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Alles hat keine Zeit XXVIII

Alles hat keine Zeit XXVIII,

die richtige Seite der Geschichte? Wie viele Seiten hat die Geschichte?

Müssen Demokraten sich auf die richtige Seite der Geschichte stellen?

„Der Belarus-Konflikt darf auf gar keinen Fall zum Stellvertreterkrieg zwischen Russland und Europa werden. Muss er auch nicht. Denn die Demonstranten haben keine ideologische Agenda. Sie wollen Unabhängigkeit, sie wollen Freiheit. Seit 1989 gab es keine Revolution, die so friedlich, so sympathisch, so frei von ausländischen Interessen war. Die Belarussen wollen Rechte, die jeder von uns in Anspruch nehmen will: Meinungsfreiheit, faire Wahlen, eine bessere Zukunft. Es wäre unsinnig, einen großen Teil des belarussischen Volkes einfach zu ignorieren. Früher oder später wird es ohnehin zu einem Umsturz kommen. Für alle Beobachter des Konflikts wäre es nun ratsam, sich auf die richtige Seite der Geschichte zu stellen.“ (Berliner-Zeitung.de)

Die belarussische Revolution unterstützen hieße: sich auf die richtige Seite der Geschichte stellen? Denn die Demonstranten hätten keine ideologische Agenda?

Alle Begriffe sind unklar und kontaminiert.

Ideologie ist eine Ideenlehre. Ideen sind Leitbegriffe, an denen der Mensch sich ausrichtet. Theoretisch sind sie Inbegriff der Wahrheit der Natur, wie sie ist; praktisch Inbegriff der Wahrheit des menschlichen Zusammenlebens, wie es sein sollte. Bei Platon waren Ideen getrennt von der sinnlichen … … Wirklichkeit in einer anderen Welt, die zwar mit der sinnlichen verbunden war, dennoch für sich eine zweite „ideale“ Welt oberhalb der realen bildete.

Platon gilt als Vorläufer des Christentums, weil er eine perfekte Ideenwelt über die unvollkommene Sinnenwelt stellte. Dennoch gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen Platon und Christus.

Paulus ermahnte seine Leser in Rom: „Stellet euch nicht dieser Welt gleich“. Platon wäre eine solche Überheblichkeit der jenseitigen Welt nicht eingefallen. Das paulinische Jenseits verachtet das irdische Diesseits und bedroht es durch den Verlauf der Geschichte – die eine Heilsgeschichte ist – mit totaler Vernichtung.

Dieses religiöse Hass- und Vernichtungsverhältnis gibt es bei Platon nicht. Die ideale Welt ist das Vorbild der sinnlichen, die sich im Bereich des Menschlichen jener Idealität annähern soll. Bei Paulus sollen die Christen zwar die Gebote des Himmels – „das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“ – befolgen, aber nur, um als Einzelne und Erwählte die jenseitige Seligkeit zu erringen. Nicht, um das verdorbene Diesseits mit Politik in ein paradiesisches Reich auf Erden zu verwandeln.

Ausnahme: die calvinistischen Amerikaner fühlten sich bereits hier auf Erden als auserwähltes Volk Gottes, das im Diesseits eine eschatologische Vorwegnahme des Reiches Gottes erleben darf.

Diese „manifest destination“ geht momentan in die Brüche, für Biblizisten ein Signal, dass die Welt in letzten Zügen liegt und die Moderne ihr antichristliches Gesicht mit allen Schrecknissen offenbart. Deshalb braucht Amerika einen gläubigen Trump, der der bösen Welt zeigt, dass es jetzt um Alles oder Nichts geht. Dass ein solcher Kämpfer kein sanfter Konfirmandenbubi sein kann, versteht sich von selbst. Helden Gottes war schon immer alles erlaubt, um das Heilige voranzubringen.

Wie kam Platon zu dieser Aufteilung der Welt in eine unvollkommene Sinnen- und eine vollkommene Ideenwelt? Gewiss, dualistische Jenseitsvorstellungen hatte er im Ausland kennengelernt. Der eigentliche Antrieb aber war der Tod seines bewunderten Lehrers Sokrates. Eine Welt, die zu einem solch fluchwürdigen Verbrechen fähig war, konnte weder perfekt noch perfektionsfähig sein.

Sokrates hatte noch an eine gute Welt geglaubt. Tat der Mensch Böses, lag es nicht an seiner bösen Veranlagung, sondern daran, dass er das Gute nicht klar erkannt hatte. Wer das Gute erkannt hat, tut es auch: das war sokratische Grundüberzeugung.

Sein Tod bewirkt einen metaphysischen Bruch bei seinem genialen Schüler: der Glaube an das basale Gute ging verloren. Platon setzte neben die „gute Weltseele“ eine andere:

„Platon scheute die Folgerung nicht: wolle man die Welt verstehen, müsse man neben der „guten Weltseele“, die alles Vollkommene hervorbringe, noch ein zweites Element annehmen, das ihr entgegenwirke. Das kann für sein Weltgefühl keine widergöttliche, radikal böse Macht sein, sondern nur ein Negatives, die Unvollkommenheit, die sich notwendig daraus ergibt, dass sich die ewige Idee des Guten um sinnlichen, vergänglichen Stoffe nicht rein realisieren kann. Von einem „Radikalbösen“ dürfen wir aber nicht reden; denn die niederen Vermögen sind an sich nichts Böses. Sie sind mit der Existenz des Menschen als irdisches Lebewesen gegeben und zu dessen Erhaltung nützlich, ja notwendig. Zum schlechten Handeln führen sie nur, wenn sie das rechte Maß überschreiten und sich auf Kosten des Intellekts durchsetzen.“ (Max Pohlenz, Griechische Freiheit)

Das Böse, das man durch sinnvollen Gebrauch noch gut machen kann, das war noch griechisches – wenn auch leicht angekränkeltes – Vertrauen in die Intaktheit des Kosmos.

Das Böse als Motiv, als treibendes Element des Guten, wurde zum innersten Kern des Abendlands, von Augustin über Thomas, Mandeville, Goethe, Hegel, Nietzsche bis zu Hitler. Das platonische Element wurde verstärkt durch den christlichen Teufel, der das mächtigste Werkzeug Gottes war. Eine doppelte Ahnenreihe der europäischen Doppelzüngigkeit, das Gute zu predigen, das Böse aber die Drecksarbeit machen zu lassen.

Erst das Christentum ging den letzten Schritt, um den guten Kosmos zu zerstören und das Sein bis ins Innerste zu spalten: hie die böse, zum Untergang verurteilte Natur, dort das vollkommene Jenseits.

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Das war das Todesurteil über die griechische Polis durch die Allmacht der vollkommenen Stadt Gottes.

Platon wollte das Vollkommene auf Erden durch menschliches Erkennen und Tun verwirklichen. Das war Politeia, sein perfekter Staat, der durch vollkommene Weisheit der Weisen regiert werden sollte. Wer nicht zur kleinen Schicht der Weisen gehörte, der hatte keine andere Chance, der Perfektion teilhaftig zu werden als durch Unterordnung unter das Regime der Weisen. Freiwillig oder durch Gewalt. Platons Vertrauen in die Freiwilligkeit der Gutmütigen war gering. Blieb nur: die Erfindung des europäischen Urfaschismus.

Was bis heute nicht verstanden wird: Faschismus will das Gute, glaubt aber nicht, dass Menschen zum Guten fähig sind, weshalb sie zum Glück gezwungen werden müssen. Faschismus ist Zwangsbeglückung. Glück ist das Beste, Zwang das Übelste. Weshalb ein kluger Mensch sagte: corruptio optimi pessima, die Entartung des Besten führt zum Schlimmsten.

Faschismus ist Enttäuschung der Guten, die wollen, dass alles gut sei, aber aus zorniger Enttäuschung zur Gewalt greifen, um das Gute zu erzwingen. Faschisten fehlt die Geduld, die Menschen nach ihren Möglichkeiten entwickeln zu lassen. Denn Pädagogik allein genügt nicht, es muss Politik dazukommen, um die Pädagogik zu verallgemeinern.

Demokratie ist ein gemeinschaftliches Selbsterziehungsprogramm, das die Einzelnen durch Gesellschaft, Gesellschaft durch die Einzelnen zu Freiheit und Selbstbestimmung heranzieht.

Sozialismus und Kapitalismus sind komplementäre Perversionen der beiden Pole. Sozialismus pervertiert das Allgemeine zum Kollektivismus, Kapitalismus das Individuelle zum Solipsismus (Ichsucht). In geglückten Demokratien ergänzen sich Ich und Gesellschaft. Davon sind wir weit entfernt. Selbst in einer Coronakrise werden die Reichen reicher. Gleichgültig, was passiert, die Verteilungsmechanismen der modernen Demokratien privilegieren diejenigen, die ohnehin privilegiert sind. Der Himmel hat sein Wohlgefallen dran.

„Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, so wir anders mit leiden, auf daß wir auch mit zur HERRLIchkeit erhoben werden. Fürchte dich nicht, du kleine Herde! denn es ist eures Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben. Dulden wir, so werden wir mitherrschen. Wer überwindet, wird alles ererben.“

Glauben ist virtuelles Vorwegnehmen der Herrschaft über die Welt. Mitten in Leid und Schmerz spüren sie die beginnende Macht über die Welt. Da es totale Macht über die Erde ist, reden wir von Totalitarismus.

Platons Totalitarismus erstreckte sich über eine winzige Stadt, abgeschirmt vom riesigen Rest der Welt; christlicher Totalitarismus umfasst die ganze Welt. Höchststrafen bei Platon waren Zwangsaufenthalt in KZs und die Todesstrafe; für Christen ist es ewige Höllenstrafe.

Als die griechische Polis durch wuchernden Kapitalismus, grenzenlosen Individualismus und Absage der Starken an Regeln der Selbstbeherrschung und Selbstgenügsamkeit sich in alle Teile zerlegte, entwickelte sie sich in zwei Richtungen:

a) in den Kosmopolitismus der beginnenden hellenischen Weltherrschaft und

b) in den Totalitarismus des Urchristentums, das sich mit irdischer Weltherrschaft nicht begnügte, sondern sie komplettierte mit der Herrschaft über eine zweigeteilte Unendlichkeit, aufgespalten in ewige Seligkeit und Höllenstrafe.

Wäre es gelungen, die Demokratie gewaltfrei über die Völker zu verbreiten, wären uns platonischer und christlicher Totalitarismus erspart geblieben. Das Glück der Menschheit hätte eine virtuelle Zwangsbeglückung im Jenseits verhindert.

Die modernen Demokratien drohen ebenfalls, sich durch Versagen aufzulösen. Uns erwarten die gleichen alternativen Zukunftsmöglichkeiten wie die der Urzeiten: auf der einen Seite verstärkt sich der Drang zu totalitären Überwachungsstaaten, auf der anderen die Verschärfung der Heilsgeschichte zum apokalyptischen Finale.

Die damaligen Riesenreiche: die hellenischen Staaten und das römische Reich wurden zu ungeheuren Machtsystemen, denen es aber nicht gelang, den Zerfall ihrer Macht durch explodierende Klassensysteme zu verhindern. Alles endete im Chaos, das sich durch die magische Verheißungskraft einer Jenseitsreligion zur mittelalterlichen Doppelherrschaft aus religiöser und irdischer Macht entwickelte.

Nun begann, nach dem Prozess der Inhumanisierung des Humanen, der umgekehrte Prozess: die scheinbar toten Kräfte der Polis und der kosmopolitischen Menschenrechte waren nicht tot, sondern kehrten zurück und verkündeten ein neues Zeitalter des Lichts. Demokratie feierte fröhliche Urständ, drängte die feudal-klerikalen Despotien zurück und brachte der Neuzeit die Herrschaft befreiter Völker. Auf der einen Seite. Auf der anderen war es die uralte despotische Ungeduld, die die Zwangsbeglückungen des Christentums in totalitäre Regimes verwandelte.

Die westliche Demokratie erlebte ihre Triumphe, schaffte es aber nicht, den Spaltvirus der Eigenmächtigkeit und der Begierde nach dem Unendlichen unschädlich zu machen. Es entstand, was wir gegenwärtig erleben: der Zerfall der westlichen Demokratie.

Aber auch die repressiven Großmächte sind durch globalisierende Demokratisierung der Menschheit bis in den letzten Winkel der Erde in ihrem Bestand gefährdet. Überall protestieren die Menschen gegen ihre Unterdrückung und gegen die suizidalen Gefahren der Gattung. Die gemeinsame Gefahr des Untergangs schmiedet das Menschengeschlecht zusammen. Noch ist alles möglich.

Verzagen ist nicht erlaubt, es wäre der sichere Tod. Unsere Devise sollte die des homerischen Hektor sein. Im selben Augenblick, als er den Tod vor Augen hat und erkennt, dass er von allen Göttern betrogen und verraten ist, wächst er zur vollen menschlichen Größe empor. Nicht Angst übermannt ihn, er hat nur einen Gedanken:

„Dass ich nur tatenlos nicht, nicht ruhmlos ende mein Leben,
nein, noch Großes vollbringe, den künft’gen Menschen zur Kunde.“

Auf den Ruhm zukünftiger Generationen müssen wir vielleicht verzichten. Solange wir aber Kinder haben, sollten wir Großes vollbringen, über uns hinauswachsen, ja, unsere seit Jahrhunderten unterdrückten Fähigkeiten wiedererwecken, um das Licht einer humanen Menschheit nicht erlöschen zu lassen.

Woher bekamen die Griechen die Kraft, eine bis dahin unbekannte Form des Zusammenlebens, die Polis, einzurichten? Indem sie das Unmögliche probierten und den Kampf gegen eine weit überlegene Weltmacht kämpften: sie traten gegen die Perser an – und obsiegten.

Das heutige Äquivalent zum historischen Persien sind nicht so sehr die Weltmächte, sondern die selbstzerstörenden Gewalten unserer Geschichte, die wir als Heilsgeschichte zelebrieren: der Glaube an ewigen Fortschritt durch Zerstörung der Natur, der Wahn, Gesetze der Natur außer Kraft zu setzen durch Eroberung der Unsterblichkeit und Gottähnlichkeit.

Wir müssen umkehren zum Glück der Selbstbescheidung. Ein anderes Glück gibt es nicht. Wessen Bedürfnisse nur gestillt werden können durch unstillbare neue Bedürfnisse, der wird verloren gehen – und wenn er gleich das Geheimnis aller Genscheren und Schwarzen Löcher entschlüsselte und alle Schätze des Universums fände.

Wahres Glück ist Frieden mit sich, der Menschheit und der ganzen Natur. Das aber erfordert die Rehabilitierung der Zu-Frieden-heit. Das Unglück der Menschheit begann, als ihre Heilsgeschichte gebot, in keinem Hier und Jetzt anzukommen, mit nichts gesättigt zu sein, in keiner Windstille der Seele zu Hause zu sein. Wo es mir gut geht, da bin ich zu Hause. Also sollte es jedem Menschen an jedem Punkt der Welt gut gehen, damit seine Heimat überall sein kann.

Die wahren Zerstörer der Welt sind nicht die verzweifelten Kleinbürger auf der Straße mit durchschaubaren Versatzstücken, die sie notdürftig zusammennageln, sondern die Hirngespinste der Mächtigen, die geglaubte in selbstproduzierte Heilsgeschichte und in endlosen technischen Fortschritt konkretisieren. Den wiederkehrenden Herrn, der sich nicht sehen lässt, wollen sie ersetzen durch technischen Unfug: durch Erfindung von Maschinen, die Leben produzieren, durch Überwindung des Todes, durch Besiedlung des Universums.

Das ist der Narzissmus der Menschheit, der uns wirklich gefährlich wird, nicht die kindische Angeberei diverser Trumpokraten. Professionelle Seelenkenner sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, zerlegen den Einzelnen und ignorieren das Ganze.

Auf die rechte Seite der Geschichte stellen, hieße, bei einer automatischen Heilsgeschichte aufzuspringen, die die größten Siegeschancen verspricht. Da will jemand Erfolg haben, Erfolg um jeden Preis und wenn er sich übermenschlichen Mächten unterwirft. Ihm geht es nicht um die Durchsetzung humaner Werte, sondern um endgültigen Sieg.

Wir sollen Belarus unterstützen, weil sich dort die Verhältnisse ohnehin ändern werden? Wenn wir den zukünftigen Geschichtssiegern Unterstützung gewähren, wird deren Sieg auf uns zurückstrahlen? Das wäre Erfolg um des Erfolges willen, kein gemeinsamer Weg zur Würde aller Menschen.

Solange die Moderne ihren Erfolg nicht im Sieg der Humanität sieht, sondern im Sieg um des Sieges willen, wird sie der Tyrannei der Heilsgeschichte nicht entkommen. Denn Heil ist Sieg um des Sieges willen.

Zwangsbeglücker durch Heilsgeschichte kannten die Griechen nicht. Sie fegten alle Götter vom Tisch, um sich selbst zu erlösen, indem sie ihre Probleme gemeinsam lösten:

„Die Griechen waren nicht dazu veranlagt, sich mit einem „Nun danket alle Gott!“ zu begnügen und die Freiheit als ein Geschenk der Gottheit hinzunehmen. „Nur wenn einer selbst sich anstrengt, dann hilft ihm auch die Gottheit“ war ein altes Sprichwort. Die Tragödiendichter fanden den letzten Sinn der menschlichen Niederlagen in ihrer Hybris, sich über die dem Menschen gezogenen Schranken hinwegzusetzen.“

Hier schäumen die modernen Schranken-Durchbrecher, die jede Begrenzung als Angriff auf ihre unendliche Freiheit betrachten. Dass Natur selbst die Grenze setzt, treibt sie nur an, sie mit allen Methoden zu durchlöchern, bis sie durch alle Poren ins Endlose schlüpfen.

Ideologien waren bei den Aufklärern noch Ziele der Humanität. Erst Napoleon und Marx machten sie zu Gehirngespinsten von Träumern und Phantasten, die die materiellen Ursachen aller Gedanken nicht sehen wollten. Marx machte die Menschen zu Marionetten der Materie, weil er Geist nicht als Leistung des Menschen, sondern als religiöse Intervention verstand. Die Aufklärung war hier schon weiter gewesen als der Autonomiehasser aus Trier. Dass der Mensch fähig sei zum Selberdenken, war dem Propheten der materiellen Heilsgeschichte unzugänglich.

Sollen wir die Aufständischen aus Belarus unterstützen, nur weil sie keine Ideologien hätten?

„Denn die Demonstranten haben keine ideologische Agenda. Sie wollen Unabhängigkeit, sie wollen Freiheit.“

Freiheit und Unabhängigkeit waren für Napoleon und Marx Ideologien. Da wollten Menschen unabhängig sein von Despotien und sonstigen übermenschlichen Geschichtsmächten.

Alles ist Ideologie, was aus dem Kopfe des Menschen stammt. Sei es, dass es richtig oder sei es, dass es falsch ist.

Gedanken anderer als Ideologien zu betrachten, die eigenen aber als reine Wahrheit, ist Überheblichkeit westlicher Eliten. Dann ist es nicht mehr nötig, die Stringenz des eigenen Denkens nachzuweisen.

Für uns sind Freiheit und Demokratie unverbrüchliche Wahrheiten, für andere sind sie – Ideologien. Hier begönne der notwendige Streit um die Wahrheit. Durch Taten müssten wir beweisen, dass unsere „Ideologien“ die besseren sind und allen Menschen zugutekommen. Pure Begriffsdiffamierungen sind Anmaßungen.

Der Westen ist zu einer demokratie-ähnlichen Anmaßung pervertiert. Merkel empfängt eine belarussische Oppositionelle. Keine gemeinsame Erklärung für die Öffentlichkeit wie bei jedem beliebigem Auslands-Politiker. Die Sache der Menschenrechte muss sich mit stummen Gesten begnügen.

Was die Kanzlerin hingegen bewundert, hat Robin Alexander ausgeplaudert:

„In jedem Jahr ihrer Amtszeit ist Merkel in das kommunistische Riesenreich gereist – und hat ihre Faszination nicht verborgen. Zuletzt im Herbst vor einem Jahr, als sie das später durch den Corona-Ausbruch berühmt gewordene Wuhan besuchte. Da ließ Merkel extra ihre Wagenkolonne stoppen, um am Jangtsekiang-Fluss die Stelle zu sehen, an der Mao Zedong einst in den Fluss gestiegen war. Das war der Auftakt der Kulturrevolution, der Millionen Andersdenkender zum Opfer fielen.“ (WELT.de)

Bewunderung für einen starken Mann, der Millionen seiner Landsleute opferte, um seine Gewaltherrschaft zu stabilisieren? Bewunderung für ein totalitäres System, das in Nullkommanichts Wunderwerke aus dem Boden stampft, die im lotterhaften Westen nicht möglich wären? Merkel beherrscht die Kunst lauwarmer Worte hinter der Maske. Wenn sie sie einmal Bekenntnisse ablegt, dann für Wettbewerb und Digitalisierung.

Die ablaufende Zeit ihrer gloriosen Herrschaft will sie – so scheint es – mit samaritanischen Menschenrechtsalmosen vergolden. Nachrufexperten benötigen noch eine charismatische Klimax, um ihr Heldenepos, pardon, ihren triumphalen Pilgerweg mit einem Donnerschlag zu krönen: Das ist meine geliebte Tochter, an der ich mein Wohlgefallen habe.

Was tut diese Frau, um die Probleme der Zeit zu lösen? Es ist, als würde sie sich an der sündigen civitas terrena rächen, indem sie die irdische Brut ungerührt ihrer Höllenfahrt überlässt.

Auch die WELT scheint nicht zu begreifen, an welchem Gefahrenpunkt wir stehen:

„Wie entsetzlich hatten wir uns vor der Atomkraft gefürchtet, wie kompromisslos war die Kritik am „Industrialismus“, wie gewaltig das Misstrauen gegen die Gentechnik! Um nicht missverstanden zu werden: Für all diese kritischen Ansätze gab es ja gute Gründe. Nur war ihr Ton häufig apokalyptisch und fortschrittsfeindlich. Und es ist auch grundsätzlich zu begrüßen, dass sich Deutschland von der Angstbesessenheit früherer Jahrzehnte erholt zu haben scheint, sodass heute ein Chemie-Nobelpreis in den Feuilletons gefeiert und nicht zuerst sorgenvoll beäugt wird.“ (WELT.de)

Ist Fortschritt das Credo der Moderne, das man nachbeten muss, um nicht von Silicon Valley verdammt zu werden? Muss ein apokalyptisches Geschehen nicht apokalyptisch genannt werden, um es kenntlich zu machen? Wer Apokalypse bei Namen nennt, muss kein apokalyptischer Prophet sein. Im Gegenteil, er könnte, was in Deutschland nie verstanden wird, vor dem selbsterfüllenden Endzeitgetue warnen, damit wir lebend davonkommen.

Deutschland, das den Kopf in den Sand steckt, um nicht wahrzunehmen, ob es Männlein oder Weiblein, pardon, christlich oder unchristlich ist, will nichts von biblischen Begriffen hören. Es genügt, wenn der Kanzelprediger solche esoterischen Gebilde den Frommen unter die Westen jubelt.

Also pastorale Entwarnung: wir leben in paradiesischen Zeiten. In allen Dingen geht’s uns besser als unseren Nachbarn.

Ob es uns gut geht? Welch indiskrete Frage. Hauptsache, wir befinden uns auf der rechten Seite der Geschichte. Wir leben vom Vergleich.

Fortsetzung folgt.