Tagesmail vom 18.07.2025
Die ERDE und wir. XCIII,
Gibt’s denn sowas? Im deutschen TV gibt es eine historische Doku über die Entwicklung Russlands – von den Zaren über den bösen Lenin und den bitterbösen Stalin bis zu Putin, dem rätselhaften Neu-Zaren.
Michail Gorbatschow wurde mit keiner Silbe erwähnt.
Die gibt’s.
Gibt’s in Deutschland Russland-Versteher, die diesen Skandal beenden wollen?
Die gibt’s, und die werden als Vaterlandsverräter eingetütet und möglicherweise vom Staat überwacht.
Gibt’s denn parallele Berichte über die Bosheiten unserer amerikanischen Befreier, aber stets eingehüllt in eine parfümierte Wolke aus Verständnis und Nachsicht?
Es gibt nur solche, andere gibt es nicht.
Kann sich jemand vorstellen, wer den folgenden Liebesbrief an einen deutschen Kapitalisten verfasst hat?
„Sie sind ein Lehrmeister des Mittelstandes: Sie bilden jedes Jahr junge Menschen aus, vermitteln ihnen nicht nur Fertigkeiten, sondern Werte: Pünktlichkeit, Anstand, Verantwortung. Das ist Humus für die Wirtschaft von morgen, dabei lässt sich das in Bilanzen wohl gar nicht abbilden. Sie sind Verlässlichkeit, die man anfassen kann: Bis zum Schluss, so erzählt es Ihre Tochter, standen Sie an Wochenenden im Allgäu hinter der Kasse, begrüßten Kunden mit Handschlag. Das ist nicht Nostalgie, das ist gelebte Nähe – heilsame Gegenstimme zum anonymen Online-Klick.“ (BILD.de)
Den gibt’s, und die Verfasserin dieses Briefs heißt Marion Horn und ist Chefredakteurin der BILD, unter der Regie des Mathias Döpfner, eines Bewunderers von Peter Thiel, des theologischen Einflüsterers des Silicon Valley.
Wenn Frau Horn den Trigema-Chef für vorbildlich hält, müsste sie dann nicht 99% aller deutschen Firmenchefs an die Wand knallen, weil die in allen Dingen das Gegenteil tun?
Blöde Frage.
Okay, dann die nächste, bestimmt nicht blöde Frage: gibt es deutsche Zeitgenossen, die die deutschen Medien für unparteiisch und objektiv halten?
Natürlich: die deutschen Medien selbst.
Gibt’s folgendes?
„Eine hochbetagte Berliner Rentnerin muss nach einem Gerichtsurteil ihre Mietwohnung verlassen. Besonders dramatisch: Die Frau leidet an Demenz. Die Vermieterin hatte mit ihrer Eigenbedarfsklage Erfolg, deshalb muss die kranke Mieterin nach 40 Jahren die Wohnung räumen. Ihr Anwalt will vor den Bundesgerichtshof ziehen.“ (Focus.de)
Oder das: hungernden Menschen zeigt man, wo es etwas zu essen gibt und lässt sie dorthin eilen – wo man sie verrecken lässt oder sie einfach erschießt?
„Hilfen für Gaza scheitern nicht an der Logistik, sondern an politischen Entscheidungen. Immer wieder sterben Menschen bei der Essensausgabe. Das Aushungern der Bevölkerung sei kein Nebeneffekt, sondern Strategie. Die entstandenen Engpässe seien nie eine Frage der Logistik, sondern immer eine von politischen Entscheidungen gewesen, analysiert der Bericht. Tatsächlich sind die Lagerhallen in Ägypten in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gazastreifen bis zur Decke gefüllt. Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes berichten, dass man nur die israelische Genehmigung brauche, um die Hilfslieferungen über Nacht wieder hochfahren zu können.“ (TAZ.de)
In mythologischen Fabeln sind solche Szenerien Orte des Abgrunds. Heute sind sie Orte des Kriegs der Guten über die Bösen. Die absolut Guten bezeichnen sich demütig als Söhne des Lichts, ihre Feinde als Söhne der Finsternis. Dieser unüberbrückbare Unterschied zwischen hell und dunkel ist eine Erfindung abendländischer oder westlicher Religionen.
Und nun erscheint eine empirische Untersuchung, die überraschend behauptet:
„Neue Studien zeigen, dass die Bedeutung der Religion weltweit abnimmt, sogar in Iran und den USA. Sollte uns das beunruhigen? Ein Gespräch mit dem Religionssoziologen Detlef Pollack. Das sehen wir sogar in den USA, wo die Evangelikalen eine enge Verbindung zum rechtspopulistischen Lager eingegangen sind. Das löst bei religiös moderaten Bürgern eine Gegenbewegung aus. Viele gehen nun nicht nur zu den konservativen politischen Einstellungen auf Distanz, sondern auch zu dieser Art von Religiosität. In den USA haben wir es mit einem Anstieg der Konfessionslosen von fünf Prozent in den 90er-Jahren auf jetzt ungefähr 30 Prozent zu tun.“ (Sueddeutsche.de)
Wie kann die Bedeutung dieser hell-dunkel-Religion abnehmen, wenn ihre Spaltung der Welt in gut und böse die Menschheit selbst gnadenlos spaltet? Kann es sein, dass die statistische Umfrage nichts anderes ist als eine selbsterfüllende Prophezeiung?
Schauen wir mal ihre Fragen an:
„Nach dogmatischen Gehalten wie Jungfrauengeburt, Erbsünde oder der Gottessohnschaft fragen wir schon gar nicht mehr, da bei diesen Fragen die Zustimmungsraten einfach zu gering sind. Stattdessen stellen wir Fragen wie, ob man an ein Höheres Wesen glaubt, aber nicht an einen personalen Gott, wie ihn die Bibel verkündigt, ob man sich ganz allgemein für religiös oder spirituell hält, oder ob man das Universum in seiner schöpferischen Kraft als göttlich ansieht.“
Heute sind Religionen keine Frage strenger Dogmatik mehr, sondern seltsam atmosphärische Luftverdünner – Gelehrte sprechen von Säkularisierung oder Entzauberung. Von gut und böse muss niemand mehr sprechen, der die Gefühle von gut und böse lebendig in sich spürt, seien sie bewusst oder nicht.
Das sind nur winzige Beispiele religiöser Verweltlichung oder Entzauberung. In Wirklichkeit ist die Gegenwart randvoll erfüllt von schrecklichsten Beispielen der Menschenfeindschaft, die nicht mehr nach dem Buchstaben des Katechismus, aber ganz sicher im flirrenden Fluidum einer hell-dunklen Religionsspaltung exekutiert werden.
Wer sich, im Namen des Höchsten, als absolut Guter empfinden darf – auch wenn er es empirisch nicht ist –, der darf mit bestem Wissen und Gewissen mit der heiligen Sense über die Erde rasen und Platz schaffen für Gottes Lieblinge, die absolut Guten.
Diese Bedrohung der Menschheit durch ein metaphysisches Schwert muss nicht unbedingt jüdisch-christlich sein. Eben diese Erlöserreligionen aber haben nun mal politisch und „weltanschaulich“ jene Weltteile erobert, mit der wir es heute zu tun haben.
Die Guten sind Lieblinge Gottes, weshalb sie die Guten sein dürfen. Das kommt nicht von ihren Taten und sozialen Gefühlen, sondern ist eine gnädige, also grundlose Auszeichnung durch ihren himmlischen Herrn – weil sie sich zu seinen Untertanen erklärt haben.
Gut sein ist ein Etikett Gottes, der es ihnen aus Dankbarkeit verliehen hat. Die Geschichte der Erlösten ist ein Krieg der Etiketten, die erst nach dem Tod abgerissen werden und sich als Gnadenetiketten erweisen.
Die guten und bösen Etiketten wissen, dass sie lebenslang eine Rolle oder ein Doppelspiel spielten.
„Die Kehrseite ihrer Selbstüberhöhung – durch Selbstdemütigung – ist, dass sie die ganze übrige Menschheit als „massa perditionis“ – also der Vernichtung preisgegebene Finsternissöhne betrachten, gegen die ewiger Hass bis hin zur völligen Vernichtung im „letzten Gefecht“ geboten ist.“ (Nach Martin Hengel, Eigentum und Reichtum in der frühen Kirche)
Mit anderen Worten: die wirksamen Kräfte der Religion – ob dogmatisch korrekt oder nicht – bestimmen noch immer die Realität wie einst, je undurchsichtiger ihr Treiben auch geworden ist.
Auch Trump ist ein wilder und dennoch folgsamer Zögling des Gekreuzigten, dessen gläubiges Tun seiner frommen Gefolgschaft durchaus präsent ist.
Das bestätigt auch Stefan Selke, ein Beschreiber des „utopischen Wunderlandes Silicon Valley“:
„Wie kaum eine andere Weltgegend ist das Silicon Valley von der Suche nach dem längst verlorenen utopischen Garten Eden geprägt. Die Philosophin Hanna Arendt beobachtete kritisch, dass Rationalität selbst zum Fetisch wurde, weil vermeintlich alles berechnet werden konnte und daher nicht mehr beurteilt werden musste. Die digitale Industrie übersetzt Sehnsüchte in standardisierte Zahlenreihen und schafft eine metrische Kultur auf der Basis von Messbarkeit und Vergleichbarkeit. Warum soll ein Mensch in dieser Welt noch selbst denken, wenn er einfach nur konsumieren kann?“
In Deutsch: warum soll ein braver Zeitgenosse noch selber beten und Gottes Wort zitieren, wenn seine Apparate das Evangelium in effektive Zahlenfiguren übersetzt haben?
Die ewige Sehnsucht nach dem Himmelreich ist die Sehnsucht der Genies nach der Unendlichkeit des Fortschritts. Fortschrittsgläubige sind die wahren Christen der Gegenwart. Zwar wissen sie nicht, welche Utopie sie begehren sollen, doch sie wissen:
Der gegenwärtige Zustand der Erde ist Müll, dem wir entkommen müssen, auch wenn wir neuen Müll dabei produzieren müssen, den wir durch neue geniale Maschinen erneut besiegen können. Da capo al infinito.
Dass Religion in den USA nicht abnimmt, sondern zunimmt, bestätigt ein Podcast über Peter Thiel:
„Der Podcast zeigt, dass die USA sich in den kommenden Jahren möglicherweise in eine religiös geprägte Gesellschaft mit autoritären Zügen verwandeln können. Das ist für viele in Europa schwer vorstellbar, weil hier Religion weniger Einfluss auf die Politik hat. In den USA hingegen gewinnen evangelikale Christen und konservative Katholiken wieder enormen Einfluss – viele davon sind Trump-Anhänger oder Unterstützer der rechten Bewegung. Die politischen Akteure der neuen Rechten, zu denen auch Thiel und Vance gehören, bringen Religion explizit zurück in den politischen Diskurs und sehen darin eine Quelle für gesellschaftlichen Zusammenhang und moralische Ordnung.“
Vorsicht. Die Moral, von der hier gesprochen wird, ist die des Neoliberalismus, der die „normale Demokratie“ für eine Zerrüttung der wahren hält. In der wahren Demokratie bestimmt nicht das zoon politicon in seiner Mehrheit, sondern der rücksichtslose Kapitalist, der nur seinen egoistischen Profit im Auge hat.
Peter Thiel arbeitet intensiv daran, die neoliberale Schein-Demokratie wieder herzustellen, die er für das athenische Uroriginal hält.
Wie will er das schaffen?
„Peter Thiel beschäftigt sich intensiv mit biblischen Vorstellungen von der Apokalypse, dem Weltuntergang und besonders mit der Rolle des Antichristen. Thiel interpretiert den Antichristen nicht als Einzelperson, sondern als eine weltweite mächtige Regierung oder ein Staatenbündnis, das den Menschen scheinbar Frieden und Sicherheit verspricht, sie aber in Wirklichkeit täuscht und unterdrückt. Dieses „falsche Versprechen“ von Frieden und Sicherheit ist zentral in der Bibel erwähnt und gilt für Thiel als Warnung: die UNO oder die EU könnten sich zu einer totalitären „Wohlfahrtsdiktatur“ mit allumfassender Überwachung entwickeln. Thiel glaubt, dass wir uns in einer Zeit großer Gefahren befinden, in der Armageddon – der letzte Kampf zwischen Gut und Böse aus der biblische Offenbarung – jederzeit bevorstehen könnte. Dies könnte ein Atomkrieg sein, ein Zusammenbruch der Zivilisation oder das Entstehen einer zerstörerischen künstlichen Intelligenz.
Das bedeutet für Thiel, dass Amerika eine quasi-religiöse Aufgabe bewältigen muss: Es soll als Wächter gegen die totalitäre Weltregierung und das Ende der Welt fungieren.
Und nun das Unerwartete: „Ähnliche religiöse Vorstellungen werden in Russland von Putin und seinen Unterstützern benutzt, um den Krieg gegen die Ukraine als „heiligen Krieg“ zu legitimieren.
Für Thiel ist das Konzept des Aufhalters die Grundlage für eine neue politische Ordnung, die nicht mehr an klassische Demokratie oder Menschenrechte gebunden ist. Die USA sollen eine christliche Ordnungsmacht sein, die den drohenden Weltuntergang oder eine totalitäre Weltherrschaft verhindert. Dafür hält er auch harte, autoritäre Maßnahmen für gerechtfertigt.“
Also aufpassen, eine totalitäre Weltordnung soll verhindert werden – durch totalitäre Maßnahmen des Neoliberalismus.
Wie Hayek einst ein kämpferisches Buch gegen Hitler-Deutschland schrieb, dessen totalitäre Maßnahmen er mit – einer totalitären Wirtschaftsordnung verhindern wollte, so will Thiel die Weltdemokratie der UNO mit einem „demokratisch scheinenden“ Neoliberalismus verhindern. Gleiches durch Gleiches, Teufel durch Satan.
Peter Thiel ist theologisch versiert und einer der bedeutendsten Köpfe des Silicon Valley: welcher Bischof wird ihm widersprechen?
Die Zukunft der Religion steht uns erst bevor – wenn wir dem klerikal-ökonomischen Einfluss des Silicon Valley nicht radikal die Flügel stutzen.
Fortsetzung folgt.