker befreundeter Staaten sind. Die können so kriminell sein, wie sie wollen, das muss man bedingungslos abnicken.

Kriminelle sind Produkte des Bösen. Punktum. Das Böse ist, wie es ist: ein ...

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Von vorne LV

Tagesmail - Mittwoch, den 28. August 2019

Von vorne LV,

„Ist Krieg in Europa wieder denkbar?“ fragt Dirk Kurbjuweit im SPIEGEL.

Der Krieg in der ganzen Welt hat nie aufgehört – gegen die Natur. Besinnungslos wird der Planet abgebrannt, verseucht, vergiftet, verpestet, vermüllt, erstickt, ausgelaugt, ausgeraubt, geschändet, erniedrigt, gedemütigt, geschmäht, entstellt, abgeschlachtet, gebrandmarkt, hässlich gemacht – und für nichtig erklärt.

Retour à l’origine. Sie muss zurückkehren, woher sie gekommen ist: ex nihilo ad nihilum. Aus Nichts kann nur nichts werden. Die perfekte Schöpfung muss sich als göttliches Blendwerk entlarven.

Die Kreatur des Schöpfers hat den Auftrag, das Blendwerk zu entsorgen und ungeschehen zu machen, sodass der Bankrott des Kreators als gewolltes, mit Absicht inszeniertes Werk präsentiert werden kann.

Die Entsorgung des jämmerlich gescheiterten Allmächtigen Mannes durch die Kreatur wird umdeklariert zur Heilstat, zur Erlösung des Sünders durch Den, den der Sünder rehabilitieren muss.

Der Sünder wird berufen, als Wachsfigur einer Heilsgeschichte zu fungieren. Seine Berufung wird zu seinem Beruf, sein Beruf ist seine Arbeit, mit der er die Natur zerlegen soll. Der Sünder soll vollbringen, was dem halbherzigen Schöpfer nicht gelang, als er in Wut seinen ganzen Pfusch auslöschen wollte.

Erneut gelang es ihm nicht, zu vollenden, was er sich vorgenommen hatte. Er strich das Vernichten und begnügte sich mit Degradieren seines Werkes, das mehr schlecht als recht funktionieren sollte, um eines fernen Tages gelöscht und ...

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Von vorne LIV

Tagesmail - Montag, den 26. August 2019

Von vorne LIV,

eben noch dominierten die Gene. Nun kommt die unbegrenzte Lernfähigkeit. Jeder kann zum Genie werden.

Da der Zeitgeist sich langweilte, schlug er ein neues Kapitel auf. Wie immer, wenn Neues verkündet wird, ist es ein Altes. Macht nichts. Weshalb wird Vergangenes verleugnet? Damit Neues stets neu präsentiert werden kann – aus der „Mottenkiste des Alten.“

Die Medien sind Auguren des Neuen, gewendet und frisch poliert aus den Friedhofshallen des Alten. Was wären sie, wenn sie nicht prophetenhaft, Daumen rauf, Daumen runter, zu Grabe tragen und zum Leben wieder auferwecken dürften? Sie prognostizieren nicht, sie präsentieren, was die schnell dahin fliehende Zeit als Neuestes zu bieten hat.

Die ARD ist entrüstet über die SPD, die es wagt, sich der längst begrabenen Gerechtigkeitsidee zu erinnern und die Reichen an ihre Pflichten zu mahnen: „Nun greifen Sie in die Mottenkiste; Frau Schwesig, um die Reichen zur Kasse zu bitten?“

Doch Frau Schwesig glaubt selbst, einen neuen Gedanken ex nihilo erfunden zu haben. Das Alte-Neue-Spiel gehört zu den Konsolenspielen wagemutiger, alles riskierender, süchtiger, blind nach vorne schauender Futuristen.

„«Viele glauben, sie seien für Naturwissenschaften einfach nicht begabt», sagt Physiknobelpreisträger Wieman. «Doch das ist Quatsch. Mit dem richtigen Unterricht kann jeder in jedem Fach riesige Fortschritte machen.» Niemand werde als Genie geboren, ist Wieman überzeugt – nicht einmal ein Wolfgang Amadeus Mozart. "Aktives Lernen" heißt diese Methode heute: Studenten machen lassen, ...  

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