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Donnerstag, 22. September 2011 – Kamel, Löwe, Kind

Hello, Freunde der Parallelgesellschaften,

den Gastarbeitern wirft man Absonderung vor, sie würden sich in parallelen Nischen vom Rest der Gesellschaft absentieren. Für die Mehrheit der Eingewanderten ist das Unsinn, ihr bunteres Lebensgefühl versuchen sie in Einklang mit dem hiesigen Rechtsstaat zu bringen. Und das überraschend gut, wie die Praxis in der zweiten und dritten Generation beweist.

Natürlich gibt es auch Stinkstiefel unter ihnen, die dem verlotterteren und ungläubigen Westen die Mekkapeitsche zeigen wollen. Nehmt alles in allem, war die Eingliederung anatolischer Türken in Germanien kein Fehlschlag, im Vergleich zu anderen europäischen Staaten sogar ein Erfolg. Allerdings nur in der Praxis, die Theorie des Zusammenlebens von dogmatisch Unduldsamen lässt zu wünschen übrig.

Xenophobiker schauen auf den Buchstaben der fremden heiligen Schriften und befinden auf Unverträglichkeit. Wer Moses anhängt, kann nicht mit Jesus, wer Jesus, nicht mit Mohammed in Einklang leben. Jeder Erlöser besteht auf Unterwerfung des ganzen Menschen, Kompromisse unter Unfehlbaren gibt es nicht. Theoretisch haben sie Recht.

Doch es ist wie mit den Kindern in der Schule. Erstaunlich, wie viele trotz miserabler Erfahrungen mit Paukern und Penne als halbwegs intakte Menschen davongekommen sind. Zumeist waren Menschen, die mitten im Leben stehen, besser und humaner als die Doktrinen ihrer abgehobenen Gurus und Scharfmacher.

 

Dogmen und Glaubenssätze der Erlöser sind miteinander unverträglich. Wer allein Recht hat, muss Unterwerfung oder den Kopf fordern. Kein Mensch ist identisch mit einem Buch und sei es noch so heilig. Natürlich gibt’s Fanatiker, die als wandelnde Buchmarionetten ihren ungläubigen Nachbarn das Leben zur Hölle machen wollen. Man nennt sie Fundamentalisten.

Vor der arabischen Rebellion hielt man alle muslimischen Staaten für irreparabel fundamentalistisch. Nun zeigt es sich, in welchem Maß demokratischer Geist die Verehrer Mohammeds in glühende Freunde der Freiheit verwandelt hat. Man liest den Koran, aber mit aufgeklärten und selbstbewussten Augen. Die Macht des unfehlbaren Buchstabens schwindet. Der autonome Mensch entledigt sich seiner bevormundenden Zensur-Instanzen.

Wo Über-Ich und außengeleitete Getriebenheit war, soll ich-gesteuerte Selbstregulierung werden. Wo Unfehlbarkeit, Einschüchterung, Lohn und Strafe, soll angstfreies Sprechen und Debattieren unter Gleichwertigen beginnen. Das ist ein erstes Losreißen, der empörte Kampf, die Epoche des strikten und wütenden Nein, noch nicht das Ziel der Freiheitsbewegung. Mögen Koran, Bibel und Talmud auch leere Hüllen sein, wer sich ihrer letzten auratischen Denkeintrübungen nicht entledigt, steht noch immer unter ihren drohenden und verheißenden Machtgebärden. Freies Denken und exklusive Offenbarungen sind wie Feuer und Wasser.

Es ist eine Verwirrung des Geistes, sich unter Berufung auf ein unantastbares Buch für frei zu erklären. Oder die Errungenschaften der Aufklärung justament in diktierten Botschaften von Oben finden zu wollen. Selbst wenn die Menschenrechts-Charta der UN in goldenen Lettern im Koran stünde, widersprächen sich unanfechtbar-imperative Form und frei zu debattierender, von Menschen beschlossener Inhalt.

Selbst wenn es nachweislich Göttliches gäbe, müsste das Wort gelten: alles prüfet, das Beste behaltet. Woher Gedanken kommen, von Engeln oder Teufeln, wie sie uns zufliegen, im Delirium oder in asketischer Einsamkeit: belanglos. Sie müssen alle vor den Gerichtshof des eigenen Denkens. Dort entscheidet es sich, was Ich von andern lerne und übernehme. Nach gründlicher Prüfung durch mein unvergleichliches Selbst.

„Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel und zum Kinde zuletzt der Löwe“, also sprach Zarathustra. Das Kamel muss alles auf sich laden, es trägt, was es tragen muss: die Last der Tradition und der Geworfenheit. Was tut der Löwe? „Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eigenen Wüste. Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Brüder, bedarf es des Löwen.“ Doch wozu noch das unmündige Kind? Wie kann der reißende Löwe zum Kinde werden? „Ein Neubeginnen“ ist das Kind, „ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-Sagen. Seinen Willen will nun der Geist.“

Als Zarathustra dies sagte, „weilte er in der Stadt, welche genannt wird: Die bunte Kuh.“ Warum die einfältige Kuh? Weil der Schein trügt, mehrere Mägen lassen kein Fressen unüberprüft passieren. Weil sie wiederkäut, restlos alles Gute in Milch der reinen Denkungsart verwandelt. Weil Kühe sanft und eigenwillig zugleich, ineffabile bunt und keine grauen Mäuse sind. Weil sie, der Natur am nächsten, sich unwandelbar treu bleiben.

Das Kind ist wie ein rollendes Rad, es hat das Geheimnis der ewigen Wiederkehr des Gleichen entdeckt. Der Weiseste muss Kind werden, um in Einfalt von vorne zu beginnen. Als Nietzsche einem Turiner Metzger wehren wollte, eine Kuh zur Schlachtbank zu führen, wurde er in die Psychiatrie abgeführt.

Also Parallelgesellschaft. Es sind nicht die Muslime, die einen kompletten, von der Gesellschaft ignorierten, von aller Moderne und den Gesetzen eines Rechtsstaats abgeschirmten, unter dem Vorzeichen des Glaubens rebellisch-verfassungsfeindlichen Machtbereich eingerichtet haben. Es sind die Kirchen, die fast eine Million Menschen unter mittelalterlichen Sondergesetzen halten. Wer sich scheiden lässt, wer schwul ist, muss mit Rauswurf rechnen. Löhne werden wie Almosen vergeben, Streik ist im Vorhof des Tempels nicht vorgesehen. Auch die ach so aufgeklärten Protestanten unterstellen sich nicht dem säkularen Staat und beharren auf Sonderweg und -heil. Christian Rath hat Artikel und Kommentar dazu geschrieben.