Philosophische Tagesmails

Von vorne LXX

Tagesmail - Freitag, den 04. Oktober 2019

Von vorne LXX,

l‘état c’est moi: das galt in Frankreich.

Gilt in Deutschland: der Staat – ist sie: die Kanzlerin, die mächtigste Frau der Welt, die das Wörtchen Ich nur benutzt, wenn es nicht zu vermeiden ist?

Aber nein, die Kanzlerin herrscht nicht, sie ist die erste Dienerin des Staates. Am liebsten spricht sie in unpersönlichem Funktionsdeutsch, als ob sie Vorgänge überwachen müsste, die am besten laufen, wenn sie ungestört laufen – oder alternativlos. Automatisch? Ja, das träfe es am besten.

Wem also dient die Unpersönliche? Einer leise schnurrenden und summenden Maschine, die nur in Hochform kommt, wenn niemand an ihr herumschraubt oder – wenn man ihr voll und ganz vertraut. Wie stolz sind ihre einheimischen Untertanen, dass sie eine Physikerin als oberste Maschinistin haben. Gottgläubig zudem – für jeden Fall. Weiß doch niemand, was noch passieren kann. Doppelt gesichert hält besser.

Zuerst die perfekte Maschine, die sich vom Menschen losreißen muss. Auch Maschinen müssen sich lösen und dürfen sich auf Helikopter-Betreuer nicht verlassen, weshalb sich Intelligenz-Robotern eine glänzende Zukunft eröffnet.

Dann die Maschine, die in Gottes Hand ruht – für alle Fälle.  

Solange Maschinen nicht perfekt sind, müssen sie nachgebessert werden. Aber bitte nicht radikal, was alles nur verschlimmern würde. Sondern mit Mut zum Scheitern. Nur wer scheitern kann, verdient die Hilfe von Oben. Nicht anders als menschliche Moral, die in Gottes Moral ruht. Ohne Böckenfördes jenseitige Rückversicherungsmoral keine irdische Würde des Menschen.

Nein, der Staat ist nicht sie, die leise schnurrende Dienerin, sondern sie: die ...

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Von vorne LXIX

Tagesmail - Mittwoch, den 02. Oktober 2019

Von vorne LXIX,

Trump und Johnson sind nicht die einzigen Narren.

„Wer auch immer dazu beigetragen hat, dass die Leichtathletik-WM in Katar stattfindet, sollte sich schämen. Und wer daran mitgefingert hat, dass die Fußball-WM in drei Jahren dort stattfinden soll, ebenfalls. Die aktuellen Wettkämpfe der Leichtathleten zeigen, was mit dem Sport passiert, wenn seine Funktionäre von Geldgier und Korruption geleitet werden. Diese WM ist ein Witz, sie ist ein Skandal. Das Emirat Katar will sich mithilfe solcher Events politische Akzeptanz für seine Diktatur erkaufen. Das ist nachvollziehbar. Die großen Leichtathletik- oder Fußballverbände verraten ihre Athleten und alle Sportfans weltweit.“ (SPIEGEL.de)

Markus Feldenkirchen nimmt kein Blatt vor den Mund. Warum aber erwähnt er nicht diejenigen, die nur scheinbar kritisieren – und dennoch alles zeigen: die TV-Kanäle, die die Übertragung der Spiele teuer erkauft haben, obgleich das Verhängnis längst abzusehen war? Keine Schelte unter medialen Kollegen?

Trumps Pussygrapschen ist durch die Metoo-Bewegung geächtet, voyeuristisches Pussygrapschen aus maskuliner Perspektive wird in Katar zum Weltereignis.

„In den knappen Sachen über diese Kamera zu steigen, um in den Block zu gehen, finde ich sehr unangenehm.“ (Gina Lückenkemper)

Gibt es eine Erklärung? Um Erklärungen sind gewiefte Framing-, Nudging- und Kommunikationskoryphäen nie verlegen:

„Die Idee der Startblockkamera sei es, die Kommunikation zwischen Athlet und Zuschauern durch eine neue Eventpräsentation zu verbessern.“

Gibt es denn in Zirkusspielen eine Kommunikation zwischen Darstellern und Publikum? Und wenn ja, wäre es dem Fortschritt nicht angemessener, die ...

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Von vorne LXVIII

Tagesmail - Montag, den 30. September 2019

Von vorne LXVIII,

nicht verzagen, es gibt auch gute Nachrichten:

„Die Macht des Boulevards bröckelt. Laut Zeitungs-Auflagen der IVW befinden sich „Bild“ und „Bild am Sonntag“ im freien Fall.“ (TAGESSPIEGEL.de)

BILD, ein Boulevard der Nation?

„Ein Boulevard ist eine breite von Bäumen flankierte und entlang einer ehemaligen Stadtmauer verlaufende Straße in Großstädten. Die Bezeichnung Boulevard wird heute im weiteren Sinn für Prachtstraßen oder repräsentative Straßen jeglicher Art verwendet.“ (Wiki)

BILD ist das Gegenteil einer Prachtstraße. Wie in einer mittelalterlichen Stadt wird in dieser Edelgazette Abfall aus allen Fenstern auf die Gosse gekippt. Mitten in den Kloaken stehen Marterl und fromme Statuen und verpflichten zum heiligen Innehalten. Auch Springers Kavallerieblatt lässt sich in Dreckwerfen von niemandem übertreffen. Plötzlich wird das Ganze unterbrochen und durch wortlose Herzensmoral von aller Sünd und Schand gereinigt.

„Da taumelt ein Läufer völlig entkräftet 200 Meter vor dem Ziel. Jeden Augenblick kann er stürzen. Da fängt ihn einer der Läufer auf und schleppt ihn ins Ziel. Was für ein Sieg – für die Menschlichkeit, für die Hilfsbereitschaft, für das Mitgefühl. Sie waren jetzt Brüder, zwei Menschen-Brüder. Ein Mensch hilft einem anderen Menschen. Dieses Bild wird hoffentlich unvergessen bleiben. Denn was ist wichtiger? Was ein Mensch sportlich leistet – oder menschlich? PS: Der hilfsbedürftige Sportler wurde übrigens disqualifiziert, weil er sich helfen ließ. Kein Kommentar.“ (BILD.de)

An einer unverdächtig-sentimentalen Stelle geschieht es: Fassaden brechen ein und das unflätige Tagesgeschehen wird umstrahlt von auratischer Reinheit des Herzens. Haben wir es mit einem Anfall von Moral zu tun – in einem Blatt, das sich sonst ...

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Von vorne LXVII

Tagesmail - Freitag, den 27. September 2019

Von vorne LXVII,

Bewegungen kommen und gehen, die Mächtigen bleiben bestehen.

Heute demonstrieren sie wieder, die Umerzieher, Blauäugigen, Kranken und Aggressiven. (CDU-Merz hält Greta Thunberg für meschugge.) Doch die Messer der Zensoren sind bereits gewetzt: wehe, wenn weniger kommen. Dann weiß man, wie viel Spreu bereits die Flatter gemacht hat.

Wartet, wartet noch ein Weilchen, dann gehen sie wieder brav in die Schule und büffeln für den Vorstandsposten, den sie nie erreichen werden. Die obersten Wirtschaftsregenten rekrutieren sich nur aus sich selbst. Geldadel verpflichtet.

„Die Teilnehmerzahl am vergangenen Freitag war auch deshalb so hoch, weil nicht nur die üblichen "Fridays for Future"-Demonstranten auf den Beinen waren. Viele machten vermutlich ihre erste Demo-Erfahrung. Im Fußball gibt es die Spezies des "Event-Fans". Gemeint sind Zuschauer, die nur dann im Stadion auftauchen, wenn es gerade angesagt ist. Heute wird sich zeigen, ob es sich beim Gros der Demonstranten um "Event-Klimaschützer" handelte – oder ob ihr Engagement nachhaltig ist.“ (SPIEGEL.de)

Markus Feldenkirchen hätte auch bangen können: hoffentlich wächst die Zahl der Weltretter. Oder ermuntern: kommt, lasst nicht nach, Bewahrer dieser Erde. Nein, Überlebensunabhängig hebt oder senkt der Zensor den Daumen, wie beim Beobachten einer blutigen Arenaschlacht, dessen Ausgang ihn nichts angeht. Hauptsache spannend und von flüchtigem Augenblickswert.

Das Neue lauert schon an der Ecke, um die Quote zu sichern. Das Neue hätte schon längst alle Preise dieser Welt kassieren müssen. Ohne Vernichten des Alten gäbe es keinen Fortschritt, kein Wirtschaftswachstum, keine Papierverschwendung überflüssiger Postillen und Gazetten, keine Handy-Total-Verkabelung wahrnehmungsloser Zeitgenossen.

Erinnert sich noch jemand an Attac, eine globalisierungskritische Bewegung, der beizutreten fast zum guten Ton gehörte? Heute sind die Schwärmer bedeutungslos ...

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Von vorne LXVI

Tagesmail - Mittwoch, den 25. September 2019

Von vorne LXVI,

Greta oder Angela: wer wird den Kurs der Menschheit prägen?

Greta:
„All das hier ist falsch. Ich sollte nicht hier stehen. Ich sollte zurück in der Schule sein, auf der anderen Seite des Ozeans. Trotzdem kommt Ihr alle zu mir, um zu hoffen? Menschen leiden. Menschen sterben. Ganze Ökosysteme brechen zusammen. Wir stehen am Beginn eines Massenaussterbens. Und alles, worüber Ihr reden könnt, ist Geld und Märchen von ewigem Wachstum. Wie könnt Ihr es wagen?“ (Freitag.de)

Angela:
Wir alle haben den Weckruf der Jugend gehört. Es gibt keinen Zweifel, dass der Klimawandel, die Erderwärmung im Wesentlichen von Menschen gemacht ist. Es gibt diejenigen, die aktiv sind und demonstrieren und uns Druck machen. Aber es gibt auch die Zweifler.“ Aufgabe jeder Regierung sei es, „alle Menschen mitzunehmen. Ich messe Innovation und Technologie eine sehr große Bedeutung bei. Das ist ein Widerspruch zu dem, was ich da gestern gehört habe.“ (SPIEGEL.de)

Angela ist Weltmeisterin in der Disziplin: Demut = Macht. („Die sich demütigen, die erhöht er.“) Zuerst die Stimme der Demut, geschützt vom Wir, einem pluralis modestiae. Darauf die keine Namen nennende, jeden Affekt vermeidende, abschätzig klingen sollende Bemerkung: „was ich da gestern gehört habe“.

(Heimlich zu Seibert): Das hat man davon, wenn man andere ernst nimmt. Was ich mir so alles anhören muss, wenn der Tag lang ist. (Seibert heimlich retour): In Zeiten des Shitstorms will jeder eine Meinung haben.

Zuerst ein Bückling der vorbereitenden Distanz, danach tonloses ...

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Von vorne LXV

Tagesmail - Montag, den 23. September 2019

Von vorne LXV,

zum ersten Mal in der Geschichte öffnet sich der Blick auf eine globale Verständigung der Völker. Noch nie gab es eine weltweite Empörung von solchen Dimensionen wie der Aufstand der Weltjugend gegen die Zertrümmerung ihrer Zukunft durch jene, die sie am meisten zu lieben vorgeben: ihre Erzeuger, die sich seit Jahrhunderten von einem System betören lassen, das ihnen Wohlstand und endlose Macht versprach – und Tod und Verderben über sie bringen wird.

Angst und Schrecken vor dem Untergang der Welt hingegen beherrschen die Menschen schon seit langem. Die Menschheit entwickelte zwei Urmuster, um ihre Ängste zu beherrschen:

a) die zyklische Zeit

b) und die lineare Geschichte.

Beide Muster schließen sich gegenseitig aus und kämpfen seit Menschengedenken um die Vorherrschaft.

Die zyklische Zeit entspricht der ewigen Wiederholung des Gleichen, angelehnt an die beständige Wiederholung natürlicher Jahreszeiten.

In der linearen Geschichte soll sich nichts wiederholen, alles muss neu erfunden werden, alle Ereignisse müssen Einmaligkeiten Gottes sein, der sich der Natur überlegen fühlt, weil er sie als Schöpfer erschaffen haben will.

Der zyklische Mensch fühlt sich untrennbar verbunden mit dem Kosmos und seinen Zyklen, die ihn regelmäßig erneuern, wenn er sich an ihnen orientiert.

Der geschichtliche Mensch orientiert sich nicht an der Natur – die er für wertlos hält –, sondern an einmaligen Heilsereignissen seines Erlösergottes.

Zyklische Zeit der Natur kann sich ewig wiederholen. Ihre Mythen sind Vorbilder von Zeremonien, die periodisch die Ereignisse am Beginn der Zeiten lebendig werden ...

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Von vorne LXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 18. September 2019

Von vorne LXIV,

die Spannung wächst, der Freitag der Entscheidung rückt näher.

Die Gewaltigen des Westens zucken mit den Augenbrauen. Ihre innerlichen Spannungen delegieren sie an die Kanzlerin – die stellvertretend für alle bebt und zittert.

Steht ein Wechsel des weltweiten „aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzten Ganzen“ (= System der Moderne) bevor?

Wird die Menschheit es schaffen, aus ihrem „trägen, immobilen Beschleunigungsrausch“ (= Fortschritt) aufzuschrecken?

Verabschiedet sich die Menschheit von ihrer „blinden Todessehnsucht“
(= Erlösungsreligion)?

Übernimmt die Krone der Schöpfung die Regie über ihr Schicksal und löst sich von ihrer ferngesteuerten Heilsgeschichte (= Knechtschaft der Kreaturen)?

Besinnt sich homo sapiens auf seine Sapientia (= Weisheit)?

Wird homo rationalis rational (= vernünftig)?

Zerbricht homo oeconomicus seinen Frondienst unter dem Joch des Geldes
(= Kapitalismus) – und besinnt sich auf Gerechtigkeit?

Fordert das zoon politicon die Abstimmung aller Völker, nach welchen Vorstellungen sie selbst leben wollen (= Demokratie)?

Beendet der Freie und Gleiche das Diktat höherer Mächte und entscheidet selbstbestimmt über Erfüllung und Glück seines Lebens (= Autonomie)?

Verstehen Anbeter der Maschinen, dass sie selbst keine sind, sondern ...

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Von vorne LXIII

Tagesmail - Montag, den 16. September 2019

Von vorne LXIII,

es gibt Wörter, die man nur mit der Beißzange anfassen sollte. Zu ihnen gehört der Begriff „einpreisen“. Sind notwendige Klimareformen schon eingepreist? Was kostet die Einpreisung der Welt? Und wenn sie misslingt: kann Wallstreet den Verlust der Menschheit mit Erlösungsaktien abfedern?

„Mehr als 200 internationale Medien, von Afrika bis Nordeuropa, von den USA bis Indien und Japan, darunter auch DER SPIEGEL, haben sich mit der Initiative "Covering Climate Now" gemeinsam verpflichtet, in dieser Woche mit Wucht über dieses doch eigentlich journalistisch so undankbare Thema zu berichten. Jetzt ist es an der Zeit zu handeln. Schnell, konzertiert und global. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die ganze Menschheit einen gemeinsamen Feind. Einen trägen, furchtbaren Golem, den sie selbst geschaffen hat, ganz aus Versehen. Wir können ihn besiegen, gemeinsam. Wir müssen nur endlich anfangen zu kämpfen." (Schreibt Christian Stöcker in SPIEGEL.de.)

Die internationale Presse wacht auf und schließt ein Bündnis gegen die Gefahr. Auch durch den SPIEGEL geht ein Ruck. Andere führende Zeitungen aus Deutschland sind nicht zu finden. Hier die kleine Liste der Unterstützer:

„Auch klimafakten.de und sein Schwesterprojekt Clean Energy Wire (CLEW) werden sich an der Schwerpunktwoche beteiligen – neben dem Netzwerk Weitblick, dem gemeinnützigen Journalismus-Projekt KlimaSocial und der Wochenzeitung WOZ als weiteren Medien aus Deutschland und der Schweiz.“ (Klimafakten.de)

Einigen Superreichen gelang es, längst bekannte und belegte Klimafakten und Naturzerstörungen mit einem instrumentellen Skeptizismus so in irrlichternde Unwahrscheinlichkeiten zu zerstäuben, dass die Menschheit die glasklaren Erkenntnisse der ersten Ökobewegung zu verleugnen begann. Unter ihnen die Brüder Koch und die von ihnen finanzierten Think-Tanks und Institutionen unter ...

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