Kategorien
Tagesmail

Alles hat keine Zeit XXVII

Alles hat keine Zeit XXVII,

die Moderne predigt alles und sein Gegenteil. Wie kann das gut gehen?

Übereinstimmung wäre unerwünscht: sie wäre nicht offen.

Offenheit, auch für Unvernunft, wäre das Höchste der Moderne. So treiben wir offen – in das Unglück, das wir nicht ausgeschlossen haben.

Noch einmal. Die Moderne predigt alles und sein Gegenteil. Wie kann das gut gehen?

Wo bleibt die Wahrheit? Ist verbindende Wahrheit nicht das Ziel von Demokraten, die ihre Probleme mit Wahrheit lösen wollen? Bleiben sie zerstritten, werden sie ihre Probleme nicht lösen. Ist gemeinsame Wahrheit Unoffenheit?

Popper verehrte Sokrates. Sokrates war überzeugt von der Wahrheit. Nicht der unerreichbaren, theoretischen, für den Menschen nutzlosen Wahrheit der äußeren Natur, sondern von der des menschlichen Zusammenlebens. In praktisch-politischen Fragen könne man durch Streit Übereinstimmung erreichen und ein glückliches Leben führen.

Die griechische Philosophie hatte mit dem Erkennen der Natur begonnen. Dann kam die Wende: Sokrates lenkte den Blick weg von der Natur hin zum Menschen. Nein, nicht von der Natur im Ganzen, sondern von der äußeren Natur. Auch der Mensch war Natur. Außer Natur gab es nichts für die Ur-Philosophen. Das Übernatürliche und Jenseitige lehnten sie ab.

Die sokratische Wende lenkte den Blick auf den Menschen und seine … … alltägliche Welt. Erst muss er seinen inneren Kosmos erkunden, bevor er sich dem äußeren widmen kann. Erkenne dich selbst, bevor du dich mit nutzlosen Problemen der Sterne herumschlägst.

Naturerkenntnis ist Erkenntnis der menschlichen Natur. Wenn du dich erforscht hast, hast du den Menschen im Allgemeinen erforscht. Denn Menschen sind sich in wesentlichen Dingen gleich: sie haben die allgemeine Vernunft der Natur, wollen glücklich werden und ausfindig machen, mit welchen Mitteln sie das Glück erreichen können.

„Nach der gängigen Einteilung der Philosophiegeschichte rückte mit Sokrates die Ethik ins Zentrum des Interesses, während sich die vorsokratischen Philosophen vor allem mit Themen der Naturlehre beschäftigt hatten.“

Die sokratische Wende von Außen nach Innen war nicht dieselbe wie die der deutschen Literaten von der revolutionären Politik zur Innerlichkeit – die jegliche Politik ablehnte, in ihrer Verinnerlichung aber jede akzeptieren musste, gleichgültig, ob sie menschlich oder unmenschlich war. So verwandelten sich innengeleitete Denker zu Bewunderern äußerer Brutalitäten. Innen Goethe und Mozart, außen Verbrechen.

Die sokratische Wende war keine Abkehr von der Politik. Im Gegenteil. Wer sich selbst erkannt hatte, war fähig zu einer besseren Politik: zur Politik der Polis.

Deutsche Innerlichkeit lehnte Politik ab – und betrachtete ihren privaten Kosmos als Zentrum des Universums. Sie lehnte es ab, sich ins Einvernehmen zu setzen mit der äußeren Welt, um deren Probleme zu lösen: aus ihrem Inneren erschuf sie eine neue Welt, indem sie die göttliche creatio ex nihilo in ihrem Busen wiederholte. Dadurch wurde sie gottgleich und träumte von messianischer Überlegenheit über die Welt, die sich anfänglich in Kunst und Literatur erschöpfte, bis sie mit allen Mitteln des Zwanges und der Gewalt die Welt beglücken wollte.

Aus apolitischer Innerlichkeit wurde barbarische Äußerlichkeit. Die Idee der innerlichen Freiheit betrachtete die bürgerliche Welt als „Gefängnis“. Freiheit bildet sich, „wenn Freiheit wie das Leben gegen die objektive Welt“ erkämpft werden muss. Der Ausbruch aus dem Gefängnis war die Sturm-und-Drang-Dramatik, deren Held vom Standpunkt der Gesellschaft zwar als Verbrecher erscheinen musste, aber im Lichte des neuen Lebensgefühls zu einem „Helden“ aufstieg. Der Held muss begreifen, dass der Ausbruch aus der Gesellschaft nur in der Dichtung sinnvoll ist: als romantischer Ausdruck für das neue Freiheitsgefühl. In der Wirklichkeit würde er sich selber ad absurdum führen. Doktor Faust weiß keinen anderen Ausweg, als im Bunde mit dem Teufel die reale Welt in allen ihren Höhen und Tiefen zu durchstürmen. (Korff, Geist der Goethezeit)

Karl Moor wird zum Verbrecher, um Freiheit zu erfahren im Zerbrechen aller bürgerlichen Gesetze und moralischer Leitlinien.

Verglichen mit Faust bleibt Moor ein krimineller Novize. „Der deutsche Mensch ist, als der wahre Faust, berufen, die Weltherrschaft auf der ganzen Erde zu errichten. Von 1870 bis 1914 steigt Faust zum germanischen Welteroberer auf. Der greise Faust möchte Land gewinnen mit Hilfe der Arbeitskräfte, die ihm der Teufel zur Verfügung stellt. Er will es dem Meer abringen, die beiden Alten Philemon und Baucis vernichten, weil sie ihm im Wege stehen: „Die Alten sollten droben weichen, Die Linden wünscht ich mir zu Besitz, Die wenig Bäume, nicht mein eigen, Verderben mir den Weltbesitz. So geht und schafft sie mir zur Seite. Im Weiterschreiten find er Qual und Glück, ER! Unbefriedigt jeden Augenblick. Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muss…, Und so verbringt, umrungen von Gefahr, Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.“ (Friedrich Heer)

ER darf mit nichts zufrieden sein, damit er die Berechtigung erhält, die ganze Welt zu erobern. Was ihm im Wege steht, muss vernichtet werden. In Amerika wird sich das faustische Prinzip als theologische Welteroberung realisieren – um sich über die ganze Erde zu verbreiten:

Menschen müssen weichen. Bäume verderben Faust den Weltbesitz, alles empfindet er als Gefahr, die er täglich bezwingen muss. Zufrieden darf er sein mit nichts, um sich berechtigt zu fühlen, den ganzen irdischen Happen zu verspeisen.

„Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / dann will ich gern zugrunde gehn!“

Das ist das irdische Vertilgungsprogramm zur höheren Ehre des Schöpfers. Faust hat Gottähnlichkeit in Willen zur Macht übersetzt.

„Der Himmel ist Himmel des HERRN, die Erde aber gab er den Menschen. Unser Gott, er ist im Himmel, alles, was ihm gefällt, vollbringt er. Ihre Götzen sind nur Silber und Gold, Machwerk von Menschenhand. Sie haben einen Mund und reden nicht, sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht, sie haben eine Nase und riechen nicht; ihre Hände, sie greifen nicht, ihre Füße, sie gehen nicht, sie bringen keinen Laut hervor aus ihrer Kehle.“

Die Verse aus Psalm 115 sind die Agenda von Silicon Valley. Die Machwerke der Gottlosen, die nicht reden, sehen, riechen, greifen und gehen können, sollen in allen Dingen übertrumpft werden. Am Ende sollen sie nicht nur klüger, weiser und wahrnehmungsfähiger sein als alle irdischen Geschöpfe, sie sollen unsterblich werden. Damit hätten sie die Kompetenz des Schöpfers erreicht, wenn nicht überrundet.

Da dürfen Steinmeier & Döpfner nicht zurückstehen; alle Probleme müssen technisch zu bewältigen sein. Argumente – überflüssig; Denken und Streiten – nutzlos.

Deutsche Künstler gehen noch immer in den Fußstapfen der idealistischen Kunst, die sich mit der Wirklichkeit nicht einlässt und jede politisch-moralische Betätigung als unwürdig ablehnt:

„Ich bin ein Maler, und als Maler ist mir ein Haltungsfetischist grundsätzlich suspekt. Jemand, der ganz genau weiß, was richtig und was falsch ist, ist für mich eine schwer zu handhabende Person. Wenn ich ein Bild male, dann mache ich das in dem Bestreben, einen Zustand von höherer Harmonie zu erreichen.
WELT: Nun gibt es im Kulturbetrieb zunehmend viele, die finden, man muss angesichts der Zustände in der Welt auch Partei ergreifen, man muss sich engagieren. Ist das für Sie legitim?
RAUCH: Das sind alles kunstferne Aktivitäten, das hat mit Kunst nichts zu tun. Ich kann nur darauf beharren, dass es die Aufgabe des Künstlers ist – wenn er denn einer ist nach meinem Verständnis –, das Gleichgewicht herzustellen: zwischen den Extremen, zwischen den Polen, zwischen oben und unten, links und rechts, vorn und hinten. Da liegt das Geheimnis, da liegt die Mitte, da liegt die wahre Kunst: im Zentrieren. Wenn ich dagegen Haltung zeige, dann bin ich ein Pfahl. Ein sprödes Element, das der Wirkung der Gezeiten nicht besonders widerstandskräftig ausgesetzt ist.“ (WELT.de)

Wer Haltung hat, ist Fetischist. Wer sich bemüht, richtig und falsch zu unterscheiden, ist eine Zumutung. Der Künstler hat es nicht nötig, die reale Welt zu verbessern, er malt eine neue voller Gleichgewicht zwischen allen Extremen, ein Zustand höherer Harmonie. Das ist sein schöpferisches Geheimnis, seine hegelianische Harmonie, die den tölpelhaften Pöbel verachtet. Das Genie ist Messias der Welt. Demokraten sind Durchschnittsware der Natur, neidisch auf die Begabten und unfähig, die Schöpfung in vollkommenem Zustand neu zu erfinden.

Seit der Genieepoche darf Kunst alles. Kunst wird zur Freiheits-Religion der Kreativen. Auf der Bühne, auf der Leinwand, im Gedicht, in der Musik gibt es keine Regeln, die den Künstler einengen dürfen.

Der Freiheit des Künstlers entspricht die Reise des Plebs in die Ferne. Du und ich: nur wir beide sollten uns aufmachen nach Thailand, Madagaskar, früher in die endlosen Weiten Amerikas, um – frei zu sein. Frei vom Alltag, vom Beruf, von allen Ketten des normalen Alltags. Urlaub ist das Kunstwerk des kleinen Mannes, von dessen Freiheitsräumen er das ganze Jahr träumen muss.

Kunst darf alles. Darf sie? Kunst ist Erkundung des menschlichen Unbewussten. Sie will herausfinden, was sich im ES und Über-Ich versteckt und das Seelenleben des Menschen prägt, ohne dass es dem Menschen bewusst wäre.

Eine Parallele zur tiefenpsychologischen Anamnese. Im geschützten Raum des Therapeuten soll sich der Patient auf die Reise machen in seine dunklen Untergründe. Hier muss er die Freiheit lernen, ohne Rücksicht auf Denkverbote alle teuflischen Vernichtungs- und sexuellen Lustbedürfnisse ans Licht zu bringen. Alles, was er durch kulturelle Über-Ich-Verbote verdrängen musste, hat er mutig und rücksichtslos offen zu legen, damit er weiß, wer er ist. Erkenne dich selbst. Du bist nicht so perfekt, wie du hättest werden sollen, aber so böse und nichtsnutzig, wie du dich fühlst, bist du auch nicht.

Wie du ungeschönt sein willst: das musst du dir erarbeiten, indem du alle Wahrnehmungs- und Denkverbote verwirfst. Das ist deine neue Freiheit, die du selbst definierst. Zuerst nur als Vorgang im geschützten Raum. In der Wirklichkeit freilich gelten nach wie vor die Gesetze und Regeln des Zeitgeistes. Wenn du diese für falsch hältst, musst du sie durch politische Arbeit verändern. Deine verdrängten Tötungswünsche darfst du erinnern, wahrnehmen und besprechen, aber nicht amoralisch in die Tat umsetzen. Was du wirklich darfst, entscheidet noch immer dein Ich, jetzt aber dein erstarktes, moralisch reflektierendes Ich, das innere Freiheit und vernünftige Einsicht ins Gleichgewicht bringt.

Reifungsprozesse.

Man steckt nicht mehr mit beiden Beinen im Schlick der Vergangenheit und kann neue Gleichgewichte entwickeln. Zwischen „Du darfst nicht“ und „Du darfst, ja Du solltest“, um in Freiheit ein neues Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln. Freu dich deines Lebens, aber nicht auf Kosten anderer, sondern in Mitfreude mit Fernsten und Nächsten.

Diese Unterscheidung zwischen geschützter Selbsterkundung, in der man alles darf – und dem öffentlichen Raum, in dem die Gesellschaft über Pflichten und Rechte entscheidet – hat die deutsche Kunst nie verstanden. Das Geschehen auf der Bühne hält sie für Realität. Die gemalten Verbrechen hält sie für Vorlagen der Wirklichkeit. Was nicht bedeutet, dass sie ihre Phantasien eins-zu-eins realisieren musste. Aber die Künstler wurden unfähig zu jeder Politik, die sich an moralischen Kriterien orientiert.

Sie verwechseln den grenzenlosen Raum ihrer Phantasie mit dem Raum harter Tatsachen, die in mühseliger Kleinarbeit bearbeitet werden müssen. Wenn sie aber Hitler heißen, die sich für Künstler und Bewunderer der messianischen Kunst Wagners halten, dann werden sie alles unternehmen, um das Bühnengeschehen um Rienzi, den Volkstribunen oder um Helden, die sterben und als Befreier ihres Landes wieder auferstehen, in reale Kriegs- und Vernichtungsorgien zu transformieren.

Unbegrenzte Freiheit der Kunst haben die Deutschen nicht in begrenzte Freiheit politischer Vernunft verwandeln können. Die Anamnese ihres kollektiven Unbewussten verwechselten sie mit politischen Größenphantasien. Die Moloche ihrer versteinerten Triebe und Bedürfnisse hielten sie für prophetische Gebieter. Die Freiheit ihrer Kunst hielten sie für Erlaubnis, ihre Politik in eine Arena apokalyptischer Orgien zu verwandeln.

Das Gegenstück zum deutschen Neo-Romantiker Rauch ist der chinesische Künstler Ai Weiwei, der in seltener Klarheit und Furchtlosigkeit den Deutschen den Spiegel vorhält. Wirkung in der Wirklichkeit gleich Null. Deutschland betrachtet sich nicht im Spiegel anderer Völker. Jenes Volk ist noch nicht erfunden worden, das den germanischen Genies Paroli bieten könnte.

Die sokratische Wende war ein Abgesang auf naturphilosophisches Erkennen.

„Sokrates interessierte sich in seiner Jugend stark für Naturforschung, denn er wollte verstehen, „warum etwas entsteht, warum es vergeht und warum es existiert“. Insbesondere versuchte er ein physiologisches Verständnis von Wachstum, Sinneswahrnehmungen und mentalen Prozessen zu gewinnen.“

Doch dann kam die Ernüchterung:

„Ich bin nämlich lernbegierig; und die Landschaft und die Bäume wollen mich nichts lehren, wohl aber in der Stadt die Menschen.“ „Ich aber habe für solche Dinge überhaupt keine Zeit; und der Grund, mein Lieber, ist folgender. Noch kann ich nicht […] mich selbst erkennen; da scheint es mir lächerlich, wenn ich hier noch ahnungslos bin, mich um Dinge zu kümmern, die mich nichts angehen.“

Diese Sätze gelten unter Althistorikern als Absage an die Natur. Die Erforschung des Menschen aber ist eine Beschäftigung mit der Natur. Freilich mit der „unsichtbaren“ Natur des Menschen.

Würde sich diese Erkenntnis heute herumsprechen, gäbe es Eruptionen in der Wissenschaftsszenerie. Der auf zwanghaftes Staunen gesetzte Naturwissenschaftsbetrieb würde eine Revolution erleben. Die Frage: was bringt es uns, wenn wir die Geheimnisse eines Schwarzen Lochs kennen, würde die Menschheit spalten. Niemand traut sich, seine staunenden Fähigkeiten zu demontieren.

Die entrüstete Antwort auf die provokative Frage wäre wahrscheinlich: schon was von zweckfreiem Wissenwollen um des Wissenwollens gehört?

Diese Antwort ist jedoch ein Relikt aus der Zeit – festhalten! – der griechischen Naturphilosophen, die jeden praktischen Zweck ihrer Forscherarbeit ablehnten. Sie ahnten, dass die Folgen einer angewandten Naturwissenschaft die Schönheit ihres Kosmos beschädigen würden.

Im christlichen Abendland gab es nie eine zweckfreie Naturforschung. Neugierde und Staunen waren Arroganz-Akte, die durch die Weisheit Gottes zu Torheiten der Heiden erklärt und also verboten waren.

Die Beschäftigung mit Aristoteles stand von vorneherein unter dem Gebot, verbotenes Wissenwollen umzufunktionieren in Beherrschenmüssen. Naturgesetze muss man erkennen, um Natur zu beherrschen, deren Gesetze man sich unterwirft. Wissenwollen brauchte den Rahmen des „macht euch die Erde untertan“, um dem biblischen Erkenntnisverbot gehorsam zu sein.

Freilich gab es zuerst noch viele, die vom Fieber des Staunens gepackt waren, aber den Zusammenhang von Forschen und Herrschen nicht durchschauten. Doch je mehr die Mächtigen den militärischen und technischen Nutzen dieses Wissens erkannten, je rigider verwandelten sie die neuen Erkenntnisse in Maschinen und Waffen, mit denen sie die feindliche und konkurrierende Welt in die Knie zwangen.

Schon Roger Bacon, der frühe Landsmann Francis Bacons, nahm dessen Formel „Wissen ist Macht“ vorweg. Er wollte früh die Magie entlarven und entwarf bereits „Autos, Flugzeuge, Unterwasserschiffe und pfeilerlose Brücken.“ Gegen die Mongoleneinfälle bot er dem Papst an, die Welt durch Wissenschaft zu missionieren und die Weltherrschaft zu erobern.

„Er verbürgt sich, dem Papst die Erde zu Füßen zu legen mit Hilfe neuer Waffen, deren Vision zugleich mit dem Ausbruch technischen Allmachtsgefühls als Mittel zur Massenvernichtung ans Licht tritt. Ludwig der Heilige sollte sich sein Kreuzzugsheer sparen, wenn er mit Verbrennungsspiegeln jedes Heer auf jede Entfernung vernichten kann. Oder mit einer Kombination von Strahlungswaffen mit biologischen Gift- und Verseuchungswaffen. So könnte man feindliche Völker „ohne Zwang“ dem eigenen Willen unterwerfen.“ (Friedrich Wagner, Die Wissenschaft und die gefährdete Welt)

Die Abendländer bemächtigten sich der griechischen Erkenntnismethoden, um ihre biblischen Machtphantasien in die Tat umzusetzen. Zweckfreies Wissen wäre ein Aufstand gegen das himmlische Torheitsgebot gewesen.

„Gott widerstehet den Hoffärtigen, den Demütigen gibt er Gnade“. Versteht man, warum die Deutschen, denen allmählich die Kenntnis des Einmaleins entschwindet, sich gegenseitig den Rat geben: wir müssen Demut einüben? Offenbar waren sie zu arrogant und hoffärtig. Nun müssen sie daran denken, die finale Rechnung zu begleichen.

Vergessen wir das bemühte Staunen durch Sensationsberichterstattung: es geht um Macht und nichts als um Macht. Freilich wissen die Experten nicht sofort, welche technischen Vorteile ihre neuesten Erkenntnisse bringen. Weshalb sie auf Vorrat forschen. Irgendwann wird der Groschen fallen – dann werden die Konkurrenten fluchen.

Betrachten wir die Erkenntnisse der diesjährigen Nobelpreisträger für Physik:

„Für ihre Arbeit zu schwarzen Löchern bekommen der Deutsche Reinhard Genzel, die US-Amerikanerin Andrea Ghez und der Brite Roger Penrose den Nobelpreis für Physik. Ihre Studienobjekte überfordern unseren Verstand. Wie viel Sterne es genau in unserer Milchstraße gibt, vermag niemand zu sagen. Es sind mehrere Hundert Milliarden. Unsere Sonne gehört dazu. Sie zieht im kleinen Orion-Arm ihre Bahn, etwa 27.000 Lichtjahre vom Zentrum der Galaxie entfernt. Es dauert etwa 225 Millionen Jahre, bis sie das Zentrum der Milchstraße einmal umrundet hat. Der Stern mit dem Namen S2 ist deutlich schneller unterwegs: Er braucht nur 16 Jahre für eine Tour um den galaktischen Kern. Das liegt daran, dass er in unmittelbarer Nähe des galaktischen Zentrums kreist. Dort liegt ein supermassives schwarzes Loch. Es heißt Sagittarius A* und ist etwa vier Millionen Mal so massereich wie unsere Sonne.“ (SPIEGEL.de)

Was wissen wir jetzt, was wir immer schon wissen wollten? Nichts. Freilich nur deshalb, weil uns jede kindliche Neugierde abhanden kam – oder?

Vermutlich gibt es noch endlos viele andere Erkenntnisse, die sich in der Tiefe der Schwarzen Löcher verbergen. Wenn wir noch eine irdische Zukunft von Millionen Jahren vor uns hätten, keine anderen Probleme haben würden als diese Nicht-Probleme, könnten wir es kaum erwarten, jene unbekannten Sensationen zu erfahren.

Da solche Zukunftsszenarien aber illusorisch sind, sollten wir uns überlegen, ob die ungeheuren Gelder, die im Weltraum verschwinden, nicht sinnvoller angewendet wären, um die drängenden Probleme der Menschheit zu bewältigen. Als da sind: die Klimagefahren zu bannen, Not und Elend zu beheben und Epidemien in den Griff zu kriegen.

Ist es noch nicht aufgefallen, dass die Beschreibung des Schwarzen Loches der Vagina dentata bis aufs I-Tüpfelchen ähnelt? In beiden Löchern wird alles verschluckt und vernichtet, was virile Wissenschaftler an Eindringungsvermögen zu bieten haben.

Es kommt noch schlimmer: „das alles überfordert unseren Verstand.“ Weibliche Geheimnisse haben den coolen Verstand der Männer schon immer überfordert.

Noch mehr: was unseren Verstand überfordert, verlässt die Region der Vernunft und wird – esoterisch. Justament dieselben Edelschreiber, die Esoteriker auf der Straße für alle Übel dieser Welt verantwortlich machen, entpuppen sich als Esoteriker der sensationellen Art.

Wie viel Energie, Geld und Geistesschärfe wird verschwendet, um den wahren Problemen der Menschheit den Rücken zu kehren? Die Wissenschaften haben sich voll einspannen lassen in den automatischen Fortschrittsprozess, der mit allen technischen, ökonomischen und militärischen Mitteln den Wettbewerb der Völker vorantreibt, indem er Natur zerstört und das Überleben der Menschheit gefährdet.

Was war der Sinn der uranfänglichen Wissenschaft?

Nach Bertrand Russell, dem genialen Logiker und unbeugsamen Humanisten:

„Wie der Musiker, erscheint der reine Mathematiker als freier Schöpfer einer eigenen Welt von Gesetzmäßigkeit und Schönheit. Die Mathematik ist nach meiner Ansicht die Hauptquelle des Glaubens an eine ewige und exakte Wahrheit.“

Würde Russel noch leben, müsste er über die gegenwärtigen Untergangswissenschaften das Gegenteil behaupten.

Fortsetzung folgt.