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Die ERDE und wir. C

Tagesmail vom 11.08.2025

Die ERDE und wir. C,

„Die Freude des Menschen ist es, das dem Menschen Eigentümliche zu tun. Eigentümlich ist aber dem Menschen Wohlwollen gegen seinesgleichen, Verachtung der Regungen der Sinne, Durchschauen der blendenden Vorstellungen, denkende Betrachtung der Natur des Alls und dessen, was nach ihrem Willen geschieht. Wenn mich jemand widerlegen und überzeugen kann, dass meine Ansicht oder mein Tun nicht richtig ist, werde ich mit Freuden meinen Standpunkt ändern. Denn ich suche die Wahrheit, von der noch niemals jemand geschädigt wurde. Schaden erleidet ja nur der, der in seinem Irrtum und Unverstand verharrt. Versuche, die Menschen gütlich zu überreden, handle aber gegen ihren Willen, wenn es die Gerechtigkeit fordert. Gewöhne dich daran, das von einem andern Gesagte scharf durchzudenken. Und versetz dich nach Möglichkeit in die Seele des Redenden.“ (Marc Aurel)

Wunderbare Ansichten eines stoischen Kaisers. Kämen wir mit seinen Vorstellungen nicht prima über die Runden?

Nein, Marc Aurel philosophiert über Moral. Und Moral ist das Schlimmste, was uns passieren kann.

Weg mit Moral und allen idealen Vorstellungen, die uns nur die Sinne benebeln.

„Der Naturwissenschaftler unserer Tage soll nicht über die „Nebenwirkungen“ seiner Entdeckungen philosophieren. So wird es gehalten, seit die wissenschaftlichen Akademien im 17. Jahrhundert festlegten, dass in ihren Sitzungen keine Debatten über politische, moralische oder theologische Probleme stattfinden dürften.“ (Robert Jungk, Heller als 1000 Sonnen)

In der Neuzeit muss etwas Ungeheures geschehen sein, dass das Allerbeste der antiken Philosophen mit Abscheu in die Luft zerstäubt wurde. Ist unsere Luft heute möglicherweise deshalb so verunreinigt, dass wir sie immer weniger einatmen können, weil wir sie mit unseren amoralischen Fäkalien beschmutzen?

Eine solche Frage kann nur von einem moralisierenden „Besserwisser“ gestellt werden.

Robert Jungk erzählt von einem Quantenphysiker, der ihm in der Atomstadt Los Alamos 1949 das Geständnis ablegte:

„Es ist doch seltsam und ich kann es nicht begreifen“, sagte er, „meine Jugend stand ganz unter dem Zeichen der Sehnsucht nach Wahrheit, Freiheit und Frieden. Und nun hat mich das Schicksal gerade hierher verschlagen, wo meine Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, die Wahrheit, die ich zu entdecken versuche, hinter Safetüren versperrt bleibt und meine Arbeit letzten Endes dem Bau der furchtbarsten Kriegswaffen gewidmet sein muss. Welch ein widerspruchsvolles Schicksal.“

„Ja, es gab zwar viele, beinahe zu viele Berichte über die wissenschaftliche und technische Geschichte der Atomentwicklung, aber kaum etwas Gedrucktes über die menschlichen und moralischen Probleme dieses Vorgangs.“

Welch ein Zufall, dass in der Biographie der Ex-Kanzlerin, die bekanntlich Physik studierte, die Sachbegriffe „Naturwissenschaft, Moral, Atomphysik und christlicher Weltuntergang“ unauffindbar sind.

Für sie waren das ideologische Schwallbegriffe, mit denen man sie „jagen konnte“.

Wie konnte diese schreckliche Abtrennung der strengen Naturwissenschaft von der Moral der Wissenschaftler geschehen?

Robert Jungk hat eine Erklärung:

„Eine dritte Schwierigkeit, der ich begegnete, war die bei zahlreichen Wissenschaftlern vorherrschende Einstellung, die persönliche, die menschliche Geschichte der Wissenschaftler sei doch eigentlich unwichtig, Was zähle, sei nur ihre objektive Leistung. Hier zeigte sich eine Haltung, die recht eigentlich viele der in diesem Buch beschriebenen Gewissensqualen und Tragödien heraufbeschworen hat. Der Wissenschaftler, der meint, dass er – oder seine Kollegen – nichts anderes als „Werkzeuge der Erkenntnis“ seien; deren persönlicher Charakter, deren Ambitionen, Hoffnungen und Zweifel „nichts bedeuteten“, denkt in Wahrheit unwissenschaftlich. Denn er ignoriert einen wichtigen, vielleicht den ausschlaggebenden Teil des wissenschaftlichen Experiments, nämlich sich selbst oder glaubt, ihn willkürlich ausschalten zu können. Nur durch diese künstliche, erzwungene und unnatürliche Loslösung der wissenschaftlichen Forschungsarbeit von der Wirklichkeit des einzelnen Menschen konnten ja überhaupt Monstren wie die Atom- und Wasserstoffbomben entstehen. Für die Wissenschaftler war Kernwaffenforschung nur höhere Mathematik geblieben, unbefleckt von Blut, Vergiftung und Verwesung. Das – so meinte er – ginge ihn doch gar nichts an.“

Man glaubt es nicht: die menschheitszerstörenden Wirkungen der Atomphysik werden schon lange nicht mehr zur Kenntnis genommen. So wenig wie die naturvernichtenden Wirkungen des ökologischen Wirkens des Menschen überhaupt.

Eine Zeit lang beherrscht eine schreckliche Katastrophe das Tagesgespräch der Menschen. Dann kommt die nächste und die erste verschwindet im Dunkel der Geschichte. Als die ökologischen Gefahren entdeckt und verkündet waren, verwandelten sich Hiroshima und Nagasaki in düstere Episoden der Geschichte.

Die ökologische Bewegung überrannte die Atomgefahren, beide sind heute im Wettbewerb des Wohlstands zu belanglosen Notizen der Geschichte geworden. Die Ökos wissen heute nichts mehr von Oppenheimer und Edward Teller, deren Wissenschaftspolitik ganz schnell an Dringlichkeit und Brisanz verloren hatte.

Warum sind die Grünen heute in der Bedeutungslosigkeit der Geschichte verschwunden? Weil die Naturwissenschaftler der Welt sie im Stich gelassen haben. Nur wenige Symbolgestalten wie Mojib Latif blieben zuverlässige Warner vor den Gefahren der Naturverwüstungen. Das Gros der Naturwissenschaftler erwies sich als bestechlich durch die Ölmagnaten und sahen immer weniger Brandbeulen bei Mutter Natur.

Heute sind die Gazetten voll vom „besten Urlaub“ und von den „lukrativsten Meeresstränden“ der Welt. Aber die dringend nötige Veränderung der naturverderbenden Industrie: das ist keine Neuigkeit mehr in den Gazetten – die im Übrigen dieselbe Politik der positivistischen Verdrängung eingeschlagen haben wie die Naturwissenschaft.

„Schreiben, was ist“, lautet die Losung Rudolf Augsteins. Zwar gibt es immer mehr Schreiber, die dem Motto nicht mehr akkurat folgen, dennoch haben sie das Motto bis heute nicht aufgegeben.

Zu den positivistischen Meinungsverdrängern gehören auch Historiker und all jene, die nur wegen einer absolut unpersönlichen Erkenntnis berühmt werden wollen.

Nur Naturwissenschaftler, deren Erkenntnisse quantitativ berechnet und nach Belieben überprüft werden können, gelten heute als objektive Wissenschaftler. Alle anderen sind subjektive Schwätzer.

Die Objektivität der Naturwissenschaften seit Galilei und Newton haben ihnen den Ruhm der absolut zuverlässigen Wissenschaften eingebracht – wenn wir einmal von der ambivalenten Quantenphysik absehen wollen. Denn auch bei dieser gibt es immer noch mehrere Lösungsmöglichkeiten, die in sich widersprüchlich und gar nicht eindeutig sind.

Günther Anders hat in seinem Buch „Die atomare Drohung“ (1972) die ungeheure Gefahr der Atomwissenschaften so beschrieben:

„Und dieser Sprung, der sich vor 13 Jahren, am Tage der Bebombung von Hiroshima und Nagasaki ereignet hat, war nicht nur ein neuer Sprung, sondern ein Sprung neuer Art; einer, von so unerhörter und so ungeheuerlicher Art, dass es irreführend sein würde, ihn unter die gewohnte Klasse der „Sprünge in die neue Qualität“ zu subsumieren. Neu war seine Art insofern, als er einen Sprung ins Absolute darstellte.

Dieser Sprung war nämlich ein „Sprung ins Absolute“. Der neue Sprung, um den es sich handelt, ist der aus dem Großmacht-Status in den Allmacht-Status. Das aber bedeutet, einen Sprung ins Apokalyptische, insofern er das fernere Sein oder Nichtsein des Menschengeschlechtes – vermutlich allen irdischen Lebens – entscheidet. Das Machtpotential des Menschen ist schrankenlos geworden.“

Es war eine gigantische Entdeckung der Naturwissenschaften, eine vollkommen objektive Erkenntnisart allein durch Zählen, Messen und Rechnen zu erringen. Doch dann erlagen sie der Versuchung ihrer Jahrhunderttat: aus der Qualität ihrer neuen Erkenntnisse durch nachprüfbare Quantitäten schlossen sie auf die neue Fähigkeit, der objektiven Erkenntnis eine neue objektive Art der nicht-quantitativen Erkenntnisart hinzuzufügen.

Ein Krieger kann genau berechnen, wie eine Raketenkugel den Gegner trifft, doch daraus kann er nicht schließen, dass er einen heiligen Krieg gegen seine Feinde führt, den er mit Gottes Willen gewinnen wird.

Die Physik machte denselben Fehler wie die Theologie, die sich auf eine allwissende Schrift gründet, doch mit der Ermächtigung, durch die Interpretation dieser Schrift erfolgreiche Losungen für die irdische Politik abzuleiten. Der Papst ist nicht allmächtig, wenn er auf dem Thron Petri der Welt seine Weisungen verkündet.

Diesen „theologischen“ Fehler der Naturwissenschaften klagt Mumford als „Verbrechen Galileis“ an:

„Durch seine ausschließliche Konzentration auf Quantität hat Galilei im Endeffekt die reale Welt der Erfahrung disqualifiziert, und er hat auf diese Weise den Menschen aus der lebenden Natur in eine kosmische Wüste vertrieben, noch gebieterischer als Jehova Adam und Eva aus dem Garten der Erkenntnis vertrieben hatte. Aber in Galileis Fall lag die Bestrafung für den Genuss des Apfels vom Baum der Erkenntnis selbst: Denn diese geschmacklose vertrocknete Frucht war außerstande, Leben zu erhalten oder zu reproduzieren. Ein riesiges Gebiet der realen Welt, die Welt der lebenden Organismen, war aus dem Bereich der exakten Wissenschaften ausgeschlossen; die Prozesse und Gebilde, die am deutlichsten dieser Welt gehören, wurden zusammen mit Geschichte und Kultur als „subjektiv“ ignoriert, da nur ein winziger Teil … in mathematischen Begriffen beschrieben werden konnte. Nur Kadaver und Skelette waren geeignete Kandidaten für wissenschaftliche Behandlung. Zugleich wurde die materielle Welt, das heißt, die abstrakte Welt der physikalischen Objekte, die in ebenso abstraktem Raum und abstrakter Zeit operierte, so behandelt, als ob nur sie allein Realität besäße. Galilei hat in aller Unschuld das historische Erstgeburtsrecht des Menschen aufgegeben: die der Erinnerung werte, die akkumulierte Kultur. Indem er die Subjektivität verwarf, exkommunizierte er das zentrale Subjekt der Geschichte, den mehrdimensionalen Menschen.“

Besitzt die Erkenntnis der Natur keine Bedeutung mehr für den ganzen Menschen?

Wahre Erkenntnis ist ein vollständiger Akt aus subjektiver und objektiver Vernunft.

Und jetzt wird’s allmählich klar, wohin das Ganze führen soll. Die wahre Erkenntnis des Menschen ist die Erkenntnis der totalen Maschine: der KI.

„Um sich vom Organischen, Autonomen und Subjektiven zu befreien, muss der Mensch sich in eine Maschine verwandeln, besser noch in einen integralen Bestandteil einer größeren Maschine, die mit Hilfe der neuen Methode geschaffen werden soll.“

Die KI ist das geheime Ziel des Fortschritts – der dem Menschen alles wissenschaftliche Erkennen abnehmen soll.

„Selbst Atome, sagen die Physiker heute, haben ein Inneres, dem Auge unzugänglich, rätselhaft für den Geist.“

Was war das Gesamtergebnis des Verbrechens von Galilei?

„Als Galileis Nachfolger dieses unermessliche kulturelle Erbe auf das Messbare, das Objektive, das Kontrollierbare und das Wiederholbare reduzierten, verfälschten und verhüllten sie nicht nur die grundlegenden Fakten der menschlichen Existenz, sondern beschnitten auch die Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen. Sie schufen gespaltene Persönlichkeiten.“

Heute beherrschen entmoralisierte Wissenschaften die Kadaver und Skelette der Menschheit.

Fortsetzung folgt.
Die nächste Tagesmail kommt in 14. Tagen.