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Die ERDE und wir. XCV

Tagesmail vom 25.07.2025

Die ERDE und wir. XCV,

„Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. – Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! 8 So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.“

Eine Sprache für alle sprechen, heißt ein mächtiges Imperium errichten.

Die babylonische oder ägyptische Pyramide ist – laut Mumfords Buch „Mythos der Maschine“ – der Beginn der totalitären Gesellschaft mit dem König als oberstem Diktator. Die Grenzen der königlichen Macht sind identisch mit der Benutzung einer nationalen Einheitssprache.

Als Gott herniederfuhr, um die einheitliche Sprache der Welt zu verwirren, wurde das Gemeinschaftsgefühl aller Völker zerstört. Auch das nationale Gemeinschaftsgefühl erlitt Schaden, der bis heute die Zusammengehörigkeit des politischen Innenlebens schädigt.

Menschen eines Volkes können die gleiche Sprache sprechen – und verstehen sich dennoch nicht. Selbst das Verstehen anderer gilt als Vergehen gegen die nationale Geschlossenheit.

Wer Fremde verstehen will, hat die Absicht – so wird unterstellt – die Zusammengehörigkeit seiner vertrauten Umgebung zu zerreißen.

Dieses äußerliche Verstehen derselben Sprache bei innerlichem Nichtverstehen ist bis heute der Fluch der Demokratien. Das gleiche Wort – wie rechts oder links –, doch jeder denkt sich seine eigene Sache.

Medien vor allem brillieren mit der Übernahme neuer und fremder Begriffe, die von möglichst wenigen Landsleuten verstanden wird. Früher waren es die oberen oder gelehrten Stände, die sich dem Studium einer fremden Kultur widmeten.

Die Deutschen bevorzugten das Griechische oder Lateinische, um die kulturelle Überlegenheit der Griechen oder Römer noch heute für sich zu gewinnen.

Das Volk sprach nur die Sprache des Alltags, während die oberen Schichten nur von ihresgleichen, nicht aber von ihren Untertanen verstanden werden wollten.

Das war der Grund, warum die altsprachlichen Gymnasien einst vor allem für die Sprösslinge der oberen Stände gedacht waren. Noch heute ist in gewissen TV-Krimis die spöttische Bemerkung zu hören: na, genügt das kleine Latinum nicht, um ein Fremdwort zu verstehen?

Heute ist die begehrteste Sprache die mathematische Programmierung der Maschinen. Seit dem Aufkommen der Naturwissenschaften versuchen die Forscher sich mit Übersetzung der Normal-Sprache in Mathematik vom dummen Volk abzusetzen.

Mathematische Sprache ist die Sprache der Maschinen. Welcher Forscher es versteht, den Dialog zwischen Mensch und Maschine zu sprechen oder sie gar ins Verständliche zu übersetzen, gilt als exzellenter Wissenschaftler.

Diese Überlegenheit der Maschinen-Wissenschaftler ist der wahre Grund für die Unverständlichkeit der Computerspezialisten – die angestaunt, aber nicht verstanden werden.

Ich bewundere und bestaune, was ich nicht verstehe: das ist das Motto der Volkstrottel.

Kein Wunder, dass wissenschaftliche Schreiber keine Mühe haben, die neuesten Erkenntnisse der algorithmischen Experten mit einem riesigen Ah und Oh zu begleiten. Die Menge steht staunend, aber ignorant vor dem reißenden Fluss des Fortschritts.

Silicon Valley ist genauso das Zentrum der Maschinenexperten, wie der Vatikan das Zentrum der Papisten.

Die in Mathematik transformierbare Sprache der Wissenschaft ist – wegen ihrer Unverständlichkeit bei den Massen – zugleich der Schlüssel zu den begehrten Machtpositionen der Gesellschaft.

Dem Volk kann man einreden, die Genies der fortschreitenden Maschinen seien die wahren Führer in die Zukunft. Welche Probleme es auch immer im Leben des industriellen Alltags gibt: die neuen Erfindungen werden nach und nach alle in praktikable Reformen verwandelt.

So entstand der Rhythmus des Fortschritts: alle Probleme der Gegenwart werden lösbar. Entstehen neue durch den Fortschritt selbst, muss dieser endlos weitergeführt werden. Ein wirklicher Zustand technischen Friedens im Einklang mit der Natur ist nie in Sicht. Die Utopie wird immer weiter hinausgeschoben, je näher sie gelegentlich schon schien.

Die einstige Erfindung der Pyramide diente der Machtvervollkommnung des Königs – durch Erfindung der Schrift, der geometrischen Urgestalten, des Rechnens und der immer spezielleren Arbeitsteilung. Im heiligen Land verwandelte sich der allmächtige König in den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden.

Die unteren Arbeiter hatten nur ihr Tagwerk vor Augen. Stiegen sie nach oben, erkannten sie erst allmählich den Zweck ihrer blinden Tätigkeiten.

Die Erfindung der Gesellschaft als funktionierende Einheitsmaschine war bereits die Urerfindung der heutigen KI, ohne die bei uns bald nichts mehr ökonomisch oder politisch bewerkstelligt werden kann.

Es gibt zwei Erfindungen des Kapitalismus: als Erfindung in der freien Demokratie, um die Umwandlung der Adelsgesellschaft in eine Gesellschaft der Gleichen voranzutreiben – und seine Erfindung in der perfekten Pyramide, um die Macht der Könige zu vervollkommnen.

Das sieht man in den heutigen Demokratien und in der Herrschaft faschistischer Tyranneien. Niemand will auf die Geldgier der Mächtigen verzichten. Der allgegenwärtige Wettbewerb ist ein Mittel, um private und nationale Geltungssucht zu verwandeln in Maschinen und materielle Beute.

„Der Kapitalismus ist natürlich kein modernes Phänomen. Ich verstehe hier unter Kapitalismus die Umsetzung aller Güter, Dienstleistungen und Energien in abstrakte Geldwerte, mit Konzentrierung menschlicher Energie auf Geld und Handel, um Gewinne zu erzielen, die in erster Linie den Besitzenden zufließen, welche bereit sind, ihre Gewinne in neue Unternehmungen zu investieren und von den Einkünften aus bestehenden industriellen und kommerziellen Organisationen zu leben.“ (Mumford)

Insofern der Kapitalismus dem König der Gesellschaftspyramide – wie den führenden Schichten der Volksdemokratie zugutekamen, hatten sie beide die Funktion, die Allmacht der Autorität wie die Macht der Adligen und neuen Kapitalisten zu verstärken.

Die athenischen Plutokraten waren Gegner der beginnenden Demokratie, wollten diese aber nicht mit Waffengewalt zerstören, sondern mit der Macht ihres Reichtums in Einklang bringen.

Die Könige der Pyramiden wollten mit anschwellendem Reichtum den allmächtigen Göttern immer ähnlicher werden. Kapitalismus wurde zum Vergrößerungsmittel der Macht, sei es in Demokratien, sei es in totalitären Systemen.

Die Uridee der Demokratie ist die Teilung der Macht, um die Gleichheit aller Bürger herzustellen. In der idealen Demokratie gibt es keine mächtigeren oder ohnmächtigeren, reichen oder armen, hyper-genialen oder abgründig doofen Mitglieder. Von kranken Ausnahmen abgesehen, sind alle Demokraten gemeinschafts-, lern- und streitfähig, um ihren individuellen Willen in die gemeinschaftliche Politik einzubringen.

Ein Individuum ist ein einmaliges Ereignis, dennoch vergleichbar allen anderen Individuen, kein isoliertes Atom, sondern – trotz aller Unterschiede und Konflikte – der polis integrierbar. Es lebt für sich, indem es für alle lebt und lebt für alle, indem es für sich lebt – eine wunderbare Erfindung der Natur.

Das Hayek’sche Individuum hingegen ist ein rundum abgeschlossenes, isoliertes Ich, das nur für sich arbeitet und die Interessen aller anderen negiert. Zwischen diesen beiden Ichs ging der Kampf der abendländischen Wirtschaftsformen. Amerikas Neoliberale wären erfreut, wenn sie die symbiotische Verbundenheit des demokratischen Ichs zerstören könnten.

Der frontale Gegensatz zur autonomen Demokratie ist die Theokratie, in der nicht der Wille der Einzelnen gilt, sondern der Wille des Allmächtigen, der sich unfehlbar von Oben offenbart. Theokraten hassen Demokraten, die stolz sind auf ihren selbstbestimmten Willen und ihr autonomes Denken.

Der jetzige Konflikt zwischen den Ultras Israels und der wachsenden Schar ihrer scharfen Kritiker wegen ihrer barbarischen Vernichtungspolitik ist nichts anderes als der Konflikt zwischen Athen und Jerusalem. (siehe H. I. Marrou, Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum)

Im Verlauf des Abendlandes kam es unvermeidlich zu einem ständigen Kampf zwischen Sokrates und der Thora. Bis zur Gründung der UNO schien es, als hätte die selbstbestimmte polis den Kampf gegen die Erlöserreligionen gewonnen. Zu früh gefreut.

Peter Beinart erzählt in seinem hochinteressanten Buch „Die Amerikanischen Juden und Israel“ eine mittelalterliche Begegnung zwischen dem jüdischen Philosophen Jehuda Halevi und einem heidnischen König:

„An einem Punkt preist der Rabbiner die Moralität der Juden und erklärt dem König, dass sich die Juden an höheren ethischen Maßstäben messen als die Christen – deren Welt in der jüdische Überlieferung als „Edom“ („Rot“) bezeichnet wird, weil sie von Blut trieft. Aber der König ist nicht überzeugt. Die Moralität der Juden, entgegnet er, ist doch nur ein Produkt ihrer Schwäche. „Hättet ihr die Macht dazu, sagt er, ihr würdet eure Feinde erschlagen.“ – In Israel wird sich zeigen, ob die Vermutung des Königs zutrifft, Wir können endlich herausfinden, ob die hohen ethischen Maßstäbe, mit denen die Juden der Diaspora so oft zum Gewissen ihrer Länder wurden, ihre Gültigkeit auch dann behalten, wenn die Juden ihr eigenes Land haben. – Doch seit 1967 hat sich Israel vom Ideal der Gleichberechtigung seiner Bürger abgewandt. Wenn die israelische Demokratie scheitert, scheitern alle Juden. Wo auch immer sie leben, sie werden ihr Leben damit verbringen, in den politischen, ethischen und theologischen Trümmern nach ihrer jüdischen Identität zu suchen.“

Der christliche Westen ist gerade dabei, sich von der Erde zu verabschieden. Die wirklichen Werte der Demokratie – Freiheit, Frieden, Wahrheit und Humanität – werden durch die drohende Allmacht der KI erbarmungslos niedergemäht.

Der zunehmende Hass zwischen Israel und seinen Kritikern – der keineswegs Antisemitismus sein muss – rührt von zwei grundlegenden Fehlern beider Parteien. Beide finden es überflüssig, den Gründen des Konflikts nachzuforschen, um ihn besser zu verstehen und psychisch nachzuvollziehen. Verstehen kann auch ein Verständigungsmittel sein.

Aus all diesen Gründen wäre es sinnvoll, sich abzuwenden vom geistigen Müll des Abendlands und sich zuzuwenden der Weisheit eines Gandhi:

„Gandhis Vision der Bewegungen Swadeshi (wirtschaftliche Unabhängigkeit), Swarai (politische Selbstbestimmung), Satyagara (Festhalten an der Wahrheit) und Sarvodaya (Wohlfahrt für alle) regt uns an, lebendige Wirtschaftsformen und lebendige Demokratien aufzubauen.

In seinem Vermächtnis finden wir Hoffnung, wir finden Frieden und wir finden zu unserer eigenen Kreativität. Mit Gandhi beginnen wir unsere konstruktive Aufbauarbeit und machen aus ihr wirkungsvollen Widerstand.“

Gandhi: „Solange der Aberglaube weiterbesteht, dass die Menschen ungerechten Gesetzen gehorchen sollten, solange wird Sklaverei existieren.“

„Gandhis Vermächtnis trägt den Samen für die Freiheit der Menschen und aller anderen Lebewesen in sich. Gandhis Vermächtnis ist die Hoffnung der Menschheit.“ (Vandana Shiva, ERD-Demokratie, Alternativen zur neoliberalen Globalisierung)

Fortsetzung folgt.