Tagesmail vom 01.08.2025
Die ERDE und wir. XCVII,
„Es ist für mich unerträglich, die Bilder der ausgemergelten palästinensischen Babys zu sehen. Ich bin mit jüdischen Werten aufgewachsen, mit humanistischen Werten. Das wird alles mit Füßen getreten. Ja, es war ein Gefühl der Befreiung und der Freude, dass Israel jetzt dieses starke Land geworden war, das Angriffe zurückschlagen konnte. Ein Gegenentwurf zu der Welt, in der unschuldigen Menschen Nummern eintätowiert wurden!Es gibt heute in Israel eine existenzielle Angst, die außerhalb Israels und auch von den Palästinensern nur selten richtig gesehen wird, ja. Ich glaube, hinter der teils grandiosen Angeberei Israels und der unendlichen Grausamkeit im Gazastreifen steckt diese tiefe Angst und zugleich eine unendliche Wut auf die, die diese Angst wieder aufleben lassen haben.“ (Sueddeutsche.de)
Eine seltene Stimme der Vernunft, eine Stimme der tiefsten Not eines jüdischen Historikers, (wohnhaft in der Schweiz). Wie wird die Reaktion aus Deutschland sein?
Deutschland hat gegenüber Israel – oder den dort lebenden Juden – eine oberste Pflicht: Die Nachkommen der Täter haben alles zu tun, um die Opfer oder Nachkommen der Opfer – mit kritischer und selbstkritischer Fürsorglichkeit in die noch immer präsente Solidarität der Weltvölker zurückzubringen.
Nur so können sie die Folgen ihres ungeheuren Verbrechens, nein, nicht zur Vergessenheit bringen, aber allmählich abmildern. Ihre Verbrechen sind ungeheuerlich, aber nicht unvergleichlich.
Auf Erden gibt’s nichts Unvergleichliches. Das wäre ein religiöses Phänomen „Wir-wissen-nicht-was“, aber nichts Irdisches, worüber die Menschen nachdenken und woraus sie ihre humanen Schlüsse ziehen könnten.
Der Sturm der Empörung gegen die Barbareien Netanjahus wird immer heftiger:
„Die Hungerkrise im Gazastreifen spitzt sich zu und die Kritik an Israel wächst. Erst haben zwei NGOs Israel einen »Genozid« attestiert, jetzt kritisieren israelische Persönlichkeiten ihr Land so offen wie selten zuvor. Eine Gruppe namhafter israelischer Persönlichkeiten, darunter Akademiker, Künstler und öffentliche Intellektuelle, hat angesichts des zunehmenden Entsetzens über die Aushungerung des Gazastreifens »harte Sanktionen« gegen Israel durch die internationale Gemeinschaft gefordert. Zu den 31 Unterzeichnern des Schreibens gehören unter anderem der Oscarpreisträger Yuval Abraham (für den Dokumentarfilm »No Other Land« ), der ehemalige israelische Generalstaatsanwalt Michael Ben-Yair und der ehemalige Sprecher des israelischen Parlaments und ehemaliger Leiter der Jewish Agency Avraham Burg.“ (SPIEGEL.de)
Das kritische Nachdenken der Deutschen über den Holocaust besteht keineswegs aus Erinnern, Verstehen, Erschüttert sein und tiefem Bereuen, sondern aus devoter Unterordnung unter Netanjahus omnipotente Rachsucht: wir, mein Volk und ich als Führer, sind Auserwählte des Herrn. Nicht nur, dass wir alles besser wissen und auch besser tun: wer uns mit Dreck bewirft, ist des Todes. Wer sich mit unseren Feinden solidarisiert, wird an den Pranger des Antisemitismus gestellt.
Hier begegnen sich die Ultrachristen der USA mit den Ultrajuden Israels, woraus das momentane militärische Bündnis zwischen Trump und Netanjahu stammt. Das aber ist kein Herzensbündnis zur Entwicklung des globalen Friedens, sondern ein prophylaktisch-apokalyptisches Bündnis im letzten Kampf gegen das Böse.
Aber! Aber nur dann, wenn die Juden sich vorher noch rechtzeitig zum Christentum bekehren. Wenn aber nicht – und eben dies prophezeien die überfrommen Bible-Christen –, geschieht ihnen noch wesentlich Schlimmeres als Auschwitz. Denn dann fahren sie ewig in die Hölle und die Christen ewig in den Himmel.
Bei den Holocaust-Feiern senken die Deutschen – besonders die Politiker – ihre dumpfen Köpfe. Erst, wenn die christlichen Zeremonienmeister ihre Stimme erheben, dürfen sie wieder ihre Häupter aufrichten.
Erinnerungswerte? Gleich Null. Verstehenswerte? Gleich Null. Politische Bessermachen-Vorsätze? Gleich Null.
Der einzige, der ihnen durch den Kopf geht, ist Dabbelju Bush, dessen Scheidung der Welt in ein Reich des Bösen und ein Reich des Guten auch sie erreichen wollen. Sie sind die Guten, in der Sprache Netanjahus: wir sind die Söhne des Lichts, unsere Feinde die Söhne der Finsternis. Alles, was sie zukünftig tun werden, wird picobello sein. Damit ist das Ende der Weltgeschichte mit göttlicher Notwendigkeit festgelegt. Eine neue Schöpfung wartet auf euch. Schriftgelehrte, holt euch kostbares Papier, eine neue Bibel wartet auf euch.
Woher kommt diese Scheidung der Welt in Gut und Böse – jetzt auch in der Politik?
Idih Zertal in ihrem Buch „Nation und Tod“ weiß es:
„Mit Hilfe von Auschwitz – Israels ultimativer Trumpfkarte bei seinen Beziehungen zu einer Welt, die immer wieder aufs Neue als antisemitisch und auf ewig feindselig definiert wurde – immunisierte sich Israel gegen jedwede Kritik und genehmigte sich einen quasi sakrosankten Status, verschloss sich einem kritischen, rationalen Dialog mit seiner Umwelt. … Ausgerechnet der Holocaust wurde zum Epizentrum der Entwertung und Trivialisierung der Shoa.“
Religionswissenschaftler Martin Jaffee erklärt das merkwürdige Phänomen:
„Das Opfersein … wird mit Leichtigkeit im Gedenken und der Erzählung zu einem Augenblick des Siegs. Wenn es in der religiösen Phantasie zu einem Mythos wird, kann das Erleben des Opferdaseins das Opfer mit einer Art von Heiligkeit und Macht adeln.“
Mit anderen Worten, es geschieht eine Verkehrung des Erwartbaren ins pure Gegenteil.
Im Bereich des Heiligen wimmelt es nur von Wundern, die von irdischen Köpfen nicht verstanden werden. Sie können nur hinknien und anbeten.
Diese Wunderbildung im neuen Staat Israel war ein relativ spätes Phänomen. Am Anfang erlebten wir kritischere und menschlichere Köpfe. Denken wir an Felicia Langer, die seit 1990 in der BRD lebte und vorher seit 1967 Palästinenser in den besetzten Gebieten verteidigte. „Ihr ist es gelungen, Folterungen zu stoppen, den Familienangehörigen der Inhaftierten zu helfen. Sie hat sich für ein Ende der Besatzung ausgesprochen, hat immer wieder betont, dass es einen Frieden in Nahost nicht geben kann ohne die Respektierung der Rechte des palästinensischen Volkes.“ Schließlich wollte sie nicht länger mehr ein „Feigenblatt“ der Militärjustiz in den besetzten Gebieten sein.
In ihrem Buch „Die Zeit der Steine“ schreibt sie:
„Hartnäckig weigerten sich die Israelis, auf die Stimmen der Weisheit und des Gewissens aus dem besten Teil unseres eigenen Volkes zu hören. Voller Hohn wurden alle Warnungen in den Wind geschlagen. Inzwischen wurde die Gier nach dem Land des anderen Volkes immer unersättlicher.
Die Palästinenser, denen ich begegnet bin, waren gefoltert und unterdrückt worden, Menschen voller Schmerzen, Stolz, Furcht und Tapferkeit. Von jeder Begegnung nahm ich ihre einfache Botschaft mit: „Niemals, nie werden wir mit der Besetzung einverstanden sein.“
„Felicia Langer, eine Jüdin aus Polen, deren ganze Familien von den Deutschen vernichtet wurde, deren Ehemann Überlebender aus fünf KZs war und die 1965 als Rechtsanwältin in Tel Aviv zugelassen wurde. Ihre ersten Fälle waren arabische Demonstranten, Arbeiter, junge Kriminelle, von ihren Männer verlassene Frauen. Entgegen dem „kollektiven Alkoholismus“, den der Krieg in der jüdischen Bevölkerung erzeugte, „hinterließ er bei mir ein sehr seltsames und tiefes Gefühl, dass sich eine Katastrophe ereignet hat, die schreckliche Folgen für die Gesellschaft haben könnte.“
Natürlich dürfen wir Uri Avnery nicht vergessen, dessen Solidarität mit Arafat und seinen Leuten ein Meilenstein war. In „Zwei Völker, zwei Staaten“ schreibt er:
„Im Oslo-Abkommen werden gegenseitiger Respekt und die historische Versöhnung zwischen beiden Völkern genannt. Für alle Palästinenser war das Endziel absolut klar: ein Palästinastaat im Westjordanland und im Gazastreifen mit der Hauptstadt Ostjerusalem. Auf der israelischen Seite hingegen ist alles möglich. Offiziell lehnt die israelische Regierung die Idee eines palästinensischen Staates ab.
Die israelischen Siedler sind keine einfachen Bewohner, die morgen Staatsbürger Palästinas werden könnten. Es handelt sich zum Großteil um fanatische, ideologisch geprägte Menschen, die dort hingezogen sind mit dem einzigen Ziel, den Frieden zu verhindern, da dieser die Rückgabe der besetzten Gebiete an einen palästinensischen Staat bedeuten würde.“
Diese „fanatischen“ Menschen waren Feinde der jüdischen Aufklärung. Christoph Schulte hat über die jüdische Aufklärung ein lesenswertes Buch geschrieben – das heute von kaum jemandem gelesen wird. Man braucht die Juden als Fanatiker, damit man seinen eigenen Gegenfanatismus rechtfertigen kann.
Haskala bedeutet Aufklärung; Kabbala ist frömmelnde Gegenaufklärung.
„Die Kabbala und ihre Grundsätze haben nach Ansicht des Aufklärers Friedländer die Begriffe und Gebete der Juden verunreinigt und zu deren jahrhundertelangem Niedergang beigetragen, den nun die jüdische Aufklärung und Emanzipation beheben soll. Die Kabbala jedenfalls widerspricht geradezu dem „echten Geist des Judentums“. Der jüdische Philosoph Salomon Maimon kennt und analysiert die Kabbala, aber als Philosoph spricht er ihr jeden Wert ab, sowohl der praktischen Kabbala und ihren magischen, auf Naturbeherrschung zielenden Ritualen als auch der auf falschen Prämissen beruhenden theoretischen Kabbala und ihren Systemen.“ (Die jüdische Aufklärung)
Die Entwicklung der Juden in ihrem neuen Land ist ähnlich der Entwicklung der calvinistischen USA, in der es lange dauerte – und bis heute noch andauert – den demokratischen neuen Staat mit christlichen Himmelsgefühlen zu entdemokratisieren.
In beiden Staaten erwachten die anfänglich besiegten Religionskräfte, um ihre nie versiegende Bedeutung zur Geltung zu bringen. Und das wurde zum modernen Kampf der Frommen gegen die Säkularen, in heutigem Zeitungsdeutsch: zwischen rechts und links.
Niemand weiß genau, was diese Allerweltsbegriffe bedeuten und er soll es auch nicht wissen. Man spricht von Verschwörungstheorien und anderem Wahn, um den Kampf mit besonderer Würze anzureichern.
Die jüdischen Aufklärer wollten der Vernunft folgen, „und zugleich selbstbewusste Juden bleiben“.
Lessing war einer der besten Freunde des Gründers der jüdischen Aufklärung Moses Mendelssohn. In seinem Drama Nathan der Weise war der weiseste aller Mitspieler der Jude Nathan der Weise. Wen wundert es, dass dieses Stück der „Verklärung“ der Juden heute kaum noch zu sehen ist?
Wen wundert es, dass die jüdische Aufklärung auch in Merkels Rede vor der Knesseth nicht erwähnt wurde? Merkel beurteilt nur Technik und ökonomischen Wettbewerb, alles andere ist Flimmern im Wind.
Hat Merkel die Situation in Israel verstanden? (Bundesregierung.de)
„60 Jahre Israel – das ist ein Land voller Vitalität und Zuversicht, mit technologischen Spitzenleistungen, mit kulturellem Reichtum und Traditionen.“
Das mag äußerlich nicht falsch gewesen sein, aber die von Uri Avnery und Felicia Langer beschriebenen Probleme scheinen der Kanzlerin entgangen zu sein.
„Umgekehrt habe ich selbst die ersten 35 Jahre meines Lebens in einem Teil Deutschlands, in der DDR, gelebt, der den Nationalsozialismus als westdeutsches Problem betrachtete.“
Wie die Ostdeutsche sich unauffällig von den jüdisch-deutschen Problemen absondert. Marxisten können keine Antisemiten sein! Hoppla, war Marx nicht selbst ein leibhaftiger Antisemit? Antwort: natürlich, er hasste sein eigenes Volk.
„Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dürfen in Deutschland und in Europa nie wieder Fuß fassen, und zwar weil alles andere uns insgesamt – die deutsche Gesellschaft, das europäische Gemeinwesen, die demokratische Grundordnung unserer Länder – gefährden würde.“
Weil es uns technisch gefährden würde oder weil es an sich inhuman wäre?
„Helfen kann uns dabei eine Kraft, die uns auch in den vergangenen Jahrzehnten geholfen hat: Es ist die Kraft zu vertrauen. Diese Kraft zu vertrauen hat ihren Ursprung in den Werten, die wir, Deutschland und Israel, gemeinsam teilen: den Werten von Freiheit, Demokratie und der Achtung der Menschenwürde. Sie ist das kostbarste Gut, das wir haben: die unveräußerliche und unteilbare Würde jedes einzelnen Menschen – ungeachtet seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Sprache, seines Glaubens, seiner Heimat und Herkunft.“
Wusste Merkel nichts über die innerjüdischen Probleme zwischen Haskala und Kabbala?
„Für mich steht außer Frage: Israel und Deutschland, Israel und Europa sind solche Partner – verbunden durch gemeinsame Werte, verbunden durch gemeinsame Herausforderungen und verbunden durch gemeinsame Interessen. Denn Stabilität, wirtschaftliche Prosperität, Sicherheit und Frieden in Europa wie in dieser Region sind in unserem beiderseitigen Interesse.“
Der Krieg zwischen Israel und den Palästinensern zeigt aber: es gibt noch ganz andere Probleme zwischen beiden Ländern. Von denen hört man bei uns fast nichts. Zum Beispiel die Glaubensprobleme zwischen religiösen Fanatikern und souveränen Demokraten. Bei uns wird so getan, als gäbe es diese Probleme gar nicht mehr – weshalb man auch die USA nicht versteht.
Was schlägt die frühere Kanzlerin vor?
„Um es mit den bekannten Worten von David Ben Gurion zu sagen: „Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist.“
In der Politik gibt es keine Wunder, höchstens symbolische. Kein Wörtchen der lutherischen Pastorentochter über die verhängnisvolle Rolle der Kirchen im Dritten Reich. War ihr Vater kein Pastor?
Nie hätte Merkel den Satz formulieren können, der von Avraham Burg stammt:
„Es gibt keine separate jüdische Menschheit, und es darf sie nicht geben. Menschheit ist Menschheit ohne Kompromisse und Ausnahmen. Nicht einmal für uns. Mit der Streichung dieses Begriffs aus unseren Gesetzbüchern werden wir befreit und frei sein.“ (Hitler besiegen)
Fortsetzung folgt.