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Freitag, 23. September 2011 – Papstrede

Hello, Freunde des Numinosen,

oder des Religiösen. Nichts, was mich weniger interessierte, als ein Papstbesuch: so viele Freiburger, die sich am Schwulenstand vorbeimogeln wollten. Erst bei Nennung verschiedener Gründe hielten sie an, dachten kurz nach – und unterschrieben. Was gehen mich innerkirchliche Menschenrechtsverletzungen an, sagt geistesabwesend der Sohn des frommen Martin Walser: Jakob Augstein. Als ob Glaube mit Politik hierzulande nichts zu tun hätte.

Prantl zeigt unverhüllt seine angegriffene Ministrantenseele und beschuldigt just jene der Intoleranz, die die päpstliche Intoleranz angreifen. „Ihr seid noch schlimmer, als diejenigen, die ihr angreift“, zischten die giftigsten Papisten am Stand. Auf dieses Niveau hat sich der fromme Paradejurist herabgelassen: Die Kraft der Kirche zeige sich am Maß des Widerstands gegen die Kirche.

Die Kirche lebt demnach von ihren Gegnern. Gäbe es keinen Gegenwind, wären die Schäfchen schon über alle Berge. Nietzsche warf Luther vor, mit der Reformation das Christentum im Allgemeinen und das katholische im Besonderen erst gerettet zu haben. Das römische Papsttum sei schon längst zu einem heidnischen Sündenpfuhl jenseits von Gut und Böse gediehen gewesen. Erst Luthers deutsche Zurückgebliebenheit habe Rom den Glauben zurückgebracht. Der Reformation folgte prompt die vatikanische Gegenreformation, die dem zentralistischen Verein das erstarrte Mittelalter zurück- und die fanatischen Jesuiten ein-brachte. Bei den deutschen Juden nicht anders: erst ihre Schergen haben den längst Eingedeutschten ihr verschüttetes Judentum zurückgebracht und den Überlebenden zum Staate Israel und zu ihrer jetzigen Weltmacht verholfen. Strategisch ist es immer eine Überlegung wert, ob man mit Gegenwind dem Gegner eher nützt als ihm ein blaues Auge zu verpassen.

 

Doch solche coolen Gedanken wären im Falle „Pontifex maximus hocuspocus“ zu weit von der bundesrepublikanischen Realität entfernt. Der hamburgische Slogan „nicht mal ignorieren“ hätte die „lieben Landsleute“ des Bischofs von Rom überfordert. Also hingucken und Maul aufmachen. Mit seiner Analyse hat Prantl nolens volens seiner geliebt-gehassten Weltkirche den Todesschein ausgestellt. Ohne Gegner wäre sie nämlich mausetot. Und in der Tat, wenn Genosse Trend stabil bliebe, könnte man hochrechnen, wann die letzte Dorfkirche ihre Pforten schließen müsste.

Nach meinem Eindruck hat die Mehrheit nix mehr am Hut mit theologischen Disputen, vatikanischer Schwulen- und Sexverteufelung. Wenn sie weiß, dass es Altes und Neues Testament gibt, hält sie sich bereits für bibelfest. Das Volk ist bloße dumpfe Resonanzmasse. Das Ding mit dem Papst ist das der Machthaber und neoromantischer Feuilletonisten. Man lese einmal Gossendödel, der ganz neue davidische Psalter seiner ekstatisch-schlichten Seele entreißt.

Was hier in Zungensprache gebrabbelt wird, ist auch nix anderes, als was Jakob mit Nachnamen Israel in polemischer Hochsprache von sich gibt. (1. Mos. 35, 10: „du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel soll dein Name sein“) Da darf die TAZ nicht allzu weit hinter der Herde der Gläubigen zurückbleiben. Zwar gab sich der Hauptkommentar mäßig allergisch, doch Gessler wendet das Blättchen zugunsten PAPAS, als er mitten im gottlosen Berliner Getümmel und beim TV-Gucken seine Erleuchtung erfährt: „Es ist ein guter demokratischer Moment des Parlamentarismus“. Wenn einem so viel Gutes durch einen Absolutisten widerfährt, das ist schon einen Fusel-Uralt wert.

Inzwischen ist es zum Dogma der deutschen Demokratie geworden, dass sie ohne himmlischen Beistand a tergo nicht funktionieren kann. Das Verdienst eines Freiburger „linkskatholischen“ Rechtsgelehrten mit Namen Böckenförde. Mit anderen Worten, ohne Gott kein GG, kein lebendiges Parlament, keine Schutzpolizei und kein Recht, das auf „Mehrheiten nicht mehr angewiesen“ ist. Nur wenn von oben herabgestiegen, können Moral und Grundrechte wirksam sein. „Dass es in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig.“ So Paparatzi, der Oberdemokrat, in belehrendem Ton gegenüber praktizierenden altgedienten Profidemokraten. Nur der wackere Ströbele ließ sich das nicht mehr gefallen, stand auf und verschwand.

Da wird immer betont – jetzt auch von Kretzschmann – dass hier ein Staatsoberhaupt eingeladen worden sei. Jede Aktion dagegen gleiche einer „Ausladung“. Da haben wohl einige Wallfahrer tinnitus religiosus. „Die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die Verantwortung für die katholische Christenheit trägt.“ Ungeheure Worte: Verantwortung tragen für über eine Milliarde Großsektenmitglieder, was soll das heißen? Da denkt ein Unfehlbarer stellvertretend für eine Riesenmeute Entmündigter?

Benedikts „rechtsphilosphische Vorlesung“, die keine Predigt gewesen sein soll, war sehr wohl eine Predigt in rechtsphilosophischer Verkleidung. Ja, die Natur hat roma aeterna endlich – nach 2000 Jahren der Verketzerung – entdeckt. Deshalb das schmierige Lob an die Grünen, die sich aber nicht angesprochen fühlen sollten. Lachen auf den billigen Plätzen. Wir haben einen neuen Humoristen, seit Loriots Abgang ist der Chefsessel der Witzsprüher vakant.

Doch was für eine Natur! Ohne Sollen und ohne interne Moral. Da kanns doch nur eines geben: diesen primitiven Kausalitäten muss ein Wille implantiert werden, sonst wird das nix mehr. Und dieser Wille kann nur der des – richtig geraten – Schöpfers sein. Ohne dieses Fundament aus der Höhe ist alles nix. Die Demokraten wüssten weder, was Menschenrechte noch Würde des Einzelnen ist.

Wille heißt voluntas, also ist Benedikt Voluntarist. Das war jene scholastische Fraktion, die sich vehement dagegen wehrte, ihren Gott der natürlichen Vernunft zu unterwerfen und einen willkürlichen omnipotenten Willen dem Vater im Himmel beilegten. Dieser Wille wanderte über Schopenhauer bis zum Willen zur Macht des Antichristen Nietzsche. Kein Wunder, dass die naturwissenschaftliche (= positivistische) Vernunft der Aufklärer von Hochwürden niedergemacht wird. Das Fundament aller demokratischen Rechte ist demnach der – willkürliche absolute unwidersprechbare Wille des biblischen Gottes. Exekutiert von seinem Stellvertreter auf Erden und dessen vielen Stellvertreterlein rund um den Globus.

Keine einzige Analyse dieser demokratiefeindlichen Rede von unseren medialen Vordenkern. Auch Prantl lässt jeden morschen Stein auf dem andern. Wo bleiben Bommarius und Rath, um die Autonomie der Volksherrschaft in Moral, Recht und Sitte mann- und amazonenhaft zu verteidigen? Vor der Bankenkrise stirbt das unbefangene Denken in einem Land, das Vernunft & Glaube zur heiligen Kopulation zwingt. Eine öffentliche Bankrotterklärung, Ministrant Prantl.