Philosophische Tagesmails

Von vorne XCIV

Tagesmail - Samstag, den 30. November 2019

Von vorne XCIV,

„Der Weihnachtsbaum für das Bundeskanzleramt kommt in diesem Jahr aus Schleswig-Holstein: Die 14 Meter hohe Nordmanntanne ist ein Geschenk des schleswig-holsteinischen Waldbesitzerverbandes.“

Für das Heilige darf ein stattlicher Baum gefällt, muss Natur beschädigt werden. Natur hat zu weichen, wo Übernatur die Szene betritt.

Die Kanzlerin bekundet ihre Vorfreude auf Jesus, den Erlöser der Christen. Diplomatisch angemessen in emotionslosem Ton und mit grauem Gesicht: der Neid frommer Muslime und Juden, die ihre eigenen Erlöser erwarten, darf nicht erregt werden. In Berlin steht ein Erlöser für alle, obgleich jeder seine Konkurrenten am Ende liquidieren wird. Über Kleinigkeiten geht Merkel souverän hinweg.

Christen glauben an das Heilige, das als Kind in einer Krippe zwischen Ochs und Esel Fleisch geworden ist. Was kann aus Nazareth Gutes kommen? Ein schreiendes Kind in Windeln soll die Welt erlösen?

Es kann nur Zufall sein, dass die gegenwärtige Christenheit von einem unscheinbaren Kind aus Schweden so enthusiasmiert – wie angewidert ist. Das Heilige hat keine Gestalt noch Schöne und muss die Menschheit spalten, sonst gäb‘s keine Sieger und Verlierer, keine Auserwählten und Verdammten.

Wer vom Sieg seines Glaubens am Ende der Geschichte überzeugt ist, für den muss die ganze Welt Bankrott anmelden. Rettung? Ausgeschlossen. Der Sieg des Himmels ist der Untergang der Erde. Darauf ein Neues.

In der kleinen, von der Öffentlichkeit nicht beachteten, Szenerie mit der getöteten Tanne hat Merkel ihre wahre Umweltpolitik aufblitzen lassen, versteckt hinter einem Heilsritual: vergesst eure Blasphemie, die zum Untergang verurteilte Natur noch retten zu wollen. Das Irdische muss zugrunde gehen, damit das Überirdische ...

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Von vorne XCIII

Tagesmail - Mittwoch, den 27. November 2019

Von vorne XCIII,

„Oh Welt, ich muss dich lassen, ich fahr dahin mein Straßen – ins ewig Vaterland.

Mein Geist will ich aufgeben, dazu mein Leib und Leben.

Mein Zeit ist nun vollendet, der Tod das Leben endet. Sterben ist mein Gewinn.

Ich bin ein unnütz Knechte, mein Tun ist viel zu schlechte.

Drauf will ich fröhlich sterben, das Himmelreich erwerben, wie ers hat bereit‘.

Damit fahr ich von hinnen, Oh Welt, tu dich besinnen.

Meins Bleibens ist jetzt hier nicht mehr.“ (Bei Bartholomäus Gesius 1605)

Pflichtchoral der Regierung. Angeordnet von der Kanzlerin, freudig begrüßt von allen Schöpfungsbewahrern der Großen Koalition. Zu singen am Beginn jeder Kabinettssitzung. Demnächst auch bei jedem Absingen der Nationalhymne.

Zur Einstimmung auf das Ende, das unwiderruflich über uns kommen wird. Nicht nur über unnütz Knechte, sondern auch über gehorsame Mägde des Herrn, der sich auf das Schlussfeuerwerk seiner Weltgeschichte für Sündenkrüppel schon jetzt unbändig freut.

Heißa, wird das ein Spektakel, wenn Sokrates, schlimmster aller Heiden, ruhmbegierigster Dämon aller Dämonen, im höllischen Feuer braten wird:

„Welches Schauspiel für uns ist demnächst die Wiederkunft des Herrn, an den man dann glauben wird, der dann erhöht ist und triumphiert! Wie werden da die Engel frohlocken, wie groß wird die Glorie der auferstehenden Heiligen sein! Wie werden von da an die Gerechten herrschen, wie wird die neue Stadt Jerusalem beschaffen sein! Aber es kommen noch ganz andere Schauspiele: Der Tag des letzten und endgültigen Gerichts, den die Heiden nicht erwarten, über den sie spotten, der Tag, wo die alt gewordene Welt und alle ihre Hervorbringungen im gemeinsamem Brande verzehrt werden. Was für ein umfassendes Schauspiel wird es da geben? Was wird ...

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Von vorne XCII

Tagesmail - Montag, den 25. November 2019

Von vorne XCII,

was geschieht? Nichts. Politik steht stille. Die Natur macht sich aus dem Staub.

Was geschieht in der Welt? Nichts. Politik steht stille. Überall Patt und Blockaden. Völker rebellieren: ihr Kampf gegen die Mächtigen endet im Stillstand. Wahlen bringen keine Ergebnisse. Niemand kann sich durchsetzen.

Spanien, England, Israel, Amerika, Hongkong, Italien, Deutschland: Alternativen sind ausgestorben, Rivalen verklumpen, der Kompromiss des Nichts regiert, eine Wahl folgt der anderen, der Laden läuft von selbst - in die falsche Richtung.

Staaten wurden zu Maschinen, die sich selbst regulieren. Steuerleute überflüssig.

Eliten haben fertig. Völker schauen nicht mehr tatenlos zu, wissen aber noch nicht, was sie der machtgestützten Gelähmtheit entgegensetzen können. Patt zwischen empörtem Ins-Denken-Kommen und gedankenloser Machtroutine.

Was geschieht in Deutschland? Nichts. Gelähmte Groko seit Adam und Eva. Ohne Trossanonymität läuft nix. Querdenker überstehen nicht die Ortsvereine.

Auf der Sünderbank sitzt die mächtigste Frau der Welt, schaut apathisch zu und denkt nicht daran, den Bettel hinzuwerfen. Wie eine Sphinx will sie enträtselt werden – die nichts mehr zu enträtseln hat. Sie ist wie sie scheint: leer gepumpt folgt sie der Hand ihres VATERS.

Sie denkt nur noch an die Geschichtsbücher – die es mangels Geschichte nicht mehr geben wird – und an superlativische Nekrologe. Schon jetzt halten die Schreiber ihre Hand über sie: über Scheinlebendige nur Gutes.    

Politik bewegt nichts mehr, sie frisst sich gegenseitig auf. Würden die Medien sich entschließen, den Leerlauf der Politik zu ignorieren, blieben ihre Zeitungen ...

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Von vorne XCI

Tagesmail - Freitag, den 22. November 2019

Von vorne XCI,

Politik ist die Meisterin der Realität, Romantik das Gegenteil: die Deutschen sind Romantiker.

Romantik ist Verwandlung der Realität ins Mögliche, der Vernunft ins Unbegreifliche und Dunkle, des Einfachen ins Hyperkomplexe und Phantastische.

Die Epoche der Romantik war das Ende der Aufklärung.

Die gegenwärtige Epoche ist die Wiederauferstehung der Romantik im Vernichtungskampf gegen die letzten Reste der Aufklärung.

Rationale Politik ist Verwandlung schlechter in gute Realität.

Romantische Politik ist die Kapitulation vor der schlechten durch Flucht in eine phantastische Wirklichkeit, die es dem Flüchtenden ermöglicht, die schlechte als unwirkliche zu ertragen.

Der Flüchtende betrachtet die schlechte Wirklichkeit aus der Perspektive einer phantastischen Überwelt, fühlt sich nicht mehr als Bewohner der Wirklichkeit, sondern als Geretteter im Reich einer zauberhaften Überwelt.

Die Überwelt nennt der Romantiker Natur. Doch sie ist nicht Natur, sie ist Ausblick in eine wunderbare Übernatur – oder ins Jenseits.

Romantiker sind Gläubige, die nach der religionskritischen Aufklärung in den Schoß der Offenbarungsreligion zurückgekehrten.

Ihre Übernatur durchdringt das erlösungsbedürftige Diesseits in jener geheimnisvollen Weise, in der der Christ bereits auf Erden mit dem Geist Gottes verbunden sein kann.

Es ist wie beim Abendmahl: der Ungläubige isst und trinkt nur irdisches Brot und irdischen Wein, während der Gläubige in, mit und unter ordinärem Brot und ...

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Von vorne XC

Tagesmail - Mittwoch, den 20. November 2019

Von vorne XC,

Faschismus, Totalitarismus: Begriffe, die heute nichts mehr sagen – obgleich wir auf faschistische und totalitäre Zustände in verschärftem Tempo zusteuern.

Alles, was nicht demokratisch ist, ist totalitär oder faschistisch. Das Nichtdemokratische ist das Gemeinsame der beiden Begriffe. Was sie unterscheidet, ist die Intensität, das Ausmaß ihrer Demokratieverachtung. Totalitarismus ist die bislang gefährlichste und erbarmungsloseste Form der Feindschaft gegen den selbstbestimmten Menschen.

Diktatoren und Despoten unterscheiden sich von Faschisten und Totalitären dadurch, dass sie über keine staatliche Botschaft verfügen, mit denen sie ihre unterdrückten Völker beglücken wollen. Sie wüten, schikanieren und peinigen ihre Untertanen aus keinem andern Grund als: weil sie es können. Weil sie die Macht dazu haben. Weil es ihren deformierten Seelen Spaß macht, Unschuldige und Schwache zappeln und leiden zu sehen.

Sie sind vernarrt in ihre unvergleichliche Großartigkeit, mit der sie sich vom Rest der Menschheit unterscheiden.

Faschisten – um uns zumeist auf diesen Begriff zu beschränken – fühlen sich noch grandioser. Sie fühlen sich gottähnlich. Ihre Gewaltmaßnahmen erfanden sie nicht um der Gewalt willen, sondern um ihr Volk zum moralischsten und glücklichsten der Welt zu machen.

Faschismus ist Beglückungszwang mit totalen Mitteln, weshalb man ihn auch totalitär nennen kann.

Platon war nicht der erste, der ein totalitäres System erfand. Er war aber der erste auf europäischem Boden, der mit ausgefeilten Begründungen einen philosophischen Urfaschismus entwarf.

Trotz großer Bemühungen bei Dionysius I., einem Tyrannen im süditalienischen Syrakus, hatte er keinerlei Erfolge als politischer Praktiker. Die „Politeia“, sein idealer Staat, blieb Theorie. Ebenso seine „Gesetze“, der „zweitbeste Staat“, den er als ...

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Von vorne LXXXIX

Tagesmail - Montag, den 18. November 2019

Von vorne LXXXIX,

in Deutschland gibt es keine sinnvollen Debatten. Schon gar nicht über Antisemitismus. Debatten, die lange genug andauern und so intensiv geführt werden, bis die wichtigsten Aspekte des Problems auf dem Tisch liegen. Ideal wäre, wenn die streitenden Parteien bekennen würden, die Andersdenkenden verstanden, ja, sich einander angenähert zu haben.

Verstehen ist nicht billigen, aber die Voraussetzung, den anderen nicht zu hassen, sondern zu begreifen, warum er ist, wie er ist. Ohne Begreifen keine Annäherung der Standpunkte, ohne Verständigung keine lebenswerte Polis.

Ein demokratischer Dialog ist kein Streit um des Streites willen, sondern ein Hilfsmittel des Tieres, das sprechen kann, um Differenzen in der Gemeinschaft zu klären, Spaltungen zu verhindern und das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu verstärken.

Erste Gemeinschaft aller Geborenen ist die Kleinfamilie, die sich zur Großfamilie oder Sippe ausweitet, allmählich in eine Polis mündet – die sich zur Kosmo-Polis ausdehnen kann, wenn die Menschheit nicht feindlich, sondern als globale Sippe empfunden werden kann.

Ob die Ethik der Sippe (jeder ist für jeden da) zur Ethik der Polis werden kann, ist das Problem der Demokratie, die nur zustande kommt, wenn sich keine Oberschichten oder Despoten anmaßen, das Kümmern auf gleicher Augenhöhe durch einseitige Herrschaft zu ersetzen.

Als vor Jahrzehnten das Gefühl der Völker aufkam, zu einem Weltdorf zusammenzuwachsen, schien zum ersten Mal in der Geschichte die Verwirklichung einer Kosmopolis möglich. Kaum aber sah man die Umrisse dieser bislang für ...

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Von vorne LXXXVIII

Tagesmail - Freitag, den 15. November 2019

Von vorne LXXXVIII,

Eine menschenfreundliche Utopie ist die erste Überlebenspflicht.  

Pflicht ist nicht das Gegenteil von Recht, sondern die Aufforderung, das Rechte in freier Selbstbestimmung zu vollbringen.

Nur eine geläuterte Menschheit kann die Probleme ihres Überlebens lösen.

Läuterung ist die Bearbeitung und Korrektur aller menschenfeindlichen Bestandteile der Gattungsgeschichte.

Es muss ausgeschlossen werden, dass nur Wenige die Klimakatastrophe per Macht, List oder Zufall an jenen Orten überleben, an denen der Mensch zukünftig noch leben kann.

Die Realisierung der Utopie kann keine gewalttätige Revolution sein, die unzähligen Menschen das Leben kosten könnte.

Sie muss eine Revolution des Herzens und der Vernunft sein, die den Eindruck widerlegt, der Mensch sei eine Missgeburt der Evolution.

Ein gelungenes Leben ist ein Leben, an dessen Ende der Mensch befriedet und ohne Angst vor dem Tode Abschied nehmen kann.

Gewaltfreie Revolution muss ein Abschied sein von jeder Feindschaft gegen Natur, eine Hinwendung zur Übereinstimmung mit Mensch und Kosmos.

Da sich die Gefahren drängen, muss auch der Wandel der Menschheit in wohlüberlegter Beschleunigung stattfinden.

Nicht in gehetzter Beschleunigung eines uferlosen technischen Fortschritts, sondern in erdumspannender Kooperation im Dienste eines humanen Fortschritts.

Die Politik der Gegenwart ist ein desaströses Rennen auf dem Kurs in ein unendliches Nichts.

Die Welt ist begrenzt. Eine Welt jenseits der Welt muss als Illusion betrachtet werden. Technischer Fortschritt ist der Versuch des Menschen, eine illusorische ...

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Von vorne LXXXVII

Tagesmail - Mittwoch, den 13. November 2019

Von vorne LXXXVII,

„"Ich bin 22 Jahre alt und das ist mein Abschiedsbrief", sind die ersten Worte des jungen Mannes. Der Großteil seines Gesichts ist mit einem schwarzen Tuch verhüllt; nur die Augen sind zu sehen mit ihrem müden und harten Blick unter dem ungeordneten Pony. "Ich habe Angst, dass ich sterben und euch nie wiedersehen werde", fährt er mit zitternden Händen fort. "Aber ich habe keine Wahl, als auf die Straße zu gehen." Der namenlose Demonstrant, einer von vielen in Hongkong, die ihren Familien und Freunden schreiben, bevor sie sich wachsender Polizeigewalt in der Stadt entgegenstellen.“ (Freitag.de)

Das ist die Grundstimmung der Jugend, die wie Buschfeuer den Planeten in Brand setzt.

Wütende Verzweiflung ist die eine Seite der Welt. Die andere ist ihr genaues Gegenteil:

„Herr Pinker, Sie haben eine wunderbare Botschaft für alle, die Ihnen zuhören wollen: Die Welt ist ein viel besserer Ort, als wir für gewöhnlich denken. Sie unterlegen das mit reichlich Zahlenmaterial: Wir werden immer älter, wir leben gesünder, wir arbeiten weniger, wir sind wohlhabender, die Welt wird demokratischer und friedlicher.“ (NZZ.ch)

Zwischen den Unvereinbarkeiten der Generationen wüten die Empörungswellen jener Völker, die ihre eigene Wut mit dem Zorn ihrer Kinder zur beginnenden Weltrevolution vereinen. Die beste aller Welten könnte das Ende der Menschheit bedeuten.

Wie reagieren die Klügsten der Deutschen, ihre Philosophen, auf die Demonstrationen der rebellierenden Jugend?

„Der Auftritt Greta Thunbergs selbst war aggressiv und hatte etwas Fanatisches. Das war abstoßend und plump. Das Ergebnis ist politischer Kitsch: einfache ...

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