Philosophische Tagesmails

Tanz des Aufruhrs II

Tagesmail - Mittwoch, den 18. Dezember 2019

Tanz des Aufruhrs II,

wer freut sich, wenn die Welt verloren geht – und singt O du Fröhliche?

Welt ging verloren,
Christ ward geboren,
Freue, freue dich, o Christenheit!

Man kann die Welt verloren geben, Trauer tragen – oder sich mit Zynismus tarnen.

Man kann sie zu retten versuchen, die Ärmel hochkrempeln und mit gutem Willen die Spötter zur Höchstform reizen.

Man kann sie vollends zertrümmern, eine nagelneue erhoffen, von Oben erbeten oder in eigener Regie erschaffen.

Die Deutschen, jahrhundertelang dem Zug der Zeit hinterherhinkend, überholten alle und realisierten vor einigen Jahrzehnten eine uralte Variante – in selbsterfüllender Potenz. Sie entlarvten das Geheimnis der Religion als Erfindung des Menschen zum Zweck einer triumphalen Selbstdarstellung.

Zeige mir, welche Religion du nötig hast und ich sage dir, was dir fehlt.

Abendländische Religion ist Charakter- oder Lebensergänzungsmittel, Sättigungsbeilage für Unersättliche, Verhungernde und Verzweifelte, Betäubungsmittel für Lebensunfähige.

Naturreligion ist überschwängliche Verbundenheit mit allem, was da kreucht und fleucht.

Man kann die Welt auch zu retten versuchen, indem man die Menschen in lebenswerte und -unwerte aufspaltet, die letzteren vernichtet, um den ersten ...

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Tanz des Aufruhrs I

Tagesmail - Montag, den 16. Dezember 2019

Tanz des Aufruhrs I,

ad calendas graecas, bis zum Sankt Nimmerleinstag – oder: sie haben‘s schon wieder verkackt.

Hilft nur der Tanz der Empörung und Anklage, der stampfende, gellende, geschlossene Rebellentanz: (ze.tt)

„Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“

Erneut liegt Marx daneben: irrwitzigen Verhältnissen muss man einheizen mit dem Tanz des Aufruhrs, dass ihre Versteinerungen einstürzen – und den Blick frei geben für humane Aussichten.

Verhältnisse muss man zurückspiegeln, wie sie sind – und zeigen, wie sie sein könnten, wie sie sein sollten. Wirklichkeit geht immer schwanger mit der Möglichkeit; Indikativ immer mit dem Konjunktiv und Optativ. Was ist, könnte auch ganz anders sein, will auch ganz anders sein.

Die Epoche bloßer Faktenbeschreiber, -konstatierer, -berechner, -beschöniger und -absegner ist vorbei. Wer nicht in der Lage ist, zu sagen, was sein könnte und sollte, ist auch nicht fähig, zu sagen, was ist.

Empirie ist Erfahrungswissen. Es gibt keine Erfahrung menschlicher Fakten ohne Ja und Nein, ohne Erhalten, Verändern, Wünschen, Hoffen, Korrigieren, Verfluchen und mühsam Erarbeiten.

Wider allen Verstand werden Fakten der Natur traktiert, als müssten sie ganz anders sein, als müsste eine neue Natur die alte vernichten und vollständig ersetzen.

Es ist die Natur, die erhalten, bewahrt und beschützt werden muss, der Mensch hingegen, der sie rücksichtslos am Kragen packt, um seine Gottähnlichkeit auf ihre Kosten zu beweisen, muss seine Vermessenheit korrigieren und – Mensch werden. Er hat es noch nicht zum Menschen gebracht, wenn er seine Größe beweist, indem ...

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Von vorne C

Tagesmail - Freitag, den 13. Dezember 2019

Von vorne C,

England und Amerika, die frühesten Demokratien der Neuzeit, waren gefestigt genug, um totalitäre Antidemokratien wie das Dritte Reich mit Waffengewalt zu besiegen und eine Demokratisierung vieler Völker in der Nachkriegszeit anzuregen.

Heute sind sie nicht mehr demokratisch genug, um den Weltproblemen in resoluter Geschlossenheit zu begegnen.

Gegen klar erkennbare Feinde konnten sie sich zusammenschließen, interne Differenzen überspielen und mit geballter Macht die pestilenzische Gefahr der Menschheitsfeinde überwinden. Heute scheint die Weltsituation unübersichtlich und die Demokratien unterlassen nichts, um sich selbst zu zerlegen.

Auch den Kalten Krieg konnten sie als nominelle Sieger beenden, weil die Welt vom Geist der Freiheit hinlänglich durchdrungen war und sich dem Westen mehr zugeneigt hatte als den Beglückungszwängen des totalitären Ostens.

Englands Urspaltung verläuft zwischen Reichen und Armen, Industrie und Proletariat, Amerikas Urspaltung zwischen Erwählten und Verdammten, die sich identisch fühlen mit Reichen und Armen. In England gibt es keine Klasse, die sich als prinzipielle Feindin der Demokratie bezeichnen würde.

In Amerika haben die Frommen die Demokratie ursprünglich als Anmaßung abgelehnt, in Zeiten weltlichen Erfolgs aber ihre antidemokratischen Reflexe beiseitegelegt, überwältigt vom sichtbaren Segen des Herrn. Ein halbes Jahrhundert lang war Amerika die führende Macht der Welt, für Deutschland ein souveräner Erzieher zu demokratischen Prinzipien.

Je mehr der Glanz der amerikanischen Kultur verblasste, ihre wirtschaftliche Überlegenheit schwand, umso mehr drangen die unterschwelligen Spaltelemente wieder ans Licht. Die Frommen erinnerten sich ihrer Feindschaft gegen selbstherrliche Demokratien, die Armen beklagten ihre Verelendung in einem Staat, der, getreu ...

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Von vorne XCIX

Tagesmail - Mittwoch, den 11. Dezember 2019

Von vorne XCIX,

wie steht es um den Kampf gegen Antisemitismus?

Er ist tot. Wie alles Sinnvolle und Notwendige im teuren Vaterland. Nirgendwo Anzeichen zu erkennen, dass er wiederauferstehen könnte.

Um den genuinen Antisemitismus, den christlichen, kümmert sich niemand. Auf den verschobenen, übertragenen, stellvertretenden – den Hass auf den Staat Israel – stürzen sich alle: mit Ingrimm im selbst-exkulpierenden Herzen. Irgendetwas muss man ja vorweisen, wenn man nichts vorzuweisen hat.

Dem genuin-religiösen Antisemitismus könnte man nur auf die Spur kommen, wenn man sich mit christlicher Religion beschäftigen würde. Doch eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass ein deutscher Christ sein Buch der Bücher aufschlagen würde, um die Giftwurzeln des Übels ausfindig zu machen.

Ein babylonischer Turm voller Tabus versperrt den Eingang zur Religion des Abendlandes.

Es darf nicht ans Licht kommen, welch verhängnisvolle Unterstützerrolle die Kirchen im 1000-jährigen Reich gespielt haben. Seitdem sie unter Seufzern und Tränen das Schuldbekenntnis ablegten, die Juden nicht feurig genug geliebt zu haben, haben sie verdrängt, welch schauerlichen Feuern sie ihre Opfer übergeben haben.

Es darf nicht ans Licht kommen, welch verhängnisvolle Rolle der religiöse Hass auf die Natur in der Klimaveränderung spielt.

Es darf nicht ans Licht kommen, welche Rolle der Glaube an die unvermeidliche Apokalypse bei der Verweigerung spielt, die Katastrophe mit aller Macht zu verhindern. Alles muss doch an ein Ende kommen, das Elend im irdischen ...

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Von vorne XCVIII

Tagesmail - Montag, den 09. Dezember 2019

Von vorne XCVIII,

Es wird scho glei dumpa,es wird ja scho Nacht,
drum kimm i zu dir her, mein Heiland, aufd’Wacht.
Will singa a Liadl dem Liabling, dem kloan,
du magst ja net schlafn, i hör’ di nur woan.
Hei hei, hei hei! Schlaf süaß, herzliabsKind!

Vergiß jetzt, o Kinderl, dein Kumma, deiLoad,
dass du da muasst leid’n im Stall auf daHoad.
Es ziern ja die Engerl dei Liegestatt aus,
möcht schöner net sein drin an König seinHaus.
Hei hei, hei hei! Schlaf süaß, du liabsKind!

Ja Kinderl, du bist halt im Kripperl soschön,
mi ziemt, i kann nimmer da weg von dir gehn.
I wünsch dir von Herzen die süaßeste Ruah,
die Engerl vom Himmel, die decken di zua.
Hei hei, hei hei! Schlaf süaß, du schönsKind!

Schließ zu deine Äugerl in Ruah und in Fried
und gib ma zum Abschied dein Segn nur gradmit.
Aft wird a mein Schlaferl a sorgenlos sein,
aft kann i mi ruahli aufs Niederleg’nfreu’n.
Hei hei, hei hei! Schlaf süaß, mein liabsKind!

Es wird schon gleichdunkel, es wird ja schon Nacht,
Drum komm’ ich zu dir her, mein Heiland aufd’Wacht.
Wir singen ein Liedlein dem Kindlein, demkleinen.
Du magst ja nicht schlafen, ich hör’ dichnur weinen.
Ei, ei, ei, ei, schlaf süß, herzlieb’s Kind.

Vergiss jetzt, o Kindlein, dein’ Kummer,dein Leid,
Dass du da musst leiden im Stall auf derHeid’.
Es zier’n ja die Engel dein Krippelein aus,
Möcht’ schöner nicht sein in dem vornehmstenHaus.
Ei, ei, ei, ei, schlaf süß, herzlieb’s Kind.

O Kindlein, du liegst dort im Kripplein soschön;
Mir scheint, ich kann niemals von dir dortweggehn.
Ich wünsch’ dir von Herzen die süßeste Ruh’;
Die Engel vom Himmel, die decken dich zu.
Ei, ei, ei, ei, schlaf süß, du schön’s Kind.

Schließ zu deine Äuglein in Ruh’ und inFried’
Und gib mir zum Abschied dein’ Segen nurmit.
Dann wird auch mein Schlafen ganz sorgenlossein,
Dann kann ich mich ruhig aufs Niederleg’nfreun.
Ei, ei, ei, ei, schlaf süß, herzlieb’s Kind.

 

Einschmeichelnd die Melodie, barbarisch der Text.

Die Idylle – ein Todesurteil: herzliebes Kind, du bist nicht lebensfähig, für dich ist kein Platz auf dieser Welt. Ich hör dich nur weinen, dein Kummer, dein Leid, die du musst leiden im Stall auf der Heid, die Engel vom Himmel decken dich zu, schließ ...

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Von vorne XCVII

Tagesmail - Freitag, den 06. Dezember 2019

Von vorne XCVII,

die Welt in Schieflage.

Sollte Donald Trump seinen Amtsenthebungsprozess überstehen, gar die nächste Wahl gewinnen, Europa zudem als Korrektiv ausfallen, weil es sich in alle Einzelteile zerlegt, droht ein politischer Kälteeinbruch, gepaart mit meteorologischen Hitzewellen, Wasserknappheit und gigantischen Flüchtlingsmassen: rosige Aussichten für die Menschheit.

Blind und taub taumelt sie ihrer größten Globalkatastrophe entgegen, seitdem der Ausbruch eines Vulkans vor vielen Jahrtausenden die Erde in einen Schockzustand und die Menschheit in Todesangst versetzte.

Warum verwundert es nicht, dass niemand die Frage nach den Ursachen stellt? Will der homo sapiens wirklich nicht wissen, was ihm geschieht, was er sich und der Welt antut?

Die Frage Warum wird nicht mehr gestellt, seitdem der Westen sich entschloss, die Vergangenheit zu tilgen und nur noch in die Zukunft zu starren.

Gegenwart ist das Gesamtergebnis der Vergangenheit.

Wer seine Zeit verstehen will, muss ihr embryonales Werden in der Vergangenheit verstanden haben. Das ist unmöglich, solange die Gattung sich einbildet, jeden Tag jungfräulich von vorne zu beginnen. Sie will eine sich täglich reinigende tabula rasa sein – oder eine reine Weste haben und an nichts schuldig sein.

Eine weltbeherrschende Kultur wollte den größten Makel ihrer Prägung – den Urdefekt ihrer Stammeltern, die religiöse Erbsünde – für immer abwerfen, um sich regelmäßig neu aus dem Nichts zu erfinden.

Eine Gattung, die nicht wissen will, woher sie kommt, wird vergeblich in die Zukunft blicken, um ihr künftiges Geschick zu erfahren. Eine Heilsgeschichte mit täglicher Wiedergeburt versenkt die sündige Zeit der Vergangenheit, um präsent zu sein ...

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Von vorne XCVI

Tagesmail - Mittwoch, den 04. Dezember 2019

Von vorne XCVI,

Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!

Greta, zurück ins Ställchen, du siehst aus wie eine „egoistische Fratze des Bösen“.  

„Kann Greta also zurück in die Schule, in die Normalität? Sie sollte. Es ist an den Kindern, endlich wieder kindlich sein zu dürfen.“ (SPIEGEL.de)

Zeit, wieder auf den Boden zu kommen. Die Plagen haben genug genervt. Gelegentlich war‘s amüsant, ihnen zuzugucken, wie sie als heilige Kinder, Wissende und Propheten posierten. Jetzt reicht‘s.

Da kommt Pisa gerade recht, um die Rabauken zu disziplinieren und zurechtzuweisen. Ihr Kinderkreuzzug diente doch nur dem Verschleiern ihres Schlendrians und ihrer schulischen Defekte. Zurück ins Joch, lernt erst mal lesen und rechnen.

Und ihr wollt eines Tages die Weltwirtschaft übernehmen und den Fortschritt ins All organisieren? Ihr blamiert eure eigenen Nationen. Wer soll den Chinesen Paroli bieten, wenn sie euch schon im Kindergarten in den Schatten stellen?

Die Welt schien aus den Fugen geraten, das Gesetz der Generationen auf den Kopf gestellt. Nachkommen belehrten ihre Eltern, Unmündige zensierten ihre Autoritäten: wenn ihr so weitermacht, ihr Erwachsenen, verfehlt ihr nicht nur euer Klassenziel – ihr bringt die ganze Welt zum Einsturz.

Das Ganze ähnelte dem Einbruch jener religiösen Erweckungszeit, als ein Zwölfjähriger die Weisen im Tempel zu belehren wagte:

„Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn ...

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Von vorne XCV

Tagesmail - Montag, den 02. Dezember 2019

Von vorne XCV,

wir kommen voran, die Macht zerfällt. Zerfällt die Macht, blamieren sich die Machthaber.

„Das ist nicht Ihre Sendung, Frau Kipping, sondern meine!“ sagte Talkshow-Königin Anne Will ex cathedra.

Gab es mal eine Talkshow mit dem Thema: „Talk – oder Show? Sollen Talkshows jetzt noch sozialisiert werden – oder bleiben sie die Spielwiese ihrer Eigentümer?“

Geladen sind Maischberger, Illner, Plasberg, Will, Lanz. Geleitet wird der Talk von der kommissarischen Doppelspitze Günther Jauch und Margot Käßmann. Eingerahmt wird das Ereignis des Jahres von einem ökumenischen Gottesdienst.

Gespräche sind einmalige Ereignisse und bleiben das Eigentum derer, die es sich als erste gesichert haben. Geredet wird nur nach Aufforderung und als Antwort auf gestellte Fragen.

Einmalig sind die Ereignisse, weil sie von KI noch nicht imitierbar sind. Versuche, die Framingrunden zu digitalisieren, sind vorläufig gescheitert. Doch Experten arbeiten fieberhaft daran, mit der Algorithmisierung des Dialogs den Menschen einzuholen. Gelingt es ihnen, werden Genie und Kreativität nicht länger das Privileg des überschätzten homo sapiens sein.

Laut Hörensagen sind erste Blindversuche ermutigend verlaufen. Hauptproblem sind nicht die berechenbaren Gesprächsinhalte, sondern die ästhetische Qualität der Darsteller-Puppen. Experten nennen es ihr experimentum crucis: werden sie es schaffen, den Menschen zu überholen und endgültig überflüssig zu machen?

Sollte ihnen der Beweis gelingen, wird auch die Lösung des Klimaproblems in greifbare Nähe rücken. Wesen, die überflüssig sind, können sich beruhigt in Nichts auflösen. Geniale Maschinen sind immun gegen Hitzewellen.

Bis dahin müssen die Eigentumsverhältnisse des öffentlichen Schwatzens gesichert sein. Momentan geht die Angst um, die SPD könnte durch verantwortungslose ...

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