Tagesmail vom 21.10.2024
Die ERDE und wir. XXIII,
Yehuda Bauer, der hervorragende Holocaustforscher, starb am 18. Oktober im Alter von 98 Jahren in Jerusalem. Seine Meinung über den 7. Oktober war:
„Der Überfall vom 7. Oktober sei für ihn nicht überraschend gewesen, teilte er mit. Die Hamas sei eine islamistische, fundamentalistische und genozidale Organisation, die von der israelischen Regierung aktiv unterstützt worden sei. „Netanjahu ist eine Katastrophe.“ Als ich ihn fragte, was er von der Entscheidung Israels halte, in den Gazastreifen einzumarschieren, ob es noch immer die wichtigste Lehre aus dem Holocaust für Israel sei, wehrhaft zu sein, antwortete er: Er sehe keine andere Wahl, denn die Hamas wolle Israel vernichten. Aber das sollte auch ohne massenhafte Todesopfer möglich sein.“ (Berliner-Zeitung.de)
Wehrhaft ja, rachsüchtig bis zur totalen Vernichtung des Feindes: nein.
Beides ist ein Kampf zwischen Gut und Böse, doch im zweiten Fall ist Gut gleich unfehlbarem Gott und Böse gleich Teufel. Der letztere Kampf ist ein religiöser mit unfehlbarem Guten und radikalem Bösen, an dem kein Krümelchen Gutes haften kann.
Beispiel Netanjahu. Von Anfang an eröffnete er den israelisch-palästinensischen Todesreigen mit der göttlichen Fanfare: Wir sind Söhne des Lichts, die anderen Söhne der Finsternis.
Der christliche Westen ist so religiös, dass er die gottgefällige Unfehlbarkeit Netanjahus nicht erkannte. Fast alle strömten auf seine Seite, gleichgültig, wie unverhältnismäßig – in Erlösersprache: teuflisch – seine Worte und Taten ausfielen.
Wer ihn in geringster Weise angriff und die – friedlichen – Palästinenser verteidigte, war Antisemit. Das Wort Gerechtigkeit gab es nicht. Wer auch nur im Geringsten Zweifel an der Ultrataktik Netanjahus anmeldete, war out.
Das war der theologische Urschlamm jeder Auseinandersetzung zwischen den Unfehlbaren und den radikal Bösen in Deutschland. Für die Netanjahu-Verbündeten war alles antisemitisch, was mit ihnen nicht übereinstimmte, für ihre Gegner oder Kritiker gab es keinen nennenswerten Antisemitismus.
Dabei gibt es schon seit Jahrzehnten eine treffliche Analyse dieses ungleichen Konflikts.
„Wer Israel kritisiert, soll als verkappter Antisemit erscheinen, und Berichte über die Lage der Palästinenser unter der Besatzung, ihre Unterdrückung und ihr Leid sollen tabu sein, denn nur Israel steht die Rolle des Opfers zu. Das bedeutet, die wahre Situation soll auf den Kopf gestellt werden, und Israel soll Immunität genießen. Die Hysterie bezüglich eines „neuen Antisemitismus“ dient nicht nur dazu, berechtigte Kritik an Israel im Keim zu ersticken, sie soll auch von Verletzungen des Völkerrechts und grundlegender Menschenrechte ablenken. So wurde die Weigerung, sich am Angriffskrieg gegen den Irak zu beteiligen, mit Judenhass gleichgesetzt.“ (Felicia Langer im Vorwort zu Norman G. Finkelstein: „Antisemitismus als politische Waffe)
Felicia Langer verteidigte juristisch die verletzten Rechte der Palästinenser. „Jede Art von Rassismus und Antisemitismus“ wollte Langer bekämpfen, „die Würde und die Rechte des Menschen, wer immer es auch sei, zu verteidigen. Dies ist die Verpflichtung des deutschen Volkes für alle Zeiten, doch nicht nur seine. Aus Achtung vor dem Andenken an all jene Opfer und im Geiste ihres letzten Vermächtnisses, das Menschlichkeit heißt, prangere ich die jahrzehntelange Unterdrückung der Palästinenser durch Israel an und das Unrecht, das ihnen angetan wurde und bis zum heutigen Tage andauert.“
Norman Finkelstein schreibe mit Recht, so Langer, dass diejenigen, die den echten Antisemitismus bekämpften, zuallererst den vermeintlichen „Antisemitismus“-Bluff entlarven müssen:
„Es gibt sehr wohl eine erprobte Strategie, mit der sich Antisemitismus … bekämpfen lässt. Diese Strategie besteht darin, laut die Wahrheit zu sagen und für Gerechtigkeit zu kämpfen.“
Das war im Jahre 2005. Hat sich seitdem etwas gebessert?
Im Gegenteil. Bald haben die Ultras ganz Israel im Griff, Netanjahu wurde zum theokratischen Despoten des Landes.
In jener Zeit gab es in Deutschland noch kritische Geister, die zu unterscheiden wussten zwischen rechtskonformer Demokratie und einem göttlichen, rechtsfreien Staatsgebilde, in welchem nur der omnipotente Wille der Auserwählten gilt.
Wenn Felicia Langer in Europa Vorträge hielt zugunsten der unterdrückten Palästinenser, schickten jüdische Kulturgemeinden ihre Mitglieder, um wild zu stören und die Anwältin als Antisemitin und Verräterin niederzuschreien.
Langer bemühte sich jahrelang, meist erfolglos, um Baugenehmigungen für Palästinenser. „Doch Israel verfolgte hier eine klare Politik der Strangulierung. Das Ziel der Politik war und ist die größtmögliche Ausweitung des für jüdische Besiedlung zur Verfügung stehenden Landes. Palästinensische Ortschaften sollen sich dagegen nicht vergrößern dürfen. Die Palästinenser haben sich schon seit längerem bereit erklärt, sich mit rund 20% des historischen Palästina zu begnügen. – Dagegen besiedelt Israel weiterhin illegal die besetzten Gebiete, baut eine Apartheidsmauer tief ins Westjordanland hinein und lehnt jede Verantwortung für die palästinensische Flüchtlingstragödie ab.“
Diese jahrzehntelange Eroberung des palästinensischen Landes war es, auf die der UN-Generalsekretär Guterres als psychischen Vorlauf des 7. Oktober hingewiesen hatte, woraufhin sich die Hamas schrecklich rächte.
Darauf stürzten sich die lupenreinen deutschen Juden über Guterres:
Broder über Guterres: „Der Mann ist ein lupenreiner Antisemit.“
(WELT.de – Video vom 27. Oktober 2023, abgerufen am 2. Januar 2024)
Der Hamas-Überfall war von schrecklichem Hass gezeichnet, aber er konnte niemanden überraschen, der die täglichen Konflikte aufmerksam verfolgt hatte. Jede böse Tat hat ihre Ursachen, einmal äußerliche, einmal psychische oder religiöse. Dass dieser brutale Terrorüberfall eine Vorgeschichte haben muss, weiß selbst ein gesunder Menschenverstand, der nicht Freud heißt.
Nicht Broder & Co wurden zur Raison gerufen, sondern der rechts- und vergangenheitsfundierte Guterres.
Alles wurde auf den Kopf gestellt, so steht es noch heute.
Gedankenfaul und vor unbewusster Schuld noch immer zitternd, hat Deutschland seine Israel-Politik rachsüchtigen Ultra-Antisemiten-Verfolgern überlassen.
Dabei hat Israel sehr wohl selbstkritische Analytiker seiner Politik aufzuweisen: Uri Avnery, Felicia Langer, die beiden Moshes: Moshe Zuckermann und Moshe Zimmermann. Avraham Burg und viele andere.
Deren Stimmen hört man hierzulande kaum. Ganz abgesehen von den Stimmen der jüdischen Aufklärung, die eine humane Liaison mit den deutschen Aufklärern zustande brachten. Das moderne Israel ist zum Gegenteil einer aufgeklärten Demokratie geworden.
Diese Entwicklung ins unfehlbar Theokratische hat Israel inzwischen viel Hass der Völker eingebracht. Obgleich die Landnahme des jungen Zionismus keineswegs unumstritten war, hatte es letztlich doch eine weltumspannende Zustimmung zur neuen-uralten Heimat der Juden gegeben. Wenngleich unter der Bedingung, eine friedliche Liaison mit den „geschädigten“ Palästinensern zu suchen.
Und dieser Wille war da. Es gab enorme Bemühungen von Seiten der Politik, um die deutsche und jüdische Gesellschaft zusammenzubringen. Doch dies dauerte nur solange, solange der UN-Frieden die oberste Leitlinie der Weltpolitik bildete.
Nach den gescheiterten Friedensbemühungen in Oslo wurde von Israel endgültig das Kriegs- und Religionsbeil ausgegraben.
Ursprünglich war der Zionismus eine fast reine atheistische Angelegenheit. Selbst viele fromme Juden hatten Bedenken, die neue Heimat auf dem Boden des alten Judäa einzurichten.
Tja, wenn nicht das Gewicht der unbearbeiteten Vergangenheit wäre. Je mächtiger und selbstsicherer Israel wurde, je weniger Bedenken hatten die Frommen, ihre alttestamentarische Herrschaft über das Land zu verbreiten und die Theologie des Alten Testaments als Politik zu verabreichen.
Da es auch in den USA eine nach rückwärts gerichtete Politik durch die Neokonservativen gab, zögerten die Israelis nicht länger, dem Ruf Jahwes zu folgen.
Was man heute mit dem dämlichen Wort „rechts“ bezeichnet, ist die fromme Wendung zurück unter die Knute der Priester. Leider haben die „Linken“ keine Ahnung von Religion, sind zerrissen zwischen der marxistischen Anklage, Religion sei Opium des Volks, und einem christlichen Schub der „Friedenstheologie“, sodass sie bis jetzt keine klare Positionierung zustande brachten.
Sahra Wagenknecht bedauerte in einem Interview, dass der Glaube an Gott ihr leider nicht zuteil geworden sei.
Der internationale Verlust an Religion führte in Israel zum Gegenteil: die Politik wurde ständig unduldsamer. Die Frommen wollen kompromisslos ihren Staat auf das Gelände ihres früheren Urstaates ausdehnen. Alle Finten und Brutalitäten dienten ihnen dazu, die Landkarte neu, nämlich uralt zu beschreiben.
Wie in den USA ist der unterirdische Motor dieser Entwicklung der apokalyptische Glaube an das Ende der Welt – und mit ihnen als strahlende Sieger auf dem goldenen Zion.
„»Siehe, ich mache alles neu!«, spricht Gott am Ende der Apokalypse des Johannes. (21, 5) und andernorts in der Bibel. Es ist eine Verheißung für die Endzeit. Ja, die „Neue Zeit“ schien zum Neuen Jerusalem bestimmt zu sein, zum Gottesstaat, das Christenvolk zum neuen Israel, zum endzeitlich erwählten Gottesvolk.“ (Johannes Fried, Aufstieg aus dem Untergang)
Jetzt aber wird’s problematisch: beide Erlöserreligionen sind apokalypse-süchtig. Welche der beiden wird gewinnen, welche wird sich unterwerfen?
Netanjahu weiß bereits, wer Sieger wird. Von Tag zu Tag mehr zeigt er sich als Herrscher der westlichen Welt, die nicht mehr mächtig genug ist, dem neuen Staat Israel den Weg ins Paradies zu weisen.
Er geht voran, vernichtet die schlimmsten – weil ähnlichen – muslimischen Konkurrenten, um an der Spitze der jüdisch-christlichen Völker das Ende der Geschichte zu erreichen.
Doch hier waltet eine düstere Prophetie: sind Juden und Christen mittlerweilen zusammengewachsen, um als symbiotische Einheit das Neue Reich zu begründen?
Nein, die frommen Biblizisten aus den USA sind nicht bereit, ihre führende Funktion im apokalyptischen Wettlauf aufzugeben. Sie glauben, der Herr wird erst dann kommen, wenn die Juden sich zuvor zu Christus bekehren.
Doch was, wenn die Juden sich weigern, den Christen den Weg ins Jenseits zu ebnen?
Dann wird die Endzeit-Katastrophe eintreten. Die amerikanischen Christen werden den jüdischen Widerstand – Christen zu werden, damit der Herr kommen kann – als Vorwand nehmen, um nun ihrerseits Antisemiten zu werden. Antisemitismus der ganz neuen Art.
Nur Avraham Burg hat sich diesem Endzeit-Dilemma gestellt und eine Forderung gestellt, mit der es keinen apokalyptischen Wettkampf geben kann:
Alle Erlösungsreligionen müssen sich von ihren Endzeitvisionen befreien und sich – als Menschen anerkennen.
„Wir werden nicht mehr an uns denken, sondern an die gesamte Menschheit. Es wird ein Tag sein, an dem selbst Israels arabische Bürger als Partner der neuen menschlichen Verpflichtung in feierlichem Schweigen dastehen und ihren eigenen Schmerz betrauern. Es wird ein Tag des „Nie wieder“ sein: Nie wieder Gewalt, nie wieder Fremdenfeindlichkeit, nie wieder Diskriminierung, nie wieder Rassismus. In der Schule werden wir uns mit dem Holocaust an anderen Völkern befassen. Wir werden die Entstehung von Gewalt und Aggression zu verstehen suchen und die Möglichkeiten, sie auszumerzen: wir werden gegen Tyrannei kämpfen und uns in Gerechtigkeit, Gleichheit und Frieden üben.
Wir müssen uns in die gesamte menschliche Gesellschaft integrieren, in der ein Verbrechen gegen das jüdische Volk selbstverständlich ein Verbrechen gegen die Menschheit ist. Es gibt keine separate jüdische Menschheit und es darf sie nie geben. Menschheit ist Menschheit ohne Kompromisse und Ausnahmen. Nicht einmal für uns. Mit der Streichung dieses Begriffs aus unseren Gesetzbüchern werden wir befreit und frei sein.“ (Hitler besiegen)
Fortsetzung folgt.