Tagesmail vom 04.08.2025
Die ERDE und wir. XCVIII,
Beginnen wir mit der Lobpreisung des Besten, was die Menschheit bis zum heutigen Tag politisch zustande gebracht hat und das täglich länger auf der Streckbank liegt und zu Tode gefoltert wird: die Herrschaft des Volkes oder die Demokratie.
Nicht die Majorität der Menschheit, aber ihre Reichsten und die vor Macht und Luxus überquellende Handvoll der Multimilliardäre haben die abendländische Tradition der Mitwirkung der Völker satt und läuten eine neue Epoche ein: die totale Überwachung der Massen, die Umwandlung des homo politicus in eine erdumspannende, weithin unsichtbare Maschinen-Menschheit, die das letzte Kapitel der Ausrottung der Natur, Hand in Hand mit dem Suizid der Menschheit vollstrecken wollen.
Das ist keine Prophetie und keine pessimistische Vision, sondern eine Warnung, ein Hilferuf rund um die Erde: wenn die Dinge so weiterlaufen wie bisher, werden wir in der maximalen Kloake enden.
Menschen, öffnet eure Augen und schaut, was ihr in wenigen Jahrhunderten angerichtet habt.
Wenn ihr die globale Patientin, euer irdisches Opfer, in letzter Minute vor dem Tod der Menschen und der verstümmelten Natur retten wollt, müsst ihr radikal in euch gehen, eure Selbstzerstörung erkennen, ihre Gründe verstehen und das Rad der Geschichte „zurückdrehen“.
Nicht zeitlich, das ist unmöglich, sondern genetisch, d.i. in seiner qualitativen Entstehung und Verstümmelung.
Ihr habt euch nichts Schlimmeres vorzuwerfen als die Zerstörung des Besten, das ihr in langen Jahren zustande gebracht habt und welches, wenn es noch länger existieren und sich entwickeln dürfte, das Glück eurer menschlich-natürlichen Zukunft wäre.
Beginnen wir mit einem Text, der seinesgleichen sucht und dessen gefährdete Brillanz nur von wenigen Menschen gekannt und geliebt wird:
„Unter der Führung des Perikles wurde in Athen für die kurze weltgeschichtliche Spanne von kaum zwei Jahrzehnten die vollkommenste Selbstverwirklichung wahrhaft liberaler Demokratie erreicht, die der Menschheit bisher jemals gelungen ist.
Was hier verwirklicht wurde, war nicht nur Isonomie (Gleichheit) im formal-juristischen Sinne … Vielmehr wurde in höchst realistischer Weise die tatsächliche Ausübung dieser gleichen Rechte und Pflichten auch den Ärmsten wirtschaftlich ermöglicht durch die Diäten, Festgelder und Schaugelder, die geradezu eine Sozialisierung der Abkömmlichkeit bedeuteten.
Mindestens ebenso wichtig in der gleichen Richtung aber war die beneidenswerte allgemeine Schlichtheit des Stils der privaten Lebensführung: Die Griechen der klassischen Zeit, insbesondere die Athener, kannten keinen herausfordernden Luxus in Lebensführung, Wohnung, Kleidung, Schmuck, so dass die Schlichtheit auch der Reichsten in dieser Hinsicht bei den Ausgrabungen immer wieder auffällt. Die erheblichen Unterschiede in Vermögen und Einkommen, die trotzdem bestanden, konnten sich deshalb nur auswirken in Leistungen für die Allgemeinheit.
Der Überfluss wurde ins Ästhetische und Geistige abgedrängt; Prunk und Schwelgerei galten als verächtlich und ungriechisch. Das ist wohl der Hauptgrund, weshalb der „Neid der Besitzlosen“ in Hellas eine so sehr viel geringere Rolle spielt als bei uns und weshalb so etwas wie Klassenhaß nur bei verarmten Aristokraten stattfindet.
In keiner anderen Hochkultur waren die Unterschiede der Lebenshaltung, der konkreten Vitalsituation, die ja die eigentliche Realität des täglichen Lebens ausmacht, so gering wie im klassischen Griechenland. Der Einfluss dieser Sachlage auf die soziale Atmosphäre kann gar nicht hoch genug angeschlagen werden, und es ist das einer jener Punkte, an denen uns die Antike zum Vorbild dienen sollte.“
Dieses Zitat stammt aus dem Buch „Ortsbestimmung der Gegenwart“ von Alexander Rüstow, einem der besten Ökonomen Deutschlands – der hierzulande fast unbekannt geblieben ist. Im Dritten Reich musste er aus dem Land fliehen und floh in die Türkei, wo er – fast ohne eigene Bibliothek – dieses dreibändige Werk aus dem Kopf zu schreiben begann.
Nach dem Kriege zurückgekehrt, schloss er sich der Freiburger Eucken-Gruppe an. Zusammen mit seinem alten Freund Röpke, der in die Schweiz emigriert war, begannen sie, sich in die heftigen Auseinandersetzungen der damals führenden Weltökonomen in der MPS (Mont-Pelerin-Society in der Schweiz) einzumischen.
Dort trafen die vornehmlich linken Deutschen auf die Hayek-Gesellschaft, auf Ludwig von Mises, den Wiener Lehrer Hayeks und andere führende Wirtschaftler der Welt. Schon vor dem Krieg wollte Rüstow die Wirtschaftsweise Hayeks, die er damals Altliberalismus nannte, in einen neuen, gerechten Neu-Liberalismus umwandeln. Doch er scheiterte, Hayek blieb bei seinem Begriff, sodass Rüstow nichts übrig blieb, als dessen Machtgedanken in Paläoliberalismus zu taufen, sein Denken wollte er Neoliberalismus nennen.
Vergeblich. Hayek beharrte auf seinem „Neoliberalismus“ – der, mit Unterstützung der Chicago-Boys Milton Friedmans, die Welt zu erobern begann. Thatcher und Reagan wurden begeisterte Anhänger der Lehre, auch Blair übernahm sie und gab sie weiter an einen gewissen Gerhard Schröder.
Und ergo begann die verschärfte Spaltung des Westens in Reiche und Arme. Genauer. Sie begann nicht, sondern sie erhielt eine streng wissenschaftliche Form. Thatcher wurde bekannt durch ihren Satz, „Eine Gesellschaft gibt es nicht“.
Russland war gerade auf dem Weg, sich immer mehr dem Westen anzuschließen. Doch als Putin sah, wie der linke Kurs seines Vorgängers Gorbatschow von den westlichen Neoliberalen verächtlich gemacht wurde, begann auch er sich von seinem Annäherungskurs an den Westen zu lösen – und sich wieder altrussischen Weltbeherrschungsphantasien zuzuwenden. Ohne diese Kursänderung Putins gäbe es heute keinen Krieg gegen die Ukraine.
All das will der egomanische Westen nicht zur Kenntnis nehmen, weshalb er Putin in die Hölle verflucht. Der Krieg, wahrlich, ist ein desaströses Fazit der damaligen Ereignisse, doch die Entwicklung zum Krieg hätte mit Leichtigkeit verhindert werden können – durch intensive west-östliche Gespräche.
Doch halt: noch müssen wir Rüstows Loblied auf die athenische Urdemokratie fortsetzen.
„Das Ziel, das hier erstrebt und innerhalb der Schranken menschlicher Unvollkommenheit auch erreicht wurde, ist nirgends schöner ausgesprochen worden als in der berühmten Grabrede des Perikles:
Denn wir leben unter einer Verfassung, die nicht den Satzungen unserer Nachbarn nacheifert, sondern wir sind eher selbst ein Vorbild, als dass wir andere nachahmen würden. Volksherrschaft, Demokratie heißt ihr Name, weil sie sich nicht auf eine kleine Minderheit, sondern auf die Mehrheit stützt. Ihre Gesetze geben Jedem für seine Privatinteressen gleiches Recht; für öffentliche Verdienste aber, auf welchem Gebiete sie bei jedem auch liegen mögen, wird niemand mehr nach seiner Herkunft als nach seinen Fähigkeiten geschätzt, und auch niemand wegen Armut und Unscheinbarkeit des Standes gehindert, wenn er etwas für die Stadt zu leisten vermag. Freiheitlich sind wir in unserem öffentlichen Leben und duldsam in unserem täglichen Verkehr miteinander, und wenn unser Nachbar auch einmal über die Stränge schlägt, so erbosen wir uns nicht über ihn, und halten ihm nicht nur keine Strafpredigt, sondern setzen auch nicht einmal eine ärgerliche Miene auf, deren Anblick etwa verletzen könnte. Und wie wir uns in unserem Privatleben frei von Mißgunst halten, so hält uns im öffentlichen Leben in der Regel schon unser Rechtsgefühl in den Schranken des Erlaubten. Wir hören auf die jeweiligen Beamten und auf die Gesetze, besonders auf die, die zum Schutze der in ihrem Rechte Verletzten erlassen sind, und auf jene ungeschrieben, deren Übertretung nach allgemeiner Überzeugung Schande bringt!“
„Freuen wir uns“, kommentiert Rüstow, „wenn im Laufe der Weltgeschichte der Hochkulturen hier einmal wenigstens im Inneren eines führenden Sozialgebildes die Überlagerungsstruktur (Machtstruktur) mit ihrer verhängnisvollen Zweischichtigkeit in solchem Grade überwunden, das Ideal der Gemeinschaft nach Menschenmöglichkeit erreicht wurde, so idealwidrig auch die gleichzeitigen Außenbeziehungen des gleichen Sozialgebildes gewesen sein mögen.
Diese Entwicklung zugleich Athens, des ionischen Geistes und des Griechentums überhaupt erreichte nun im perikleischen Athen einen Gipfel, der in der gesamten Weltgeschichte nicht wieder Seinesgleichen findet und der seitdem mit Recht als der strahlende Höhepunkt menschlicher Selbsterfüllung verehrt worden ist, als der Punkt, an dem sich recht eigentlich erkennen und zeigen lässt, was menschliches Dasein wahrhaft sein könnte. Und das umso mehr, als diese kurze Periode des im eigentlichsten Sinne Klassischen auf fast allen Gebieten menschlichen Daseins und Schaffens ihren bleibenden Niederschlag gefunden hat.“
Nein, Athen war nicht perfekt, Perfektes gibt es nicht auf Erden. Aber Athen war ein einmaliger Höhepunkt humaner Staatskunst.
Leider ging es dann ziemlich schnell abwärts mit der athenischen Staatskunst. Es wurde zu Alexanders Verdienst, mit seinem Hellenismus die eroberten Gebiete in Kleinasien in hohem Maße zu demokratisieren, eine Bewegung, die von den Römern übernommen und in rechtmäßige Strukturen verwandelt wurde.
Dann kamen die Christen und übernahmen – natürlich ganz im Geiste des Pazifismus – das ganze römische Reich. Und hier beginnt die systematische Zweideutigkeit des christlichen Abendlandes. Die Zweideutigkeit verhärtete sich zuerst zur Heuchelei, dann zum staatlichen Machiavellismus – der sich über den ganzen christlichen Westen verbreitete.
Seitdem kennen wir keine eindeutige Moral in unserem Alltagsleben. Die frommen Machthaber predigen A und tun das Gegenteil. Das geht bis heute und hat die moralischen Gehirne der Menschen derart verwirrt, dass sie meinen, jegliche Moral zurückweisen zu können.
Wer auf sich hält, fegt jede Moral vom Tisch. Unerträglich ist ihm die Doppelbotschaft der Machthungrigen und die Unfähigkeit, seine eigene Norm unter dem Befehl des bigotten Gegenteils zu realisieren.
Mit frommen Predigten und scharfen Schwertern eroberten die Europäer die Völker der Welt. Also darf man sich nicht wundern, wenn diese Völker vom christlichen Westen noch immer einen miserablen Eindruck haben.
Hier der berühmteste indische Denker des Jahrhunderts, Swami Vivenakanda.
„Vergiftet vom berauschenden Wein neugewonnener Macht, furchterregend wie wilde Tiere, die den Unterschied zwischen Gut und Böse nicht kennen, Sklaven der Frauen, von ihren Begierden übermannt, von Kopf bis Fuß von Alkohol getränkt, ohne jede Norm rituellen Verhalten, unrein, von materiellen Dingen abhängig, mit allen Mitteln nach Grund und Reichtum anderer Menschen greifend … der Körper ihr alleiniges Ich, nur auf Erfüllung ihrer Begierden bedacht – das ist das Bild des westlichen Dämons in indischen Augen.“ (In Pankaj Mishra, Aus den Ruinen des Empires)
Es gibt keine christlich-politische Sozialethik. Die Christen leben nur zeitlich-flüchtig auf Erden und denken allein an das Resultat ihres Tuns im Jenseits.
„Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen[1]; Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. 8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. 9 Selig sind, die Frieden stiften[2]; denn sie werden Gottes Kinder heißen. 10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. Seid fröhlich und jubelt; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden.“
Es geht nur um die Gewinnung des Himmelreichs, die Erde ist verachtenswert.
Die Schwerreichen in Amerika verabscheuen die athenische Demokratie. Erstens ist sie ein heidnisches Produkt, zweitens macht- und reichtumsfeindlich. Peter Thiel hat sich theologisch auf die Apokalypse spezialisiert und will von der irdischen Politik nichts wissen außer ihrer Vernichtung.
Die Reichen sollen alles erreichen, was sie erreichen wollen. Die Armen hingegen haben nichts besseres verdient als dass sie bald verrecken. Staat ist für sie nichts anderes als ein faschistischer Schraubstock, der die „Demokraten“ zu etwas zwingen will, was diese verabscheuen.
„Sie glauben, dass Werte, Glaube, Entscheidungen und Handlungen, die jeden Menschen ausmachen, nicht verallgemeinert und schon gar nicht vorgeschrieben werden können. Sie wissen, dass das „verordnete Gemeinwohl“ früher oder später mit Herrschaft und Unterwerfung, schließlich mit Gewalt einhergeht.“ (Titus Gebel, Freie Privatstädte)
Ihr Motto: „Liebe Politiker, liebe Meinungsmacher, liebe Weltverbesserer,
Wir möchten in Frieden und Freiheit leben.
Wir können für uns selber sorgen.
Wir wollen in Ruhe gelassen werden.
Verstehen Sie das nicht?“ (daselbst)
Der Streit zwischen Kapitalisten und dem Volk begann bereits in kleinen Anläufen in der Urdemokratie. Nach mehr als 2000 Jahren sieht es so aus, als könnte er demnächst in der Hölle landen.
Können wir den Todessprung in der letzten Minute noch verhindern?
Fortsetzung folgt.