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Die ERDE und wir. XCVI

Tagesmail vom 28.07.2025

Die ERDE und wir. XCVI,

Warum ist das einfache Leben nicht mehr das begehrte Therapeutikum, welches unsere überkomplexe, hochgradig zerstörte und verrottete Kultur erneuern könnte?

„Das einfache Leben ist ein Roman von Ernst Wiechert. Wiechert schrieb dieses Buch unmittelbar nach seiner Haft im KZ Buchenwald im Sommer 1938, um sich die erlittenen Leiden »von der Seele zu wälzen. … Mit ihm spülte ich mir von der Seele, was sie beschmutzt, befleckt, erniedrigt, entwürdigt und zu Tode gequält hatte. Mit ihm baute ich noch einmal eine Welt auf, nachdem die irdische mir zusammengebrochen oder schrecklich entstellt worden war.«[1] Erst nach dem Verfassen dieses Buches war Wiechert seelisch in der Lage, seinen Bericht über die Leiden im KZ, „Der Totenwald“, niederzuschreiben.[2] Für Wiechert bedeutete Das einfache Leben die psychische Genesung und zugleich ein Weg, nach den gemachten Erfahrungen seinen Lesern den Ausweg in die Innere Emigration zu weisen.“

Sind die Urvölker im brasilianischen Urwald nicht jene Vorbilder, deren Lebensstil wir uns aneignen müssten, um unser Leben zu retten?

„Weltweit gibt es laut der Menschenrechtsorganisation Survival International mehr als 100 sogenannte »unkontaktierte Völker«. Anders als viele glauben handelt es sich meist nicht um Menschen, die keine Ahnung haben, dass es außerhalb ihrer Gesellschaft noch andere Zivilisationen gibt. Viele sind auch nicht gänzlich isoliert, sondern stehen etwa im Kontakt mit anderen indigenen Gruppen. Sie lehnen jedoch darüber hinausgehende Beziehungen ab.“ (SPIEGEL.de)

Wäre der beste Fortschritt nicht ein radikaler Rückschritt in die unbeschädigte Natur, um die Schäden der Kultur über Bord zu werfen?

Nun, Wiecherts Aufruf zum einfachen Leben ist zwiespältig. Er folgt nicht nur dem Ruf der unverbildeten Natur, sondern gleichzeitig dem Bibelvers „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.“

Die Bibel aber ist keine unverbildete Natur. Sie ist das vom Weibe zerstörte Urparadies, das vom Geschwätz des Bösen beherrscht wird. Die Einheit der Ursprache ist mit dem Fall des Turms zu Babel zerstört.

Seitdem wird die Sprache der Menschen zu Imperativen der Mächtigen, die keine Verständigung benötigen, sondern wortlosen Gehorsam einfordern. Wer nicht spurt, erfährt die Rute der Mächtigen. Das hat sich bis heute kein Deut geändert.

Nicht Verstehen ist das Fluidum der gesellschaftlichen Zusammengehörigkeit; sondern die ökonomisch-militaristische Sprache der abendländischen Geschichte ist eine Befehlssprache von Oben nach Unten. Wer ihr nicht folgt, wird bestraft und ausgesondert.

Der romantischen Epoche widerstrebte es, der klaren Vernunft der Aufklärung zu folgen. Sie glaubte an einen verklärten Urzustand der Natur, den sie durch Rückkehr zum Glauben wieder herstellen wollte.

Schleiermachers „Reden“ waren für seine Zeitgenossen das „Fanal für die Auferstehung der europäischen Union aus dem Geist des Liebes-Christentums. Der desillusionierte Freiheitsrausch der Revolution findet seine unverhoffte Erfüllung in einer Brüderunität höherer Ordnung. Novalis schildert sein literarisches Ereignis in einem ästhetisch-erotischen Messianismus.“ (Timm, Die heilige Revolution)

Was die Deutschen nicht durch Politik zustande brachten, hofften sie durch schwärmerische Rückkehr in einen heiligen Urzustand zustande zu bringen. Das war eine Mixtur aus unbehelligter – und erlöster Natur.

Die Romantiker misstrauten der natürlichen Vernunft, hofften aber dennoch auf ihre heilsame Kraft, um in das integre Reich der frühen Schöpfung zurückzukehren.

Das Dritte Reich glaubte nur an die Macht der eigenen Zerstörung, um die falsche Natur mit dem Schwert der rassischen Überlegenheit zu reinigen und die erhoffte Urnatur wiederherzustellen.

Als die ersten Nachkriegs-Ökologen der 68er-Revolution von der Wiederherstellung der Urnatur sprachen, stießen sie auf Widerstand. Man hielt sie für Gläubige an eine perfekte Natur, die nachträglich vollbringen wollten, was der Brutalität der Nazis nicht gelungen war.

Die Aufklärer kritisierten scharf das Böse der Theologen, welches für die Ursache des moralischen Verfalls gehalten wurde. Aber sie wussten nicht, woher das Böse kommen sollte.

„Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen des Menschen. Alles dreht er, alles entstellt er. Er liebt die Missgeburt, die Ungeheuer. Nichts will er haben, wie es die Natur gemacht hat, selbst den Menschen nicht.“ (Rousseau, Emile)

Das war Rousseaus europäischer Paukenschlag. Aber nicht völlig schlüssig. Wenn alles gut war am Anfang, woher sollte dann das Böse kommen?

In der Bibel war die Quelle des Bösen ein Mischprodukt aus Mensch (Eva) und Natur (Schlange). Seitdem musste der Mensch nicht nur die Erde untertan machen, um sie für das Böse zu bestrafen, sondern sich selbst Gott unterwerfen durch absoluten Gehorsam.

In dem ewigen Streit zwischen Natur und Schöpfer kam es wieder nicht zur eindeutigen Parteinahme. Europa war unfähig, sich entweder für die autonome Vernunft des natürlichen Menschen oder aber für die Heiligkeit des göttlichen Willens zu entscheiden.

Hegels dialektische Einheit aus Gut und Böse, Vernunft und Heiligkeit, wollte den unerträglichen Widerspruch durch die Zauberkünste des Objektiven Geistes – am Ende der Geschichte – für immer beendigen. Das Gute konnte bei ihm auch böse, das Böse auch gut sein.

Das war die Fortsetzung der „heiligen Sünde“ des Mittelalters, die Gott selbst genehmigt hatte. Aus ihr war Mandevilles Lehre von der List der Vernunft erwachsen. Das Böse oder der Satan konnten auch das Gute vollbringen. Die List der Vernunft sorgte dafür, dass das anfängliche Böse am Ende doch zum Guten wurde. Mephisto wurde zum wichtigen ökonomischen Erntehelfer.

Doch die Ehrenrettung des Bösen trug allmählich zum Gesichtsverlust der Vernunft bei. Man konnte sich nicht mehr auf sie verlassen.

Der nächste Entwicklungsschritt war unausweichlich: der Neoliberalismus verließ den Dualismus aus Gut und Böse oder Gott und Satan. Er verließ sich auf die Natur, die beides zugleich war – etwas Gutes oder Böses.

Die Naturgesetze der Ökonomie vollbringen immer das Beste, ohne dass der Mensch sich vorwitzig einmischen muss. Wenn aber auch schlechte Ergebnisse dem Tun der Menschen folgen – wie Armut oder Hungersnöte – so musste man sie als Willen eines Gottes widerstandslos akzeptieren. (Deus lo volt, Gott wollte es so, Punktum)

Der moderne Fortschritt ist der Glaube der Menschen, die unvollkommen scheinende Schöpfung durch ewig voranschreitende neue technische Erfindungen zu verbessern. Insofern sind die Silicon-Valley-Genies immer noch Jünger des gütigen Gottes, der allerdings auf die Mitarbeit der Menschen angewiesen ist.

Diese Mithilfe ist die Maschine, heute die KI der passionierten Erfinder.

Im SPIEGEL kann man das Streitgespräch von vier Experten über die mögliche Gefahr der KI nachlesen.

„Ist Ki Fluch oder Segen? Hier diskutieren Digitalexperte Sascha Lobo, Ethikerin Alena Buyx und KI-Pionier Jonas Andrulis über bedrohte Jobs, die Auslöschung der Menschheit und Liebe mit Robotern.“ (SPIEGEL.de)

Auf die Frage von Feldenkirchen: „Sascha Lobo, Sie sagen über künstliche Intelligenz, dabei handle es sich womöglich um die wirkmächtigste Technologie aller Zeiten, ist das nicht ein bisschen groß?

„Sascha Lobo: Nein, das kann man ganz einfach begründen, weil KI schon jetzt und in Zukunft noch viel stärker zum ersten Mal geistige Arbeit des Menschen und damit einen der wichtigsten Hebel der Zivilisation automatisiert und skaliert. Denn aus meiner Sicht dürfen wir fast nie über die KI denken: „Das kann KI nicht.“ Wir müssen eigentlich immer denken: „Das kann KI noch nicht“.

In dieser Antwort steckt das falsche Argument: nicht nur die Natur, auch der Geist des Menschen ist skaliertbar. Seitdem wuchern die geist-losen Geist-Imitationen – die KI – ins Endlose.

Der Unterschied zwischen geistlos-berechenbarer Natur und unberechenbarem Geist war eine Erfindung Galileis. Durch die Entdeckung der skalierbaren Naturgesetze hatte Galilei einen tiefen Graben zwischen Mensch und Natur aufgerissen. Naturgesetze sind kausal, messbar und berechenbar, der Geist nie und nimmer.

Das war die moderne Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, die immer mehr verdrängt wird. Die Geisteswissenschaftler ertragen es nicht, dass ihr geniales Denken nicht skalierbar, also nicht streng überprüfbar sein soll.

Also erfinden sie ununterbrochen falsche Quantitäten – wie IQ-Tests, Tests überhaupt – um ihre angeblich naturwissenschaftlichen Qualitäten nachzuweisen. Mit Tests kann man zwar Zahlen gewinnen, aber Zahlen, die keineswegs natürliche, sondern selbst erfundene sind. Testfragen sind keine objektive gemessenen Abdrücke der Natur, sondern subjektive Erfindungen der Tester – die sie als objektiv ausgeben.

Der Philosoph Wilhelm Windelband beschrieb in einer Rektorats-Rede den Unterschied zwischen exakt-wiederholbaren Naturwissenschaften und einmaligen Geisteswissenschaften:

„Die einen suchen allgemeine Gesetze und die anderen besondere geschichtliche Tatsachen: in der Sprache der formalen Logik ausgedrückt, ist das Ziel der einen das generelle, apodiktische Urteil, das der anderen der singulare Satz. Und so knüpft sich dieser Unterschied im menschlichen Verstande, das von Sokrates als die Grundbeziehung alles wissenschaftlichen Denkens erkannt wurde: das Verhältnis des Allgemeinen zum Besonderen. Die moderne Naturwissenschaft hat das Naturgesetz an die Stelle der platonischen Idee gesetzt. Die einen sind Gesetzeswissenschaften, die anderen Ereigniswissenschaften, jene lehren, was immer ist, diese, was einmal war.“

Mit einfachen Worten: was immer ist, ist ein Naturgesetz, alles Natürlich kann durch Kenntnis des Gesetzes exakt prognostiziert werden – (nicht prophetisch vorhergesagt werden).

Bis jetzt hat sich die Erde um die Sonne gedreht, also wird sie es auch weiterhin tun – wenn nichts Extraordinäres geschieht.

Gewöhnlich übt Musiker X regelmäßig auf seinem Instrument. Also wird er es auch morgen tun. Ja, aber nur, wenn er nicht krank wird.

Menschen sind keine Maschinen. Fortschritt ist heute das Geschäft von schwärmerischen Fanatikern. Aber kein Mensch ist in der Lage, die Geschichte des Menschen genauso zu berechnen wie die Natur.

Da der Mensch keine Maschine ist, ist seine Geschichte auch kein maschineller Fortgang seiner Taten.

Der Mensch ist weder ein gehorsamer Knecht Gottes noch einer anderen Geschichtsmacht, die ihn leitet, wohin er will oder nicht will.

Den generellen Widerspruch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu kennen, sollte heute zum Grundwissen aller Wissenschaftler gehören. Gehört aber schon lange nicht mehr dazu, denn die sich minderwertig fühlenden Geisteswissenschaftler mühen sich ständig damit ab, ihre geliebte Psychologie, Soziologie usw. mit „empirisch-zufälligen“ Zahlen zu belegen, um sie genau so zu berechnen wie die Naturwissenschaften. Vergebens.

Fortschritt ist keine Wissenschaft, schon gar keine objektive. Er ist zum schwärmerischen Glauben von Himmelsstürmern geworden, die nichts weniger als an ihre zukünftige Allwissenheit glauben.

Fortsetzung folgt.