Tagesmail vom 08.08.2025
Die ERDE und wir. XCIX,
Nehmen wir an, kurz vor ihrem selbstverschuldeten, absoluten Ende erhielte die Menschheit von ihrem gnädigen Schöpfer die allerletzte Chance eines Neuanfangs, aber nur unter der Bedingung, in einer globalen Menschheitskonferenz sich auf ein friedliches Zusammenleben unter gleichen Bedingungen zu einigen: wäre die Menschheit fähig, diese unverhoffte Chance tatsächlich zu nutzen?
Wetten, dass die Menschen schon beim ersten Punkt der Konferenz: was, Schwestern und Brüder, hat uns in diese absolute Katastrophe geführt, sich gegenseitig den Schädel zertrümmern würden, weil sie sich in keinem Punkt einigen könnten?
Lag es daran, dass sie zu böse waren? Was aber ist gut und böse? Würden die Armen die Reichen als böse bezeichnen, käme es dann nicht zu einem empörten Aufstand auf der winzigen Tribüne der Reichen?
„Was, ihr faulen Säcke, ihr untersteht euch, uns, die Erfolgreichen und Genialen, als die Unmoralischen anzuprangern?
Kehrt erst vor der eigenen Tür, ihr Versager, ihr habt doch nichts zustande gebracht und alles Gute nur von uns, den Starken, erwartet!“
Schalten wir ab, denn wir wissen, wie es weiter geht: Nicht mal die Grundfragen: was gut und böse ist, kann das geliebte Geschöpf des Himmels eindeutig beantworten.
Stopp, das geliebte Geschöpf? Das steht aber nicht in der Heiligen Schrift, dort gibt es geliebte und verstoßene Geschöpfe. Muss also zu allererst ein neues himmlisches Regiment eingesetzt werden, das alle Menschen gleichmäßig liebt, damit sie gleichmäßig- friedliche Regeln des Zusammenlebens finden können?
In den Erlöserreligionen gibt es keine gleichen Menschen. Von Anfang an sind sie abgrundtief geschieden in gute und böse. Der Sinn der Heilsgeschichte besteht darin, im Kampf beider Seiten die guten Schafe in den Himmel und die bösen in den Abgrund zu führen.
„Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden.“
Der Himmel ist nicht nur gekommen, um die Taten der Menschen zu richten, sondern um sie von Oben gut oder böse zu machen.
Wie können Menschen schuldig werden, wenn ihre Taten mit göttlicher Gewalt zu guten oder bösen verurteilt werden? Müsste Gott sich nicht selber schuldig sprechen, weil er versagt hat? Müsste es nicht ein Gericht geben, in dem der unfähige Schöpfer persönlich auf der Anklagebank sitzt?
Einige Pharisäer wagen es, eine freche Frage zu stellen:
„Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? 41 Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“
Pharisäer behaupten, zu den Sehenden zu gehören und tun dennoch das Böse!. Also gehören sie erst recht zu den Bösen! Denn sie wissen, was sie tun – und tun es dennoch.
Das sind die ehernen Grundlagen der religiösen Geschichte. Von Anfang an hat der nichterwählte Mensch keine Chancen, denn Gottes Sohn ist nicht nur Erlöser, sondern auch Richter.
„Jesus antwortete ihnen: »Ich habe es euch schon gesagt. Aber ihr glaubt ja nicht! Die Taten, die ich im Namen meines Vaters vollbringe, die sprechen doch eine klare Sprache und zeigen, wer ich bin. 26 Aber ihr vertraut mir nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört. 27 Meine Schafe achten genau auf meine Stimme und ich kenne sie ganz genau.“
Welchen Anfang braucht die Menschheit, damit sie die Chance hat, ihre Geschichte gerecht und lebensfroh zu gestalten?
Entweder keinen parteiischen und ungerechten, sondern einen gerechten und objektiven Gott. Oder überhaupt keinen spalterischen Gott; der Mensch ist sein eigener Herr, der alles autonom entscheidet.
Das gab’s wirklich. Die Aufklärer hassten den christlichen Gott, der die Menschheit in geliebte und ungeliebte Geschöpfe spaltete. Aber jene Götter hassten sie nicht, die die Machenschaften auf Erden den Menschen überließen, die ihr Schicksal wahrhaft selbst verdienten.
Wann begann die Menschheit, die Frage nach einer verbindlichen Moral zu stellen?
Als sie ihre autarken Epochen verließen und durch ein immer dichter werdendes soziales Netz verstehen lernen mussten, wer im Konfliktfall schuldig war und für den Schaden aufkommen musste – und wer unschuldig blieb und von den Schuldigen entschädigt werden musste.
Vorausgesetzt, die beginnende Epoche der neuen Moral konnte ohne Schuld und Sühne nicht auskommen. Schuld- und sühnelosen Völker gab es unseres Wissens fast nirgendwo.
Dieser besondere Fall ereignete sich, als in Athen die Demokratie erfunden wurde und nicht autark blieb, sondern regen Kontakt mit der Welt aufnahm.
Die Gründe für die Kontaktaufnahme war ihr reger und erkenntnishungriger Geist, der wissen wollte, wie die Welt ist:
die Kontaktaufnahme mit fremden Menschen,
der Wunsch, mit eigenen Erzeugnissen in die Welt zu segeln,
um zu erfahren, wie andere Menschen sich ernähren
und ein sicheres Leben zu führen.
Später kam der Wunsch dazu, die fremden Völker in Wohlstand und gutem Leben zu überflügeln.
Der Agon oder die Konkurrenz war erfunden.
Agon ist Wettkampf. Je besser die Athener andere Völker kennenlernten, je mehr erwuchs der Drang, sie in allen Dingen zu übertrumpfen. Im Geistigen wie im Materiellen.
Im Geistigen war es die Verkündigung einer eigenen Religion, die später zur Philosophie führte, im Materiellen der beginnende kapitalistische Wettkampf: wer sind die Reichsten der Welt?
Aus dem Reichtum erwuchs der Hunger, seinen Wohlstand in Ästhetik zu verwandeln, in die Anmut einer prächtigen städtischen Architektur und herrlicher Tempelanlagen.
Zusammen mit diesen Verwicklungen entstanden die Konflikte, mit den Konflikten die Fragen der Moral. Wer hat seinen Nachbarn, seinen überseeischen Handelspartner mit List aufs Kreuz gelegt? Wer war unfähig, das überlegene Können seiner Partner neidlos anzuerkennen?
Die Offenbarungsreligionen kannten hier keine Probleme. In ihren heiligen Büchern stand es klar und deutlich, wie Menschen sich zu verhalten hatten. Gott selbst war ihr Richter, der sich in keinem Streit irren konnte. Kam es dennoch zum Streit, wenn man sich über die Auslegung der Worte nicht einigen konnte, erschienen die hohen Schriftgelehrten mit ihrer besonders tiefgründigen Erkenntnis der Heiligen Schrift.
In Athen gab es keine allwissende Religion, deren Sprüche man widerstandslos befolgen musste. Die Weisen und Philosophen übertrafen sich im Bemühen, sich von jedweden übermenschlichen Autoritäten zu lösen und sich ihre eigene Meinung zu bilden.
Das war bis zum heutigen Tag das ungeheuer Neue der athenischen Demokratie, dass jeder Mensch für sein Denken selbst zuständig war. Doch bis zum heutigen Tag haben viele sogenannte „Demokraten“ immer noch nicht verstanden, dass sie nicht zu Priestern und unfehlbaren Autoritäten gehen können, um sich eine irrtumslose Weisung zu holen.
„Auch Sokrates war ein moderner Mensch, der nicht daran dachte, sich einfach dem Herkommen zu beugen, sondern nur das als verbindlich anerkannte, was der Prüfung durch den eignen Intellekt standhielt.
Nach den Perserkriegen hatte Athen zwar keine Gründerzeit erlebt, wohl aber einen beispiellosen Aufstieg, der eine allgemeine Jagd nach Macht, Ansehen, Reichtum zur Folge hatte. Ihre Jugend sollte fähig werden, im Wettbewerb der Einzelnen und Völker immer erfolgreicher zu werden.
Aber Sokrates erfüllte diese ganze Entwicklung mit tiefster Sorge. Hinter der glänzenden Außenseite fühlte er die schleichende Krisis des Volkslebens und so tauchte vor ihm die Frage auf – ob denn die ganze Lebenseinstellung seines Volkes richtig sei oder aber einen Irrweg darstellte, der von der wahren Bestimmung des Menschen abführte.
Sind die Güter, nach denen die Menschen mit Selbstverständlichkeit streben, wirkliche Güter? Lehrt nicht die Erfahrung täglich, dass Geld und Macht keineswegs immer gut sind für den Menschen, sondern ihm sogar schaden, wenn er sie auf ungerechte Weise zu gewinnen sucht oder einen verkehrten Gebrauch von ihnen macht? Nicht auf die Dinge selbst kommt es also an, sondern auf die Haltung, die der Mensch zu ihnen einnimmt. Aber diese darf keinesfalls einem subjektiven Gutdünken überlassen bleiben. Denn was nützt es dem Menschen, wenn er etwas wählt, was ihm gut „scheint“, aber in Wahrheit schadet?“ (Max Pohlenz, Griechische Freiheit, 1954)
Auch die Erlöser kennen einen ähnlichen Spruch, den sie aber über den Erfolg auf der irdischen Welt hinaus in das Jenseits Gottes verlängert haben. Irdischer Erfolg zählt bei Christen nichts mehr:
„Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast? 21 So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“
In Athen zählt die Mitmenschlichkeit auf Erden, bei Jesus zählt nur der Effekt im Jenseits.
Sokrates wies seine Mitmenschen darauf hin, dass nicht nur er nichts weiß, sondern alle Menschen, die sich auf ihre eigene Vernunft verlassen müssen. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“: Freunde, wir müssen uns auf dem Marktplatz versammeln, um herauszufinden, was wir wissen können – durch strenge Streitgespräche.
„Dem Menschen bleibt nur das ewige Suchen nach der Wahrheit, das Philosophieren. Dabei gab es in den Fragen des praktischen Lebens doch so manche Sätze, die jeder Prüfung standhielten. Dass es nicht auf das Leben ankomme, sondern auf das gute Leben, hatten schon viele Griechen durch den Tod bewährt: Der Mensch kann nur in der Gemeinschaft existieren, das ist die kategorische Stimme seines Wesens.
Keine Gemeinschaft kann ohne Rechtsordnung bestehen. Und diese besteht aus dem „Schönen“, dem Kalon. Dieses Kalon ist das Sittlich-Schöne, das freilich durch die egoistischen Triebe der Menschen verdrängt worden ist. Das rücksichtslose Beschädigen dieses Sittlich-Guten fügt nicht nur dem Staat, sondern auch der eigenen Existenz den größten Schaden zu. Das Unrechttun ist nicht nur etwas Schimpfliches und Hässliches, sondern das größte Übel für den Täter selbst, ein größeres als das Unrechtleiden.“ (ebenda)
Weil die Athener die Fähigkeiten hatten zum Aufbau der Demokratie, aber bei der Überprüfung der sittlichen Moral der Demokratie allzu schnell versagten, begann ziemlich schnell der Verfall der Demokratie.
Zwar war die hellenische Demokratie noch immer eine ungewöhnliche und hochgradig autarke Form des Zusammenlebens – wozu auch der römische Staat gehörte.
Doch als das Christentum mit seiner jenseits-flüchtigen Moral das römische Reich kaperte, war es mit Sokrates fürs erste vorbei. Moral war nichts mehr Menschengemachtes, sondern wurde zu Gottes unfehlbarer Offenbarung.
In den Jahrhunderten der abendländischen Geschichte mit Entdeckung der Naturwissenschaften und der Eroberung der Völker verlor die sokratische Moral immer mehr an Anerkennung. Der moderne Kapitalismus verlor jede moralische Qualität und entartete zum Naturrecht der Starken: zum Neoliberalismus. Recht hat, wer Erfolg hat, wer quantitativ immer mehr auf dem Konto hat.
Heute weiß niemand mehr, was demokratische Moral ist. Über sie wird nur gelästert. Seit Galilei gilt nur noch, was gezählt und berechnet werden kann. Moral gehört nicht dazu. Sie ist dem Müll übergeben worden.
Sind Trump, Musk, Putin und die anderen Machthaber moralische Politiker – oder sind sie raffinierte Machtmenschen, die nur das eigene Wohl im Auge haben – und alles andere ihren egoistischen Interessen opfern?
In seinem brennend aktuellen Buch „Die atomare Drohung“ schreibt Günther Anders:
„Schlecht ist man bereits, ist man schon immer gemacht, da man, ob man das will oder nicht, ein Teil der objektiv schlechten Welt ist. Schuldig werden ist uns durch die Apparate dieser Welt genauso abgenommen wie Brotbacken oder Statistiken ausrechnen. Wir scheinen absolviert, weil wir das Böse, das wir tun, gar nicht mehr selber tun. Die Schuld ist uns abgenommen, weil wir die Taten, durch die Schuld in die Welt kommt, Dingen übergeben haben, die nun an unserer statt handeln. Wir stehen bescheiden mit sauberen Händen hinter ihnen. Gerade darin aber besteht das Böse unserer Zeit. Böse ist sie, weil wir nicht mehr böse zu sein brauchen, um das Böseste zu tun. Böse ist sie, weil wir das Ungeheuerlichste tun können, ohne dass nur ein einziger von uns irgendetwas getan haben wird.“ (ebenda)
Fehlt nur noch das Tun der KI, die alles Schreckliche perfekt und barmherzig pro nobis erledigen wird.
Fortsetzung folgt.