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Sonntag, 06. November 2011 – Schwätzerkultur

Hello, Freunde Freuds,

skalpiere das Wort Freude und du erhältst Sigmund Freud. Mit Namen spielt man nicht, doch jeder Seelenforscher kennt die Macht der Namen über ihre Träger. Nomen est omen. Im Auftrag des Herrn benennt Adam alle Tiere, um sie zu beherrschen. „Und der Mensch gab allem Vieh und allen Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes Namen.“ Merkwürdig, wie der Text weitergeht: „… aber für den Menschen fand er keine Hilfe, die zu ihm passte.“ (Der ganze Abschnitt beginnt mit der selbstkritischen Aussage des Herrn: „Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei.“ (Der Knacks in der Schöpfung beginnt nicht mit dem Sündenfall. Er beginnt mit dem Alleinsein des Mannes, des unvergleichlichen Individuums, das umzingelt ist von vergleichlichen Kreaturen einer sehr schlechten Natur. Gott sieht den Pfusch, den er angerichtet hat: die Einsamkeit des Adam, und sinnt auf Abhilfe. Tiere und Pflanzen sind keine gleichwertigen Partner für die Krone der Schöpfung. Der Mann braucht jemanden seinesgleichen, was Flora und Fauna niemals bieten kann.

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Dienstag, 22. November 2011 – Firma Gott & Geld

Hello, Freunde des Wandels,

verglichen mit anderen Weltkörpern ist die Erde einer der reichsten Planeten. Das BIP von Mond und Mars ist beschämend nullverdächtig. Nicht mal W-Lan-Anschlüsse soll es auf den gottverlassenen Materieklumpen geben. Wie herrlich weit hingegen haben wir es gebracht. Die Erde wird mit Geld überschwemmt. Zasterfluten schwappen in Lichtgeschwindigkeit rund um den Globus, werden gar nicht mehr benötigt für die primitive materiebehaftete Wirtschaft.

In Trotz und Überheblichkeit haben sich die Goldfluten ein spirituelles Reich hoch über den Sterblichen erbaut, wo sie Aristoteles nach Belieben widerlegen: Geld kann doch Geld hecken. Es treibt es mit sich selbst, macht sich Avancen, zeigt sich sensibel wie ein Reh, attackiert waidwunde Gegner, verschmäht jede Berührung mit der Materie, bestäubt sich parthenogenetisch und wuchert in Nanosekunden in Billionenhöhen. Da hängen sie wie Gewitterwolken über uns, selbst bei reichen Europäern können die rasenden Blitze jeden Augenblick einschlagen.

Wo stehen wir? Im Bereich des Heiligen. 1917, mitten in den Schrecknissen des Ersten Weltkriegs, hat Rudolf Otto das Heilige als Tremdendum und Fascinosum beschrieben. Da gibt es eine überwältigende Macht. Die einen

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Donnerstag, 08. Dezember 2011 – Entfriedungskapitalismus

Hello, Freunde des Luxus,

„Es kommt überhaupt nicht in Frage, sich in dieser allgemeinen Verdrossenheit gehen zu lassen“. Also silberne Teller, Leuchter und Bonbonnieren aus Kristall und eine kleine elektrische Eisenbahn, die um die erlesenen Whiskygläser kurvt. Nicht alle Reichen sind so rückgratlos, dass sie ihren Luxus einfach verleugneten, wenn sie aus dem Reich des Überflüssigen ins Notwendige abstürzen.

Karl Lagerfeld gehört zu den Rigoristen unter den französischen Bohemiens – pardon, Luxusmalochern –, die das Leben als Gesamtkunstwerk zelebrieren. Und damit zur Avantgarde derer, die sich um die deutsch-französische Synthese aus Gott in Frankreich und Kant aus Königsberg gesamteuropäische Verdienste erwerben.

Würde der strenge Karl in Hartz4 abstürzen, sähe man ihn nie beim geretteten Silberleuchter einen charakterlosen Teebeutel in einen germanoiden Humpen stürzen. Le style, c’est l’ homme, den Satz Buffons pflegte man in unemanzipierten Zeiten zu übersetzen mit „Am Stil erkennt man den Mann“.

Womit wir das Geheimnis ausgeplaudert hätten, warum es brünstige Frauen in die oberen Etagen zieht. Es ist amerikanischer Unfug, zu sagen: Macht ist sexy. Angie könnte sich sonst vor Liebhabern gar nicht retten. Sinnlichkeit sucht Stil, den sie selber nicht hat – würden arrogante Weibererzieher sagen.

Ohne Luxus keine erhöhte Nachfrage, ohne erhöhte Nachfrage keine nach oben offene Produktion exquisiten Tands, der Bedürfnisse zu befriedigen hat, die angeblich relativ, individuell-unvergleichlich und unendlich sein sollen. Ohne unendlichen Tand

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Samstag, 24. Dezember 2011 – Das heilige Kind

Hello, Freunde des Gleitens,

gleitende Arbeitszeit, jeder bestimmt, wann er kommt und geht. Gleiten: „Die  Bed. „rutschen, sich schwebend bewegen“, hat sich demnach aus „blank, glatt sein“ entwickelt. Intensivbildung zu „gleiten“ ist – glitschen.“ In der FAZgleitet Syrien in einen Bürgerkrieg ab“. Manch abgeglittene Bürgerkriege bewegen sich schwebend im Blut ihrer Bürger. Manch glatte und blanke Bürgergazetten sind darüber schon ausgerutscht.

China peitscht und belohnt. Für seine kritischen Texte wird Chen Wei neun Jahre lang in den Kerker gesteckt, das aufmüpfige Dorf Wukan wird von der Partei gelobt. 

Auf Farmen von Wiesenhof wird Hühnern unbetäubt das Genick gebrochen. Nach Descartes, einem gläubigen Katholiken, sind Tiere seelen- und instinktlose Automaten. Vor kurzem noch – im 19. Jahrhundert – wurden Tierschutzvereine von Päpsten exkommuniziert. Für Apologeten, mittelalterliche Verteidiger des Glaubens, unterscheidet sich allein der Christ von den Tieren.

Heiden und Ungläubige stehen auf tierischer Stufe. Man kann ihnen gefahrlos die Hälse umdrehen. Würden Wiesenhof-Hühner die heilige Kommunion begehren, würde man sie wie Menschen und nicht wie Vieh und Heiden behandeln. Wir wissen nicht, ob

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Montag, 07. November 2011 – Thea Dorn versus Wolf Biermann

Hello, Freunde Amerikas,

vor kurzem erhielten noch 75% aller Arbeitslosen in Amerika Sozialhilfe. Gewöhnlich Stütze genannt, ein grässliches Wort. Da humpeln sie, die Überflüssigen und müssen mit Krücken abgestützt werden, damit sie nicht auf die gebisslose Fresse fallen. Wie wärs, um Hayek nicht zu vergessen, mit Wieselwort-Rollator? Oder staatlicher Kriechhilfe? Schnappatmungszuschuss? Förderforder-Knete? Leer-investitionen für Unterschichten und Loser? Bei Zockern, die mit Nichts Alles gewinnen wollen, sind Leergeschäfte ja auch erlaubt.

Überhaupt sollte man daran denken, die Obdachlosenarmeen an der Börse zuzulassen. Wenn ein Stinkstiefel pro Tag den großen Reibach macht, ist per Hebelwirkung bald die ganze Mischpoke von der Straße. Schafft viele Börsen im Land, dann ist Wallstreet auch relativiert.

Inzwischen sind es nur 48%, die vom Staat bevormundend über Wasser gehalten werden. Wovon leben die? Eine Randmeldung in der TAZ und niemand fühlt sich animiert, Fragen zu stellen. Hintergrundfragen natürlich, damit niemand denke, der deutsche Journalismus sei eine vordergründige Frontensau. Ein Drittel der 14 Millionen Müßiggänger ist

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Mittwoch, 23. November 2011 – Feindschaft der Ungleichen

Hello, Freunde der Billionen,

zuviel freischwebende Geldmassen in der Weltwirtschaft, es herrsche „Anlagenotstand auf Erden“. Schreibt Ulrike Herrmann in der TAZ.

Obwohl Amerika wesentlich mehr Schulden hat als europäische Staaten, fließt das Geld der Anleger ungehindert und angstfrei übern großen Teich. Der Grund: die US-Notenbank Fed kauft alles, was von der Welt verschmäht wird. Als letzte Adresse für ungeliebte Staatsanleihen, so versteht sich die Fed. Als „lender of last resort“, als Kreditgeber der letzten Instanz.

Das hat etwas Tröstliches und Jesuanisches: kommet her, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Klingt einfach und genial, wo ist der Haken? Die Fed muss sich aufblähen, Mammon ad infinitum drucken. Die freischwebenden Geldmassen werden noch voluminöser, der Anlagenotstand auf Erden noch dringlicher und notständiger. Es ist wie bei Messiassen, die so viel – zu viel – Gutes anzubieten hätten, wenn, ja wenn die böse Welt es nur annehmen könnte.

Erlöser sind zu gut für diese Welt, die Welt hat sie nicht verdient – also muss sie vernichtet werden. Man könnte auch von Überdüngung sprechen. Wohin mit den Wohltaten für die ausgelaugte Krume, wenn diese schon resistent geworden ist gegen die Segnungen der Kunstdünger der BASF? Man könnte ja erstmal

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Freitag, 09. Dezember 2011 – Mediale Psychotherapeuten

Hello, Freunde der Erzählung,

ohne Erzählung geht es nicht. Was will uns der Literat mit seinem neuen Roman mitteilen? Er hat keine Botschaft für die Menschheit. Die „Gute Botschaft“ oder das Euangellion hat ganz Europa zermürbt. Der Schriftsteller will nur eine Geschichte erzählen. Keine Gedanken, keine Moral, vor allem keine Ideologie.

Zwei Lieblingsdinge derer, die uns an arrivierter Stelle mitteilen dürfen, dass sie nichts mitzuteilen haben, sind Geschichten und Bilder. Sie haben Erzählungen und Bilderchen mitgebracht. Das Publikum wird zur Kinderstube, weg mit überfordernden Gedanken. Geschichten und Bilder sind nicht widerlegbar, ihr Unterhaltungskoeffizient reicht länger als einsdreißig, der Standardzeit normaler Tagesschaubeiträge. Aber nicht länger als ein mäßig spannender Abend im Literaturcafe.

Worum geht’s? Um eine neue „Erzählung“ über Europa. Die Kernländer in der Mitte sind europa-ausgebrannt, an der Peripherie aber pulsiert neues Leben. „Im Osten, nein, in der Mitte Europas, entsteht eine neue, eine positive Erzählung über Europa. Eine Geschichte, die von Aufbruch und Veränderung, von Toleranz und Tradition handelt.“

Ort des Geschehens ist Vilnius, Hauptstadt von Litauen. Liegt das nicht hinter Sibirien, dann drei Tage nach rechts? Neunmal wechselte Vilnius zwischen den Weltkriegen seine Befehlshaber, wurden komplette Bevölkerungstruppen vertrieben. In dieser gebeutelten, vielsprachigen, von vielen Ethnien bewohnten Stadt herrscht mehr Zustimmung für Europa als in den Kernländern der EU.

„Selten zuvor hat man gelassenere Menschen erlebt als in diesem Jahr bei

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Sonntag, 25. Dezember 2011 – Prantls Volkszählung

Hello, Freunde der kleinen Leut,

kann man nachträglich einen Mächtigen zum Rücktritt nötigen? Dann müsste es der andere Hannoveraner sein, der mit dem unwiderstehlichen Siegerfeixen. In Moskau fordern riesige Mengen wütender, aufgewachter Russen den Rücktritt eines lupenreinen Demokraten. Den Rücktritt jenes Hannoveraners hätten sie gleich mit fordern sollen. Weg mit dem Oberkörper und der Havannazigarre nach Sibirien zum Schneeschippen ohne Handschuhe.

Wer fährt nach Moskau, um sich bei den Demonstranten für unsere deutschen Rohrkrepierer zu entschuldigen? Aber nein, unsere Richter & Propheten mit den staunenden Hirtenaugen haben alle Hände voll zu tun mit dem kleinen Jesulein und einem kammerdienernden Schacherpräsident, bei dem nur verwundert, mit wie wenig Beute er sich zufrieden gab. Madoff würde vor Lachen bersten.

In Moskau müssen wir uns wegen Lupenrein-Schröder, in der Wallstreet wegen Klinker-Wulff schämen. Bleibt als Lichtblick nur Angie. Sie kocht am Fest selbst: pommersche Klöße zur polnischen Biogans. Wenn einem so viel Liebes widerfährt, kann man als Nachtisch schon mal Europa flambieren.

Warum wir unbedingt das Weihnachtsfest brauchen? Weil es Punkt zwei Uhr wie mit einem Zauberschlag rundum stille wird. An der reißenden Dreisam nur noch die letzten Jogger – vermutlich haben sie wieder das Geschenk für die Liebste vergessen –, das ordinäre Flutlicht der Sportanlagen ist gelöscht.

Drei kostbare Stunden der Entschleunigung – bis um sechs der Schichtwechsel eintritt. Schnell von Papas Eltern zu Mamas Eltern, im letzten Jahr war’s umgekehrt. Danach in geschlossener Familienhorde ins Münster.

Was sagt das männliche Mundstück Gottes? Der Wohlstand habe sein Grenzen, das Mütterliche – pardon, das Materielle – nehme überhand? Das ist wahre Seelenspeise, ein Digestiv für den vollen Magen. Recht hat er, der

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Dienstag, 08. November 2011 – Die neuen Vermittler

Hello, Freunde der Unmittelbarkeit,

ganz nah dran sein, mit der Nase an der Fensterscheibe, dem Mikrofon im Schlüsselloch, der Wanze im Herrenklo, so stellen Journalisten sich ihren Job vor. Wenn sie etwas ganz genau wissen wollen, gehen sie „auf Rundreise“. Durch Deutschland, quer durch die Jugendszenerie, durch versnobte Adelshäuser, vernachlässigte Tierpflegeheime, schmuddlige Swingerclubs, seriöse Bestattungsinstitute oder was sonst auf dem Markt verlangt wird.

Broder & Assistent leihen sich einen aufgebretzelten Oldtimer, mit dem sie wochenlang kreuz & quer durch das Ex-Land des Holocaust touren. Ergebnis ihrer Rundreise: Die Grundverfassung der Deutschen ist Angst. Eine ungewöhnliche Diagnose, besonders wenn man von German Angst nur 10 mal in der Woche hört. Hab ich Angst gehört? Von einer Nation, die seit Bismarck nur Angst und Schrecken verbreitet?

Bei Freud gibt es die Identifikation des Opfers mit dem Angreifer oder vive versa. Ohne diese Eigenart der unsterblichen Seele verstünde man nichts von sadomasochistischer Beglückungsgewalt. Haben die bundesrepublikanischen Ex-Täter sich die Gefühle ihrer Opfer angeeignet, um strategisch im Patientenschutz auszuharren, bis sie eines Tages

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Donnerstag, 24. November 2011 – Die deutschen Gutmenschen

Hello, Freunde der Eurobonds,

Medien sind entweder unfähig, Wirtschaft zu erklären. Oder sie dürfen und wollen es nicht, um die Spannung ihrer Leser aufrecht zu erhalten. Fortsetzung der Euro-Soap-Opera: welcher Staat stirbt in der nächsten Folge? Der Gyros-Grieche, der Espresso-Italiener?

Wüsste das geneigte Publikum seit den ersten Krisenzeichen, dass Eurobonds Solidarität bedeuten und alle andern Maßnahmen Nichtsolidarität, hätte es mit hoher Wahrscheinlichkeit anders reagiert, als gehässig auf die Griechen einzuschlagen: Unser Geld kriegt ihr nicht, ihr Hellenen.

Hätten die Politiker von Anfang an die richtigen Weichen gestellt, wär’s nie zu einer ausgewachsenen Krise gekommen. Wie langweilig für SPIEGEL, ZEIT, SZ und WELT ohne künstliche, gedehnte Nick-Knatterton-Spannung. Gottlob können sie Guttenberg reaktivieren, den reuigen Lügenbaron, der nach Abflauen der Euro-Tragödie für Glanz und Elend sorgen wird. 

Die Bevölkerung ist nicht egoistischer als man sich an fünf Fingern ausrechnen kann. Sie ist in jene zwei Moralen gespalten, in denen sie seit Jahrtausenden sozialisiert wird: in private Solidarität und politischen Egoismus. Die karitativen Ausgaben der Menschen steigen noch immer, obgleich ihre realen Einkünfte

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