Philosophische Tagesmails

Von vorne LXXXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 13. November 2019

Von vorne LXXXVII,

„"Ich bin 22 Jahre alt und das ist mein Abschiedsbrief", sind die ersten Worte des jungen Mannes. Der Großteil seines Gesichts ist mit einem schwarzen Tuch verhüllt; nur die Augen sind zu sehen mit ihrem müden und harten Blick unter dem ungeordneten Pony. "Ich habe Angst, dass ich sterben und euch nie wiedersehen werde", fährt er mit zitternden Händen fort. "Aber ich habe keine Wahl, als auf die Straße zu gehen." Der namenlose Demonstrant, einer von vielen in Hongkong, die ihren Familien und Freunden schreiben, bevor sie sich wachsender Polizeigewalt in der Stadt entgegenstellen.“ (Freitag.de)

Das ist die Grundstimmung der Jugend, die wie Buschfeuer den Planeten in Brand setzt.

Wütende Verzweiflung ist die eine Seite der Welt. Die andere ist ihr genaues Gegenteil:

„Herr Pinker, Sie haben eine wunderbare Botschaft für alle, die Ihnen zuhören wollen: Die Welt ist ein viel besserer Ort, als wir für gewöhnlich denken. Sie unterlegen das mit reichlich Zahlenmaterial: Wir werden immer älter, wir leben gesünder, wir arbeiten weniger, wir sind wohlhabender, die Welt wird demokratischer und friedlicher.“ (NZZ.ch)

Zwischen den Unvereinbarkeiten der Generationen wüten die Empörungswellen jener Völker, die ihre eigene Wut mit dem Zorn ihrer Kinder zur beginnenden Weltrevolution vereinen. Die beste aller Welten könnte das Ende der Menschheit bedeuten.

Wie reagieren die Klügsten der Deutschen, ihre Philosophen, auf die Demonstrationen der rebellierenden Jugend?

„Der Auftritt Greta Thunbergs selbst war aggressiv und hatte etwas Fanatisches. Das war abstoßend und plump. Das Ergebnis ist politischer Kitsch: einfache ...

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Von vorne LXXXVI

Tagesmail - Montag, den 11. November 2019

Von vorne LXXXVI,

„Doppelverbeitragung“ ist ???

die ultimative Selbstverauslöschung der Deutschen, ein Spitzenprodukt der Verframing-nudgisierung des deutschen Exzellenzwordings. Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr ins Reich des bildungsgutlichen Seins eintretet, das kurz davor steht, seinen Geist aufzugeben, den es prophylaktisch, in Form von CO2, in die röchelnde Natur emittiert hat.  

Auf Deutsch: erneut hat die Rentendebatte den unerschöpflichen Sadismus tonangebender Eliten bewiesen, ihren Abhängigen derart die Luft zu drosseln, dass sie den Ruhestand ihres hart erarbeiteten Arbeitslebens nur unter Japsen und Zittern zu Ende bringen können. Bis die Klimakatastrophe sich ihrer erbarmen und in gnadenreichen Hitzewellen – aufwärts froh den Blick gewandt – ins himmlische Jerusalem transportieren wird.

Warum müssen die Kleinen und Schwachen in einem kapitalistischen Großraumkäfig, der Vollzugsinstanz eines alle Moral verspottenden Fortschritts, ihren wohlverdienten Lebensabend an die Wand fahren lassen?

Bedürftigkeits- oder Bedarfsprüfung am Ende eines arbeitsamen Lebens: das ist das Bundesverdienstkreuz der Regierung an seinen Pöbel, den man nur mit Fesseln der Knappheit zum Gehorsam zwingen kann, der freiwillig tut, was er tun soll. Er will, was er muss. Freie Zustimmung zu dem, das ohnehin kommen wird: das ist deutsche Freiheit.

Was kommt auf Merkels Untertanen zu? Digitalisierung, Roboterisierung, Verlust der gewohnten Arbeitsplätze, hektische Suche nach neuen, Mobilisierung und Beschleunigung, Gefährdung und Atomisierung persönlicher Beziehungen. Vom Klima haben wir noch gar nicht gesprochen.

Die Kluft besteht nicht nur aus Reichen und Armen, sondern aus vertrauenswürdigen Oberklassen und Unterklassen, denen man nicht genug misstrauen ...

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Von vorne LXXXV

Tagesmail - Freitag, den 08. November 2019

Von vorne LXXXV,

„Europa müsse seine militärische Souveränität wiedererlangen, forderte Macron. Die internationale Sicherheitslage und die aufstrebende Macht China hätten zu einer "außergewöhnlichen Schwäche Europas" geführt. "Wenn Europa sich nicht als Weltmacht sehen kann, wird es verschwinden", warnte Macron.“ (Berliner-Zeitung.de)

Während der Krieg gegen die Natur beendet werden müsste, eskaliert die nationale Kriegsbereitschaft in der Welt von Woche zu Woche. Schon steht die CDU-Vorsitzende Gewehr bei Fuß, um sich mit bellizistischer Entschlossenheit als Kanzlerkandidatin zu profilieren. Da darf die neue deutsche EU-Präsidentin nicht zurückstehen. Sie fordert: "Europa muss die Sprache der Macht lernen." (SPIEGEL.de)

Weltmacht oder Nichts: sind das die einzigen Alternativen, vor denen Europa steht? Ist Geschichte nur ein Faustkampf der Großen? Die Kleinen haben sich zu ducken, wenn die Wagenkolonnen der Starken vorbeipreschen?

Zuerst unterschlägt der deutsche Außenminister die amerikanischen Verdienste um die deutsche Einheit, dann feiert er mit seinem Kollegen aus Washington die gemeinsamen deutsch-amerikanischen Werte. Zuverlässig verliert er sich neu, um sich täglich neu zu er-finden. Aber nein, er ist kein Chamäleon.

„Der Farbwechsel dient bei Chamäleons nicht in erster Linie der Tarnung, sondern der Bereitschaft zur Balz.“

Maas balzt nicht, weder mit Lawrow, noch mit Pompeo, noch mit AKK. Er warnt. Unentwegt warnt er vor den Gefahren des irdischen Seins, die er aus der Flughöhe seiner Weltumrundungen gerade noch verschwommen wahrnehmen kann.

Nun also Frankreich und Deutschland, die sich bislang als herzinniges Machtduo in der Mitte Europas darstellten: plötzlich knirscht es hörbar in den Fugen. Zum ersten Mal widerspricht Merkel ihrem französischen Kollegen auf offener ...

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Von vorne LXXXIV

Tagesmail - Mittwoch, den 06. November 2019

Von vorne LXXXIV,

„zeitgleich warnen mehr als 11.000 Wissenschaftler, darunter rund 900 aus Deutschland, in einer gemeinsamen Erklärung vor einem weltweiten "Klima-Notstand". Wenn sich das menschliche Verhalten beim Treibhausgasausstoß und anderen den Klimawandel begünstigenden Faktoren nicht grundlegend und anhaltend verändere, sei "unsägliches menschliches Leid" nicht mehr zu verhindern, heißt es. "Wissenschaftler haben eine moralische Pflicht, die Menschheit vor jeglicher katastrophaler Bedrohung zu warnen", sagte Co-Autor Thomas Newsome von der University of Sydney.“ (SPIEGEL.de)

Trumps endgültiger Rückzug aus dem Pariser Klimaabkommen wird von seinen biblischen Anhängern bejubelt: die Apokalypse, sie zeigt sich, sie steht schon vor der Tür. Herr komm, ach komme bald!

Seine biblischen Kohorten stehen umso getreuer zu ihm, je mehr die gottlose Welt ihn attackiert:

„Wer Nein zu Trump sagt, sagt Nein zu Gott.“ (WELT.de)

Wer das menschenfreundliche Klima zerstört, zerstört das Überleben der Menschheit und muss als Menschheitsverbrecher vor ein globales Tribunal.

Die westlichen Verbündeten Amerikas müssen sich von der Trump-Regierung lossagen, ihn vor aller Welt des Menschheitsverbrechens anklagen und ihn in Den Haag vor den Internationalen Gerichtshof stellen. Wer auch immer dort verurteilt wurde: im Vergleich mit Trump, dem Zerstörer der menschlichen Lebensgrundlagen, ist er ein Nichts. Es geht um Sein oder Nichtsein.

Das unsägliche menschliche Leid wartet nicht, an vielen Stellen des Globus hat es sein schreckliches Werk längst begonnen.

Aus Berlin kein Mucks. Eine Politik zur Ächtung des Präsidenten, zur Verhinderung des Undenkbaren, ist nicht erkennbar. Berlin ist tot. Das Land lässt sich von einem Mausoleum regieren.  

Begriffe sind verbraucht, Sprache ist tot, die Kunst des klaren Denkens ...

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Von vorne LXXXIII

Tagesmail - Montag, den 04. November 2019

Von vorne LXXXIII,

„Schon vorher, am Vorabend dieser Ereignisse, hatte ich die sowjetischen Truppen vor einem Eingreifen gewarnt: „Keinen Schritt. Sie bleiben, wo Sie sind.“ Das sollten die Deutschen selbst entscheiden. Und sie haben es getan. Auf dem Weg zu tief greifenden Reformen innerhalb des Landes haben wir unser Bestes getan, um unseren Planeten von der Bedrohung durch einen nuklearen Massenmord zu befreien. Unsere wirklichen Schritte in Richtung Abrüstung, eine offene Veränderung von tiefer Feindschaft zu guter Nachbarschaft erregten zuerst Überraschung, brachten dann die gegenseitigen Schritte unserer Partner im internationalen Bereich. Allmählich setzte sich zum ersten Mal seit vielen Jahren Vertrauen in den zwischenstaatlichen Beziehungen durch. Es bestand die Hoffnung, dass die Menschen ohne Krieg in gegenseitigem Respekt zusammenleben könnten.“ (WELT.de)

Die Stimme Gorbis kommt wie aus einer versunkenen Welt. Welcher amtierende Staatschef der Gegenwart könnte solche überwältigenden Worte finden?

„Eine offene Veränderung von tiefer Feindschaft zu guter Nachbarschaft erregten zuerst Überraschung, brachten dann die gegenseitigen Schritte unserer Partner im internationalen Bereich. Allmählich setzte sich zum ersten Mal seit vielen Jahren Vertrauen in den zwischenstaatlichen Beziehungen durch.“

Diese Sätze müssen in Stein gehauen, die unverrückbaren Leitplanken einer globalen Friedenspolitik sein, der Voraussetzung jeder ökologischen Eintracht mit der Natur. Welcher lebende Machthaber könnte solche Worte aussprechen, ohne ins Stammeln und Zittern zu geraten?

Gemessen an diesen kategorischen Friedensmaßnahmen müssen alle gegenwärtigen Staatenlenker erbleichen. Auch die deutsche Kanzlerin, die dem Frieden folgt, wenn er angesagt ist und ihn durch Stummheit und Lauheit verrät, wenn er verfemt wird. Nie wäre sie – die bei jenseitigen Glaubensbekenntnissen keine Probleme hat –, in der Lage, sich zu einem solch vitalen irdischen Credo zu bekennen. Sie bleibt die ...

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Von vorne LXXXII

Tagesmail - Freitag, den 01. November 2019

Von vorne LXXXII,

Künstler sind ästhetische Tiefenpsychologen. Wie ein Therapeut das untergründige Reich des Grauens eines Klienten in Augenschein nehmen muss, so macht sich der Schriftsteller auf den Weg, das verborgene Es seiner Gegenwart zu erkunden, um es eindringlich zu protokollieren.

Hier enden bereits die Gemeinsamkeiten – wenn man der herrschenden Kunsttheorie folgt. Denn während der Therapeut der bewusstwerdenden Devise folgt: wo Es war, soll Ich werden, um die Selbstheilung des Patienten anzuregen, will der Literat mit seinem Schreiben – welchem Zweck dienen?

Folgt man Jens Jessen in der ZEIT, darf Kunst keinem anderen Zweck dienen als – Kunst zu sein. Oder, wie die Franzosen seit Beginn des 19. Jahrhunderts deklarieren: Kunst muss l’art pour l’art, um ihrer selber willen sein:

„Die Pointe besteht darin, dass gerade die Abweichung von der Norm die Werke inspiriert und ihnen oft erst den Stachel und das Beunruhigende gibt, das es erlaubt, überhaupt von Kunst zu sprechen (im Unterschied zu einem Leitartikel oder einem Parteiprogramm). Die Selbstverständlichkeiten einer Gesellschaft nicht zu teilen ist Voraussetzung dafür, ihr etwas zu erzählen, was sie noch nicht weiß oder nicht wissen will. Auch reiner Amoralismus kann eine Qualität von Literatur sein. Warum? Nun, gerade weil sich die Gesellschaft keinen Amoralismus leisten kann und der Mensch in ihr nur als gezähmtes, beaufsichtigtes und gefesseltes Wesen vorkommen darf. Von dessen Freisetzung – sozusagen der Auswilderung – kann nur die Literatur erzählen. Es geht immer darum, ein Jenseits der alltäglichen Vorstellungen zu erobern. Die romantisch exaltierte Suche nach dem wahren Wort und der wahren Substanz der Dinge, die dem Normalmenschen verschlossen bleiben und sich nur dem Dichter-Seher erschließen, muss einem nicht sympathisch sein.“ (ZEIT.de)

Pardauz, schon ist die l’art pour l’art vom Tisch. Jessens Kunst folgt einem außerästhetischen Imperativ. Dem Imperativ, der Gesellschaft etwas ...

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Von vorne LXXXI

Tagesmail - Mittwoch, den 30. Oktober 2019

Von vorne LXXXI,

zuerst zittert die Regierung, dann stürzt sie vom Podium. Wann wird sie freiwillig das Feld räumen, bevor ein marodes Flugzeug vom Himmel fällt?

Mit Ablassgeldern will die Regierung zum klimatischen Wohlverhalten …, ja was? Anregen, nötigen, überlisten, nudgen, konditionieren? Von argumentieren, überzeugen – Säulen der Demokratie – ist nirgendwo die Rede.

Kommt‘s in den Talkshows ausnahmsweise zur Debatte, wird munter um Ablass gegen Ablass gefeischt. (Maischberger fällt schon mal aus – wegen Fußball. Plasberg fällt aus wegen – Herbstferien. Beruhigend, dass Politik sich nach deutschen Schulferien und Sportterminen richtet.)

„Im 15. Jahrhundert begann eine breit angelegte Kapitalisierung des Ablass. In einer Verbindung aus Seelsorge und moderner Finanztechnik verkaufte die Kirche das verbriefte Heil und stopfte auf diese Weise ihre Haushaltslöcher. Scharenweise erwarben die Menschen nicht bloß für sich selbst, sondern auch für ihre verstorbenen Angehörigen die heiß gehandelten Versicherungspapiere fürs Jenseits. Die katholische Lehre vom „Gnadenschatz“ erklärte die Kirche zum Verwalter des durch Christus gewirkten Verdienst-Pools, aus dem sie nach Gutdünken verteilen konnte. Was sie freilich nicht ohne Gegenleistung tat, die in guten Werken aber eben auch in einer Geldgabe bestehen konnte. „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“ (TAGESSPIEGEL.de)

Ursprünglich sollten gute Werke irdische Probleme lösen. Dann sollten sie keine Probleme mehr lösen, denn der Mensch wurde für inkompetent erklärt, sein irdisches Leben zu meistern. Gute Werke waren nur dazu da, um Gott für sich einzunehmen.

Schließlich wurden sie ganz gestrichen, denn mit Gott konnte man keinen Deal machen. Die guten Werke wurden zur schlimmsten Sünde erklärt.

Der Mensch durfte kein Gut-Werker mehr sein, sondern musste alles der Gnade des Höchsten überlassen. Aus Gutwerkern wurden Gutmenschen, die keine ...

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Von vorne LXXX

Tagesmail - Montag, den 28. Oktober 2019

Von vorne LXXX,

die deutsche Demokratie zerlegt sich nicht, sie war nie zusammengewachsen. Nur Wohlstand und die wohlwollende Rückkehr in den Kreis der Völker hatten die Konstruktion mit Nägeln und Schrauben notdürftig zusammengehalten.

Nun schwindet die Euphorie über die problemlos scheinende Rehabilitierung, es verblasst die Kontrastfolie des Weltkriegs, die führenden Vorbild-Demokratien zerlegen sich. Und sofort zeigt sich, dass die einheimische Demokratie nicht selbständig erarbeitet, sondern als Pflichtlektion eingepaukt wurde. Die Schüler wollen keine Musterschüler mehr sein, sie beginnen zu maulen und herumzupöbeln.

Alles, was der Belebung der Polis dient, wird als politisch korrekt und moralisch madig gemacht. Des Außengeleiteten wird man überdrüssig, das Autonome steht auf wackligen Beinen.

Carolin Emcke in der SZ: „All die vollmundigen Erklärungen und Maßnahmen gegen rechtsradikale, völkische Fanatiker nützen nichts, wenn gleichzeitig all jene Bürgerinnen und Bürger herablassend bespöttelt werden, für die Respekt vor anderen keine elitäre Zumutung, sondern eine soziale Selbstverständlichkeit bedeutet. Es ist trostlos, dass das Plädoyer für universale Menschenrechte, für rechtsstaatliche Institutionen und politische Vernunft mittlerweile als radikale, randständige Position gilt.“ (Sueddeutsche.de)

Der Zerfall einer Gesellschaft zeigt sich an ihren Rändern, beginnt aber stets in der Mitte der führenden Geister und Eliten. Die höheren Stände missbrauchen ihre überlegene Bildung, um ihre Urheberschaft des Missglückten zu verschleiern und die des Geglückten herauszustreichen.

Das war schon so bei der Reaktion der Weisen gegen die erste Empörungswelle der 68-er Rebellion. Ausgerechnet ein Altphilologe, Kenner der griechischen Urdemokratie, mokierte sich über den studentischen Ruf nach Demokratie – ein ...

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