Tagesmail vom 23.06.2025
Die ERDE und wir. LXXXVI,
„Kommt herbei, edle Leut‘, groß und klein, und lasset Euch entführen in eine Welt voll‘ Frohsinn und Kurzweil!“
Man muss schon Kurzweil heißen, um ein ewiges Leben zu erfinden, das nicht in Langweile erstickt.
Was ist die Ursache des jetzigen Krieges, der nicht ohne Chance ist, zum Weltenbrand zu avancieren?
Nein, es ist nicht das theologisch Satanische, die Erfindung von Weltschöpfern und Dämonen.
Nein, es ist nicht Peter Thiel, der an eine Apokalypse glaubt, die nie kommen wird, weil es keine Erlöser gibt, die sie schicken werden.
Als selbsterfüllende Prophezeiungen allerdings – jetzt kommen wir der Sache näher – könnten sie realisiert werden.
Nein, es ist etwas ganz Schreckliches: es ist
„… das böseste aller Laster, das die Erde zertrümmern und gähnend die Welt einschlucken möchte“: es ist die Langeweile.
Baudelaire, Experte für die „Blumen des Bösen“, war vertraut mit den giftigen Stacheln, die die Welt der scheinbar Guten, Ordentlichen und Fleißigen in alle Bestandteile zersetzen wird.
Heidegger nennt Langeweile das „Gefühl einer namenlosen Leere, in dem ihm nichts mehr wichtig ist, und in dem er an nichts mehr teilnehmen kann.“ Die Langeweile offenbart das Seiende im Ganzen, das im Nichts untergehen wird.
Bei Gontscharow und Dostojewski offenbart sich die „innere Nähe von Langeweile und Nihilismus“ – hinter beiden wartet das Nichts – und weist die Langeweile als Wurzel des Nihilismus auf.“
Langeweile ist nicht Muße oder Meditation, in die sich der weise Mensch versenkt, um zu sich zu kommen. Müßiggang hingegen ist aller Laster Anfang, aber nicht die Wurzel des Glücks.
Schon Kant nennt die „lange Weile“ die „Anekelung seiner eigenen Existenz aus der Leerheit des Gemüts an Empfindungen, zu denen es unaufhörlich strebt.“
Wer sich heute langweilt, ist höchstens ein Filou, der faulenzend über die Runden kommen will.
Langeweile hat etwas mit der Zeit zu tun. Bin ich fähig, die endlose Zeit so zu verbringen, dass ich an Langweile nicht verkümmere?
Thomas Mann ist der Langeweile schon näher gekommen:
„Was man Langweile nennt, ist eigentlich eine krankhafte Kurzweiligkeit der Zeit infolge vom Monotonie: große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer.“
Da kommen wir den Dingen schon näher: Langeweile ist eine Krankheit, die den Kranken lebensunfähig macht.
Leben wir in einer Welt, in der vor allem die Kranken am Ruder der Titanic stehen? Wie sehr müssen sich die Schwerreichen langweilen, wenn sie die Paläste von Venedig mieten müssen, um ihre pompöse Hochzeit zu feiern?
„Nach allem, was man weiß, dürfte das tagelange Fest zur teuersten Hochzeit werden, die die Lagunenstadt in mehr als 1.500 Jahren gesehen hat. Die italienischen Zeitungen schätzen die Kosten auf 15 bis 30 Millionen Euro. Gehandelt werden 200 Gäste plus.“ (ZDFheute.de)
Vor allem schwerreiche oder weltberühmte Amerikaner nehmen an der langweiligsten aller Feiern teil, um ihre öde Zeit tot zu schlagen.
Oder sollte es möglich sein, dass ausgerechnet Amerika, der Kontinent der endlosen Zukunft, am wenigsten fähig ist, der Langweile zu entkommen?
Wann beginnt die Langweile? Nicht in der Zeit der Antike, die zumeist fähig war, ihre Zeit als erfüllte zu erleben. Ihre Zeit war ein kosmischer Kreis, der sich nicht linear im Unendlichen verliert. Ein Kreis ist etwas Geschlossenes, das Anfang und Ende zusammenführt und dem Menschen ein glückliches Leben schenkt.
Die Heilszeit der Juden und Christen endete im Chaos der Hölle oder in den Paradies-Gärten des neuen Jerusalem.
Im Abendland musste erst die Moderne kommen, um die Zeit der Sündenarbeit mit dem Schlimmsten zu verbreiten:
„Langweile ist die Erfahrung des Nichts, das Erlebnis der Nichtigkeit des Daseins.“ Wir sind bei Pascal gelandet, der sagen konnte: „Langeweile – nichts ist dem Menschen so unerträglich, wie in einer völligen Ruhe zu sein, ohne Leidenschaft, ohne Tätigkeit, ohne Zerstreuung, ohne Möglichkeit, sich einzusetzen. Dann wird er sein Nichts fühlen, seine Verlassenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. Unablässig wird aus der Tiefe seiner Seele die Langeweile aufsteigen, die Niedergeschlagenheit, die Trauer, der Kummer, der Verdruß, die Verzweiflung.“
Das sind Gemütstiefen, die ohne Erfindung eines allesbestimmenden Kapitalismus nicht möglich waren. Kapitalismus verspricht alles und hält nichts. Endlose Warenströme überfluten die Menschheit und lassen sie leer zurück.
Das wurde zuerst nicht bemerkt. Alles Kaputte und Verderbliche wurde nur dem Verlust des Gottesglaubens zugeschrieben.
Pascal hat die ursächliche Bindung der Langweile mit dem erschütterten Gottesglauben verknüpft.
Für Galiani ist die Schöpfung der Welt eine „Folge der Langweile des Nichts in seiner Nichtigkeit. So ist die innerweltliche Langweile ein Muttermal, das wir im Schoss unserer Frau Mama – dem „Nichts“ – erhielten, die an diesem Übel litt, als sie mit uns schwanger ging.“
Ausgerechnet die von ihrem Kind erfüllte Mutter soll das Nichts sein? Welch ein Hass, welch eine Eifersucht der Männer auf ihre minderwertige Frau.
Doch ab jetzt wird’s politisch in Frankreich. Die Vorboten der Aufklärung und der Revolution sehen die erbärmliche Langeweile vor allem „bei den Mächtigen“.
Montesquieu schreibt:
„Den großen Herrn gehen gewöhnlich die seelischen Freuden in beträchtlichem Maße ab. So kommt es, dass sie sehr an den körperlichen hängen, denn nur diese werden durch ihren Stand begünstigt und können Folgen ihrer Größe sein. Aber eben diese Größe entfernt sie so sehr von den Freuden des Geistes, dass sie nicht zu ihnen gelangen können. Ihre Größe zwingt sie, sich zu langweilen. Alle Fürsten langweilen sich: Beweis dafür ist, dass sie auf die Jagd gehen.“
Hier erkennen wir bereits die erste Ähnlichkeit mit der Langweile der gegenwärtigen Dressurarbeit, die jedes Jahr an nichts mehr anderes denken kann, als an die Langeweile des südlichen Strands, den man sich mit kollektiven Lügenvisionen erträglich machen kann: schau, welch eine herrliche Sicht aufs Meer – wenn der Strand durch die Verwüstungen der Menge kaum noch erträglich ist.
Es ist das letzte Überbleibsel der verspotteten Romantik mit ihrer Sehnsucht nach der endlos weit entfernten „blauen Blume“.
Der wahre Romantiker mit seinem neuen Glauben an den unbegrenzten Fortschritt muss diesen Glauben ununterbrochen revitalisieren. Natürlich verbunden mit dem Glauben an seine omnipotente KI, die ihm alles verspricht, woran er glauben will.
Da kommt der geniale Mathematiker Norbert Wiener vorbei und wagt es, uns an die Beschränkung unseres Gehirns zu erinnern:
„Nein, die Zukunft enthält wenig Hoffnung für die, die erwarten, dass unsere neuen mechanischen Sklaven uns eine Welt anbieten, in der wir uns vom Denken ausruhen können. Sie mögen uns helfen, aber auf Kosten höchster Anforderungen an unsere Aufrichtigkeit und Intelligenz. Die Welt der Zukunft wird ein mehr und mehr aufreibender Kampf gegen die Beschränkungen unsers Verstandes sein, keine bequeme Hängematte, in die wir uns legen können, um von unseren Robotersklaven bedient zu werden.“ (Gott und Golem)
Im Gegenteil: die neuen KI-Maschinen strengen uns noch mehr an, und wir fallen ausgelaugt auf unser verfaultes Ruhebett, um die Langweile des nichtstuenden Zuschauens zu überstehen.
Langweile ist nämlich die Unfähigkeit, etwas Sinnvolles zu tun, um den Menschen zu beglücken. Sie kann nur zum Wohlstandwachstum beitragen, Deutschlands Ruf als Erfinder in der Welt wieder aufzufrischen.
Als das Volk noch autark lebte, war es unfähig, sich der trostlosen Langweile zu ergeben. Erst als es von den Reichen an die Ketten einer Fabrik gelegt wurde, schlich sich unablässig die Krankheit des Nichtstuns und des Überflüssigseins in sein überfordertes Herz.
In „Emile“ konnte Rousseau noch schreiben: „Das Volk langweilt sich nicht; es führt ein tätiges Leben. Sind seine Vergnügungen auch nicht mannigfaltig, so sind sie dafür selten. Viele Tage der Mühe machen ihm einige Feiertage zum Genuss. Der Wechsel zwischen langer Arbeit und kurzer Muße ist die Würze der Vergnügungen seines Standes. Die große Geißel der Reichen ist die Langeweile. Inmitten vieler und kostspieliger Zerstreuungen mitten unter so vielen Leuten, die sich Mühe geben, ihnen zu gefallen, langweilen sie sich zu Tode. Sie verbringen ihr Leben damit, die Langeweile zu fliehen und sich von ihr wieder einholen zu lassen.“
Gibt es einen einzigen Film in TV, in dem nicht die Frage gestellt wird: was machen wir heute Abend? Hast du dir überlegt, ob wir nicht ein neues Leben in Thailand beginnen sollten? Die Deutschen wandern aus und sterben ab, die Langweile hat sie im Würgegriff. Draußen in der großen weiten Welt schlüpfen sie unter und verleugnen ihre Herkunft. Eine philosophische Auseinandersetzung mit anderen Überzeugungen kennen sie nicht.
Auch der fromme Kierkegaard kennt die Langeweile als „Erstorbenheit, eine Kontinuität im Nichts.“ Da darf Schopenhauer nicht fehlen, für den „Schmerz und Langweile als letzte Bestandteile des menschlichen Lebens gelten“. Dieses Leben selbst schwingt also, gleich einem Pendel, hin und her, zwischen dem Schmerz und der Langweile.“
In der Lebensphilosophie Leopardis erscheint die Langweile als größter Gegensatz zum Leben, als stärkster Widerspruch zur Natur. Langweile entspringt der Einförmigkeit, sie ist Widersacherin der Lust. Mangel an Freude und Leid zeugt Langweile. Die Langeweile gleicht der Luft, welche alle Zwischenräume zwischen den Gegenständen ausfüllt.
Die Langeweile ist die Nichtigkeitserfahrung des menschlichen Daseins, „sie ist der „Tod im Leben“, das „Nichts im Dasein“, sie ist Gefühl für die Nichtigkeit dessen, was ist, und desjenigen, der sie empfindet und fühlt.“
Fassen wir zusammen: Langeweile ist die Kehrseite des Kapitalismus, die abgezirkelte Arbeitszeit, die uns ermöglicht, uns zu belügen, dass wir zum selbsterarbeiteten Glück in der Natur nicht mehr fähig seien. Weshalb wir die Natur mit Gasen vergiften, damit uns das Atmen vergeht.
Die Hetze des Fortschritts beten wir an, um die Krankheitsphänomene der Langweile zu überdecken.
Wer ist schuld am Krieg und Kriegsgetöse? Die Langeweile, die wir nicht sehen wollen.
Wir langweilen uns derart, dass wir vor kranker Energie explodieren könnten.
„Nationen gewinnen durch Krieg nach außen Ruhe im Innern.“ (Hegel)
Die Weltsituation ist derart zum Zerreißen, dass nur noch Raketen fähig sind, die Spannung zu mildern. Aber keineswegs langfristig. Der lokale Krieg ist so gefährlich, dass die Menschheit den Atem anhalten muss. Putin liegt schon auf der Lauer, um die beiden Kumpane Trump und Netanjahu triumphal zu verstärken.
Krieg ist ein Generalverstoß gegen den Universalismus des Westens, die Doppelmoral der USA und Israels mit eingeschlossen. Doch wer hat Angst vor der Doppelmoral, die von keinem „rationalen“ Regierungschef abgelehnt wird?
Ein amerikanischer Neokonservativer spricht es offen aus:
„Die Herausforderung für die postmoderne Welt besteht darin, sich an den Gedanken der Doppelmoral zu gewöhnen. Untereinander mögen die Europäer auf der Basis von Gesetzen und offener kooperativer Sicherheit agieren. Doch im Umgang mit der außereuropäischen Welt müssen wir auf die raueren Methoden einer früheren Epoche zurückgreifen: Gewalt, Präventivschlag, Täuschung und was sonst noch notwendig sein mag. Im Umgang miteinander halten wir uns an Recht und Gesetz, doch im Dschungel agieren wir nach den Gesetzen des Dschungels.“ (Robert Kagan, Macht und Ohnmacht. Amerika und Europa in der neuen Weltordnung)
Die neue Weltunordnung ist das Werk der untergründigen Langeweile am barbarischen Lebensstil des Westens, die wir nicht erkennen dürfen, weil wir ihr trostlos ausgeliefert sein müssen. Wer sich langweilt, den kotzt die Welt an, nicht weil sie leer ist, sondern weil sie von Massen an Dingen überfüllt ist.
Fortsetzung folgt.